Sonntag, 22. Juni 2008

L´Hippopotame von Stephen Fry


Wie ich an dieses Buch gekommen bin, kann ich gar nicht mehr sagen, irgendwie ist es in Frankreich in meinem Einkaufskorb gelandet und nachdem sich die ersten als etwas mühevoll erwiesen haben, hat es sich als spannender Lesespaß entpuppt.

Geschrieben ist dieser Roman von Stephen Fry, dem bekannten britischen Komiker, der jedem schon einmal in der einen oder anderen Komödie unter die Augen gekommen ist.
Und wie es sich für einen britischen Komiker im gesetzten Alter vielleicht gehört, handelt dieser Roman von einem in die Jahre gekommenen, dem Alkohol leider zu sehr zugewandten und daher abgestiegenen, zynischen Poeten und geschmähtem Kulturkritiker Ted Wallace, der die Kunst der vulgären Ausschmückungen meisterhaft beherrscht und die Wahrheit gern in all ihren schmerzvollen Facetten ausspricht.

Während er so eines Tages über sein Unglück sinnierend nach einer kurzen Konversation mit seiner ihm fremd vorkommenden Tochter im zu oft frequentierten Harpo Club sitzt und trinkt, tritt seine Patentochter in sein Leben, die er seit der Taufe nicht mehr gesehen hat weil es zu unschönen Szenen mit der Mutter gekommen ist.

Jane erzählt von ihrer Leukämie und deutet ein Wunder an welches es zu ergründen gilt. Diese Aufgabe soll Ted zufallen, Jane bietet ihm einen verlockenden Haufen Geld wenn er bereit ist, dafür in das feudale ländliche Anwesen ihres Onkels, Lord Michael Logan zu reisen, seines alten, aus den Augen geratenen besten Freundes und dort einfach die Augen aufzuhalten und ihr ausführlich zu berichten was dort vor sich geht.

Da Ted auch der Patenonkel von Logans 15 jährigem Sohn David ist, und dieser Ted darin nachstrebt Dichter werden zu wollen, ist eine Einladung schnell erhalten und Ted wird Gast im Schloss der Logans.
Dort trifft Ted dann nicht nur auf den ihn anhimmelnden David und seinen etwas älteren, ruhigen Bruder Simon, auch andere illustre Gäste finden sich bald ein und der Leser kann nun ein Potpourie der typischen halbaristokratischen oder zumindest gesellschaftlich höher angesiedelten Bilderbuch-Briten geniessen.
Sowohl der ostentativ homosexuelle und frivole ehemalige Geistliche Oliver, als auch die mit einer nicht ganz so ansehlichen pubertierenden Tochter gesegneten Cliffords als auch die beste Freundin Janes, Patricia wie auch deren nun etwas versöhnlichere Mutter Rebecca scheint "das Wunder" nach Swafford Hall gezogen zu haben, das Wunder welches Ted noch völlig unergründlich ist.

Doch schnell kommt der beobachtende und alles in bissige-vulgärer und intelligent-evaluierender Sprache an Jane weitergebende Ted dahinter dass das Geheimnis etwas mit David und unerklärlichen Wunderheilungen zu tun haben muss.

Ted geht dem nach, entdeckt ungeheuerliches und entpuppt sich nach und nach vor den Augen des Lesers als doch ganz sympathischer Kerl, als vernünftiger Kern Mensch in einer harten Schale aus anzüglichen und zynisch-bissigen Bemerkungen und oft vulgärer Sprache.

Wie ein Detektiv in einem guten alten englischen Krimi im engen, auch räumlich abgegrenzten Kreis ermittelt Ted durch seine Beobachtungen und kommt am Ende auf die Lösung des Rätsels.

Eine Art Krimi, ohne Mord aber mit Spannung und bis zum erlösenden Ende offenen Fragen, in einer gespannten Atmosphäre von auf engem Raum zusammen lebenden schillernden Charakteren und einer wunderbar britischen Art die Sprache und den Humor zu beherrschen, mit Schilderungen der englischen Landschaft und dem Eintauchen in die Welt der kultivierten Reichen mit ihren menschlichen Verfehlungen.

Ein amüsantes Buch, intelligent-eloquent und oft etwas vulgär zugleich, britische Bissigkeit und fabelhafte Unterhaltung.

