
Dies ist das erste Buch eines türkischen Autors das ich lese und ich bin begeistert. Vielleicht weil es ein sehr türkisches Buch ist in dem Sinne, dass es ein sehr präsentes türkisches Thema behandelt, nämlich die innere Zerrissenheit im Land, besonders im Osten, der Teilung in westlich orientierte Kemalisten und islamisch bedachten Nationalisten, seien sie türkischer oder kurdischer Abstammung, dem Militär auf der einen Seite und den religiöse Traditionen achtenden Hardlinern auf der anderen Seite.
Ein Buch das mir einen guten Eindruck von den schmerzenden Gräben vermittelt hat die durch politische und religiöse Überzeugungen mitten durch Dörfer und teilweise Familien laufen und die aktuelle politische Spannung in der Türkei hervorgerufen haben.
Darüber hinaus gibt es den verschiedenen Meinungen zur Kopftuch-Debatte eine Stimme, warum tragen die Frauen mit starkem islamischen Glauben Kopftücher, warum möchte der laizistische Staat dieses unterbinden, was raubt man den Frauen wenn man restriktive Verbote zum Tragen ausspricht?
Diese Frage ist die Initialhandlung des Romans, denn der seit über 20 Jahren im Frankfurter Exil lebende Journalist und Dichter Ka reist zur Beerdigung seiner Mutter nach Istanbul und bekommt dort von einem befreundeten Journalisten den Auftrag, die Selbstmordwelle der Kopftuch-Mädchen zu untersuchen, die sich seit einiger Zeit in dem abgelegenen Ort Kars ereignet.
Die Frage ist, warum die Mädchen diese finale und schreckliche Antwort auf das staatliche Verbot ihre Kopftücher weiterhin in der Universität zu tragen wählen.
Ist es stolz, Verzweiflung angesichts ihrer starren Lebensumstände oder wirklich bedingungslose Hingabe an Gott mit Angst ihn zu enttäuschen?
Die Selbstmorde wühlen nicht nur die Bürger von Kars auf, sie bewegen die ganze Türkei. Denn was diese religiösen Mädchen begangen haben, ist eine schlimme Todsünde und die Frage, ob Gott sie dann nicht lieber mit entblößtem Haupt gesehen hätte, beschäftigt viele. Der Staat versucht mit grotesken Plakatkampagnen den aufrührerischen Aktionen Einhalt zu gebieten und versteht es nicht, die Gründe der Mädchen nachzuvollziehen.
Ka, der weiß dass dort seine alte Kommilitonin Ipek lebt, und das nun geschieden von ihrem Mann, sagt zu über die Vorkommnisse in Kars zu berichten, in der Hoffnung, Ipek für sich gewinnen zu können um seine schmerzende Einsamkeit in Frankfurt zu beenden.
Seine Ankunft in Kars, nach eineinhalb Tagen Busfahrt, ist die letztmögliche, es schneit so sehr dass alle Straßen gesperrt werden und Ka findet sich so nun in einer vollkommen isolierten, von Schnee bedeckten kleinen Welt wieder, einem Mikrokosmos in dem die verschiedensten Strömungen, seien sie politisch oder religiös, aufeinander treffen und eine extrem angespannte Atmosphäre erschaffen.
Seine Befragungen der Bewohner und der lokalen Autoritäten des Staates, der Presse oder der Wirtschaft zu den Lebensumständen und Beweggründen der sich getöteten Mädchen gibt dem Leser schon einen sehr guten Hinweis auf die Zerrissenheit der Bewohner von Kars, auf die unterschiedlichen Positionen zu allen möglichen Themen, auf die unterschiedlichen Motive und Handlungsgrundlagen die fast alle auf den großen Graben zwischen Religion und Staat zurückzuführen sind, zwei Lager die in der Türkei nicht zueinander kommen zu können. Oder zumindest in dem kleinen, abgeschiedenen und von Armut und Arbeitslosigkeit geprägten Ort Kars nicht.
