
So, jetzt habe ich dieses wunderbare Buch schon zum zweiten mal gelesen und dann erst gemerkt, dass es noch gar nicht hier in meiner Liste der wahrhaft lesenswerten Bücher aufgetaucht ist! So etwas! Und auch das andere Werk von Dai Sijie nicht, "Le complexe de Di", welches ebenso grandios ist, auf dass ich aber ein anderes mal näher eingehen werde.
Jetzt also zu "Balzac Et la Petite Tailleuse Chinoise", einer wunderbare Liebeserklärung an die befreiende Kraft der Literatur und ihre oft aphrodisierende Wirkung.
In das Buch lässt der Autor seine eigenen Erfahrungen mit einfliessen, war doch auch er wie der namenlos bleibende Protagonist des Buches Opfer von Maos Kulturrevolution und musste zwecks "kultureller Umerziehung" in ein Bergdorf gehen um dort zu arbeiten und zu leben und so die intellektuellen Flausen seiner Eltern ausgetrieben zu bekommen.
So landen die zwei jungen Männer, der 18 jährige Luo und der ein Jahr jüngere Ich Erzähler 1971 in der Abgeschiedenheit der kärglichen Häuseransammlung von "Phenix du Ciel", einem Gebirge in der Nähe Tibets, wo man die zwei Jungen aus der Stadt zuerst argwöhnisch beäugt.
Ihr Vergehen? Die Eltern waren angesehene Ärzte und der der Vater von Luo, ein bekannter Zahnarzt, beging den Fehler zu erzählen dass er Mao selbst behandelt hat, ein Unding, anzunehmen dass der große Führer fehlerhafte Zähne haben könnte... Und so werden die beiden nach nur drei Schuljahren aus ihren Familien und ihrem Leben gerissen und in ein neues voller Entbehrungen, Kargheit und Arbeit in Regen verfrachtet.
Die Jungs bewohnen einen alten, ausrangierten Pfahlbau unter dem ein dickes Schwein ebenfalls sein Zuhause gefunden hat. Und da die Chancen, dass die Umerziehung nicht lebenslang dauern könnte drei zu einer Millionen stehen, versuchen die beiden sich zu arrangieren, diskutieren, rauchen alte Zigarettenstummel und ab und zu spiel der Ich-Erzähler auf der Violine, natürlich nur Mao-glorifizierende Sonaten von Mozart...
Die kleine Pfahlhütte wird so schnell zu einem Treffpunkt für die Bewohner des Dorfes, verfügen die beiden doch über das unglaubliche Talent der Unterhaltung, die zumindest ein klein wenig von dem harten Arbeitsalltag zwischen Kohleabbau in alten, lebensgefährlichen Stollen, dem ekelerregenden Düngetransport auf dem Rücken oder der harten Feldarbeit ablenkt.
Und weil die beiden ihre Sache gut machen, werden sie von dem sonst so schikanösen Obervorsteher Laoban aale paar Monate in ein zwei Tagesreisen entferntes Dorf geschickt um sich die dort stattfindende Filmvorführung anzusehen um diesen dann, wortwörtlich und mit minutiöser Akribie dem gesamten Dorf wieder zu geben.
Und dort lernen die beiden auch die überaus reizende, bezaubernd schöne "kleine Schneiderin" kennen, in die sich wohl beide sofort verlieben, die sich aber für den etwas forscheren Luo entscheidet.
Und dieser hat bald noch einen Verführungs-Trumpf in der Hand: die betörenden Werke von Balzac!
Denn ein ebenfalls von der Umerziehung betroffener Student aus einem Nachbardorf verfügt über einen unerhörten, peinlichst gehüteten und verborgenen Schatz: Literatur, verbotene westliche Literatur!!!!!!
Der sonst so gute Freund weigert sich aber strickt, seinen Schatz, der ja einen zumindest mentalen Flucht ermöglicht, mit seinen zwei Leidensgenossen zu teilen und erst nach langem Zögern und im Tausch zu besonders mühseliger Arbeit leiht er ihnen eines der Bücher und das ist nun ein Werk von Balzac.
Von den beiden in jeweils einer Nacht verschlungen verändert das Buch ihr bisher so auswegloses Leben! Plötzlich haben die freien Gedanken ein Ziel, können wandern, können eintauchen in die so fremde und so bereichernd empfundene Welt von Paris, einer Welt voller Eleganz, Licht und Liebe.
