Freitag, 18. April 2008

The Hotel New Hampshire von John Irving



Ja, ich hab inzwischen so Lust auf John Irving, dass ich ein Buch nach dem anderen wieder aus dem Regal lese und mit sehr viel Freude ein weiteres mal lese.
Diesmal einen Klassiker der amerikanischen Gegenwartsliteratur: Das Hotel New Hampshire.

Ein wundervolles Buch, welches wohl auch verfilmt worden ist (wie viele John Irving Bücher, manche allerdings unter anderen Titeln und ehr schlecht als Recht und auch die guten Adaptionen reichen meines Erachtens nie an die Buchvorlagen heran).
Wie in ich glaube allen John Irving Büchern tauchen hier wieder eine Vielzahl seiner Lieblingsthemen und ihm typischen Muster auf, so heisst der Ich-Erzähler ebenfalls John mit Vornamen (und man erfährt auch hier wie seine ersten Schritte aus der Jungfräulichkeit hinaus verlaufen..mit 14 und in einer langen Affäre mit der Hotelkellnerin die beachtlich älter ist- und für den Beischlaf Trinkgeld nimmt), die Lieblingsschwester Franny ist ein äußerst toughes und sexuell nicht gerade unaufgeschlossenes Mädchen, Handlungsorte sind wieder einmal Neuengland und auch wenig Wien, es geht sehr sportlich zu und der Vater von Win Berry ist allein erziehender Coach an einer Jungenschule, dessen Job seinem Sohn einen Platz unter den Schülern sichert.

So viele Gemeinsamkeiten mit anderen Büchern werden gleich zu Anfang bekannt und vermitteln aber nicht das Gefühl der Wiederholung, der Einfallslosigkeit oder der Abgelutschtheit eines Themas. Nein, man fühlt sich einfach wieder wie zu Hause in einem neuen, spannenden John Irving Buch, von dem man weiß, dass es trotz der sich manchmal ähnelnden Vorbedingungen voller Überraschungen, absurder und tragisch-komischer Einfälle sein wird.
Und das ist auch das Hotel New Hampshire, ein tolles John Irving Buch, das überrascht und nicht langweilt, dass einen sehr oft zum Lächeln und Schmunzeln bringt und zuweilen traurig ist.

Das dieser Roman ganz besonders viele kuriose Einfälle und Figuren bereit halten muss wird schon nach den ersten Seiten klar:
Ein Buch in dem eine sympathische Großfamilie: Winslow (der Luftschlossbauer) und Mary Berry mit ihren Kindern Frank (der Uniformen liebende schwule Eigenbrötler), Franny (frühreif und rauflustig), JOHN (der sportliche stille Beobachter, Ich-Erzähler und vermutlich John Irvings Alter-Ego), Lilly (klein, unglaublich klein und doch sehr erwachsen) und Egg (er war ein Ei und er blieb eins: das süße Nesthäkchen), hier dem Alter nach aufgezählt und dem starken Großvater Coach Iowa Bob Berry (bis ins hohe Alter Gewichte stemmende gute Seele) und ein Bär namens State 0´Maine (nicht ohne das Motorrad zu haben) vorkommen, muss aufregend werden.
Aber diese Familie ist wie Franny es sagt, "nur" eine Familie, nett und normal wie der Geruch von Brot:
"we are not eccentric, we are not bizarre-to each other"

Die Geschichte mit State O´Maine, dem zahmen aber eigenwilligen Bären endet leider schon nach einem Kapitel, den Bär, ehemals im Besitz des gewitzten Emigranten Freud (sein Name war zu kompliziert und da er ein Jude aus Wien war, passte Freund einfach besser...), segnet durch unglückliche Umstände das zeitliche.
Nachdem Win Berry Freud den Bären mitsamt dem Motorrad das bei dem Bär bleiben MUSS (sonst ist mit ihm nicht zu spaßen..) abgekauft hat, um mit ihm bei Auftritten in den Hotels der Umgebung Geld für das Harvard Studium zu verdienen, ist State O´Maine Mitglied der schnell wachsenden Berry Familie.
Nach dem Kennen lernen bei einem Sommerjob im Hotel merken Win und Merry schnell dass sie füreinander bestimmt sind und nach einer schnellen Hochzeit folgen auch genauso schnell die ersten Kinder und das gemeinsame Leben kann beginnen, wenn auch am Anfang immer wieder unterbrochen durch die langen Abwesenheiten von Win und State O´Maine, die ja mitsamt dem Motorrad und ihren Kunststückchen Geld verdienen müssen.

