Mittwoch, 29. August 2007

Snow von Orhan Pamuk




Dies ist das erste Buch eines türkischen Autors das ich lese und ich bin begeistert. Vielleicht weil es ein sehr türkisches Buch ist in dem Sinne, dass es ein sehr präsentes türkisches Thema behandelt, nämlich die innere Zerrissenheit im Land, besonders im Osten, der Teilung in westlich orientierte Kemalisten und islamisch bedachten Nationalisten, seien sie türkischer oder kurdischer Abstammung, dem Militär auf der einen Seite und den religiöse Traditionen achtenden Hardlinern auf der anderen Seite.

Ein Buch das mir einen guten Eindruck von den schmerzenden Gräben vermittelt hat die durch politische und religiöse Überzeugungen mitten durch Dörfer und teilweise Familien laufen und die aktuelle politische Spannung in der Türkei hervorgerufen haben.

Darüber hinaus gibt es den verschiedenen Meinungen zur Kopftuch-Debatte eine Stimme, warum tragen die Frauen mit starkem islamischen Glauben Kopftücher, warum möchte der laizistische Staat dieses unterbinden, was raubt man den Frauen wenn man restriktive Verbote zum Tragen ausspricht?

Diese Frage ist die Initialhandlung des Romans, denn der seit über 20 Jahren im Frankfurter Exil lebende Journalist und Dichter Ka reist zur Beerdigung seiner Mutter nach Istanbul und bekommt dort von einem befreundeten Journalisten den Auftrag, die Selbstmordwelle der Kopftuch-Mädchen zu untersuchen, die sich seit einiger Zeit in dem abgelegenen Ort Kars ereignet.

Die Frage ist, warum die Mädchen diese finale und schreckliche Antwort auf das staatliche Verbot ihre Kopftücher weiterhin in der Universität zu tragen wählen.
Ist es stolz, Verzweiflung angesichts ihrer starren Lebensumstände oder wirklich bedingungslose Hingabe an Gott mit Angst ihn zu enttäuschen?
Die Selbstmorde wühlen nicht nur die Bürger von Kars auf, sie bewegen die ganze Türkei. Denn was diese religiösen Mädchen begangen haben, ist eine schlimme Todsünde und die Frage, ob Gott sie dann nicht lieber mit entblößtem Haupt gesehen hätte, beschäftigt viele. Der Staat versucht mit grotesken Plakatkampagnen den aufrührerischen Aktionen Einhalt zu gebieten und versteht es nicht, die Gründe der Mädchen nachzuvollziehen.

Ka, der weiß dass dort seine alte Kommilitonin Ipek lebt, und das nun geschieden von ihrem Mann, sagt zu über die Vorkommnisse in Kars zu berichten, in der Hoffnung, Ipek für sich gewinnen zu können um seine schmerzende Einsamkeit in Frankfurt zu beenden.

Seine Ankunft in Kars, nach eineinhalb Tagen Busfahrt, ist die letztmögliche, es schneit so sehr dass alle Straßen gesperrt werden und Ka findet sich so nun in einer vollkommen isolierten, von Schnee bedeckten kleinen Welt wieder, einem Mikrokosmos in dem die verschiedensten Strömungen, seien sie politisch oder religiös, aufeinander treffen und eine extrem angespannte Atmosphäre erschaffen.

Seine Befragungen der Bewohner und der lokalen Autoritäten des Staates, der Presse oder der Wirtschaft zu den Lebensumständen und Beweggründen der sich getöteten Mädchen gibt dem Leser schon einen sehr guten Hinweis auf die Zerrissenheit der Bewohner von Kars, auf die unterschiedlichen Positionen zu allen möglichen Themen, auf die unterschiedlichen Motive und Handlungsgrundlagen die fast alle auf den großen Graben zwischen Religion und Staat zurückzuführen sind, zwei Lager die in der Türkei nicht zueinander kommen zu können. Oder zumindest in dem kleinen, abgeschiedenen und von Armut und Arbeitslosigkeit geprägten Ort Kars nicht.

All die historischen Auslöser dieser Diskrepanzen und Feindschaften, all die Vorbedingungen für die wirtschaftliche und emotionale Depression die überall in Kars zu spüren sind werden in dem Roman durch die verschiedenen, sehr gut in ihrer Postion überzeichneten Figuren deutlich gemacht und ich hab zum ersten Mal das Gefühl, ansatzweise zu verstehen warum die Türkei manchmal so fremd wirkt, einfach weil sie Zerrissen ist zwischen dem Streben nach Westen und der Verhaftung im Orient, der Zerrissenheit zwischen Aufklärung, Aufbruch und Ungewissheit auf der einen und Tradition, Religion und Angst vor Neuem auf der anderen Seite.

Ka wandert wie ein neutraler Beobachter durch die verschneiten Strassen Kars, obwohl die meisten in ihm den verwestlichten, fremden Atheisten sehen. Er besucht die diversen, unzähligen Teehäuser in denen die meist arbeitslosen Männer mit Diskussionen und Rauchen ihre Langeweile vertreiben.
Dass er schon früh in Kars, durch den Anblick der perfekt geformten Schneeflocken, die Erinnerungen an seine Kindheit und die glücksseeligen Momente beim Gedanken an eine gemeinsame Zukunft mit Ipek eine innere Verbundenheit mit Gott spürt, scheint für die Aussenwelt nicht glaubhaft, ist er doch auf der Seite des Westens und des Staates und ein Westler ist nach Überzeugung der religiösen Traditionalisten automatisch ein Atheist.

Die Spannungen, die schon durch die ersten Gespräche die Ka mit den Bewohnern Kars führt deutlich werden, erreichen ihren Höhepunkt als ein Theaterstück aufgeführt wird, dass den Tod der Kopftuch Mädchen thematisiert. Der Regisseur und Hauptdarsteller benutzt das Stück um mithilfe eines eng befreundeten Armeechefs eine Revolution zu inszenieren, die dann in einem realen Aufstand mit vielen unschuldigen Toten endet. Eine Art Notstand wird ausgerufen und die Gewalt, der Hass und die Feindschaften untereinander treten nun offen zutage.

Ka, der von allen auch als Botschafter an den Westen betrachtet wird, gerät zwischen die Fronten, jede der verschiedenen, sich bekämpfenden Parteien will ihn für sich missbrauchen und setzt in auf die verschiedensten Arten unter Druck.

Ka selbst, der zum ersten mal seit langer Zeit in der trostlosen Umgebung wieder Momente des Glücks und der Zuversicht verspürt (leider unterbrochen von immer wieder auftauchenden paranoiden Anschüben und Depressionen) möchte eigentlich nur nach Frankfurt zurück, gemeinsam mit der wunderschönen Ipek, die sich auch ihm immer weiter öffnet aber noch ein letztes Geheimnis zurück hält.

