
Oh je, wie konnte ich Paul Auster so lange übersehen? Ich habe vor Jahren ein Buch von ihm gelesen, mit Geschichten aus Amerika das mir ausserordentlich gut gefallen hat aber trotzdem hab ich ihn aus den Augen verloren. Aber das wird mir nach der Lektüre von "Brooklyn follies" nicht mehr passieren.
Und ich glaube, dass ich nachdem ich nun so ziemlich alle Bücher meiner Lieblingsautoren John Irving, Eric-Emmanuell Schmitt, Francois Lelord und einiger anderer durch habe und auch ein wenig Abwechslung neben Arto Paasilinna herrschen muss, werde ich Paul Auster zu einem neuen regelmäßigen Bewohner meines Zu-lesen-Stapels machen.
Manchmal tut es so gut, in etwa zu wissen was einen zwischen zwei Buchrücken erwartet.
Und ich denke, dass ich bei Paul Auster das finden werde was ich sehr schätze: fesselnde aber nicht hahnebüchene Geschichten, gute Unterhaltung die zum Nachdenken anregt und zum Schmunzeln bringt, eine ungekünstelte aber ausgefeilte Sprache die niemals platt ist und das Gefühl, etwas Echtes zu erleben.
All das habe ich in den Broklyn follies gefunden, auch wenn man nach dem Lesen anmerken kann, dass alles wohl zu gut endet um wahr zu sein. Aber auch das habe ich sehr, sehr gerne, dass das Lese eines Buches einen nicht trist und traurig zurück lässt, etwas deprimiert über das Unglück Anderer, und seien sie noch so fiktiv.
Ein Roman ist nun mal ein Roman und keine Chronik des Lebens, denn die Geschichten im wahren Leben enden nicht, es geht immer weiter und nach Beenden eines Buches möchte ich zumindest die mir oft so lieb gewordenen Charaktere irgendwie gut aufgehoben wissen.
Und in diesem Buch ist ja nicht alles eitel Sonnenschein. Es passieren Dinge die schlimm sind, Dinge die Menschen verletzten, ihnen unglaublich weh tun und schwer zu ertragen sind. Aber sie werden ertragen und es zeigt sich, dass an dem alten Spruch dass auf Regen auch Sonnenschein folgt etwas dran ist.
Und da finde ich auch eine meiner liebsten Lebensphilosophien wieder, nämlich dass man Regen erleben mUSS um den Sonnenschein überhaupt als etwas wunderbares ansehen zu können.
Und ausserdem ist es ja eigentlich kein Happy End, sondern ein Hinweis darauf, dass auch das schönste Glück von einer Sekunde auf die andere wie ein Kartenhaus, fast wörtlich, zusammenstürzen kann...
In den Brooklyn follies erzählt der Protagonist Natahaniel Glass, ein desillusionierter, sich selbst als zynisch beschreibender Mann über Fünfzig was ihm nach der erfolgreichen Bekämpfung seines Lungenkrebses, der tristen Scheidung von seiner Frau und der Abwendung seiner einzigen Tochrer in seinem neuen unspektakulären Single-Leben als Frührentner in Brooklyn so widerfährt.
Eigentlich wollte er ja nichts weiter, als sein Leben dort zu beenden, aber wie es das Leben so will, lässt es einen nicht so leicht los.
Der Leser merkt schnell, dass Nath, wie er genannt wird, mitnichten der Griesgram und Menschenfeind ist den er in sich selbst zu sehen glaubt.
Schon sehr früh, bei seiner Begegnung mit seinem aus den Augen verlorenen und sich nicht gerade zu seinem Vorteil entwickelten Neffen Tom merkt man dass Nath es gut meint. Dass er sich um andere sorgt und Anteil nimmt an deren Schicksal und dass er gerne sein bestes gibt, um dieses zum Besten zu wenden.
Und so wird der Leser hinein gezogen in einen wunderschönen Roman über verschiedene Leben die sich im unmittelbaren Umfeld Nathans abspielen und wie in einem wunderschönen Film werden mit viel Liebe Charaktere eingeführt und vorgestellt und wie in einem John Irving Roman gewinnt der Leser diese sofort lieb und fragt sich warum das so ist, angesichts der knappen Worte die ihnen zur Beschreibung zur Verfügung stehen. Auster lässt seine Charaktere Geschichten erzählen, ihre Geschichten und man lernt nicht nur über ihre Leben, sondern auch einiges en passsant über diejenigen berühmter Schriftsteller.