Détails sur le produit
Poche: 381 pages
Editeur : J'ai lu (31 juillet 2002)
Collection : J'ai Lu Par ailleurs
Langue : Français
ISBN-10: 2290319759
ISBN-13: 978-2290319758

Dienstag, 17. Juni 2008

Veronika décide de mourir von Paulo Coelho


Dieses Buch von Paulo Coelho mag ich besonders gern, weil es so einfühlsam und ruhig zu definieren versucht, was es bedeutet, "verrückt" zu sein.
Oder besser, er macht deutlich, dass eine solche Definition nicht allgemein gültig ist und wir das als verrückt erklären, was nicht der von der Mehrheit gesetzten Norm entsprecht. Oder besser wer.
Menschen, die ihre eigenen Wege gehen wollen meist.

Er erzählt das anhand von der Geschichte Veronikas, und der Leser erfährt nicht, wie viel davon Fiktion ist. Sehr viel ist zweifelsohne wahr (oder das was wir dafür halten..), blickt Coelho, wie er auch hier erzählt, doch auf eine eigene Krankengeschchte zurück die sich in vielen Klinkaufenthalten abspielte.
Drei mal wurde Coelho aufgrund seines rebellischen Verahltens, seiner frühen Suche nach spiritueller Erfüllung, Erfahrungen mit Drogen und anderen Abenteuern von seinen Eltern eingewiesen und erlebte so am eigenen Körper und mit dem Kopf, was er hier beschreibt und vermutlich die Charaktere des Romans stellvertretend erleben lässt.
Er selbst veröffentlichte diese Geschichte auf Rücksicht auf seine Eltern erst nach derern Tod.

Protagonistin des Romans ist die 24jährige Veronika.
Veronika beschliesst, zu sterben.
Es ist nicht so, dass etwas tragisches in ihrem jungen Leben geschehen werde, nein, ehr das Gegenteil. Veronika leidet unter der Monotonie, unter der sich fortwährenden Wiederholung aller Dinge. Jeder Tag ähnelt sich, alles ist Routine und ihr ganzes Leben erscheint ihr vorhersehbar. Und da darüber hinaus die ganze Welt ohnehin vor die Hunde geht, überlegt sich Veronika nicht mehr ob, sondern nur noch wie sie ihrem Leben am besten jetzt gleich ein Ende setzen kann.

Ihre Wahl fällt auf Schlaftabletten. Und während diese langsam ihre Wirkung entfalten, denkt Veronika noch mal kurz über alles nach, ist aber von der Richtigkeit ihres Entschlusses überzeugt. Was soll schon passieren? Sie glaubt zwar nicht an Gott, aber selbst wenn es diesen gäbe, dann hätte er sie doch mit genau dieser Möglichkeit, sich für den Tod zu entscheiden ausgestattet, also kann es auch nicht so verwerflich sein.

Doch Veronika stirbt nicht.
Sie wacht allmählich und dann nach drei Wochen vollständig in Villete auf, einer Klinik für Geisteskrankheiten in der slowenischen Hauptstadt Ljubiljana.
Sie ist betrübt, enttäuscht und wütend über ihre Niederlage.
Aber was soll sie tun? Sterben möchte sie immer noch, aber erst einmal wartet sie ab.

Und dann teilt man ihr eine erschütternde Diagnose mit: durch die ganzen Schlaftabletten ist ihr Herz so sehr angegriffen worden, dass es langsam immer schwächer wird und sie deshalb wohl nur noch eine Woche zu leben hat.
Trotz ihres Willens, sich das Leben zu nehmen ist Veronika geschockt. Nun soll sie warten auf den Tod? Und kann ihn nicht mehr selbst bestimmen?
Veronika bekommt Angst. Vor der Ungewissheit vermutlich.

Sie lernt nach und nach andere Bewohner von Villete kennen. Zu allererst Zedka, die ihr die Frage stellt, was ein Verrückter überhaupt ist. Sie erzählt ihr die Geschichte vom Königreich in dem ein Brunnen vergiftet war, jeder der davon trank wurde verrückt. Alle tranken, nur der König und die Königin nicht. Und waren so bald die einzigen die nicht verrückt waren. Was sie in den Augen der Bevölkerung verrückt machte, die ja die Mehrheit stellte. Und so tranken auch König und Königin und der Friede im Königreich war wieder hergestellt.