Ipek, deren Schönheit legendär ist, war einige Jahre mit einem alten Schul und Dichterkollegen von Ka verheiratet, dieser liess sich allerdings von ihr scheiden nachdem sie kein Kind bekommen konnte. Nun lebt sie mit ihrem alten, das Haus nicht mehr verlassenden Vater und ihrer Schwester im Hotel Snow Palace, das ihnen gehört und in dem auch Ka wohnt.
Turgut Bey, Ipeks Vater, mag nach seiner politisch bedingten Haft nicht mehr an die Öffentlichkeit treten während Ipeks Schwester Kadife eine führende Rolle unter den Kopftuch tragenden Mädchen spielt.

Nachdem schon das erste Theaterstück eine Welle von Gewalt und eine vom Regisseur und seinen Anhängern gesteuerten kleinen Millitärputsch auslöste, so soll ein zweites Theaterstück, in dem Kadife vor allem Augen ihr Kopftuch ablegen soll, den religiösen Traditionalisten moralisch den Rest geben.
Auch hier wird Ka wieder als entscheidende Person missbraucht, genau wie Kadife ist er durch Liebe erpressbar geworden.

Denn Kadifes Liebe gehört dem als Terroristen gesuchten radikalen Islamisten Blue, der in Kars im Untergrund lebt und vom türkischen Militär wegen angeblicher begangener Morde gesucht wird.

Auch hier wird in dem Roman wunderbar deutlich wie groß meist der Unterschied zwischen verbreiteter Propaganda und Wahrheit ist, wie sehr die unterschiedlichen Parteien von Egoismus und rücksichtslosen Eigeninteressen gesteuert werden, alles unter dem Deckmantel der Demokratie oder des Wohlergehens der Allgemeinheit.

Ka, mit dem im Verlaufe des Romans alle Parteien und Personen mehr oder weniger offen über ihre Ansichten und Beweggründe sprechen und der eine tiefe Zuneigung nicht nur zu Ipek sondern auch zum offenherzigen Koranschüler Necip (und später zu seinem besten Freund und Seelenverwandten Fazil) entwickelt, beugt sich keiner Seite.

Wie ein Schwamm nimmt er all die geäußerten Positionen und Deklarationen in sich auf, die Eindrücke der Gewalt, des Hasses, der Tristesse des Lebens in Kars und des fast schon kafkaesk anmutenden staatlichen Vorgehens und lässt es, gemeinsam mit den schönen Momenten, der Liebe die er sieht und auch selbst empfindet, der Gemeinschaft, der Genügsamkeit und immer wieder des wunderschönen Schnees, in seine Gedichte fliessen.

Diese Gedichte kommen scheinbar aus dem Nichts, geformt aus den Eindrücken die auf ihn einprasseln formen sie sich unvorhersehbar und Ka ist permanent erpicht, diese mit Hilfe seines grünen Notizbuches einzufangen und festzuhalten.
Dass er im offenen Frankfurt so unglücklich war, so einsam und abgeschieden und nichts zu Papier brachte, und nun aber hier, im von der Aussenwelt durch all den Schnee abgeschiedenen und von Armut, Tristesse und Gewalt geprägten Kars ein Gedicht dem anderen folgt, verwundert ihn selber. Und lässt ihn mehr und mehr an Gott denken.

Und an die Liebe. Doch ist das Liebe die Ka für Ipek empfindet? Schliesslich kennt er sie überhaupt nicht, das einzige was er von ihr weiß ist dass sie unglaublich schön ist. Aber das reicht ihm, der Gedanke, mit einer so wunderschönen Frau an seiner Seite zurück in Frankfurt durch die Strassen zu gehen erfüllt ihn mit dem größten Glück.

Und Kadife könnte ihn und Ipek besuchen, das würde Ipek glücklich machen. Aber dazu muss auch Kadife glücklich sein und dazu müsste ihr Geliebter Blue seinen militärischen Häschern entkommen und darum muss Ka plötzlich große Risiken eingehen, muss agieren und sich einmischen.
Und dann, als das Glück greifbar scheint, Ipek ihre Koffer für Frankfurt gepackt hat, nehmen Kas Ängste und seine Eifersucht auf Ipeks Vergangenheit Überhand und nehmen ihm alles.

Vier Jahre später, zurück in Frankfurt, alleine, wird Ka von Unbekannten erschossen. Von islamistischen Radikalen? Vom türlkischen Geheimdienst? Vom Zufall?
Der Erzähler in dem Roman, ein Schriftsteller namens Orhan (!!) der mit Ka sehr gut befreundet war, versucht das Geheimnis aufzuklären. Und in erster Linie möchte er den Verbleib des grünen Notizbuches heraus finden, in das Ka in Kars all seine Gedichte und Gedanken dazu notiert hat.
Wo ist dieses Notizbuch? Unter seinen Sachen in seiner Frankfurter Wohnung befindet es sich nicht. Wie ein Detektiv wertet Orhan jeden zurück gelassenen Schnipsel aus Kas Leben aus, macht sich einen Reim aus Kas Beweggründen anhand seiner Habseligkeiten.
Das Notizbuch bleibt unauffindbar und Orhan reist nun selbst nach Kars und wandelt quasi auf Kas Spuren, trifft alle Leute die Ka zuvor getroffen hat, verliebt sich wie Ka zuvor in Ipek und schliesst Freundschaft mit Fazil, der inzwischen seine seit langem angebetet Kadife geheiratet hat.
Doch auch hier ist das Notizbuch nicht und Orhan kommt zu der Vermutung, dass es eines der Motive für seinen Mord in Frankfurt war. Gerüchte werden laut dass eine radikal islamische Zelle aus Berlin dahinter steckt.

Ob Orhan diese Spur weiter verfolgt, wird nicht ganz klar, er verabschiedet sich von seinen neuen und Kas alten Bekannten am Bahnhof, bekommt von diesen noch eine Menge Erinnerungen an Ka mitgegeben und fährt wie dieser zurück in sein westliches, modernes Leben.
Orhan weint beim Verlassen Kars und es bleibt dem Leser überlassen, zu ergründen warum. Vielleicht hat er wie Ka auf ein Glück mit Ipek gehofft, auf eine Erlösung aus der Einsamkeit. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes.

Der Schnee, Titelgeber des Romans und zentrales Element im Erleben Kas, kommt wieder und wieder vor, er ist so präsent dass man beim Lesen fast ein wenig fröstelt und gleichzeitig alle Figuren in einem weißen Schimmer sieht.
Der Schnee löst in Ka schon auf der Hinfahrt im Bus tiefe Emotionen aus und bringt seine Gedanken immer wieder zurück in seine Kindheit, die er mit Unschuld und an Glück grenzender Unbeschwertheit verbindet. Darüber hinaus löst der Schnee in Ka immer wieder Gefühle der Nähe zu Gott aus und die Perfektion der Schneekristalle veranlasst ihn sogar, seine in Kars verfassten Gedichte auf den symmetrischen Achse einer Schneeflocke thematisch anzuordnen.

