
Ja, auch ich kann mich manchmal Kinoplakaten nicht entziehen. Aber anstatt in den Film zu gehen, was ich nun heute tun werde, machte mich das Plakat vom Goldenen Kompass neugierig auf die Geschichte und ein kurzer Blick ins Internet zeigte, dass ich da offenbar ein richtig gutes Stück Kinder/Erwachsenen Fantasy Literatur verpasst habe:
Die bereits vor über zehn Jahren erschienene Trilogie His Dark Materials, mit dem Goldenen Kompass als erstem Band.
Und ich muss sagen, dass alles was ich im Vorfeld darüber gelesen habe irgendwie nicht so ganz stimmte und das Philipp Pullman da was ganz großartiges, eigenes erschaffen hat.
Denn da ist zum ersten der Vergleich mit den Chroniken von Narnia. Mh. Auch die mochte ich gerne aber der Vergleich hinkt stark, trotz explizitem Religionsbezug in beiden Werken. Der Unterschied ist wohl vor allem die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse in His Dark Materials, man wird immer wieder überrascht, teilweise auch von der Grausamkeit der einzelnen Charaktere. Es wird nicht immer ganz schnell alles wieder gut, wie es ja bei den Chroniken von Narnia nach jedem Abenteuer war.
Und die Sprache ist sehr viel anspruchsvoller, auch wenn diese in den Chroniken von Narnia besonders reizend und gewählt war. Hier wäre dann ehr ein Vergleich mit Harry Potter angemessen aber das will ich eigentlich gar nicht erwähnen, da ich sonst nicht allzu viele Gemeinsamkeiten sehe.
Und der Herr der Ringe ist sowieso eine ganz andere Liga und auch von der Sprache her nicht ansatzweise so eingängig und daher auch mitreissend wie in His Dark Materials.
Ich würde die Trilogie also am liebsten gar nicht mit andren Werken vergleichen, höchstens bemerken dass es sich bei allen um gute werke mehrteiliger Fantasy Literatur handelt die es verdienen, von vielen mit viel Freude mehrere Male gelesen zu werden.
Denn His Dark Materials weist so viele originelle Ideen auf, dass Philipp Pullman es verdient, nicht nur im Atemzug mit anderen Autoren genannt zu werden.
Besonders gefallen hat mir die Idee der als Tiere personifizierten Seelen in eigenen Universen. Oder die Tatsache der parallel übereinander existierenden Universen überhaupt. Aber die Idee der Seelentiere fand ich schon toll, vor allem die Eigenart dieser, bei Kindern immer wieder nach deren Stimmungslage ihre Gestalt zu wechseln und sich dann im Erwachsenenalter für ein Charakterähnliches Tier festzulegen.
Und auch die Idee des "Dust", der Partikel die und Menschen zu denkenden, fühlenden und entscheidenden Wesen machen und somit von Tieren abheben fand ich gut.
In allen drei Bänden ist das junge Mädchen Hauptperson und somit auch Heldin der Geschichte. Als vermeintliche Waise in einer Universität in Oxford aufgewachsen wird sie durch die Entführung ihres besten Freundes Roger und andere Kinder in den Norden auf eine abenteuerliche Reise und Suche geschickt. Ausgestattet mit einem magischen Kompass, dm Alethiometer, der ihr auf alle Fragen eine Antwort geben kann, macht sie sich auf die Suche nach Roger, auf der Flucht von der grausamen Ms Coulter und unterstützt von vielen Freunden.
Diese bestehen, wie alle Personen in dem Buch aus wunderbare tiefgründigen und fein ausgearbeiteten Charakteren, seien es die Mitglieder der Zigeuner, der eindrucksvolle Eisbär Iorek oder auch die Feinde.
Und sind die Feinde überhaupt Feinde?
Die Bücher bieten so viele Überraschungen und Wendungen und unvorhersehbare Ereignisverläufe, dass jede Seite wirklich Spannung birgt.
Denn am Ende des ersten Bandes stellt sich Lyras vermeintlicher Onkel den sie aus einem nordischen Gefängnis befreien wollte plötzlich als ihr Vater heraus der am Ende sogar Roger auf dem Gewissen hat.
Und Ms Coulter ist nicht nur wunderschön und eiskalt, sondern auch ihre Mutter!
Und vor allem: die Aufgabe die Lyra zu lösen hat, endet nicht mit der Auffindung Rogers. Sie beginnt erst und ihre Dimension wird ihr erst im Verlauf der nächsten zwei Bände in ihrer vollen Tragweite bewusst!
Im zweiten Band stösst dann aus einem anderen Universum der junge Will zu ihr und gemeinsam mit seinem durch einen tragischen Kampf gewonnen magischen Messer machen sie sich auf eine Reise durch verschiedene Universen, entgehen oft nur knapp dem Tod, müssen Schmerzen und Entbehrungen erleiden und lernen aber nebenbei die tollsten und treuesten Wesen kennen, unglaubliche Charaktere die niemals trivial oder willkürlich erscheinen.
