
So langsam hab ich diese kleinen roten Reclambücher richtig, richtig lieb. Man kann sie so einfach in die Tasche stecken und bisher war der Inhalt immer sehr viel ergiebiger, als das kleine Format hätte vermuten lassen.
Und so hab ich auch mit "Un aller simple" von Didier van Cauwelaert ein paar schöne, kurzweilige Stunden gehabt. Und bin in ein anderes Leben, eine andere Welt eingetaucht.
Die von Aziz, der so heißt weil er auf dem Rücksitz eines Ami6 Wagens als Baby in Marseille gefunden wurde. Von einem Zigeuner, der Schuld an dem Unfall mit diesem Wagen trug, bei dem die Eltern von Aziz starben.
Von nun an wächst der Kleine mit offensichtlich arabischen Wurzeln bei den Zigeunern in Marseille auf, liebt und lebt ihre Art und ihre Träume, verdient sein Geld wie alle Jugendlichen um ihn herum, die ohne Aussicht auf einen Job oder eine gute Ausbildung mit ihm in den "schlechten" Vierteln von Marseille leben, mit kleinen Diebstählen und gerät ab und zu zwischen die Fronten, ist er doch weder ganz Zigeuner, noch ganz Araber.
Aber die Lücke in seiner Identität stört ihn nicht so eklatant wie andere, richtig zum Tragen kommt es erst als er die stolze Lila heiraten will und auf erheblichen Widerstand in der Familie stösst.
Und so endet das Verlobungsessen in seiner Festnahme, den für Lila gekauften Ring nimmt man ihm nicht ab, er muss gestohlen sein und so wird Aziz zu einer besonderen Behandlung verurteilt:
er soll in seine vermeintliche Heimat Marokko abgeschoben werden, und damit die Integration dort gut klappt und alle Welt sieht, wie vorbildlich der französische Staat mit seinen Problemkindern umgeht, wird im ein "attaché humaine" zur Seite gestellt, der ihm in Nordafrika bei der Suche seiner Wurzeln und der Aufnahme eines Jobs helfen soll.
Das Problem ist aber, dass Aziz ja gar nicht aus Marokko kommt, er kommt aus einem französischen Wagen und nur seine gefälschten Papiere (denn die meisten Zigeuner bekommen überhaupt gar keine Papiere vom Staat ausgestellt) erzählen von der Herkunft des Kemal Aziz aus Marokko.
Aziz, der mit dem Beziehungsabbruch seitens Lila und seiner Zigeunerfamilie alles verloren hat und zudem ihm auch noch sein kostbarster Besitz, ein alter, von einem Lehrer geschenkter Atlas voller Legenden und Geschichten gestohlen wurde, lässt alles mit sich geschehen.
Denn das ist das besondere und dem Leser zugleich auffällige: Aziz ist mit seinen zwanzig Jahren und seiner Herkunft aus einem prekären, von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Ausgrenzung bestimmten Milieu ungewöhnlich emphatisch, verständnisvoll und sogar fürsorglich. Ein sehr netter, vielleicht zu Beginn etwas naiver aber doch lernbegieriger und aufgeweckter Junge.
Und so schliesst er bald seinen vom Ministerium gestellten Begleiter in die neue, ihm unbekannte Heimat in sein Herz.
Jean-Pierre Schneider ist ein trauriger aber gewissenhafter Mann, der mit seiner neuen Mission, die wie er selbst ganz genau weiß, einzig der Image Aufpolitur Frankreichs dienen soll, überfordert ist. Denn dies ist nicht sein Metier und es zermürbt ihn, dass sein Vorgesetzter ihn nur auf diese Odyssee schickt, um daheim in Ruhe seiner Affäre mit Jean-Pierres Frau nachzugehen.
Aber gerade dieses persönliche Schicksal, der Verlust seiner Frau, ist es, das Aziz einnimmt, hat er doch auch gerade seine Wurzel, seine Verlobte und seine Familie verloren. Seine vermeintliche Heimat und vor allem: seinen geliebten Atlas.
Und dann passiert etwas was das Leben der beiden ändert und die beiden selbst ändern wird:
Auf die nicht nachgebenden Fragen von Jean-Pierre, von wo aus Marokko er denn nun stammt, erfindet Aziz einen paradiesischen Ort in den Bergen, der Welt unbekannt und doch von einer sich im Bau befindenden Strasse bedroht.