Doch irgendwann ist auch das vorbei und der fertig studierte Win Berry kann einen Lehrerjob an der Jungenschule von Dairy annehmen, wo bereits die gesamte Familie im Elternhaus von Mary lebt.
Doch Win Berry liebt Luftschlösser und genauso wie er seinen Plan, mit einem Bären und einem alten Motorrad Geld zu verdienen, in die Tat umsetzte, genauso möchte er nun mit einem Hotel Geld verdienen, dem einzigen Hotel in einer kleinen Stadt in der nichts los ist.
Das Hotel ist die alte Mädchenschule und so müssen sich die zukünftigen Gäste wundern, dass die Stühle fest im Boden verschraubt sind und in manchen Etagen die Toiletten und Waschbecken Kindergröße haben.

Später erreicht die Familie ein Brief des zum Glück nicht im Krieg in Europa umgekommenen Freuds, er hat ein neues Hotel und einen neuen Bär (Eine Bären-Frau: Susie) und hätte gerne die geliebt Familie Berry die es in nicht allzu ferner Zukunft übernehmen. Und natürlich kann Win Berry einem neuen Traum nicht widerstehen. Auch wenn das Hotel und das neue Leben in Wien angesiedelt ist.
Natürlich stösst das nicht auf unmittelbare Begeisterung, aber Mary Berry beruhigt alle:
"The main part of your lifes will be your family-just like now".
Vielleicht auch eine gute Quintessenz zu John Irvings Büchern. Der Kern von allem liegt im engen Familien und Freundeskreis.
Und so wird mit dem Deutsch lernen angefangen und die Geschichte Wiens und Österreichs studiert. Und vielleicht in die Reise in ein neues Leben für alle hilfreich und gesund, um alte Wunden heilen und hinter sich zu lassen und, wie John bemerkt: um zu wachsen.

Die Übersiedlung nach Wien wird in zwei Flüge aufgeteilt, im ersten Flugzeug fliegen Win, Franny, Frank, John und Lilly und im zweiten, einen Tag später, sollen Mary und Egg (mit Sorrow) folgen.
Doch jeder Leser der John Irving kennt, ahnt, dass hier etwas Schlimmes, etwas ganz schlimmes passieren MUSS. Es gab zu lange gute Zeiten und das Leben, das echte, besteht eben nicht nur aus eben diesen. Ohne Unglück kann man sein Glück nicht erkennen.
Und so stürzt das zweite Flugzeug ab. Und der einzige "Überlebende" an der Wasseroberfläche ist Sorrow.

In Wien angekommen müssen die Berrys erst einmal den Weg durch graue Nachkriegsstraßen zum düstern Hotel finden, dem Gasthaus Freud, in dem durch einen Brand geschmolzener Zucker den Lobbyboden bedeckt und der Bär sich als studierte Amerikanerin heraus stellt.
Eine freundliche, aber harte Amerikanerin, an der das gleiche Verbrechen begangen wurde wie an Franny, die aber, anders als diese, sehr aggressiv und laut damit umgeht. Und glaubt, dass ihre Art mit so einer Abscheulichkeit umzugehen, die einzig richtige ist. Aber auch Susie lernt, ihre Wut wird geringer und letzten Endes wird sie als eine ungemein qualifizierte Expertin in Sachen Vergewaltigung werden und ihre Hilfe anderen zukommen lassen.

Aber erst einmal verkleidet sie sich als Susie der Bär, eine Verkleidung die ihr hilft sich zu verstecken. Denn Susie sagt von sich selbst dass sie eine der Personen sei, die toll ankommen so lange sie eine Tüte über dem Kopf haben und warnt die hübsche Familie Berry: Es gibt keine Diskriminierung die so hart ist wie die, als Hässliche diskriminiert zu werden.
Und das Bärenkostümen bietet nicht nur ihr Schutz, auch der im KZ erblindete (grausam geblendete), alte Freud verweist auf den Bären wenn Gäste Ärger machen.

Oder wenn die ständigen Gäste der Nacht auf ihrer Etage(die ständigen Gäste tagsüber bewohnen eine eigene Etage voller Schreibmaschinen, es sind administrative Polit-Aktivisten), die vier Prostituierten, Probleme mit "ihren" Gästen haben, auch dann ist ein Bär von Vorteil.

Und auch wenn sich die Berry Kinder wie immer mit neuen Situationen bestmöglich zu arrangieren versuchen, und Franny sogar eine Art Affäre mit dem Bär Susie anfängt, (um vielleicht eine alte, ungesunde Liebe abzuschütteln) so überwiegen Schmerz und Verlust über Mary und Egg und die neue Heimat, das neue Leben erscheint somit fremd und düster.
Aber Win Berry besteht darauf, so lange zu bleiben bis das Hotel läuft.
Und so werden die Freundschaften sowohl zu manchen der Prostituierten, als auch zu manchen der "Radikalen" enger und jeder wächst an den Lebensphilosophien und Ansicht der anderen. die manchmal den eigenen sehr ähnlich sind: "Change with the Times. Roll with the punches, come up smiling."
Die optimistische Berry Philosophie, hier vertreten von dem alten Ideologen Old Billig.

