
Franz Kafkas Bücher in diese Liste der mir lieben Lesestücke aufzunehmen habe ich mich bisher immer gescheut, vielleicht weil ich dann unbewusst immer zurück an die Schule denken muss...
Den Zwang das Gelesene schon bei Lesen einzuteilen und so vorzubereiten für eine ordnungsgemäße Rezension, Analyse, was auch immer. Analysieren beim Lesen an Stelle von einfach auf sich einwirken lassen, goutieren zum Plaisir, in den Gedanken abzuschweifen und sich keine Notizen machen zu müssen...
Dabei habe ICH in der Schule nie Franz Kafka gelesen...Leider.
Denn ich finde ihn atemberaubend gut. Und verstörend.
Das Lesen von Kafkas Büchern löst bei mir immer so ein Schauern aus, so eine bedrückte Stimmung die aber nicht zu depressiv ist, ist das Gelesene doch zumindest von der Sprache her immer sehr ausgefeilt und gut durchdacht. Aber gruselig ist es schon. Weil die Welt die Kafka für den Leser erschafft eine schmerzhaft surreale ist: man fühlt sich wie in einem beklemmenden Traum, vieles ist so bekannt, so real, aber manches ist auch so verstörend befremdlich, das man Angst bekommt von dem was kommen mag. Zu dieser latenten Bedrohung des Ungewissen kommt die schreckliche Einsamkeit hinzu die überall zu finden ist:
Die Personen reden und kommunizieren "wie wir" miteinander aber Empathie scheint kaum einer von ihnen empfinden zu können. Wie menschliche Zombies wirken viele, ausgehöhlte Menschen, die zwar Schmerz und Emotionen empfinden, sich aber nicht in andere hineinversetzen können. Eine autistische Welt irgendwie.
Und so ist auch der Protagonist von "Le Process" das ganze Buch über unter Menschen und dennoch allein: keiner scheint ihn zu verstehen. Und er selbst versteht auch die Welt nicht mehr, die sich von einem auf den anderen Tag verändert zu haben scheint.
Denn eines Morgens, an seinem 30. Geburtstag, wacht Josef K. auf und muss erfahren, dass er mehr oder weniger verhaftet ist, oder besser, dass ihm der Prozess gemacht werden soll.
Warum und weshalb erfährt er nicht und er wird es auch den ganzen Roman über nicht erfahren. Zu Anfang ist er erbost, möchte diesen offensichtlichen Justizirrtum aufklären, schliesslich ist er, der angesehene Prokurist sich keiner Schuld bewusst.
Doch die Justiz, diese im Roman phantomhaft agierende, nicht greifbare Behörde lässt Josef K. nicht mehr los und je so stärker er versucht, seine Unschuld zu beweisen oder zumindest den Grund seiner Anklage zu erfahren, um so tiefer rutscht er in die bürokratischen Verstrickungen und landet in einem albtraumartigen Labyrinth der zwielichten Beamten und Vollstrecker.
Der in Aussicht gestellte, so gut wie nie von alleine tätig werdende Prozess verändert sein Leben, verändert Josef K., macht ihn paranoid und zerrt an seinen Nerven. Überall scheinen die Arme der Justiz nach ihm zu greifen, alle Menschen um ihn herum scheinen mehr zu wissen als er selbst und hinter jeder Ecke, bzw. jeder Seite lauert die Gefahr einer neuen bizarr-surrealen Bekanntschaft.
Und hier verbirgt sich meiner Ansicht nach das mich am meisten bedrückende an den Büchern von Kafka: dieses absolute Fehlen an Empathie. Es ist, als wäre jeder der Menschen komplett für sich, selbst in einer Versammlung, bei der Arbeit unter Kollegen, mit vielen Mitbewohnern in einer für Kafka typischen Pension, ist es, als könnte sich keiner der Menschen in einen anderen hineinversetzen, ihn verstehen und sich so um ihn sorgen und kümmern.
Alles ist distanziert und Nähe ist immer mit fast vulgärerem Berühren verbunden, jeder Mensch ist für sich. Und anders als Georg Samsa aus der Verwandlung ist Josef K. auch nicht sonderlich sympathisch, er wirkt nicht als Opfer, denn zwar wird nie klar WARUM er angeklagt ist, aber ob er wirklich unschuldig ist wird auch nicht explizit gesagt. Aber welcher Mensch ist das schon? Unschuldig? Josef K. macht vermutlich den Fehler, sich aufzuregen, ankämpfen zu wollen gegen den Lauf der Dinge, gegen eine bürokratische Macht die größer ist als er und der mit Vernunft und Argumenten nicht beizukommen ist, einfach weil sie nicht unbedingt rational handelt. Oder ist sie zu rational und nicht anfällig für Empathie? Mh.
Das Ende des Romanes ist düster, aber so hat er ja auch begonnen.
Ich selbst lese ab und zu sehr, sehr gerne etwas von Franz Kafka und frage mich, warum so viele die ich kenne immer mit dem Kopf schütteln und an die Schule und quälendes Auseinanderklamüsern von tieferen Bedeutungen denken. ich gehe zum Glück nicht mehr in die Schule und Leser so ziemlich alles was mir begegnet zum reinen Vergnügen. Darum kann ich auch einfach lesen und auf mich einwirken lassen, ohne gleich an die im Verborgenen liegenden Bedeutungen zu denken. Welch ein Luxus.
Aber trotzdem drängt sich ja manchmal auf was HINTER dem Wort steht. Und auch dieses Unbehagen was Kafka so wahnsinnig gut vermittelt, dieser subtile Horror im Alltag resultiert nicht aus einem absurden Hirngespinnst, es wurzelt im bürokratischen Leben das wir uns immer mehr schaffen, es fußt auf Regeln und Gesetzen die wie uns geben und es basiert auf der für ihn immer kälter werdenden menschlichen Kommunikation, der Hetze der Zeit, der Wichtigkeit des beruflichen Erfolges, dem guten Anschein den wir glauben allzeit erwecken zu müssen. Denke ich zumindest. Denn, wie erwähnt, ich habe Kafka nie in der Schule gelesen und konsultiere auch keine Sekundärliteratur nach oder vor dem Lesen. Ich lese einfach und dann macht auch mir Kafka Spaß.
So wie man manchmal einen gruseligen Film sehen möchte, dessen düstere Visionen einem noch Tage und Wochen im Anschluss durch den Kopf spuken.
Ach ja, dieses Buch sollte man vielleicht im Original lesen, ich habe es aber durch Zufall in einem französischen Secondhand-Buchladen entdeckt und darum nicht auf Deutsch gelesen. Zum Glück war die Übersetzung eine gute und die Wirkung wie erwartet: kafkaesk.
:O)
Détails sur le produit
* Poche: 384 pages
* Editeur : Gallimard (25 mai 1987)
* Collection : Folio classique
* Langue : Français
* ISBN-10: 2070378403
* ISBN-13: 978-2070378401