Ebenfalls zentral und immer wieder gestellt in dem Buch ist die Frage, ob der Westen zum wahren Glauben fähig ist, und wenn nicht, wie die radikalen Islamisten glauben, warum man dann eine Annäherung oder gar Imitation anstreben soll. Die verschiedensten Personen, auch die streng laizistischen, geben Ka Auskunft und Einblick in ihre Art des Glaubens und veranlassen so den Leser, selbst über seinen ganz eigenen Glauben nachzudenken.

Und auch das Bild, das der Westen von dem traditionellen Teil der Türkei hat wird thematisiert und veranlasst ebenfalls zur Selbstreflektion.

Mich jedenfalls hat dieser Roman sehr bewegt und sehr sehr viel beigebracht über die Türkei, über Zerrissenheit, über historische Kämpfe die noch heute unnötig erscheinende Gewalt nach sich ziehen.
Und ich habe mit diesem Roman den Nobelpreisträger Orhan Pamuk kennen gelernt der diesen wichtigen Preis wie ich finde zu Recht bekommen hat.
Ich werde bei sich bietender Gelegenheit auf jeden Fall noch weitere Romane von ihm lesen, um nicht nur ihn, sondern auch dieses spannende Land Türkei besser kennen zu lernen und zu verstehen, von dem wir mitsamt seiner Nation ein reichlich verzerrtes und oft ignorantes Bild in uns tragen.


Produktinformation

* Verlag: Faber & Faber, London
* 2004
* Ausstattung/Bilder: 2004. 436 p.
* Englisch
* Abmessung: 18 cm

* Gewicht: 225g
* ISBN-13: 9780571222995
* ISBN-10: 0571222994
* Best.Nr.: 12911218

Freitag, 24. August 2007

BATMAN. Knightfall von Dennis O´Neil



Hier einmal ein guter Unterhaltungsroman der besonderen Klasse. Meine liebe Freundin Brianna, ein enormer BATMAN Fan, hat mir dieses Buch aus Amerika mitgebracht und ich habe es aus höflicher Dankbar umgehend gelesen, trotz meiner anfänglichen Skepsis BATMANs gegenüber. Denn ich mag eigentlich lieber die Verliererseite Spidermans oder den tragischen Spawn, BATMAN habe ich zwar in den Tim Burton Filmen sehr gerne gesehen und auch im neuen Christian Bale Movie (das Buch dazu wurde ebenfalls von Dennis O´Neil geschrieben) superklasse gefunden aber LESEN, mh.

Die Befürchtung, es hier mit allzu trivialer Literatur zu tun zu haben, einer lieblosen Schilderung von aus den Comicvorlagen entnommenen Action-Szenen, mit unsorgfältiger und platten Worten wider gegeben löste sich schon nach den ersten Seiten in Luft auf.

Knightfall ist eine DER Geschichten aus dem Leben von Gothams Superhelden und Dennis O´Neil, der einer der talentiertesten Storyschreiber der BATMAN Comics war und es schaffte, diese großartige Figur nach den ihn verkitschenden 60ern zu seiner facettenreichen und schmerzenden Persönlichkeit neu zu erfinden, schafft mit diesem Buch etwas ungewöhnliches: einen großartigen, eigenständigen BATMAN Roman, der sowohl Fans als auch Nicht-Kenner begeistern kann.

Mich hat Dennis O´Neil begeistert und ich verstehe, dass er in Comic Kreisen Kultstatus geniesst, sowohl Dank der Tatsache dass er BATMAN zu einer "echten", facettenreichen Persönlichkeit verholfen und seinen Comic-Abenteuern unvergleichliche Tiefe und lebendigen Schmerz verliehen hat, als auch seiner Art zu schreiben und zu erzählen, mit viel Tiefgang und großem Unterhaltungswert.

Knightfall ist ein großartiger Roman der viel über die Gefühle und Geschichte hinter der Figur BATMAN preis gibt, aufgeteilt in drei Teile.

Im ersten Teil, KNIGHTFALL, kämpft BATMAN gegen den gewaltliebenden, unbarmherzigen Schurken Bane und gegen einige der bekannten Superschurken der BATMAN Comicwelt die von Bane aus dem Arkham Asylum frei gelassen wurden.
Er bekommt beim scheinbar finalen Kampf gegen Bane von diesem das Rückgrad gebrochen, was den unbesiegbaren Superhelden als physisch hilflosen Invaliden zurück lässt. Die Geschichte Banes wird erzählt, sein Werdegang vom von Geburt an inhaftierten und gequälten Kind bis zum unbesiegbaren, auf die Infusion von Venom angewiesenen Kampfmonster, dessen Ziel es ist, BATMAN psychisch zu vernichten, was ihm mit dem Brechen seines Rückgrades und somit der Zerstörung seiner Kämpfer-Identität gelungen zu sein scheint.

BATMAN, der mit der Hilfe der eine zentrale Rolle spielenden Ärztin Dr Shondra Kinsolving seine langwierige Reha-Therapie beginnt (natürlich ist nur durch seine aussergewöhnlichen physischen wie auch psychischen Kräfte eine Heilung überhaupt in Aussicht gestellt!) braucht einen Nachfolger und entscheidet sich mit Alfred für den für ihn arbeitenden Jean Paul Valley, von den Kräften her BATMAN durchaus ebenbürtig und von seinem Vater zum religiösen Rächer Azrael ausgebildet. Diese Suche nach einem neuem BATMAN, seine Ausbildung und dessen Kampf gegen Bane auf der einen Seite und Bruce Waynes Kampf um sich selbst bilden den zweiten Teil des Buches, KNIGHTQUEST.
Doch der neue BATMAN kann seine Wurzeln als Unrecht und Unglauben rächender Todesengel nicht ablegen und agiert in Gotham als unbarmherziger, gewalttätiger BATMAN.

Doch während Tim Drake (der den Robin Charakter bildet), Bruce Waynes jungem Gehilfen als BATMAN, die Gefahr die von ihm ausgeht schon sehr früh erkennt und am liebsten bekämpfen würde, versucht Bruce Wayne, der die gesamte Geschichte Jean Paul Valleys kennt, Nachsicht zu üben und diesem neuen BATMAN eine Chance zu geben.
Denn Bruce Wayne hinterfragt sich kontinuierlich selber, und wird so zu dem spannenden, charakterlich ausgearbeiteten Protagonisten, den man von einem Comic Superhelden kaum erwartet hätte.

Der Leser erfährt dass jeder der Hauptcharaktere dieser Geschichte eine durchaus schmerzhafte Kindheit hatte, die diesen maßgeblich für Leben prägte:
Bruce Wayne wurde durch das hilflose Mitansehen der Ermordung seiner Eltern zum nicht mehr tatenlos bleiben könnenden Rächer und Kämpfer für das Gute, Bane, aufgewachsen in der lieblosen und von Gewalt geprägten Umgebung spürte nie Liebe und Mitgefühl und ist auch heute unfähig, dies zu geben, Jean Paul Valley, von Kindheit an gedrillt durch seinen Vater und durch unterbewusstes Training schon früh zum Gotteskrieger ausgebildet, konnte nie adäquaten Kontakt zu seinen Mitmenschen knüpfen und Dr Kinsolving, als Kind vom Stiefvater missbraucht und gequält ist auch heute noch anfällig für die brutalen Manipulationsversuche ihres Bruders der es versteht, die sonst so souveräne Ärztin in ihre infantile Rolle zurück zu drängen.