Während der Ich-Erzähler noch mühsam die ihm liebsten Passagen feinsäuberlich auf die Innenseite seiner Schafsfelljacke schreibt, ist Luo schon bei der chinesischen Schneidern um auch sie teilhaben zu lassen an der neuentdeckten Welt.
Und diese wird umso größer nachdem man den missgünstigen Egoisten aus dem Nachbardorf seines Schatzes beraubt hat und nun selbst Besitzer einer Kiste voller Türen ist, Türen zu anderen Welten, geschaffen von den großen Schriftstellern der Weltliteratur: Victor Hugo, Dumas, Flaubert, Dickens, Dostojevski, Kipling und einiger anderer.
Und nicht nur die kleine Schneiderin lässt sich verzaubern, auch ihr Vater, der große, umherziehende Schneider, lauscht nächtelang den Abenteuern des Grafen von Monte Christo und verwandelt so peu a peu auch das äussere Erscheinungsbild der von ihm eingekleideten Menschen in Richtung französisch-chinesischem Stil.
Das Leben könnte schön sein, wäre da nicht der stets alles überwachende, alles auf Parteilinie überprüfende Dorfvorsteher und die Erkenntnis, dass eine reale Flucht aus dem einfachen, entbehrlichen Feldarbeiterleben sehr, sehr unwahrscheinlich ist.
Und als Luo für ein paar Wochen zum Krankenbett seiner Mutter reisen darf, ist der Erzähler mit der ihr vertrauensvoll übertragenen Aufgabe betraut, über diese zu wachen und findet sich plötzlich wie selbstverständlich in der Rolle eines anderen Menschen wieder und wie eine Figur aus einem der Romane gestaltet er sie unterschiedlich, mal ist er der Polizist der kleinen Schneiderin, mal ihre häusliche Hilfe. Und später sogar ihr und Luos Retter als es um eine wahre Notlage geht.
Für die kleine Schneiderin ist die ihr von Luo geöffnete Welt aber Ansporn genug, die ihre sukzessive zu verlassen: zuerst lässt sich das vormals so einfache Landmädchen von Luo die Feinheiten des Schwimmens beibringen, dann werden auch ihre Kleider immer mehr westlich und stadttauglich und letztendlich nutzt auch sie den Weg der den beiden Jungen verwehrt ist...
Die kleine Schneiderin flieht und lässt die Initiatoren ihrer Emanzipation, ihrer geistigen Erweckung zurück.
Denn Balzac hat sie gelehrt dass die Schönheit einer Frau ihr unermesslicher Schatz ist und diese möchte sie wohl nun in der großen, ihr mehr bietenden Welt zu Markte tragen.
Die Zurückgelassenen und in ihrem Leben eingesperrten handeln plötzlich wie der große Bruder Mao, verbrennen die vermeintlichen Ursachen für die Gedankenbefreiung.
Dai Sijie, der diese zauberhafte, mit manchmal fast poetischer Wortwahl geschaffene Liebeserklärung ohne Pathos an die Liebe, die Freiheit und Schönheit geschaffen hat, lässt wie oben angedeutet auch eigene Erfahrungen mit einfliessen.
Denn im Alter von 12 Jahren wurden seine Eltern verhaftet und er mit 17 für drei Jahre in ein Umerziehungslager geschickt. 1984 floh er nach Frankreich und konnte so, anders als seine zwei Romanfiguren seinen Gedanken und seiner Fabulierkunst freien Lauf lassen und neben Büchern auch Filme erschaffen.
Dai Sijie ist ein wie ich finde aussergewöhnlicher Schriftsteller, der es vermag, einen mit genau den richtigen Worten in eine andere Welt zu führen in der man sich aber nicht fremd fühlt, Man kann jederzeit alles so gut nachvollziehen, es fast selbst erfühlen was die Romancharaktere fühlen. Mann muss angesichts des oft ironischen und respektlosen Tons oft schmunzeln und auch hin und wieder betroffen innehalten angesichts des Unrechts das manchen Menschen von anderen zugefügt wird.
Dieses Buch ist ein grandioses kleiner Schatz, eine feine, unschätzbare Liebeserklärung an die Kraft der Gedanken und der Erzählungen, ohne Pathos und mit viel Witz und Respekt.
Produktinformation
* Verlag: Import F; Gallimard
* 2001
* Ausstattung/Bilder: 2001. 228 S.
* Seitenzahl: 228
* Collection Folio Nr.3565
* Best.Nr. des Verlages: 3565
* Französisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 145g
* ISBN-13: 9782070416806
* ISBN-10: 2070416801
* Best.Nr.: 09372808