Und so wird das Gasthaus Freud offiziell in das "Hotel New Hampshire" umbenannt, auch um verstärkt amerikanische Gäste anzulocken.
Oder japanische Gruppen, die fröhlich singen und die Dienste der netten Prostituierten in Anspruch nehmen, und zum Dank einen ganzen Haufen Familienfotos zurück lassen, mit lauter Berrys und Freunden und fremden Japanern drauf.

Und während so das Leben im Hotel New Hampshire weiter geht, man immer mehr über die Geschichte und die Eigenarten Wiens lernt, basteln einige der Schreibmaschinenideologen an nicht ganz so trockener Materie, an einem Auto zum Beispiel, das kaum gefahren aber immer bearbeitet wird...

Einer Bombe. Und an einem wahnwitzigen, fundamentalen Plan, der auch die Familie Berry involviert.

Und so spitzt sich alles zu, der Roman, das Leben gewinnt an Dramatik und an Spannung, und die geht nicht nur von den Terroristen aus, auch das was ein Leben lang zwischen John und seiner zwei Jahre älteren Schwester Franny gebrodelt hat, kommt an die Oberfläche, verboten, wie Pläne der Extremisten.

Und so kommt es, dass Menschen, von denen man s nicht mehr erwartet hätte zu Helden werden, und sich das Leben für die Familie Berry ein weiteres mal grundlegend ändert. Lilly, die inzwischen einen Weg gefunden hat um zu "wachsen", nämlich das Schreiben, hat einen autobiographischen Roman verfasst der mehr als gut bei Verlegern in New York angekommen ist. Dazu der Heldenruhm den die Familie in Europa erlangt hat und Franks Talent als knallharter Agent bescheren den Berrys genug Geld um in New York einen weiteren Lebensabschnitt zu beginnen.

Und in New York passiert dann auch grundlegendes zwischen Franny und John und mit den beiden, Frannys Vergewaltiger aus Schulzeiten taucht wieder auf und die Familie beschliesst mitsamt Susie dem Thema einen würdigen Abschluss zu bereiten.
Ein Bär wird Rache üben. Ein Bär und ein paar verdammt überzeugende, gruselige Schauspieler...

Und am Ende geht Win Berrys lebenslanger Wunsch, einmal das Hotel in dem in einem Sommer alles begonnen hat, das Artbuthnot by the Sea zu besitzen in Erfüllung. Geld genug ist Dank Lilly vorhanden. Genug Geld um das Hotel zu kaufen, zu restaurieren und dem bei der Explosion erblindeten Win Berry einen gut laufenden Hotelbetrieb vorzuspielen.

Und dann wird der erste Teil des Berry Lebens, des Lebens im ersten Hotel New Hampshire, nach dem Erfolg von Lillys Roman verfilmt, mit Franny als Franny und Schauspielern als Rest. Schauspieler, deren Charakterzüge witzigerweise ein klein wenig mehr ihren realen Vorbildern entsprechen als diese sich eingestehen wollen.

Dann folgt noch der Epilog, der den Lesern erzählt was im Anschluss noch passiert ist, teilweise dramatisches.
Die lieb gewonnenen Charaktere werden in ihre vom Roman unabhängige Zukunft verabschiedet und John Irving lässt sie noch zu einigen bedeutenden Erkenntnissen kommen und den Leser daran teilhaben.

Und dann werden auch zum Abschluss ein paar Dinge passieren, die den John Irving Leser an andere Romane erinnern, wie das zum Krisenzentrum für Vergewaltigungsopfer umfunktionierte Hotel New Hampshire, der Hauptcharakter der vollkommen in der Rolle des Vaters und Kümmerers aufgeht und keines "richtigen" Jobs bedarf und die Tatsache, dass es DOCH Happy Endings geben kann. Zwar welche mit Schmerzen und von Verlusten getrübt, aber doch irgendwie gut, beruhigend gut.

Dies ist die grobe Rahmenhandlung, das wahre Leben findet natürlich dazwischen statt und das ist John Irving typisch äußerst bunt und .. anders. Der Leser kann den Figuren wörtlich beim wachsen zusehen, die Kinder werden älter, machen ihre teilweise abenteuerlichen Erfahrungen, spielen einander und anderen Streiche (wobei schon mal ein Polizist an Herzversagen sterben muss...), entwickeln ihre Marotten und Persönlichkeiten und werden immer lebendiger, bis sie dem Leser so lieb und teuer sind wie gute Bekannte. Ein Talent John Irvings. Und seine wie ich finde fabelhafte Angewohnheit, Charaktere nicht einfach "verschwinden" zu lassen. Auch wenn sie für die Haupthandlung nicht mehr von Bedeutung sind, so zollt er ihnen doch Respekt und erzählt dem Leser wie es ihnen im Anschluss ergangen ist, welches Schicksal sie ereilt hat und wie ihr Leben endete. Vielleicht macht sie das so lebendig, sie werden mir Respekt behandelt und sind da auch wenn sie aus dem Leben der Protagonisten verschwunden sind.