Zedka, die aufgrund einer schweren Depression nach Villete kam und dort wie ein Flüchtling lebt, ist ein wacher, aufmerksamer Mensch. Durch die ihr verordnete Insulin-Schock-Therapie kam sie zufällig hinter das Geheimnis der Astral-Wanderungen und seitdem fühlt sie sich frei.
Sie ist Mitglied der Bruderschaft, einer Gruppe von Patienten die eigentlich sehr gesund sind, die es aber vorziehen, innerhalb der schützenden Mauern von Villete zu leben, zumal sie dort alle Freiheiten der Welt geniessen, sagen und tun können was ihnen beliebt. Und da Villete ein ökonomisch geplanter Ort ist, gewährt man zahlungskräftigen Kunden gerne Obdach.
Darüber hinaus glaubt der behandelnde Arzt, Dr. Igor, fest an die positive Wirkung, die die "Gesunden" auf die Kranken haben.

Dr. Igor ist ein guter Arzt, der dem Leser in Form der Unterhaltungen mit Veronika und anderen sehr verständlich viele grundlegende Dinge über die mentale Verfassung verrät.
Die Ursache von Depressionen, von Schizophrenie, die Willkür der Definition von Verrücktheit an sich.

Depressionen und auch teilweise Schizophrenie finden ihre Ursache in der Unterdrückung von wünschen, der Bezwingung des eigenen Willens, dem schmerzhaften Anpassen an gesellschaftliche Konventionen.
Dazu dann immer weniger Tageslicht und die Entwurzelung durch Scheidungen, Wegzug von Familien und Bezugspersonen und der Geist findet keinen Halt mehr.
Man passt sich an und bezwingt seinen Geist, bis dieser krank wird.

Darüber hinaus sind wir nicht mehr mit den wesentlichen Dingen ausgelastet, je mehr wir im Luxus leben und uns um andere Dinge kümmern müssen als unsere Grundbedürfnisse, um so ehr neigen wir unter Depression.

Eine Beobachtung die Dr Igor im Nachkriegsjugoslawien machen konnte: während es Krieges bleibt anscheinend keine Zeit für Depressionen und diese sind, wie viele andere Krankheiten des Geistes auch, vorwiegend in wohlhabenderen Schichten zu finden.

Dr Igor versucht nun, ein wirksames Mittel zu finden gegen den Auslöser der meisten dieser Krankheiten, ein Gift das er Vitrol nennt, oder auch die Bitterkeit. Ein Gift dass sich in den Seelen der Menschen festsetzt, ihre Köpfe dominiert und sie krank macht. Dr Igor möchte ein Mittel dagegen finden, und er hat bereits eine Idee.
Und um seine These zu beweisen, kommt ihm Veronika gerade recht. Denn diese ist mitnichten todkrank. Aber sie ist von Sehnsucht nach dem Tod, oder besser von einer Müdigkeit am Leben befallen und wenn Dr Igors These stimmt, er ein probates Mittel gegen das Vitrol gefunden hat, dann kann er sie retten und ihr ihren Lebenswillen zurück geben.

Und um Veronika ihren Lebenswillen wieder zu geben, muss er ihr ihren Tod bewusst machen.
Und es funktioniert.

Nach und nach wird sich Veronika ihrer selbst bewusst, erkennt wie ihr Leben bisher verlaufen ist und was sie unglücklich gemacht hat.
Die ständig gleichen Abläufe, ihr so vorhersehbar und daher schon von Beginn aus langweilig scheinendes Leben, ihr Bedürfnis, es ihren Eltern immer Recht zu machen und deshalb sogar auf ihren Traum, Klavierspielerin zu werden, zu verzichten.

Sie hat zu viel Energie ihres Lebens darauf verschwendet, angepasst und doch nach aussen stark zu sein, ein Leben wie unter Betäubungsmitteln geführt zu haben, mit der Mutter als Rollenbild der perfekten, genügsamen Ehefrau und Hausfrau.
Veronika empfindet nun Wut, auf sich und auf ihre Mutter, sie mit ihrer Liebe in diese Position gedrängt zu haben.
Aber die Wut gibt ihr auch Kraft und plötzlich will Veronika die wenige Zeit, die ihr noch leibt ausnutzen, will all das was sie plötzlich um sich herum verstärkt wahr nimmt auskosten: den Anblick des Mondes, der Berge, der Sterne.

Und sie erkennt im Verlaufe ihre Aufenthaltes in Villete das Wesentliche: sie selbst ist verantwortlich für ihr Leben und die Art wie sie es bisher geführt hat. Sie selbst kann es ändert und darum macht es keinen Sinn, andere dafür anzuklagen.
Auch nicht ihre Mutter.

