Donnerstag, 27. März 2008

The world according to Garp von John Irving



Wenn ich ein Buch lesen möchte von dem ich weiß, dass es mich unverzüglich in seinen Bann zieht, wenn ich Geschichten lesen möchte die auf der einen Seite so erfrischend anders und gleichzeitig fast schmerzhaft real und unermesslich gut sind, wenn ich Charakteren begegnen möchte deren Geschichten ich ehr im oft wahnwitzigen Alltag als in künstlichen Fernsehserien vermute, dann nehme ich mir ein John Irving Buch aus dem Regal.
Und weiß ich werde nicht enttäuscht.

So hab ich mich diesmal für einige weitere schöne Stunden mit Garp und wie er die Welt sah entschieden, eines von Irvings Meisterwerken das viel zu seinem Ruhm als einem der größten Gegenwartsschriftsteller Amerikas beigetragen hat:
"The World according to Garp".

Garp ist das einzige Kind von Jenny Field, die schon früh durch ihren Lebenswandel und später durch ihre Autobiografie von der Frauenbewegung als Leitfigur vereinnahmt wurde. Denn Jenny Fields hat ihr Leben immer nach eigenen Maßstäben gelegt, sich sehr viel und gut um andere gekümmert aber sich nie um Männer geschert. Und so ist auch Garp Frucht einer fleckigen Empfängnis, denn sein Vater, ein sich im quasi komatiösen Zustand befindender Soldat, wurde von der Krankenschwester quasi unwissentlich als Samenspender missbraucht.

Und so wächst Garp alleine mit seiner ihn über alles liebenden Mutter in der Umgebung eines angesehenen Jungen Internats auf, an dem Jenny als Krankenschwester angestellt ist. Wer hier schon Parallelen zu anderen Irving Büchern sieht wird nicht enttäuscht, seine offensichtlich bevorzugten Themen werden wie alte Bekannte immer wieder auftauchen: Neuengland wo der Großteil der Romanhandlung angesiedelt ist, das Wrestling das Garp schon in jungen Jahren für sich entdeckt, die Schule die nur einem Geschlecht vorbehalten ist (in "Until i find you" war es z.B. eine Mädchenschule), Wien, wo Garp nach der Schule einige Zeit mit seiner Mutter verbringt (mann muss ganz ganz oft an das "Hotel New Hamphshire" denken), die Prostituieren die er dort trifft und wie in anderen Romanen als Gesprächspartner und Einblicke in eine andere Welt der Frauen benutzt, sein Entschluss Schriftsteller zu werden und die ganz besondere Beziehung die Garp zu seiner Mutter hegt, einer für Irving typischen starken und einzigartigen Persönlichkeit. Dazu kommt das ganze sich vor dem Leser in bildhafter, wundervoller Sprache entwickelnde Leben von Garp, die Schicksalsschläger die er mit seiner Frau Helen erleiden muss und die Freude und Liebe die er mit ihr teilt. Sex ist ebenso Thema wie die tiefe Liebe die aus Freundschaft und Vertrautheit resultiert, Garps Angst um seine Kinder und der schmerzhafte Verlust den er im Laufe seines Lebens erleiden muss. Und alles ist so gut beschrieben dass der Leser förmlich Graps Schmerz spüren kann und aufschreien mag angesichts der Tragödien die den heiteren Momenten folgen, Szenen die sich so sehr einbrennen in den Kopf dass man sie noch Tage, ja Monate später im Kopf hat und ab und zu an sie denken muss.

So steht am Ende des Buches folgender, treffender Satz über Garp:
"in the world according to Garp, an evening could be hilarious and the next morning could be murderous."

Und so ist es. Das Buch und das Leben Garps ist nicht vorhersehbar, an keiner Stelle, auf jeder Seite kann einen der Schlag des absolut Unerwarteten treffen und einen erstrahlen oder erzittern lassen.
Man kann nur hoffen das Garps kleine Familie, die engen, ganz speziellen Freunde mit eingeschlossen, dem Leser und Garp möglichst lange heil und gesund erhalten bleiben, was leider nicht immer der Fall ist. Doch auch in der Tragödie mag Irving meisterhaft Trost und Komik zu integrieren, vielleicht die einzige Art, das Leben mitsamt seinen unvorhersehbaren Schicksalsschlägen zu meistern.

Das aussergewöhnliche Talent Irvings, die auf den ersten Blick oder oberflächlich betrachtet skurrilsten Charaktere einem schnell vertraut und so gar nicht absonderlich erscheinen zu lassen kommt hier voll zum tragen:
der ehemalige Quaterback der zu Garps bester Freundin wird, seine Mutter die sich zeitlebens nur um Frauen kümmert und mit ihrem einzigen Buch das Leben von so vielen von ihnen verändert und die gebrochene Herzen wie streunende Hunde in ihrem Asylähnlichen Strandhaus aufnimmt, die fanatische Gruppe von Feministinnen die sich aus Solidarität mit einem Vergewaltigungsopfer die Zungen herausreissen und und und.
Dazu all die lieben Menschen die ihren ihren Gesten und Taten so bezaubernd echt sind, so sehr mit Leben gefüllt dass man sich vermisst wenn man das Buch liest.