All die historischen Auslöser dieser Diskrepanzen und Feindschaften, all die Vorbedingungen für die wirtschaftliche und emotionale Depression die überall in Kars zu spüren sind werden in dem Roman durch die verschiedenen, sehr gut in ihrer Postion überzeichneten Figuren deutlich gemacht und ich hab zum ersten Mal das Gefühl, ansatzweise zu verstehen warum die Türkei manchmal so fremd wirkt, einfach weil sie Zerrissen ist zwischen dem Streben nach Westen und der Verhaftung im Orient, der Zerrissenheit zwischen Aufklärung, Aufbruch und Ungewissheit auf der einen und Tradition, Religion und Angst vor Neuem auf der anderen Seite.
Ka wandert wie ein neutraler Beobachter durch die verschneiten Strassen Kars, obwohl die meisten in ihm den verwestlichten, fremden Atheisten sehen. Er besucht die diversen, unzähligen Teehäuser in denen die meist arbeitslosen Männer mit Diskussionen und Rauchen ihre Langeweile vertreiben.
Dass er schon früh in Kars, durch den Anblick der perfekt geformten Schneeflocken, die Erinnerungen an seine Kindheit und die glücksseeligen Momente beim Gedanken an eine gemeinsame Zukunft mit Ipek eine innere Verbundenheit mit Gott spürt, scheint für die Aussenwelt nicht glaubhaft, ist er doch auf der Seite des Westens und des Staates und ein Westler ist nach Überzeugung der religiösen Traditionalisten automatisch ein Atheist.
Die Spannungen, die schon durch die ersten Gespräche die Ka mit den Bewohnern Kars führt deutlich werden, erreichen ihren Höhepunkt als ein Theaterstück aufgeführt wird, dass den Tod der Kopftuch Mädchen thematisiert. Der Regisseur und Hauptdarsteller benutzt das Stück um mithilfe eines eng befreundeten Armeechefs eine Revolution zu inszenieren, die dann in einem realen Aufstand mit vielen unschuldigen Toten endet. Eine Art Notstand wird ausgerufen und die Gewalt, der Hass und die Feindschaften untereinander treten nun offen zutage.
Ka, der von allen auch als Botschafter an den Westen betrachtet wird, gerät zwischen die Fronten, jede der verschiedenen, sich bekämpfenden Parteien will ihn für sich missbrauchen und setzt in auf die verschiedensten Arten unter Druck.
Ka selbst, der zum ersten mal seit langer Zeit in der trostlosen Umgebung wieder Momente des Glücks und der Zuversicht verspürt (leider unterbrochen von immer wieder auftauchenden paranoiden Anschüben und Depressionen) möchte eigentlich nur nach Frankfurt zurück, gemeinsam mit der wunderschönen Ipek, die sich auch ihm immer weiter öffnet aber noch ein letztes Geheimnis zurück hält.
Ipek, deren Schönheit legendär ist, war einige Jahre mit einem alten Schul und Dichterkollegen von Ka verheiratet, dieser liess sich allerdings von ihr scheiden nachdem sie kein Kind bekommen konnte. Nun lebt sie mit ihrem alten, das Haus nicht mehr verlassenden Vater und ihrer Schwester im Hotel Snow Palace, das ihnen gehört und in dem auch Ka wohnt.
Turgut Bey, Ipeks Vater, mag nach seiner politisch bedingten Haft nicht mehr an die Öffentlichkeit treten während Ipeks Schwester Kadife eine führende Rolle unter den Kopftuch tragenden Mädchen spielt.
Nachdem schon das erste Theaterstück eine Welle von Gewalt und eine vom Regisseur und seinen Anhängern gesteuerten kleinen Millitärputsch auslöste, so soll ein zweites Theaterstück, in dem Kadife vor allem Augen ihr Kopftuch ablegen soll, den religiösen Traditionalisten moralisch den Rest geben.