Sie beginnt, auf dem im Aufenthaltsrau, stehenden Piano zu spielen und zieht damit den 28 jährigen Eduard an, einem abgekapselten jungen Mann der wegen seiner Schizophrenie nach Villete gekommen ist.

Eduard wuchs als behüteter Sohn eines Diplomaten auf, besuchte eine gute Schule und hatte eine nette Freundin.
Doch dann erleidet er eines Tages einen schweren Unfall mit seinem Rad und während er im Krankenhaus liegt, fällt ihm ein Buch in die Hände. In diesem werden die Geschichten von vormals ganz gewöhnlichen Menschen geschildert, die durch spirituelle Erfahrungen zu Gott fanden, Visionen hatten.
Eduard ist wie infiziert. Auch er will beitragen, er, der keine Visionen hat, möchte die Visionen anderer zeichnen die sie vom Paradies haben und so sichtbare machen was er und anderen nicht vergönnt war zu sehen.

er verändert sich, in den Augen seiner Eltern zum Schlechten. Sie erkennen ihren Sohn nicht wieder, der auf einmal merkwürdige, bizarr aussehende Freunde mit nach Hause bringt, laut fremde Musik hört und malt und malt und sonst nichts tut. Der abmagert und sich abkapselt.

Seine Eltern vergehen vor Sorge: um seine Gesundheit, um seine Zukunft und auch um ihr Ansehen.
Und nach viel Verständnis und Geduld wird Eduard dann eines Tages von seinem Vater mit der Lieber seiner Eltern konfrontiert:
Wenn er sie wirklich liebt, dann besinnt er sich, gibt diese esoterische Malerei auf und wird vernünftig.
Eduard zerreisst es innerlich. Sein persönlicher Weg, sein Traum, auf der einen Seite, die Liebe seiner Eltern auf der anderen. Er zerreisst seine Bilder und fällt in einen katatonischen Zustand, redet nicht mehr und starrt nur noch vor sich hin.
Seine besorgten Eltern bringen in nach Villete und dort lebt er nun, geschützt in seiner Welt und redet nur noch wenn es ihm danach ist und auch dann nicht mir jedem.

Und durch Veronika Klavierspiel öffnet sie seine Welt und auch er öffnet eine Tür in ihr die sie bisher nicht kannte: Liebe und Verlangen.
Behutsam nähern sich die beiden an, erkennen die Macht der Liebe und die Wichtigkeit, seinen eigen Weg zu finden und dann auch zu verfolgen.

Eines Nachts verlassen sie heimlich Villete, da Veronika ihre letzte Nacht unter freiem Himmel verbringen möchte.
aber am nächsten Morgen ist sie nicht tot.
Und auch am Tag darauf nicht.

Dr Igor hat ein Mittel gegen das Vitriol gefunden.
Veronika, sich ihres nahen Endes bewusst erkennt plötzlich den Wert des Lebens, verspürt Lust und Neugier.
Veronika beschließt zu leben.


Ein ganz ganz tolles Buch, welches Paulo Coelho dem Leser da schenkt. Und eine ganz ausgezeichnete Art, ihm uns selbst näher zu bringen und das was uns und andere verstört und krank macht.
Es ist wieder einmal ein Buch dass einem hilft, sich zu erkennen, zu betrachten und zu verstehen und positive Rückschlüsse zu ziehen.
Denn neben Veronika und Eduard und Zedka wird auch die unter Panikattacken leidende Maria vorgestellt, eine ehemals so erfolgreiche Anwältin die an der Last ihrer Anforderungen ihren Weg und ihren Traum aus den Augen verloren hat.

Es ist ein Buch dass uns die Willkür von Definitionen und Schubladensystemen vor Augen führt, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern behutsam und in eine wunderschöne Geschichte verpackt.
Ist es nicht gesund, ein wenig verrückt zu sein? Ist es nicht krank, jegliche Verrücktheit um jeden Preis zu vermeiden?