Nathan, der ehemalige Versicherungsagent macht es sich zur Aufgabe , ein Buch über die Verfehlungen und Missgeschickte anderer Menschen und auch seiner eigenen Personen zu verfassen und nebenbei entdeckt er, wie gut es ist, sich mit anderen zusammen zu tun und deren Wohlergehen zum Wohle des eigenen zu fördern.
Er schafft es, dem zum übergewichtig gewordenen, antriebslos und desillusioniert gewordenen Neffen Tom weder eine Perspektive zu geben und ihn auf den richtigen Weg zu bringen und auch was Frauen betrifft ein wenig in die richtige Richtung zu schubsen. Gemeinsam mit ihm und dem ehemaligen Betrüger und ebenfalls vom Leben mehr als enttäuschten Buchhändler Harry liefert er sich nicht nur den Leser erhellende und erheiternde Dialoge, die drei finden auch wieder zur Freude am Leben und zum Schmieden von Plänen zurück.
Man redet über Träume, wie diese aus den Augen gekommen sind und ob es nicht möglich ist, sie wieder zurück zu gewinnen.
Und dann taucht die kleine Lucy auf, Toms neunjährige Nichte und Tochter der Rebellin Aurora, deren Leben immer alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen ist und deren Schicksal erst einmal ein beunruhigendes Geheimnis bleibt. Denn Lucy redet nicht über ihre Mutter und nicht nur Nath muss sich plötzlich mit einer merkwürdigen Vaterrolle auseinandersetzen.
Frauen treten in das Leben der Protagonisten, werden ebenso zu facettenreichen Chharakteren mit Leben und Geschichten, Schicksalen und Qualitäten. Und Ntahan schafft es, Aurora wieder zu finden und zurück in seinen Mikrokosmos in New York zu holen wo er all seine wieder gefunden und neu entdeckten Lieben versammelt und unbewusst deren Wohlergehen forciert.
Ein Leben in einem Stadtteil, geografisch begrenzt und doch so vielseitig und voller Erlebnisse und Erfahrungen die die Bewohner zu kostbaren Menschen macht.
Und Nathan erkennt sukzessive den Wert und die spannende Brillianz eines jeden Lebens und fasst am Ende ein liebenswertes Projekt ins Auge: an Stelle der menschlichen Missgeschicke und Tragödien möchte er nun die Biografien all der unbekannten Menschen verfassen, die neben uns und mit uns Leben, jeder ist es Wert dass seine Geschichte anderen bekannt gemacht und von der Vergessenheit bewahrt wird.
Biografien für Jedermann. Ein Projekt das heute schon zuhauf in unserer Realität funktioniert.
Nathan Glass und sein Kleinuniversum in New York werden zu einem Kaleidoskop an facettenreichen Individuen und ihren Geschichten.
Man hängt Träumen nach, versucht sie zu konkretisieren und lässt sich vom Leben an sich ablenke.
Man liesst und liesst und wird immer tiefer hinein gezogen in diese wunderschöne Erzählung aus dem Leben in de ein paar Menschen ihre Leben leben, man sieht mit Begeisterung wie sich Pfade kreuzen, wie sich Seelen finden, wie sich mit gutem Willen und guten Intentionen Probleme lösen lassen, wie erträglich und gar schön das Leben sein kann wenn andere für einen eintreten.
Ein Buch das gut tut.
Ein Buch das lebt, weil die Personen darin so echt und liebenswert erscheinen dass deren Schicksal das Herz berührt.
Kein Kitsch aber viele schöne Momente. Kleine und große Tragödien aber keine deprimierenden Anflüge.
Das Leben ist mal so, mal so, aber wenn man zusammen hält, lässt es einen nicht im Stich.
Oder dann wenn man es nicht erwartet, wenn alles läuft wie am Schnürchen...
Ich jedenfalls werde mich hüten, Paul Auster ein weiteres mal aus den Augen zu verlieren!
Détails sur le produit
* Broché: 376 pages
* Editeur : LGF (14 mars 2008)
* Collection : Le Livre de Poche
* Langue : Français
* ISBN-10: 2253118559
* ISBN-13: 978-2253118558