Im dritten Teil, KNIGHTSEND erkämpft sich Bruce Wayne seinen rechtmäßigen Platz als wahren und einzig möglicher, da emotional und mit abwägender Gerechtigkeit handelnder BATMAN zurück, er, Tim Drake und Alfred nehmen wieder Besitz von Wayne Mansion, dem Anwesen mit der verborgenden Kommandozentrale des Batcaves, das von Jean Paul Valley zeitweilig hermetisch abgeriegelt wurde.

Das Buch ist also, auch wenn meine Wiedergabe der Handlung vermutlich etwas konfus und knapp geraten ist, eine wunderbare Einführung in die BATMAN Welt, da hier einige der wichtigsten Charaktere, darunter auch Comissioner Gordon und der Joker, facettenreich und mit Liebe zum Dialog dargestellt werden.

Das Buch ist nicht platt, die tiefgründige Selbsthinterfragung Bruce Waynes was den wahren BATMAN ausmacht und ausmachen muss, die Erkenntnisse die einige der Protagonisten anhand der Ereignisse gewinnen und die Rückblicke in die prägendsten Kindheitsmomente der Charaktere lassen den Roman alles andere als oberflächlich und trivial wirken.

Und abgesehen von dem sehr gut ausgearbeitetem BATMAN/Bruce Wayne Charakter, der sorgfältig und elaboriert gewählten Sprache, den stimmigen Szenenabfolgen und dem gekonnt gehaltenen Spannungsbogen, ist dieser meisterhafte Roman von Dennis O´Neil ein Appell an die Vernunft: Comics nicht länger abfällig zu belächeln sondern das Potential in ihnen zu entdecken. Und das Vergnügen, in ein Universum an unglaublichen aber glaubhaften Charakteren einzutauchen.



Produktinformation

* Taschenbuch
* Verlag: Bantam Book, London (Juni 1998)
* Sprache: Englisch
* ISBN-10: 0553409700
* ISBN-13: 978-0553409703

Mittwoch, 22. August 2007

Schmetterling und Taucherglocke von Jean-Dominique Bauby


Dieses Buch ist glaub ich eines, das man liest und als Schatz empfindet. Als etwas unglaublich kostbares das einem das Gefühl vermittelt, mit seiner Entdeckung unglaubliches Glück gehabt zu haben. Ich habe dieses kleine, dünne Büchlein (meins ist ein Hardcover von der Büchergilde) ehr durch Zufall gekauft und mit großer großer Begeisterung gelesen. Und diese Woche habe ich es im Regal entdeckt, es war durch seine Größe etwas nach hinten gerutscht und so aus meinem Blickfeld geraten.
Aber jetzt habe ich es wieder und passe von nun an gut darauf auf, denn es ist eines der Bücher, die man nicht aus den Augen verlieren sollte und auch eines der Bücher, die man lieben Menschen denen man Gutes tun will schenken kann.

Das Buch ist ein Zeichen von absoluter Liebe zum Leben, geschrieben von dem 43 Jahre alten Jean-Dominique Bauby, einem der Chefredakteure der Zeitschrift Elle.
Oder besser gesagt: diktiert, denn Jean-Dominique Bauby erlitt eines Tages einen Hirnschlag der ihn von jetzt auf gleich körperlich lähmte und ihn so physisch in eine Taucherglocke zwang.

In einem französischen Krankenhaus ist er nun auf die absolute Hilfe anderer bei allem angewiesen. Er kann nicht alleine essen, gehen oder sprechen, nur sein Augenzwinkern erlaubt ihm mithilfe eines optimierten Alphabetes Kommunikation mit der Aussenwelt.
Doch er verzweifelt nicht angesichts seines Gefängnisses, Jean-Dominique Bauby beschreibt seine Erlebnisse mit viel Humor und Optimismus, nur ab und zu blitzt ein klein wenig Sarkasmus auf, doch der wird schnell von seinem zauberhaften Erleben des Alltages übertüncht.
Mit viel Witz beschreibt er die Begegnung mit seinen Mitmenschen, deren Umgang mit ihm der den Leser oft zum Lachen bringt. Er beschreibt seine Reisen die er unternimmt, seine Reisen im Kopf die ihn an entfernte Orte der Vergangenheit führen oder mit viel Phantasie an noch gänzlich unbekannte.
Das ganze Buch ist ein Plädoyer fürs Leben, dafür, dass der Geist wohl das ist was uns und unser Leben ausmacht und dass ein gutes Gemüt, Hoffnung und Phantasie einem ermöglichen, auch die härtesten Schicksalsschläge zu überstehen.

Jean-Dominique Bauby starb kurz nach der Veröffentlichung des Buches und mein Freund las es deshalb erst mit Widerwillen. Es würde ihn deprimieren, sagte er.
Aber schon nach ein paar Kapiteln musste er zugeben, das ein oder andere Mal gelacht zu haben. Und ich glaube, dass wenn man unvoreingenommen an dieses Buch heran geht, man ganz ganz viel davon mitnimmt. Viel für sich gewinnt, unter anderem die Einsicht, dass wir alle nur oberflächlich von Umständen eingezwängt werden. Dass wir wie Schmetterlinge frei sein können wenn wir nur die Augen offen halten und den Geist wandern lassen. Dann kann uns keine Taucherglocke zurück halten.
Und weil Jean-Dominique Bauby das alles so schön mit Liebe und Witz und Charme mit seinem Beispiel deutlich macht, ist dieses kleine Buch ein großer Schatz der Literatur. Denn seine Sprache ist über den Inhalt hinaus wunderschön und eloquent.

* Verlag: Zsolnay
* 2002
* Ausstattung/Bilder: Nachdr. 2002. 133 S.
* Deutsch
* Abmessung: 21 cm

* Gewicht: 255g
* ISBN-13: 9783552048690
* ISBN-10: 3552048693
* Best.Nr.: 06992548

Dienstag, 21. August 2007

Fight Club von Chuck Palahniuk



Wer kennt nicht Fight Club? Den Film? Diesen grandiosen Film mit seinen originellen Ideen und brutalen Szenen, dem blutigen, ehrlichen Kämpfen zwischen Mann und Mann, nach strengen Regeln, ohne jeglichen Hass aufeinander. Und dem Hass auf die Gesellschaft und das falsche Schöne in ihr. Den Film der ehrlichen Hässlichkeit, der Film in dem der Protagonist ausbricht, aus sich selbst und somit aus der Gesellschaft.
Dieser verwirrende Film, dessen Anfangs konfus zusammen treffende Szenen volle Aufmerksamkeit erforderten und den Film trotzdem nicht schwer wirken liessen? Diesen Film der das Filmgedächtnis von vielen geprägt hat?