Produktinformation

* Verlag: Import F; Librairie Generale Francaise, P.; Carriere
* 2002
* Ausstattung/Bilder: 2002. 287 S.
* Seitenzahl: 287
* Le livre de poche Nr.15227
* Französisch

* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 161g
* ISBN-13: 9782253152279
* ISBN-10: 2253152277
* Best.Nr.: 10364878

Montag, 16. Juni 2008

The Water-Method Man von John Irving


Mag man es kaum glauben, aber manchmal entdeckt man, dass man jahrelang ein Buch im Regal stehen hat und es, ohne sich dessen bewusst zu sein, noch nicht gelesen hat!
So geschehen mit dem Water-Method Man von John Irving. Ich hab immer geglaubt es gelesen und nicht sooooo superdoll gemocht zu haben, aber beim "Wiederlesen" hab ich gemerkt, dass ich damals, aus welch unergründlichen Beweggründen auch immer, bereits nach ein paar Seiten das Buch zurück gestellt haben muss.
Warum?
Das frag ich mich jetzt auch.
Denn es ist ein feines, äusserst lustiges Buch, wenn es sich auch deutlich von seinem großartigen Vorgänger, The Son of the Circus unterscheidet. Aber das soll es ja, das ist ja das spannende an John Irving: das er einen immer wieder erneut dazu bringt, seine Bücher zu lieben als originell zu empfinden, trotz all der von ihm so heiß geliebten John Irving Themen die an irgendwelchen Stellen anscheinend auftauchen müssen wie alte Bekannte (Neuengland, New Hampshire, Wien, liebenswerte Prostituierte und verschrobene Wrestler zum Beispiel...).

Diesmal ist es keine verschlungene und mit Einzelschicksalen gespickte Lebensgeschichte einiger bunter Charaktere, diesmal ist es die Geschichte eines Mannes, und diese deckt noch nicht einmal sein ganzes Leben von Geburt bis, naja, wie bei John Irving bis zum Punkt wo man bereit ist für ein anderes, vielleicht ruhigeres Leben ohne Aufsicht durch Autor und Leser, ab.
Eine Geschichte die etwas über einen Mann und einige, ihn maßgeblich prägenden Jahre seines Lebens erzählt.
Einen Einblick in ein Leben, so voll mit komischen und aberwitzig lustigen Episoden, dass man das Buch lieben muss, denke ich.

Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt und auch nicht aus einer Perspektive allein. Man erfährt über Fred Trumper, man erfährt Sachen aus seiner Sicht und indirekt über Briefe die er schreibt und andere über ihn sagen.

Zeitlich ist die Geschichte in Rückblenden und Gegenwartsmomente gesplittet, so dass sich allmählich zwei Erzählstränge aufeinander zubewegen, dem Leser immer mehr enthüllen und sich am Ende zu einer glücklichen Auflösung zusammen fügen.

Trocken und ein wenig chronologisch geordnet zusammen gefasst wäre die Geschichte von Fred Trumper folgende:

Fred "Bogus" Trumper ist 28 Jahre alt und geschiedener Vater eines kleines Sohnes. Zu dem Zeitpunkt an dem der Leser Trumper kennen lernt lebt er mit der netten Tulpen zusammen und ist bei einem französischen Urologen wegen einer schmerzhaften "Geschichte" in Behandlung: es klemmt und zwickt da unten und es gibt zwei Optionen: eine Operation oder die Wassermethode, die viel, sehr viel Wasser vor und nach dem Geschlechtsakt involviert.

Warum gerade diese Methode so entscheidend ist, dass sie als Titel des Buches dient, hab ich nicht so ganz verstanden, vermutlich aber ist sie ein Beispiel dafür, wie Trumper Entscheidungen gerne heraus zögert und am liebsten den Weg des geringsten Wiederstandes geht.

Vier Jahre zuvor hat Trumper in einer Nacht und Nebelaktion seine Frau Biggie verlassen, einer ehemaligen Skiläuferin.
Die Geschichte ihrer ersten Begegnung und dem Beginn ihrer Romanze wird im Buch wunderbar lustig und schhmunzeld-romantisch erzählt, wie von John Irving nicht anders zu erwarten ohne Kitsch aber mit einem großen Herz und viel Gefühl für Komik ohne Klamauk.
Eine schnelle Romanze die in Europa beginnt, wo der Student Trumper mit seinen unter an Trunkenheit erinnernde diabetischen Anfällen leidende Freund Merrill Overturf sein Deutsch verbessert.
Biggie ist eine Skiläuferin der amerikanischen Nationalmannschaft, groß, blond und schlagfertig. Und umgehend in Trumper verliebt. Und hier lernt der Leser, der Trumper bisher für einen Versager mit Bindungsproblemen eingeschätzt hat, einen äußerst romantischen, witzigen Trumper vorgestellt und man beginnt, ihn richtig zu mögen.
Nach einer turbulenten ersten gemeinsamen Nacht holen Trumper, Merrill und Biggie ihre Sachen aus dem Hotel der Sportteams ab und schon beginnt ein neues Leben für Trumper. Denn schon schnell wird klar dass Biggie schwanger ist.
Und so reisen sie zurück nach Amerika und während sein Vater ihn erst einmal enterbt und ihm nach seiner schnellen Heirat mit Biggie jegliche Unterstützung für Studium oder Leben entzieht, sind ihre Eltern zwar etwas überrumpelt, aber doch gutmütig.

