
Das zweite Buch das ich nun von Dai Sijie lese, nach Balzac und der kleinen Schneiderin welches auch weiter unten vorgestellt wurde.
Und wieder zieht mich der Autor sofort in seinen Bann, versetzt mich unverzüglich nach China und konfrontiert mich mit einer anderen Kultur und einer Poesie in den Beschreibungen, die ihn wahrhaft auszeichnen.
Es st wunderschön, die Gerüche und Farben des Erzählten fast tatsächlich zu erspüren und wahr zu nehmen, so gut und mit liebevoller Sorgfalt sind sie beschrieben, so bildlich wird alles skizziert und zuweilen auch ausgeschmückt.
Gerüche, Geräusche, Farben und Gesichtsausdrücke werden mit einer solchen Liebe zum Detail beschrieben, dass man die Augen schliessen kann und in China ist, man sieht was die Menschen im Roman sehen, man hört wie das Wasser gluckert und die Luft schwirrt, man riecht die Geranien und man mag sich am liebsten die Nase zuhalten wenn üble Gerüche von Abfall die Szenerie einnebeln.
Und dann all die grandiosen Beschreibungen der Figuren an sich: die Beschaffenheit ihrer Haut, ihrer Haare, ihrer ganzen Physiognomie, ihrer Gerüche und ihrer Mimik.
Dazu kommen die Eigenarten der Charakter, ob sie durch typische chinesische Marotten oder doch ehr von verschrobene Angewohnheiten beseelt sind, vermag ich nicht zu sagen, auf jeden Fall muss ich oft, sehr oft schmunzeln, gerade in diesem Roman von Dai Sijie, der noch tragisch-komischer ist als die kleine chinesische Schneiderin. So stelle ich mir China vor, das vergangene und das heutige, fremd und exotisch und doch auch so wie wir alle sind. Mit ganz viel Mah-Jong, Opium und Tee, etwas gruseligen Essgewohnheiten (lebende Mäusebabys!!), der alles bestimmenden Partei, jovial-vulgären Parteifunktionären und bestechlichen Bürokraten und dann wieder voller Wärme die in Familien und unter Freunden herrscht. Aber trotz all der Liebe mit der er Landschaft und Geschmäcke beschreibt, so merkt man doch an vielen Stellen, dass Dai Sijie es schwer gehabt haben muss in China, denn immer wieder zeigt sich mit unverhohlenem Spott oder entlarvender Komik die Kehrseite dieses Landes, seine politischen Vergehen in Vergangenheit und seine korrumpierte Haltung in der Gegenwart und die immer währende Unterdrückung jeglicher Kritik
Hauptfigur dieses Romans ist der 40 jährige Muo, vielleicht erster Psychoanalytiker Chinas, der 1980 nach Paris ging um dort 12 Jahre zu verbringen, hauptsächlich mit dem Lesen von Freud und der Niederschrift seiner eigenen Träume. Ausgestattet mit einem bescheidenen Stipendium lernte er so erst die französische Sprache und dann, durch unzählige Konsultationen bei einem richtigen Psychoanalytiker, die Kunst der Traumdeutung. Er ist alles andere als hübsch, kurzsichtig, hat aber ein gutes Herz und ist, vielleicht berufsbedingt, ein permanenter Beobachter und Hinterfrager, was ihn dem Leser äusserst sympathisch macht in seiner oft hilflosen Art.
Erzählt werden abwechselnd seine Erlebnisse in der heutigen Zeit, es ist das Jahr 2000 und dann seine Erinnerungen an sein früheres Leben als Heranwachsender in China.
Muos Geschichte ist die einer Suche, die Suche nach einer Jungfrau wie schon schnell klar wird und warum er eben diese sucht, erschliesst sich dem Leser auch anhand von Rückblicken. Rückblicken die manchmal melancholisch erscheinen, denn das China aus Muos Kindheit und Jugend ist ein poetischeres als das der heutigen Zeit, wo Geld und Lust die Antriebsfedern im Alltag zu sein scheinen und die Muße und Sorgfalt in Muos Worten und Beschreibungen mit der schnelllebigen Realität kollidiert. So ist eine liebevoll beschriebene Teestube an einem Tag eine antiquierte Oase der Ruhe und des kostbaren Genusses und beim nächsten Besuch, eine Woche später, eine lärmende Billiard-Bar mit amerikanischem Wild-West Anstrich.