Hier wird der Schriftsteller Garp zu Irving oder umgekehrt, denn Irving schreibt über die Hauptaufgabe eines Schriftstellers:
"trying to keep everyone alive, forever. Even the ones who must die in the end."
Und so ist es. Einmal eingeführt vergisst man kaum einen der Charaktere. Und auch Irving vergisst sie nicht, immer wieder tauchen sie auf oder werden am Ende im sorgsamen, liebevollen Epilog verabschiedet.

Ich weiß, dass meine Wiedergabe der Handlung irgendwie arg vernachlässigt wurde, aber ich denke, bei einem Buch wie Garp oder vielleicht auch wie bei den anderen Büchern von John Irving, ist es manchmal etwas schwer, die Handlung linear zu beschreiben ohne ihr etwas von ihrem verschlungenen Zauber zu nehmen.

Man könnte schreiben dass Garp eben nach seiner einseitigen Zeugung mit seiner Mutter in der Umgebung der Steering Schule aufwächst, ihm von Bonkers, dem bösen Hund ein Ohr abgebissen wird und er früh seine Liebe zum Wrestling und zu der Tochter seines Wrestling Coaches Ernie Holm entwickelt, dass er mit seiner Mutter nach Wien reist um dort seine erste Geschichte, die vielleicht auch die wichtigste sein wird zu ersinnen: Die Pension Grillparzer. Und dass Jenny dort ihre Autobiografie verfassen wird die das Leben der beiden diametral ändert, denn die stille Jenny wird nun unbeabsichtigt zur Ikone der radikalen Frauenbewegung.
Garp heiratet Jenny und bekommt mit ihr zwei Kinder um die er sich liebevoll kümmert und ängstlich sorgt, er und Helen haben beide eine Affäre von der sie wissen und die sie aus fast altruistischen Gründen eingehen und ihre ausserehelichen Erfahrungen werden dann je beendet als ein schrecklicher, schrecklicher Unfall geschieht der ein großes Loch in die kleine Familie und die Welt von Garp reisst. Um dieses so gut es geht zu Heilen ziehen sie alle in das große, gebrochene Frauen wie kranke streunende Hunde aufnehmende Strandhaus von Jenny Garp und lernen dort immer mehr von den teilweise verrückten Frauen zu hassen (wie die Ellen Jamesians die sich aus fanatischer Solidarität zu einem Vergewaltigungsopfer die Zungen herausgeschnitten haben) oder zu lieben, wie den ehemaligen Quaterback der nun eine Frau ist und zu Garps bester Freundin wird. Garp, der nach dem Unfall ein hartes, gewalttätiges und somit kontroverses Buch verfasst hat beginnt erst spät wieder zu schreiben und allmählich wieder richtig glücklich zu werden. Und immer wenn man denkt, jetzt ist alles gut, passiert etwas dass die Idylle stört oder besser: sie zum wahren Leben macht denn nichts ist so unbeständig wie das Glück, Schicksalsschläge sind nicht beeinflussbar und können hinter jeder Ecke, auf jeder Seite lauern.

Aber es passiert so viel mehr. So viele bezaubernde Szene und Ideen begegnen einem auf fast jeder Seite, Charaktere die einem ans Herz wachsen oder die man bemitleidet oder verabscheut.
Sogar Garps verfasste Geschichten sind in dem Buch und reissen den Leser in ihren Bann, ganz besonders die der tapferen Hope, die bei einer Vergewaltigung ihren Peiniger fast zerstückelt.


Ich kann wie bei jedem Irving Buch abschliessend vor allem eines sagen: ich liebe sie. LIEBE sie. Jedes Buch ist großartig auf seine spezielle Art und Weise und jedes Buch begegnet einem wie ein guter Freund. Mit all seinen bizarren und doch so echten Charakteren, seinen Themen die immer wieder kehren und doch nie langweilig oder ausgelutscht rüber kommen, mit all der schmerzenden Tragik und Komik, mit all der Liebe zum Detail und zum großen Ganzen.
Und nach jedem Buch fühl ich mich ganz ambivalent: ausgefüllt mit dem guten, befriedigten Gefühl an etwas so schönem und ergreifenden teilgenommen zu haben und gleichzeitig betrübt weil das Buch nun geschlossen und wieder ins Regal gestellt wird. Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, es wieder und wieder lesen zu können. Und für einige Zeit werden die Charaktere auch gewiss noch in meinem Kopf herumspuken und einige Szenen des Buches höchst lebendig sein. So war es bis jetzt immer. Und darum liebe ich die Bücher von John Irving.


Produktinformation

* Verlag: Import; Corgi
* 1979
* 1979.
* Ausstattung/Bilder: 569 p.
* Seitenzahl: 569
* Black Swan

* Englisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 286g
* ISBN-13: 9780552111904
* ISBN-10: 0552111902
* Best.Nr.: 05385398