Es beginnt ein Leben in Bescheidenheit. Neben seinen Übersetzungsarbeiten an der Uni, für das Alt-Tief-Norwegische Epos Gunnel+Akthelt (einer Geschichte in der Geschichte, amüsant ausgesponnen) verkauft er Wimpel und Anstecknadeln im Football-Stadion und steckt dennoch immer in den roten Zahlen, was unzählige, äusserst amüsant zu lesende um Aufschub und Zahlungsstundung bittende Briefe an Elektrizitätsfirmen und ähnliches bezeugen.
Und auch wenn Trumper ein chaotischer Unglücksvogel ist, der das Pech an manchen Tagen anzuziehen scheint (die amüsante Episode mit der Untervermietung an eine Horde Footballer ist der beste Beweis: Trumper wollte so ein bisschen Geld während ihrer Abwesenheit verdienen und wundert sich auch der Rückkehr über die tadellose Sauberkeit des Appartements. Nur um festzustellen dass die Footballer anscheinend all ihren Müll über die Toilette entsorgt haben, inklusive alter Sportsocken und Damenwäsche. So dass die Rohrreinigung weitaus mehr kostet als Trumper als Miete eingenommen hat).

Aber Trumper st ein überaus liebender Vater, typisch John Irving, und wie in Garp ist auch sehr oft von der Angst erfüllt, dass seinem kleinen Sohn etwas zustossen könnte.

Doch die Ehe ist nicht immer einfach, vermutlich hätte der nie erwachsen werden zu scheinende Trumper Biggie ohne die Schwangerschaft auch nicht geheiratet, gefiel ihm doch die im Akthelt Epos gefunden Aussage des alten Kriegervaters: das Ziel des Krieges ist es, ihn zu überleben, was nach Trumper auch auf das Ziel einer Ehe zutreffen könnte.

Ihm gelingt das nicht, nach einem brüllend komischen Ausflug mit einer jungen Studentin, vor dessen Augen er sich schon mit seinem Wimpelstand vorzüglich blamiert hat, in Folge dessen sie gerne entjungfert werden möchte aber Trumper wohl ein erneutes Baby-Desaster erwartet, kommt er mit einer toten aber gerupften Ente in der Hand, mit zerschundenen Füßen und einem leider vergessenen Kondom über dem Genital zuhause an und wird von Biggie entdeckt. Nun tritt er nicht nur in die Mausefalle, wovor er die sympathische Maus im Keller immer beschützen wollte, er sieht sich auch mit der Unfähigkeit konfrontiert, Biggie glaubhaft zu machen was wirklich zwischen ihm und dem Mädchen irgendwo draussen in der Wilden Natur passiert ist: nämlich nichts.

Trumper flüchtet, erst einmal für die Nacht und dann tatsächlich für länger. Er möchte Merrill Overturf in Wien suchen, und was ihm wie eine Woche vorkommt, sind in Wirklichkeit sechs Monate.
Sechs Monate die Trumper zwischen Träumen und wachen Momenten erlebt, umgeben von Prostituierten und bizarren Gestalten die frappierend an das gute alte Hotel New Hampshire erinnern und eine Vorahnung auf die in späteren Irving Romanen fast liebevoll geschilderte, auftauchende Welt des Rotlicht-Millieus gibt.

