
Müsste ich ganz schnell einen meiner Lieblingsautoren nennen, wäre Francois Lelord ganz oben mit dabei und Ulik au pays du desordre amoureux gehört mit zu den feinsten Büchern die ich habe.
Und so habe ich es auch zum dritten mal wieder sehr sehr gerne gelesen und zwei Tage Spaß an der Sicht eines Inuit auf uns Westler gehabt.
Ulik wird als abgesandter seines Inuit Stammes nach Europa geschickt um dort mit der Unesco sein Dorf das Weltkulturerbe ist zu vertreten und gleichzeitig seinen Sponsor, eine in Alaska tätige Erdölfirma in ein positives Licht zu rücken.
Ulik fühlt sich einsam im Hotel, ein Gefühl das er nicht kennt, zuhause in seinem Stamm ist man nie allein.
Und so zieht er bei der Unesco Mitarbeiterin Marie-Alix ein. Die hat eine 17 jährige Tochter und einen kleinen Sohn, der vermutlich an einem Aufmerksamkeitsdefizit leidet oder an einer anderen mentalen Auffälligkeit, ganz genau wird dies nicht benannt, es bleibt dem Leser nur, wie bei Lelord üblich, die sanften Beschreibungen auf sich wirken zu lassen und seine eigenen Schlüsse zu ziehen.
Ulik ist ein aus der Fremde kommender Beobachter unseres zwischenmenschlichen Verhaltens und bringt den Leser immer wieder zum Schmunzeln und Nachdenken, wie verkompliziert unsere zwischengeschlechtliche Kommunikation und unsere Beziehungsansprüche inzwischen sind.
Er erlebt seine kleinen Abenteuer im Alltag und in der Welt der wichtigen Führungspositionen und er hört nicht auf, sich über seine Entdeckungen zu wundern.
Hilfreiche Antworten gibt ihm der inzwischen zum Freund gewordene Psychologe von Marie-Alix Sohn, Doctor Hector, den der Francois Lelord Fan natürlich schon bestens kennt und sich über seine Gastrolle kräftig freut.
Doctor Hector erklärt Uik die vermeintlichen Beweggründe der Frauen und Männer unserer Gesellschaft und Zeit und lässt sich gleichzeitig von Ulik helfen, selbst ein bisschen besser zu verstehen, was ihm gut tut.
Eine der Haupterkenntnisse die er bei seinem Aufenthalt gewonnen hat ist wohl der, dass er noch nie so viele Menschen in so kurzer Zeit auf einem Fleck getroffen aber auch noch nie so viel Einsamkeit und Unzufriedenheit unter ihnen entdeckt hat.
Wir haben so viele Möglichkeiten, unsere Partner zu finden, aber machen es uns durch unsere Ansprüche und Wünsche, unsere Suche nach dem immer besseren fast unmöglich, eine schöne, zufriedene Beziehung zu führen.
Und auch für Frauen ist das Buch eine willkommene, heitere Möglichkeit der Selbsterkenntnis, zeigt es doch wunderbar die Schizophrenie unsere Ansprüche: unglaublich emanzipiert und unabhängig zu sein und uns doch nach Stärke und einem Beschützer zu sehnen.
Ulik lernt das Leben im Westen schätzen, und auch wenn er sich zu seiner Inuit-Versprochenen Navaranava zurück sehnt, geht er doch eine Beziehung mit Marie-Alix ein und wird gerne ein temporärer Teil ihrer kleinen Familie. Er pflegt darüber hinaus eine Affäre mit einer Prostituierten, die er in seiner ersten einsamen Nacht im Hotel kennen und sehr schätzen gelernt hat.
Von der Erdölfirma eingespannt lässt sich Ulik zu Werbemaßnahmen einspannen, die ihn zum gefragten Star machen und auch seine Interviews zu den von ihm beobachteten Unterschieden zwischen dem Leben im Eis und dem in der Stadt, dem zwischen den tradierten Rollen seines Stammes und den komplizierten, emanzipierten im Westen sind gefragt.
Je länger Ulik bleibt, desto weiter rückt das Leben im ewigen Eis in die Ferne, aber am Ende ist die Sehnsucht nach Navaranava und dem Leben in Einfachheit und klaren, unkomplizierten Rollenverteilungen größer.
Der Inuit Jäger in Ulik möchte zurück. Nach Hause. Er hat als Botschafter seines Stammes in der Fremde so viel Geld verdient, dass er nun guten Gewissens zurück kann um dort sein Leben als Jäger wieder aufzunehmen und in einer vorhersehbaren Beziehung und Zukunft alt zu werden.
Doch das bekannte Leben seines Stammes gibt es so nicht mehr. Während seiner Abwesenheit hat die so genannte Zivilisation Einkehr gehalten in die ursprüngliche Welt der Inuit und sie mit Alkohol und den neuen Anforderungen zerstört.
Und so nimmt Ulik Navaranava und das verdiente Geld und sucht sich einen Flecken Erde, der noch ursprünglich und einfach ist, angelt und geniesst das Glück, erkannt zu haben, wie einfach das Leben und eine harmonische Beziehung sein können, wenn man nur weiß was wirklich wichtig ist.
Ein kleines Buch und ein ganz ganz großer Schatz in meinem Buchregal.
Produktinformation
* Verlag: Import F; Presses Pocket, P.
* 2005
* Ausstattung/Bilder: 2005. 269 S.
* Französisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 132g
* ISBN-13: 9782266142120
* ISBN-10: 2266142127
* Best.Nr.: 14183112