Gut, ich habe jetzt erst das Buch gelesen. Und es ist wie der Film. Fast genau so.
Chuck Palahniuk hat mit diesem Roman selbst eine neue Erzählform ausprobiert. Anfangs aus einer Langeweile heraus, hat er sieben Seiten verfasst die nun das sechste Kapitel von Fight Club bilden. Sieben Seiten die später durch die Erlebnisse und Erzählungen von Freunden ergänzt wurden zu dem Universum von Tyler Durden, dem Mensch gewordenen zweiten Ich des Protagonisten.
Und dann plötzlich wurde das Buch, anfangs geschmäht, zum ganz ganz großen Erfolg. Durch den Film, der ist wie das Buch. Der so verfilmt wurde wie sich das Buch liest.
Also quasi ein Chuck Palahniuk Film ist.

Die Geschichte ist die des Erzählers, dessen Single Leben wenig Aufregung bietet. Als Angestellter eines großen Autokonzerns ist er für die Evaluierung von Schadensfällen zuständig: sind die Kosten einer Rückrufaktion bei fehlerhaften Bauteilen größer als die Summe die bei eintretenden Todes und Schadensfällen gezahlt werden muss? Prämisse ist immer das Interesse des Konzerns, verursachtes Leid spielt keine ökonomische und daher überhaupt keine Rolle.

Sein Leben plänkert dahin, meandert auf der Oberfläche zwischen IKEA Gemütlichkeit und Arbeitsalltag. Bis er Tyler Durden trifft und sich sein Leben durch diesen unangepassten, charmanten Anarchisten vollkommen ändert.
Tyler bittet ihn, sich mit ihm zu prügeln, so brutal und ehrlich es nur geht.
Und so beginnt der erste Fight Club dessen ersten wichtigsten Regeln lauten: Man spricht nicht über den Fight Club.

Das diese Regeln weniger beachtet werden als die folgenden (Wer neu ist muss kämpfen, nur ein Fight auf einmal, keine Hemden, keine Schuhe.......) ist offensichtlich: Fight Clubs spriessen wie die Champignons. Tyler Durden scheint den Nerv einer ganzen Generation von im Alltag subtil unterdrückter Angestellter und gelangweilter Büromenschen getroffen zu haben. Wie fanatische Jünger schliessen sie sich erst den Fight Clubs und dann Tylers subversiven auf Chaos zielenden Teams und Projekten an.
Das Chaos übernimmt immer mehr das Leben des Erzählers und die Hass-Anziehungsbeziehung zu der scheinbar verwirrten Marla Singer tut ihr übriges.
Der Erzähler schläft immer schlechter, die Realität verschwimmt zusehends und wer den Film kennt weiß warum und kann alle Hinweise im Buch mit einem wissenden Lächeln quittieren. Der noch jungfräuliche Leser kommt vielleicht auch darauf, dass Tyler Durden der frei gelassenenen Mr Hyde unseres Erzählers ist.

Das Buch ist Kult, so wie es der Film ist.
Die Idee, aus dem abgesaugten Fett reicher Frauen superteure Seife herzustellen und sie diesen wieder zu verkaufen ist genial.
Und die Vorstellung, dass in den teuersten Restaurants die Kellner und Köche frustriert in unsere Cremè Brulé urinieren und onanieren beschäftigt mich beim Essen gehen noch heute.

Ein Buch das an der Fassade unserer glattgebügelten Welt gekratzt hat. Und das mit seiner brutalen Ehrlichkeit diese Risse nicht mehr kitten lässt.
Ein tolles Buch, auch wenn man beim Lesen ein paar Schwierigkeiten angesichts der springenden Szenen und Gedankenfolge haben wird. Vor allem, wenn man den Film nicht kennt. Aber dann ist es umso spannender.


Produktinformation

* Vintage
* Verlag: Importtitel; Vintage, London
* New ed.
* 2003
* Ausstattung/Bilder: 2003. 208 p.
* Englisch

* Abmessung: 20 cm
* Gewicht: 163g
* ISBN-13: 9780099765219
* ISBN-10: 0099765217
* Best.Nr.: 08508623

Donnerstag, 16. August 2007

The Virgin Suicides von Jeffrey Eugenides


Ein Buch das anders ist und zurecht aus Jeffrey Eugenides einen der DER neuen Gegenwartsautoren Amerikas gemacht hat. Genau wie sein anderer Roman Middlesex ist The Virgin Suicides schnell auf alle Bestseller Listen und in die Gespräche gedrungen. Und hat Sophia Copolla dazu veranlasst, den Roman umgehend mit Starbesetzung zu verfilmen.

Das Buch ist von der ersten Seite an ungewöhnlich, der Leser erfährt sofort vom Ich-Erzähler wie das Buch enden wird: mit dem Selbstmord aller fünf Lisbon Schwestern, alle fünf mit ungewöhnlich distanzierter Schönheit gesegnet aber durch die streng religiöse Mutter und den nicht sehr durchsetzungskräftigen Vater züchtig im Schutz des Vorstadt-Hauses gehalten.

Der Ich-Erzähler ist einer ihrer Mitschüler und Nachbarn gewesen und gemeinsam mit anderen Jungs aus seiner Klasse und Nachbarschaft (die typische Mittelklasse-Nachbarschaft mit gegenseitiger Beobachtung und Anteilnahme...) rekonstruiert er 20 Jahre nach der Tat die Ereignisse, mit Hilfe von Zeugenaussagen, eigenen Beobachtungen und gesammelten Beweisstücken.

Die Mädchen waren in ihrer verschwiegenen und verschworenen Gemeinschaft ein anziehendes Rätsel zu Lebzeiten und sind es durch ihren kollektiven selbstbestimmten Tod immer noch.
Der namenloser Ich-Erzähler, der wie der Leser zum Voyeur einer fremden, sich abschottenden Welt aus befremden und verwirrenden Mädchenträumen wird, versuchte sich ihnen zu Schulzeiten mit ein paar Freunden anzunähern, schafft es aber auch nach ihrem Tod nicht.

Die Gründe für ihren spektakulären Selbstmord, für ihren Wunsch die Welt so wie sie ist, werden nicht klar, natürlich gibt es viele Möglichkeiten die zu nennen wären und die der Erzähler gemeinsam mit dem Leser für sich entdeckt, oder zumindest ahnt, denn offen ausgesprochen wird nichts. Ein paar Psychologen und Medienleute versuchen sich an Erklärungen, aber dies bleiben Versuche.

Und das ist auch gut so und eine der Stärken des Buches:
Wie kann man auch erklären, dass sich fünf junge Schwestern, keiner häuslichen Gewalt ausgesetzt (sieht man von den strengen, puritanischen Ansichten der Mutter ab die die Mädchen zu ihrem Schutz im Goldenen Käfig des Hauses hält), keiner Katastrophe ausgesetzt, sich das noch kaum gelebte Leben nehmen?
Ist Selbstmord zu erklären?