Doch Merrill Overturf taucht nur in Trumpers Träumen auf und plötzlich ist da ein großer Batzen Haschisch und offiziell und geheimnisvoll wirkende Amerikaner, CIA? Trumper fragt nicht viel und tut was man ihm sagt, er fliegt zurück nach New York, mit einer guten Menge Geld in der Tasche und keiner Ahnung wo er nun hin soll.
Dem ihm zur Verfügung gestellten Fahrer gibt er die Adresse seines besten Freundes Couthbert, der in Maine das Familienanwesen einer reichen Familie hütet. Nach einer langen Fahrt kommt er an und findet nicht nur Couth, sondern auch seine Frau vor, die in seiner Abwesenheit die Scheidung eingereicht und bei Couth mitsamt dem kleinen Colm eingezogen ist.
Und so bleibt Trumper nichts anderes übrig (das Angebot von Couth, dem besten Freund den ein Mensch haben kann, gemeinsam zu viert in dem großen Anwesen zu leben schlägt er aus) als weiterzuziehen.

Und da ihm nichts besseres einfällt, lässt er sich von seinem ihm von dem mysteriösen Amerikaner zur Verfügung gestellten Fahrer, dem mutigen Dante, zurück mit nach New York nehmen, wo er erneut auf den mysteriösen Mann von der mysteriösen Behörde stösst, der nicht nur über den Verbleib und das Leben von Merril Overturf sondern auch von allen anderen Bekannten Trumpers Bescheid weiß.
Er rät ihm, seinen alten Kumpel Ralph Packer aufzusuchen, der inzwischen mit seinen Independent-Filmen reüssiert und für den Trumper schon an der Uni ein paar Tonarbeiten gemacht hat.

Ralph nimmt Trumper freudenstrahlend auf und bringt ihn bei der netten Tulpen unter, und eine neue Beziehung beginnt, die der ersten ziemlich ähnelt: Liebe aber Bindungsangst, Unentschlossenheit und Ziellosigkeit.

Und so leben die beiden zusammen, Tulpen steht Trumper während seiner Krankheitsgeschichte bei und überredet ihn letztendlich sogar zu der Operation.
Nebenbei beginnen die beiden mit Ralph Packer einen Dokumentarfilm über das murksig verlaufene Leben von Fred Bogus Trumper zu drehen, in dem sie, und auch Biggie, Couth und Colm sich selbst spielen.

Nach der Operation ergreift Trumper wieder einmal die Flucht, als Vorwand nimmt er eine falsch Verstandene Unterhaltung zwischen Ralph und Tulpen in Folge dessen sich Trumper wieder einmal alleine gelassen vorkommt.

Er beschliesst, die Gunnel und Akthelt Sage endgültig zum Ende zu bringen, sie vollständig zu übersetzen und diesmal nicht aus Faulheit viele Passagen und Alt-Tief-Norwegische Wörter zu erfinden. Fred Bogus Trumper macht seinem Spitznamen keine Ehre mehr, er möchte nicht mehr berüchtigt sein für seine phantasievollen Ausflüchte und Fabulierungen, seine bequemen Abkürzungen.
Auf dem Weg nach Iowa stoppt er noch in Maine, besucht Couth und Biggie und man merkt endgültig , was für ein guter Mensch Trumper ist. Er freut sich aufrichtig für das Glück der beiden und über Biggies erneute Schwangerschaft.

Er wohnt bei seinem Professor und ihm gelingt eine meisterhafte Übersetzung.
Er bekommt seinen Abschluss, versöhnt sich mit seinem Vater und sieht nun auch endlich den Film über sein Leben, der es inzwischen in Amerika zu einigem Ruhm gebracht hat.
Und erfährt so, dass Tulpen schwanger ist. Von ihm. Natürlich.
Und er weiß plötzlich, wo er hingehört.
Er kommt zurück nach New York und da das Buch dem Ende neigt, weiß der Leser dass John Irving nicht noch einen Schicksalsschlag für den armen Trumper in der Hinterhand haben kann.
Es folgt ein wunderschönes Happy End, dass jeden mit einem richtig gutem Gefühl im Herzen zurück lassen muss.

Trumper versöhnt sich schnell mit Tulpen und schliesst den kleinen Merrill sofirt in sein doch wahrhaft großes Herz. Auch Ralph Packer, der sowohl permanent hinter Biggie als auch Tulpen her war, hat sein Herz gefunden und seine Frau Matje ist schwanger.

Gemeinsam besuchen die vier Biggie, Colm, Couthbert und deren gemeinsame kleine Tochter Anna in Maine, haben eine lustige und heitere Zeit und es ist ergreifend schön, wie Trumper nachts durch alle Räume schleicht um sicher zu gehen, dass auch wirklich jeder der von ihm so geliebten Personen wohl auf ist.