Das ist das tolle an den Büchern: man kann in die Seelen blicken, auch wenn diese nicht wie bei den Bewohnern Lyras Welt als Tiere sichtbar sind. Die Charaktere sind von ihren Erfahrungen und erlittenen Schmerzen gezeichnet und handeln entsprechend.
Und je weiter man liest, desto stärker wird auch der philosophisch-religiöse Anspruch. Was macht uns aus? Was ist wirklich wichtig um uns zu Menschen zu machen und was ist der Unterschied zwischen Gut und Böse? Wann entscheidet man sich für eine Seite und warum?
Das Böse ist hier das bei uns vermeintlich gute: die Kirche.
Man darf aber keinesfalls den Fehler vieler Kritiker machen und diese unverändert mit der unserem oder sogar mit den Religionen an sich gleich zu setzen!
Die Kirche in diesem Buch symbolisiert eine Weltregierung, mit vielen Organisationen und geheimdienstartigen Abteilungen, mit willen Gefolgsleuten und machtgierigen Karrieristen, mit ideologisch handelnden Ausführern und im besten Gewissen agierenden Fehlgeleiteten.
Pullman kritisiert meiner Meinung nach nicht die Religion, er prangert ihren Missbrauch an. Den Missbrauch der Geschichte für macht und Kontrolle, die Angst und Schwäche der Menschen.
Und er prangert die Unterdrückung der eigenen Entscheidung, der Entfaltung eigener Gedanken und Ansichten an und zeigt die Gefahren des Verlustes der Liebe und die unbezwingbare Stärke die diese mit sich bringt.
Zu den Geschichten an sich möchte ich gar nicht mehr schreiben denn diese Buch bietet gerade beim ersten Lesen so viel Spannung durch seine Wendungen und die sukzessive Ausarbeitung bzw. Vorstellung der eigenen Charaktere dass ich nichts verderben möchte.
Nur so viel mag gesagt sein:
es lohnt sich. Jede Seite. Und ich freue mich schon auf ein erneutes Lesen, auch weil ich so viele kostbare Stellen entdeckt habe, die in der atemlosen Hast, die diese Spannung mit sich gebracht hat, nicht in aller Ruhe gewürdigt, bedacht und reflektiert werden konnte.
Viele Ideen und Überlegungen die ich als philosophisch doch recht anspruchsvoll empfand, Fragen die aufgeworfen wurden und die ich für mich persönlich beantworten möchte.
Und so viele Facetten der einzelnen Figuren die beim einmaligen Lesen nicht mit voller Aufmerksamkeit gewürdigt und entdeckt werden konnten. Zumindest von mir nicht denn ich war wie erwähnt so gespannt auf das was als nächstes kommt beim Lesen dass ich die knapp 1000 Seiten in einer Woche verschlang und darum das ein oder andere etwas hastig verschluckte.
Beim nächsten Mal.
Dann könnte ich auch vermutlich eine qualifiziertere Kritik schreiben.
Aber das möchte ich vielleicht gar nicht. Jeder soll besser selbst Lesen und auf Entdeckungsreise gehen. Sich überraschen und fesseln lasen und das für sich aus der Geschichte rausziehen und in seine Welt, sein Leben mitnehmen was ihm wichtig und richtig erscheint.
Denn das zeigt His Dark Materials auch: es gibt nicht nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Und was der eine in den Büchern sieht, nimmt der andere vielleicht ganz anders wahr.
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Später:
chouchou und ich waren in dem Kinofilm.
Die Bilder sind wunderschön und auch die Figuren gleichen vom Aussehen her denen in meinem Kopf beim Lesen. Aber ich fand den Film trotzdem ganz ganz schrecklich, weil der erste Band der Trilogie, der ja meines Erachtens noch der kürzeste, einfachste ist, schon so derartig von der Geschichte her verstümmelt wurde dass es mir weh tat zuzusehen.
Darum auch hier der alte, schon nervende Spruch:
LEST DIE BÜCHER!
Und erst DANN, wenn es sein muss, guckt den Film. Mir reicht jetzt auch der erste Teil. Kann ja nur schrecklicher und abgehackter und aufs schmerzlichste verkürzt und zusammengeschrumpft werden. Ähnlich wie Harry Potter nur viiiiel schlimmer. Und somit anders als Herr der Ringe wo ich die Filme mindestens genauso gut fand wie die Bücher.
Produktinformation
* Verlag: B&T; Knopf, N.Y.
* 2007
* Ausstattung/Bilder: 2007. 933 p.
* Seitenzahl: 933
* Altersempfehlung: ab 12 Jahren
* Englisch
* Abmessung: 23 cm
* Gewicht: 915g
* ISBN-13: 9780375847226
* ISBN-10: 0375847227
* Best.Nr.: 22599497


