Hat der Psychiater Recht der die verschiedensten marginalen Gründe anführt, die zusammen aber eine kaum zu ertragende Last bilden?
Aber was bildet die Last der Mädchen?
Sie verstehen sich gut, sehen hübsch aus, wirken anziehend auf Jungs und doch schotten sie sich ab, natürlich auch durch das Drängen der Mutter.
Diese erlaubt nach dem gescheiterten Selbstmordversuch der Jüngsten und den Ratschlägen der Psychologen eine Party, die einzige im Leben der Mädchen. Zu deren Abschluss auch Cecilia ihren ersten Versuch mit dem gewünschten Ergebniss wiederholt.

Ihr Tod schreckt die Nachbarschaft auf.
Ja, natürlich, die Lisbons waren immer anders, ihre Mädchen immer sehr behütet und nicht sehr gesellig. Aber was bringt ein so junges Mädchen zum Selbstmord? Nachbarn und Lehrer, Mitschüler reagieren ratlos.

Die vier verbleibenden Mädchen schotten sich immer mehr ab, trotz Versuche einiger Jungs, sie aus ihrer Isolation zu holen.
Doch dieser Versuch, die Einladung der Mädchen zum Abschlussball, endet mit der Entdeckung von Lux Affäre zu einem Herzensbrecher und die Mutter nimmt die Mädchen umgehend von der Schule, "damit sie ihre Trauer besser bewältigen können".
Den Jungs bleibt nun das voyeuristische Spähen in die Fenster des immer mehr verfallenden Hauses dessen Bewohner wie Geister leben die sich nicht mehr um Kontakt zur oder ihren Eindruck auf die Aussenwelt scheren.

Keines der Mädchen verlässt je das Haus, genauso wenig die Mutter und irgendwann werden auch keine Lebensmittel mehr geliefert, der Rasen wird seit Monaten nicht mehr gemäht, die Tragödie der Familie wird zum ästhetischen Ärgerniss der Nachbarschaft.
Als auch der Vater seinen Lehrerjob an der Schule der Mädchen verliert ("wie kann jemand der seine Familie nicht im Griff hat unsere Kinder erziehen?") schliesst sich endgültig die Tür zur Aussenwelt.

Doch die Jungs entdecken Signale, die Mädchen versuchen, zu kommunizieren und durch heimlich abgespielte Musik und nächtliche Lichtsignale findet man eine Sprache.
Und die Jungs erhören den Hilferuf, den Plan zur Flucht.
Tapfer und voller Tatendrang wir ein Auto besorgt, Geld, um die Mädchen weit weg zu bringen von ihrer jämmerlichen Existenz in den Klauen der Mutter und des Hauses.
Doch als die Jungen Nachts in das Haus kommen, empfangen von Lux die im Wagen warten möchte, entdecken sie mit Entsetzen dass die Mädchen ganz andere Fluchtpläne hatten, nicht die Mutter und das Haus wollten sie hinter sich lassen, sondern ihr ganzes Leben.
Jedes der Mädchen hat einen anderen Weg gewählt, jeder der Selbstmorde war geplant und aufeinander abgestimmt.
Den Jungs bleibt nur noch, mit Entsetzen den Notarztwagen zu beobachten, der in dieser Nacht zum vierten mal kommt (zweimal wegen Cecilia, deren erster Versuch scheiterte, einmal wegen Lux die des Nachts nach sexuellen Eskapaden ins Krankenhaus eingeliefert wird).
Mary kann dieses mal noch der Magen ausgepumpt werden, doch wie bei Cecilia ist ihr zweiter Versuch erfolgreich.
Und mit der letzten der fünf Lisbon Mädchen verschwinden dann auch die Eltern. Nachts wird das Haus verlassen und der Schandfleck der Strasse, das in seiner verwahrlosten Zerottenheit als Mahnmal an die unbegreifliche Tragödie inmitten der gepflegten Nachbarschaft vegetierte, kann endlich von einem jungen, optimistischen Paar bezogen werden.

Doch das Loch dass der nicht zu erklärende Tod der Mädchen in die Herzen der Jungs und die Köpfe der Menschen gerissen hat, verbleibt und beschäftigt auch den Leser.
Denn eine abschliessende Erklärung bleibt aus. Warum tötete sich Cecilia? Und warum folgten die anderen? Wären die Mädchen ein weniger geselliger gewesen, wären sie mit Sicherheit sehr beliebt gewesen und mit ein bisschen Willen hätten sie sich bestimmt auch zuhause Freiräume schaffen können.

Ein Buch über dessen Inhalt und dessen Aussage man noch lange nachdenkt.
Weil nämlich Jeffrey Eugenides das stilistische Meisterwerk verbringt und uns mitsamt dem uns gleichberechtigten Ich-Erzähler zum Voyeur werden lässt.
Wir bekommen nicht einmal Einsicht in die Gedankenwelt der Mädchen, wir können wir die Jungs nur mutmaßen, alles was wir über sie wissen und über sie denken zu wissen beruht allein auf Beobachtungen Anderer.

Das Buch besticht durch all die sorgfältig geschilderten Details, die feinen Beobachtungen und die Schilderung der Empfindungen des Erzählers und es fesselt durch die unglaubliche Spannung die durch das Wissen über das finale Ende der Mädchen von Anfang an nicht geschmälert sondern ehr gesteigert wird. Denn auf jeder Seite wartet man auf die Antwort des WARUM um dann am Ende einzugestehen, dass es die EINE Antwort darauf nicht geben wird und kann.
Die Köpfe der Mädchen und ihre Empfindungen bleiben uns verschlossen und es ist gut so. Denn so ist es im Leben auch wenn Menschen plötzlich den Tod dem Leben vorziehen und die Nachwelt hilflos mit der Erforschung der Gründe zurück gelassen wird.

Das Buch zeigt Hilflosigkeit und Unvermögen solche Tragödien zu verstehen und mit ihnen umzugehen, und das auf eine vollkommen unsentimentale aber auch nicht sarkastische Art und Weise.
Ein Buch, das skurrile Züge trägt aber doch die Realität mit seinem bitteren Nachgeschmack wunderbar tangiert.
Wie gesagt, ein Buch mit dem Jeffrey Eugenides Figuren geschaffen hat, die durch die Art ihres Todes auch im Kopf des Lesers noch für einige Zeit nach der Lektüre spürbar lebendig bleiben.


Produktinformation

* Verlag: Bloomsbury Publishing
* 2003
* Ausstattung/Bilder: 2003. 249 p.
* Englisch
* Abmessung: 20 cm

* Gewicht: 205g
* ISBN-13: 9780747560593
* ISBN-10: 0747560595
* Best.Nr.: 11796232

Dienstag, 14. August 2007

L´ignorance von Milan Kundera



Über Milan Kundera Bücher schreiben ist immer schwer, auch das Zusammenfassung der Handlung für interessierte Freunde ist mir meist unmöglich. Das liegt hier nicht primär daran dass ich einfach absolut nie den roten Faden finde wie mein chouchou sagt, nicht auf den Punkt komme, sondern dass man aus der Lektüre eine Kundera Romans wie aus einem Traum auftaucht.