Doch Muo lässt sich nicht beirren, er, der so lange im Westen gelebt und diesen lieben gelernt hat, sucht sein Glück in seinem Heimatland, das ih oft entfremdet vorkommt, sein Glück, das wird schnell klar, ist ein Mädchen aus seiner Studienzeit, mit dem zauberhaften Namen "Volcan de la Veillie Lune", Vulkan des alten Mondes.
Diese sitzt im Gefängnis weil sie versucht hat, Fotografien von durch Polizisten begangenen Folterverbrechen an die westliche Presse zu schmuggeln und sie, zu der er in Gedanken spricht und die er mit Verklärung ersehnt, zu Befreien, das ist die selbstauferlegte Mission Muos.
Diese Mission gleicht schon bald einer abenteuerlichen und beschwerlichen Odyssee, gilt es doch, den verantwortlichen Richter Di zu besänftigen, und der Preis den dieser, ein kalter, korrupter ehemaliger Scharfschütze und begeisterter Vollstrecker von Todesurteilen, verlangt ist hoch.
Denn der Richter Di, der Geld und Macht genug hat, will als Preis für die Gefangene eine Jungfrau. Denn Sex gilt für chinesische Männer als stärkend und die Defloration einer Jungfrau als Quelle der Lebenskraft.
Doch das Auffinden einer eben solchen ist für Muo, der sexuell noch gar keine Erfahrungen gemacht hat und deshalb und wegen seiner mangelnden Selbstsicherheit auch oft an seiner Eignung als Psychoanlaytiker zweifelt, nicht gerade einfach.
Muo macht sich trotzdem auf und erlebt die wildesten, tragisch-komischsten Maleure und Abenteuer, die den Leser lachen und mit ihm mitfühlen lassen.
So wird er gleich zu Beginn von einem geflüchteten Geistesgestörten überfallen und bewusstlos geschlagen um dann natürlich von den nahenden Wächtern für eben diesen gehalten und zurück in die Psychiatrie gebracht zu werden. Und dort wird er erst mal zum begehrten Studienobjekt, kann der vermeintliche Irre sich doch plötzlich in Französisch ausdrücken und ist in der Lage, ganze Passagen von Freud zu rezitieren, welch ein wundersamer Fall von Schizophrenie! Oder Seelenwandlung?
Jedenfalls scheint sich der gewandelte in der Psychiatrie, "der besten Universität der Welt!", wohl zu fühlen und sein freundlicher Charme nimmt alle für ihn ein. Und so glaubt auch die herbeigerufene Frau des wahren Irren dass dieser sich nur körperlich stark verändert habe, sie möchte ihn gerne mit heim nehmen. Aber da flüchtet Muo, schliesslich hat er eine Mission.
Seine Idee ist ergreifend: als ambulanter Psychoanalytiker und Traumdeuter zieht er nun durch Land um auf diesem Wege herauszufinden, hinter welchen unschuldigen Mädchenphantasien eine wahre Jungrau findet.
Und es stellt sich heraus, dass Muo nicht nur hartnäckig, sondern auch tatsächlich sehr begabt ist, wie ein Detektiv die tieferen Bedeutungen hinter den Träumen seiner Patienten zu finden.
Doch eine Jungfrau findet sich so schnell nicht. Und als er sie dann gefunden hat, nämlich in seiner Nachbarin von damals, der gleichaltrigen Einbalsamiererin, beginnt ein Unglücksserie ohne gleichen, voll tragischer Komik, einer rasanten Komödie voller Mitleid für Muo gleich, welche ich hier nur ÄUSSERST verknappt wieder gebe und jedem der das Buch liest verspreche, dass alles wunderbar zusammen passt, Sinn ergibt und voller lauter Komik steckt:
Der Richter stirbt vermeintlich nach einer Tage- und Nächtelangen Partie Mah-Jong vor dem Eintreffen der ihm als Jungfrau angebotenen Einbalsamiererin, erwacht vor ihr und Muo aber im Leichenschauhaus zu neuem Leben, Muo und die Einbalsamiererin verlieren ihre Unschuld in Folge dessen miteinander, die Einbalsamiererin wird verhaftet und Muo hat nun zwei Frauen die er nach anfänglichem Zögern und Gedanken der Flucht befreien will, diesmal mit Hilfe einer auf seiner ambulanten Traumdeuterreise kennen gelernten jungen Verkäuferin, der er im Gegensatz zu ihrer ersten Nacht mit dem Richter verspricht, sie mit nach Frankreich zu nehmen. Doch leider werden die beiden Opfer eines wahnwitzigen Überfalls und dem Mädchen bricht das Bein, welches nun mithilfe eines skurillen alten Mannes, eines Experten für Panda-Exremente, auf wundersame Art und Weise in kürzester Zeit geheilt werden muss um den Richter doch noch zu besänftigen. Muo, der nun schon so tief selbst in sprichwörtlichen Exkrementen sitzt, verspricht dem Alten im Gegenzug seine Tochter zu heiraten, womit Muo, der ewige unberührte Junggesell, nun quasi das Leben von vier Frauen am Bein hat...und dann auch noch die moralische Schuld die er auf sich laden würde, mit dem "Verkauf" der dem Mädchen doch kostbaren Jungfräulichkeit an den Richter..kann er den Handel eingehen?