Auch hier wird Ka wieder als entscheidende Person missbraucht, genau wie Kadife ist er durch Liebe erpressbar geworden.
Denn Kadifes Liebe gehört dem als Terroristen gesuchten radikalen Islamisten Blue, der in Kars im Untergrund lebt und vom türkischen Militär wegen angeblicher begangener Morde gesucht wird.
Auch hier wird in dem Roman wunderbar deutlich wie groß meist der Unterschied zwischen verbreiteter Propaganda und Wahrheit ist, wie sehr die unterschiedlichen Parteien von Egoismus und rücksichtslosen Eigeninteressen gesteuert werden, alles unter dem Deckmantel der Demokratie oder des Wohlergehens der Allgemeinheit.
Ka, mit dem im Verlaufe des Romans alle Parteien und Personen mehr oder weniger offen über ihre Ansichten und Beweggründe sprechen und der eine tiefe Zuneigung nicht nur zu Ipek sondern auch zum offenherzigen Koranschüler Necip (und später zu seinem besten Freund und Seelenverwandten Fazil) entwickelt, beugt sich keiner Seite.
Wie ein Schwamm nimmt er all die geäußerten Positionen und Deklarationen in sich auf, die Eindrücke der Gewalt, des Hasses, der Tristesse des Lebens in Kars und des fast schon kafkaesk anmutenden staatlichen Vorgehens und lässt es, gemeinsam mit den schönen Momenten, der Liebe die er sieht und auch selbst empfindet, der Gemeinschaft, der Genügsamkeit und immer wieder des wunderschönen Schnees, in seine Gedichte fliessen.
Diese Gedichte kommen scheinbar aus dem Nichts, geformt aus den Eindrücken die auf ihn einprasseln formen sie sich unvorhersehbar und Ka ist permanent erpicht, diese mit Hilfe seines grünen Notizbuches einzufangen und festzuhalten.
Dass er im offenen Frankfurt so unglücklich war, so einsam und abgeschieden und nichts zu Papier brachte, und nun aber hier, im von der Aussenwelt durch all den Schnee abgeschiedenen und von Armut, Tristesse und Gewalt geprägten Kars ein Gedicht dem anderen folgt, verwundert ihn selber. Und lässt ihn mehr und mehr an Gott denken.
Und an die Liebe. Doch ist das Liebe die Ka für Ipek empfindet? Schliesslich kennt er sie überhaupt nicht, das einzige was er von ihr weiß ist dass sie unglaublich schön ist. Aber das reicht ihm, der Gedanke, mit einer so wunderschönen Frau an seiner Seite zurück in Frankfurt durch die Strassen zu gehen erfüllt ihn mit dem größten Glück.
Und Kadife könnte ihn und Ipek besuchen, das würde Ipek glücklich machen. Aber dazu muss auch Kadife glücklich sein und dazu müsste ihr Geliebter Blue seinen militärischen Häschern entkommen und darum muss Ka plötzlich große Risiken eingehen, muss agieren und sich einmischen.
Und dann, als das Glück greifbar scheint, Ipek ihre Koffer für Frankfurt gepackt hat, nehmen Kas Ängste und seine Eifersucht auf Ipeks Vergangenheit Überhand und nehmen ihm alles.
Vier Jahre später, zurück in Frankfurt, alleine, wird Ka von Unbekannten erschossen. Von islamistischen Radikalen? Vom türlkischen Geheimdienst? Vom Zufall?
Der Erzähler in dem Roman, ein Schriftsteller namens Orhan (!!) der mit Ka sehr gut befreundet war, versucht das Geheimnis aufzuklären. Und in erster Linie möchte er den Verbleib des grünen Notizbuches heraus finden, in das Ka in Kars all seine Gedichte und Gedanken dazu notiert hat.