Die Geschichte schlittert meist haarscharf surreal an der Realität vorbei, die Charaktere leben, wirken aber wie losgelöste, ätherische Abziehbilder von guten Bekannten.
Die Dialoge lassen manchmal mit wenigen Worten eine kafkaeske Traurigkeit und Einsamkeit erkennen und doch ist die Sprache schön, gewählt und wunderbar eingänglich.

Auch in diesem Roman geht es um Einsamkeit, Liebe die gesucht wird oder gefunden wurde, um die Suche nach sich selbst und seinen Platz in der Welt, im Leben.

Protagonisten sind Irena und Josef, die beide vor zwanzig Jahren Tschechien und ihr altes Leben verliessen um in ein neues zu emigrieren.
Diese Emigration betrieben sie aus unterschiedlichen Entscheidungen, die teilweise aus ihrer damaligen Unwissenheit getroffen wurden.
Beide setzten 20 Jahre lang keinen Fuß in ihr Mutterland und setzten sich so einer Unwissenheit da ihre Vergangenheit, all die Menschen die sie dort kannten, ihre Familien von nun an kein Interesse mehr zeigt und auch das ihre nicht mehr befriedigt, auf beiden Seiten der Grenze herrscht Unwissenheit über das Leben der anderen.

Irena ist damals mit ihrem Ehemann nach Paris gezogen, der aber starb.
Josef heiratete eine Dänin, auch sie starb und er lebt in einer Welt der Andenken an sie.
Irenas neuer Partner Gustav liebt Prag, das neue Prag, das Prag der Touristen und Kosmopoliten und er versteht nicht, warum Irena ihm, der dort extra für sie, eine Filliale aufgemacht hat, nicht öfter dorthin folgt.
Auch Josefs verstorbene Frau verstand nie seine Unlust, seine Heimat zu besuchen.

Nun, durch die Unwissenheit anderer über ihre inneren Beweggründe zur Unmut doch dazu getrieben, reisen beide nach Tschechien und treffen sich auf dem Pariser Flughafen.
Irena erinnert sich an Josef, erkennt ihn wieder und er vermag ihr seine Unwissenheit über ihre Identität nicht einzugestehen, er hat komplett vergessen sie jemals getroffen zu haben.

Dennoch verabreden sie sich für ein Rendevous ein paar Tage später und werden in der Zwischenzeit mit der Ignoranz ihrer alten Bekannten und ihrer Familien ihrem Leben in der Emigration gegenüber konfrontiert.

Hier sind sie nun Fremde die nur dann wieder in den Kreis der Vertrautheit aufgenommen würden, wenn sie ihrem Leben ausserhalb entsagen.
Doch das können beide nicht, keiner von ihnen kann in der Vergangenheit leben und die permanente Erinnerung daran ertragen.

Sie verbringen eine gemeinsame Nacht die durch die Unwissenheit Josefs über Irenas Namen aber unschön endet.
Und auch die anderen Figuren des Romanes wurden in ihrem Leben Opfer falscher Entscheidungen die sie mehr oder weniger prägten und der Leser merkt, wie subjektiv Erinnerungen sind und welchen Einfluss subjektive Einschätzungen auf das weitere Leben haben können.

Das große Thema dieses Buches ist aber wohl Heimat und der Verlust dieser, die verschiedenen Formen der Sehnsucht nach ihr und die traurige Feststellung, dass eigentlich nur man selbst weiß was in einem vorgeht, was man vermisst und fühlt da bei anderen, auch bei großem Interesse, immer Unwissenheit über den anderen und sein Innerstes vorherrschen wird.

Ein kurzes und kurzweiliges Buch das aber Kundera typisch große Themen mit Leichtigkeit berührt.

Détails sur le produit

* Broché: 236 pages
* Editeur : Editions Gallimard (10 février 2005)
* Collection : Folio
* Langue : Français
* ISBN-10: 2070306100
* ISBN-13: 978-2070306107

Montag, 13. August 2007

Until I Find You von Jack Irving



So, das war dann der letzte Roman von John Irving der mir noch gefehlt hat. Und auch wenn ich viel schlechtes über ihn gehört habe so habe ich die Lektüre dieses fetten Wälzers doch sehr genossen, jede Seite davon. Nun neige ich aber auch nicht dazu, jedes Buch mit den anderen Werken eines Autos in direkten Vergleich zu stellen. Mir ist wichtig dass mich die lieb gewonnene Sprache meiner Lieblings-Autoren nicht enttäuscht, ihre witzige Eloquenz und ihre skurrilen Einfälle.
Und da ist es ein echter, toller John Irving.

Empfohlen wurde mir das Buch von Hennes dem tollen Tätowiermann, der meinte, abgesehen dass es eben ein saucooles John Irving Buch ist, wäre dieser Roman so gründlich recherchiert und einer der wenigen Romane mit dem Thema Tattoos drin der nicht vor hanebüchenem Blödsinn strotzt.
Also gut, buecher.de und das Buch auf Englisch bestellt und ein bisschen aufgeregt dass man 840 superdünne Blattseiten so winzig mit schlechter Tinte bedrucken kann, so dass beim feste Daumen aufdrücken konturlose Flecken entstehen.
Egal, kann John Irving ja nichts dafür.

Der präsentiert wieder ein Panoptikum an originellen Charakteren die durch skurrile Erlebnisse geprägt allerlei aufregendes und kurioses erleben.
Protagonist des Romanes ist Jack Burns der im ersten Teil des Buches als vierjähriger seine Mutter Alice auf einer Odysee durch Europa begleitet deren Ziel es ist, den treulosen Vater von Jack zu suchen.

Alice, die Tochter eines schottischen Tätowieres und daher später in Tätowierkreisen als Daughter Alice bekannt, ist eine Meisterin mit der Nadel und verdient sich das benötigte Geld auf der Suche in renommierten Studios.
So erlebt der kleine Jack und mit ihm der Leser viel aufregendes und interessantes über die Welt der Tattoos und das Casannovaleben seines Vaters, der, wie auf der Flucht, vor ihnen hereist, meisterhaft in Kirche Orgel spielend und sich bei den besten Tätowierern der jeweiligen Stadt Noten und Liedzeilen berühmter Hymnen, Choräle oder Oratorien auf den Körper tätowieren lässt. Und dabei en passant die jüngsten Herzen bricht, so wie er einst das von Alice gebrochen hat.

Letzter Punkt auf der Suche ist Amsterdam, wo Alice auch beruflich in das Leben im Rotlichtbezirk eintaucht, den kleinen Jack immer mit dabei aber in der Obhut befreundeter Prostituierter wenn es etwas vor seinen Kinderaugen zu verbergen gibt.
Doch auch Alices Versuch, Jacks Vater mit dem Singen von Chorälen im Rotlichtbezirk anzulocken scheitert und die beiden reisen nach Kanada ab, wo Alice sich nun endgültig mit Jack in Toronto niederlässt und für ihn den Besuch in einer Mädchenschule vorgesehen hat.