Das Buch birgt eine wunderbar ausgewogene Mischung an tragischem und ernstem und dann witzigem und äußerst amüsanten.
So muss man unweigerlich schmunzeln angesichts der Szene, in der die Einbalsamiererin (von Leichen, doch zum Zeitpunkt ihrer Verlobung war sie noch Frisörin für eben diese und lernte so ihren Verlobten Jiang am toten Körper seiner Mutter kennen...) und ihr frisch Angetrauter die erste des Waschmaschine des Dorfes diesem stolz präsentieren wollen und das Resultat ein Haufen Stofffetzen ist.
Als wäre das nicht schon schlimm genug, scheint auch die als Ersatz bestimmte Maschine nicht zu funktionieren, sie wäscht und schleudert so lange,bis alle herbeigeeilten und versammelten Nachbarn entnervt von dannen ziehen um dann wieder einmal nur Lumpen preiszugeben...
Und als wäre DAS noch nicht schlimm genug, springt Jian in der Hochzeitsnacht aus dem Fenster (vermutlich war er homosexuell) und lässt seine Frau als Jungfrau und Witwe zurück, was sie jetzt, mit 40 Jahren, immer noch ist.
Oder Muo, selbsternannter Sherlock Holmes Chinas, der beim Schwimmen einen Frauenschrei hört und ein Verbrechen aufklären will um dann verschämt festzustellen, dass es sich einfach um lustvoll lauten Beischlaf auf offener See handelt.
Ganz grandios als er die Einbalsamierin, die ja im selben Haus wie seine Eltern und er lebt, Nachts besuchen will und bei all den gleichen Wohnblöcken mit all den Etagen und Wohnungstüren das falsche Haus für das seine hält und verwirrt umher irrt und dabei seine eigene Zurechnungsfähigkeit permanent damit überprüft, ob er noch der französischen Sprache mächtig ist.
Dai Sijie ist ein grandioser Schriftsteller, der das vielleicht typisch chinesische mit einem manchmal gemeinen, manchmal liebevollen Augenzwinkern näher bringt und dabei doch immer seine Liebe zum Westen, zur westlichen Kultur, Sprache und Literatur, gerade der französischen, mitschwingen lässt.
Und aufgrund der Biographie von Sijie sind seine Charaktere wunderbar authentisch und lebendig, speisen sich doch viele Wesenszüge und Erfahrungen aus seinen eigenen.
Es ist ein wundervoller Roman voller Leichtigkeit und tiefen Bedeutungen, nie platt aber oft komisch, tragisch-traurig und wundervoll optimistisch zugleich.
Und dieser Roman ist meines Erachtens noch besser als sein Debütroman "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin", denn hier wird China noch lebendiger: aus Worten bilden sich förmlich Gerüche die einem in die Nase und Geschmacksempfindungen in den Mund steigen lassen und Farben erstrahlen plötzlich und lassen eine Landschaft erblühen wie es sonst nur ein Film vermag. Ein Buch wie eine Reise: in ein anderes Land und in die Seele eines anderen Menschen. So soll ein Buch sein.
Détails sur le produit
* Broché: 399 pages
* Editeur : Editions Gallimard (9 juin 2005)
* Collection : Folio
* Langue : Français
* ISBN-10: 2070309215
* ISBN-13: 978-2070309214