Und auch die Figuren die nicht im Vordergrund stehen wirken niemals beliebig, seien es die Angestellten oder die großartige Figur des Großvaters, dem Gewichte stemmenden Coach oder sogar dem alten Labrador Sorrow, der im Alter aufgrund seiner erbärmlich stinkenden Fürze eingeschläfert werden muss und dann von Frank lebensecht präpariert wird um Franny ein feines Weihnachtsgeschenk zu machen. So lebensecht das Großvater Iowa Bob ebenfalls zu schlagen aufhört nachdem er seinen Enkelsohn vor einer vermeindlichen Attacke seines geliebten untoten Hunde gerettet hat. Und so endet der arme Sorrow letzten Endes unprätentiös im Mülleimer (um von dort vom kleinen Egg heimlich befreit zu werden).

Der kleine Egg ist ohnehin so süß: das halbtaube Nesthäkchen liebt es, überall im Hotel seine Spielzeuge zu verstecken, natürlich auch in den Zimmern der Gäste und er liebt Verkleidungen und hat praktischer Weise schon unterm Pyjama die Klamotten für den nächsten Tag an. Und er kann sich nicht von dem toten Sorrow trennen und versucht auf unglückliche Art und Weise, das unansehliche, ausgestopfte Lumpenbündel wieder herzurichten.

Und mache Figuren sind so lieb und so gut, dass man sich freut ein Mensch zu sein: so der schwarze Koloss von Footballspieler, der die vergewaltigte Franny zur Krankenstation trägt und tröstet, dass ihr niemals jemand ihre Unschuld nehmen kann wenn sie es nicht selbst will, niemals jemand "SIE" berühren kann wenn es ohne ihren Willen geschieht, nur ihren Körper, nicht das was in ihr drin ist.

Und dann sind da all die tollen Szenen und Episoden, Wendepunkte und Schicksalsschläge die das Buch nie, aber auch nie langweilig werden lassen (auch wenn mich persönlich die etwas sportlastigen Abschnitte nicht so ansprechen...).

Das legendäre erste Thanksgiving Dinner 1956, bei dem Lilliy von einem finnischen Doktor erfahren muss, dass sie nicht aufgrund ihrer spatzenhaften Ernährung so klein ist, sondern tatsächlich ein "Zwerg", was bei ihren Eltern Bestürzung auslöst, sie aber kalt lässt: "What if? I am a good Kid."

Oder Sylvester im gleichen Jahr, wo John nicht nur das meisterhafte Küssen lehrt sondern Sorrow mit einem unvergesslichen zweitem Post-mortem Auftritt eine Ohnmacht auslöst.

Das Buch ist auch voll mit wunderbaren Sätzen voller schlichter Wahrheit:
John frühe Erkenntnis wie Familien sein sollen, nämlich wie die seine:
"gore one minute-forgiveness the next".
Oder nachdem Franny mal wieder zu ehrlich war und ihr Vater verletzt ist rät ihr Ronda Ray (Johns mütterliche Verführerin): "Grown Up´s dont bouce back as fast as kids".

Und das Lebensmotto der von Schicksalsschlägen und Glücksmomenten gleichermaß geprägten Familie Berry lautet wie folgt:
"An unhappy ending does not undermine a rich an energetic life. Because there are no happy endings."

Es ist ein schönes John Irving Buch, ein wirklich schönes Buch zu lesen. Aber wenn ich es mit Own Meany oder Garp oder den neueren Werken vergleichen MÜSSTE, was ich nicht gerne tue, dann steht es etwas zurück. Aber eigentlich sollte man die Bücher wirklich nicht zu sehr vergleichen, auch wenn die Themen sich wiederholen und überschneiden: jedes Buch hat seine eigene Seele, ist voll von lebendigen Charakteren, voll von Menschen, die zwischen den Seiten atmen. Und darum ist jeglicher urteilende Vergleich fast respektlos.


Produktinformation

* Taschenbuch: 520 Seiten
* Verlag: Black Swan; Auflage: New Ed (1. Januar 1999)
* Sprache: Englisch
* ISBN-10: 0552992097
* ISBN-13: 978-0552992091
* Größe und/oder Gewicht: 19,2 x 12,4 x 3,4 cm