Hier in St. Hildas beginnt der zweite Teil des Buches und der Leser erlebt mit erstaunen und teilweise mit entsetzen wie aus dem unschuldigen Jack inmitten all der älteren Mädchen und reifen Frauen ein frühreifer Jugendlicher wird, der, ohne eigenene Intention und mit unbekümmerter oder naiver Unschuld seine Unschuld schon in ganz jungen Jahren verliert. All die Frauen und Mädchen und später auch er selbst reden ihm ein, dass dies eine unweigerliche Konsequenz aus seiner Abstammung vom Herzen brechenden Vater sein muss, dessen gutes Aussehen und lange Wimpern er geerbt hat.

Jacks wichtigste Bezugsperson ist neben einer älteren Lehrerin die seiner älteren Freundin Emma, die später durch die Beziehung von Alice zu Emmas Mutter quasi zu seiner inoffiziellen Stiefschwester und (fast ganz) platonischen Freundin und Mitbewohnerin wird.
Jack entdeckt schon jung sein Interesse am Wrestling und das noch viel größere an der Schauspielerei bei der sein Talent, gerade in Frauenrollen schnell jedem deutlich wird.
So ist der zweite Teil des Buches Jacks frühes Erwachsenwerden, seine zahlreichen sexuellen Erlebnise, die ihn von Kindheit auf prägen was der Leser zwar ungläubig aber nicht mit großem Entsetzen verfolgt, weil Jack die schrecklichen Ausmasse dieser Vergehen an seiner Unschuld gar nicht bewusst sind. Er selbst erkennt nicht das Unrecht dass ihm da von älteren Frauen zugefügt wird und dass ihn sein ganzen Leben lang prägen wird.

Jack wird erwachsen und bleibt doch innerlich ein unsicheres Kind das Liebe bei älteren Frauen sucht und Emma braucht.
Er wird ein berühmter Schauspieler und lebt mit Emma, die inzwischen eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin ist, in Hollywood.

Nach Emmas Tod arbeitet er mit ihrer posthumen Hilfe ihren erfolgreichsten Roman in ein Drehbuch um dass mit ihm als Hauptdarsteller erfolgreich verfilmt wird und für dass er einen Oscar erhält.
Doch ohne Emma fehlt ihm der Halt, denn seit seiner Schulzeit ist auch der Kontakt zu seiner Mutter ein sehr oberflächlicher und Dinge laufen aus dem Ruder, Jack wird ohne Absicht von seiner sexuellen Anziehungskraft in unmögliche Situationen gebracht und sein Bedürfnis nach Ordnung und Klarheit und einem roten Faden wird eklatant.

Diesen versucht ihm seine Psychaterin Dr. Garcia zu geben, die dem dritten Teil des Buches den Titel gibt.
Die veranlasst Jack, sein ganzes Leben noch einmal zu rekapitulieren und es chronologisch geordnet von verfälschenden Einflüssen zu bereinigen.
Und so, mit Hilfe von Emmas Mutter Mrs. Oastler und seiner alten Lehrerin Mrs Wurtz, deren Herz immer noch Jacks Vater gehört, beginnt er, all das erlebte, all die Erzählungen von Alice über seinem Vater in einem neuen Licht zu sehen. Denn dieser war nicht der notorische Fremdgänger und Herzensbrecher als den Alice ihn Jack gegenüber immer dargestellt hat, er hat all die Herzen nicht gebrochen, nur eines, das von Alice die sich dafür bitter rächte.

Jack reist nach Europa, vollzieht die Suche noch einmal nach und erkennt dass es sich dabei ehr um einen Rachefeldzug von Alice gehandelt hat.
Sein Vater erscheint, durch die Aussagen aller Menschen die Jack, nun erwachsen und nicht mehr so beeinflussbar wie als Vierjähriger, ein zweites mal trifft in einem ganz anderen Licht und Jack erkennt dass sein Entschluss, nie eine Familie zu gründen um nie einem Kind ein so schlechter Vater zu sein wie der seine ihm, komplett falsch war und er sein bisheriges Leben durch Lügen seiner Mutter unter vollkommen falschen Prämissen gelebt hat.

Am Ende trifft Jack nicht nur seine Halbschwester Heather, er wird auch mit seinem Vater vereint der Jack seit seiner Kindheit nie aus den Augen gelassen hat. Das Phantom Williams Burns das ihn sein Leben lang verfolgt hat wird zu Fleisch und Blut, zu seinem Fleisch und Blut und Jack ist zum ersten mal in seinem Leben angekommen, zuhause.
Sein Vater, mit Ausnahme der Zehen, der Hände und des Gesichtes, mit Tattoos übersät und mit Liebe zu Jack und seiner Schwester ausgefüllt ist der sichtbare Beweis dass auch jemand mit Jacks schmerzenden Erfahrungen und Erlebnissen ein liebender Vater sein kann.

Until I find you ist ein Roman über die Suche nach den Wurzeln und nach sich selbst, darüber, wie die Erzählungen anderer, so falsch sie auch sein mögen, einen prägen und zu was Menschen aus Schmerz und Liebe fähig sind.
Es ist eine Geschichte über die Geschichten hinter Tattoos, eine Geschichte über das Erwachsen werden und wie fragil dieser Prozess ist. Es ist eine Geschichte in der subtil der Kindesmissbrauch zum Thema wird und ein ganzes Leben bestimmt.
Es ist die Geschichte von vom Verlust gezeichneter Personen, die Geschichte ihrer Suche nach Linderung. Es ist eine Geschichte in der Sex oft mit Geborgenheit verwechselt wird und somit eine Geschichte, die zeigt, dass das wichtigste im Leben und in der Entwicklung eines Menschen seine vertrauensvollen, Liebe bauenden Bindungen zu anderen Menschen sind, seien es die Eltern, die Geschwister oder später der/die Partner.
Es ist eine wunderschöne und manchmal schmerzende Geschichte, eine "typische" John Irving Geschichte somit, die nie langweilig ist, immer wieder überrascht und einen immer wieder mit altbekannten Themen konfrontiert.

Until i find you ist ein tolles Buch, man darf nur nicht den Fehler machen, es direkt mit anderen John Irving Büchern zu vergleichen.

840 sehr eng bedruckte Seiten die mir viel Freude gemacht und mich zum Nachdenken gebracht haben, die Jack Burns immer noch in meinem Kopf lebendig halten und mich mit jedem Blick auf ein Tattoo an seine Suche erinnern.
Ein tolles, Eindruck hinterlassendes Buch also.


Produktinformation

* Ballantine Books
* Verlag: Importtitel; Ballantine
* 2006
* Ausstattung/Bilder: 2006. 839 p.
* Englisch

* Abmessung: 17 cm
* Gewicht: 405g
* ISBN-13: 9780345492302
* ISBN-10: 0345492307
* Best.Nr.: 20752580