Zu seiner eigenen Verblüffung lässt Jean-Pierre sich von dieser Geschichte gefangen nehmen, blüht auf bei dem Gedanken, über die Rettung dieses bedrohten Erdenfleckchens Unschuld ein Buch zu schreiben, DAS Buch, denn schon immer wollte er Schriftsteller werden.
Und Aziz, der von Jean-Pierres plötzlicher Lebensfreude gerührt ist, macht es sich zur Verantwortung, diese aufrecht zu erhalten und spinnt so den Gedanken von der zu rettenden Heimat immer weiter.
Somit wird er, der unerfahrene Zwanzigjährige, zum Beschützer und Kümmerer des 35 jährigen Jean-Pierre.
Gemeinsam kommen sie in Marokko an und entdecken und erleben es jeder auf seine Weise. Aziz fühlt sich nun erst richtig fremd, ist er doch keinesfalls Marokkaner, und Franzose wohl auch nicht, er kommt aus Marseille aber auch da wollte ihn zuletzt keiner mehr haben.
Richtig gut fühlt er sich erst mit der Reiseleiterin Valerie, die er in sein Geheimnis der Fiktion Jean-Pierre gegenüber einweiht. Gemeinsam brechen die drei so auf um einen fast unberührten Ort in den Bergen zu erreichen, der auf Aziz Beschreibung fast heran reicht.
Gemeinsam erleben sie so nun das Land und in erster Linie aber sich selber und vor allem Jean-Pierre entdeckt sich selbst und kommt dem wahren Grund seines Unglücks immer näher. Denn wie auch Aziz hat er seine Heimat früh verloren, seine Eltern die in Lothringen in ärmlichen Verhältnissen leben verleugnet und so mutwillig seine eigenen Wurzeln gekappt.
Durch einen allergischen Schock erkrankt er schwer, kann und will die Reise aber nicht abbrechen, da sie für ihn nun das allerwichtigste darstellt, die Suche zu sich selbst. Aziz und Valerie begleiten ihn dabei.
Und Aziz, der unwahrscheinlich gereift ist während dieses Abenteuers, und auch an der Beziehung die er und Jean-Pierre mit Valerie anfangen, lässt seinen Schützling bis zum bewegenden Ende des Buches nicht alleine. Er findet sogar durch diesen eine späte Heimat, fernab von Marokko und fern von Marseille, allein durch seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen die die Menschen bis ins Tiefste berühren und ihnen etwas geben, was sie ihr Leben lang gesucht haben.
Es ist ein tolles Buch das dem Leser vielerlei auf wunderbare Weise näher bringt. Zu Anfang ist das die Problematik in Marseille, die Integrationsschwierigkeiten der Einwanderer und der Zigeuner, die radikal unterschiedlichen Auffassungen von Heimat und Leben, die Zerrissenheit von Menschen wie Aziz und wie sehr ihre Wurzellosigkeit ihr ganzes Leben bestimmt und sie prägt.
Und dann das Leben in Marokko, wie fern es in seiner Art von Frankreich ist, in dem ja viele Immigranten nun leben.
Aber am wichtigsten sind die Geschichten der Suche nach sich selbst und die Versöhnung mit einer entwurzelten Vergangenheit die durch Jean-Pierre so wunderbar deutlich werden.
Wie sehr eine Suche einem das Leben bestimmen und zu einem immer währendem, subtilen Schmerz machen kann. Und dass darum manche Wege bis zum Ende gegangen werden müssen um sich von diesem Schmerz zu befreien.
Das Schönste ist aber wie ich finde die Fähigkeit die Aziz für sich entdeckt und die wir, wie ich hoffe, in uns allen tragen: die Fähigkeit durch die Liebe zu anderen diese mit Energie und Freude anzustecken und so deren Leben einen wunderschönen, warmen Glanz zu geben. Ihnen den Weg zu zeigen und sie darauf nicht alleine zu lassen und sich so auch selber nicht mehr alleine und entwurzelt zu fühlen.
Und die Tatsache, dass auch das einsamste Waisenkind später Menschen finden kann, die ihm die elterliche Geborgenheit und Heimat geben nach der es immer gesucht hat.
Produktinformation
* Fremdsprachentexte, Reclam Universal-Bibliothek (9109)
* Verlag: Reclam, Ditzingen
* 2003
* Ausstattung/Bilder: 2003. 227 S.
* Seitenzahl: 227
* Reclam Universal-Bibliothek Nr.9109
* Französisch
* Abmessung: 15 cm
* Gewicht: 120g
* ISBN-13: 9783150091098
* ISBN-10: 3150091098
* Best.Nr.: 11197775