Wo ist dieses Notizbuch? Unter seinen Sachen in seiner Frankfurter Wohnung befindet es sich nicht. Wie ein Detektiv wertet Orhan jeden zurück gelassenen Schnipsel aus Kas Leben aus, macht sich einen Reim aus Kas Beweggründen anhand seiner Habseligkeiten.
Das Notizbuch bleibt unauffindbar und Orhan reist nun selbst nach Kars und wandelt quasi auf Kas Spuren, trifft alle Leute die Ka zuvor getroffen hat, verliebt sich wie Ka zuvor in Ipek und schliesst Freundschaft mit Fazil, der inzwischen seine seit langem angebetet Kadife geheiratet hat.
Doch auch hier ist das Notizbuch nicht und Orhan kommt zu der Vermutung, dass es eines der Motive für seinen Mord in Frankfurt war. Gerüchte werden laut dass eine radikal islamische Zelle aus Berlin dahinter steckt.
Ob Orhan diese Spur weiter verfolgt, wird nicht ganz klar, er verabschiedet sich von seinen neuen und Kas alten Bekannten am Bahnhof, bekommt von diesen noch eine Menge Erinnerungen an Ka mitgegeben und fährt wie dieser zurück in sein westliches, modernes Leben.
Orhan weint beim Verlassen Kars und es bleibt dem Leser überlassen, zu ergründen warum. Vielleicht hat er wie Ka auf ein Glück mit Ipek gehofft, auf eine Erlösung aus der Einsamkeit. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes.
Der Schnee, Titelgeber des Romans und zentrales Element im Erleben Kas, kommt wieder und wieder vor, er ist so präsent dass man beim Lesen fast ein wenig fröstelt und gleichzeitig alle Figuren in einem weißen Schimmer sieht.
Der Schnee löst in Ka schon auf der Hinfahrt im Bus tiefe Emotionen aus und bringt seine Gedanken immer wieder zurück in seine Kindheit, die er mit Unschuld und an Glück grenzender Unbeschwertheit verbindet. Darüber hinaus löst der Schnee in Ka immer wieder Gefühle der Nähe zu Gott aus und die Perfektion der Schneekristalle veranlasst ihn sogar, seine in Kars verfassten Gedichte auf den symmetrischen Achse einer Schneeflocke thematisch anzuordnen.
Ebenfalls zentral und immer wieder gestellt in dem Buch ist die Frage, ob der Westen zum wahren Glauben fähig ist, und wenn nicht, wie die radikalen Islamisten glauben, warum man dann eine Annäherung oder gar Imitation anstreben soll. Die verschiedensten Personen, auch die streng laizistischen, geben Ka Auskunft und Einblick in ihre Art des Glaubens und veranlassen so den Leser, selbst über seinen ganz eigenen Glauben nachzudenken.
Und auch das Bild, das der Westen von dem traditionellen Teil der Türkei hat wird thematisiert und veranlasst ebenfalls zur Selbstreflektion.
Mich jedenfalls hat dieser Roman sehr bewegt und sehr sehr viel beigebracht über die Türkei, über Zerrissenheit, über historische Kämpfe die noch heute unnötig erscheinende Gewalt nach sich ziehen.
Und ich habe mit diesem Roman den Nobelpreisträger Orhan Pamuk kennen gelernt der diesen wichtigen Preis wie ich finde zu Recht bekommen hat.
Ich werde bei sich bietender Gelegenheit auf jeden Fall noch weitere Romane von ihm lesen, um nicht nur ihn, sondern auch dieses spannende Land Türkei besser kennen zu lernen und zu verstehen, von dem wir mitsamt seiner Nation ein reichlich verzerrtes und oft ignorantes Bild in uns tragen.
Produktinformation
* Verlag: Faber & Faber, London
* 2004
* Ausstattung/Bilder: 2004. 436 p.
* Englisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 225g
* ISBN-13: 9780571222995
* ISBN-10: 0571222994
* Best.Nr.: 12911218