Und trotzdem ist es kein unglaubwürdiges Hollywoodende: Trumper wird sich bewusst dass auch Schmerzen involviert sind wenn Beziehungen scheitern und neue entstehen, nicht nur bei einem selber, sondern auch bei den Personen mit denen man von nun an zusammen ist: auch sie stossen oft schmerzhaft an alten Gefühlen und Verbindungen an die sie bei dem Partner sehen.
Jeder möchte einen vollkommen unbelasteten, neutralen Neubeginn. Aber das gibt es nicht. Man ist man selbst und man hat eine Geschichte.
Aber auch wenn die von Fred Bogus Trumper eine voller vieler Missgriffe ist, so kann man doch daraus für sich lernen dass man aus Fehlern durchaus klug wird und es beim nächsten Mal besser machen kann.

Ich habe das Buch erst ein ganz klein wenig befremdet angefangen und dann schon nach wenigen Seiten gemerkt wie toll es ist. Ich habe sehr viel lachen müssen und mich gleichzeitig auch oft bewegt gefühlt.
John Irving hat es einmal meisterlich geschafft, einen Spagat zwischen Komik und Ernsthaftigkeit bravourös zu meistern, Klamauk auszulassen und trotzdem aberwitzig zu sein, echte, lebendige Charaktere zu zeichnen und trotzdem nicht vorhersehbar zu sein.
Und nach Beenden dieses Buch bleibt wie immer nach John Irving Romanen viel Freude über so ein gelungenes buch, als auch ein trauriger Anflug von Sehnsucht zurück: gerne hätte man noch länger bei den lieb gewordenen Charakteren verweilt, noch mehr mit ihnen erlebt und gefühlt.
Ich liebe John Irving und ich liebe den Water-Method Man!
:o)

Produktinformation

* Taschenbuch: 384 Seiten
* Verlag: Ballantine; Auflage: Reissue (1990)
* Sprache: Englisch
* ISBN-10: 0345367421
* ISBN-13: 978-0345367426
* Größe und/oder Gewicht: 17,4 x 10,6 x 2,8 cm

Dienstag, 10. Juni 2008

Les contes d´un psychiatre ordinaire von François Lelord


Diesmal ein Buch welches nicht auf der wunderbaren Kraft der Fiktion aufgebaut ist. Ein Sachbuch? Vielleicht. Ich hab es in der Fachbuch-Abteilung für Psychologie vom Pariser FNAC gefunden und da gehört es wohl auch hin, selbst wenn Francois Lelord auch ein bei uns beliebter Bestseller-Autor ist.
Aber anders als bei den Abenteuern vom Psychiater Hector oder dem Inuit Ulik geht es hier nicht um auf grundlegende und kostbare Wahrheiten aufgebaute aber erdachte Geschichten.

In diesem ganz tollen Buch erzählt Francois Lelord wahre Geschichten. Geschichten die er oder seine Kollegen im Laufe ihrer Arbeit als Psychologen oder Psychiater erlebt haben und die Lelord nun in kurzweiligen aber nicht oberflächig abgehandelten Kapiteln dem Leser vermittelt.
Und das wunderschöne ist, dass man kein großes Fachwissen braucht um sich sehr gut unterhalten und gleichzeitig aufregend informiert zu wissen, man braucht nur etwas Einfühlungsvermögen und eben Interesse an psychologischen Themen.

Und dann merkt man schnell, was für ein großartiges Buch man in den Händen hält. Denn Lelord schreibt dieses Fachbuch wie er seine wundervollen, grandiosen Romane schreibt: mit einer ruhigen und gut gewählten aber nicht erhöhten Sprache, einfach zu verstehen aber nicht platt, mit Respekt vor anderen und einer Freundlichkeit die überspringt.
Und so versteht man auch die theoretischen Abschnitte, die den einzelnen Geschichten folgen und so das wissenschaftliche Fundament zu den menschlichen Schicksalen bilden.

Man versteht mehr über die (nie ganz bewiesenen, immer noch erforschten) Ursachen oder möglichen Ursachen der einzelnen psychischen Krankheiten, über die Geschichte ihrer Erforschung und die diversen Theraphie-Möglichkeiten die es nach dem heutigen Stand der Wissenschaft gibt.
Es werden die Schwierigkeiten erläutert, mit denen sich Ärzte und Wissenschaftler konfrontiert sehen, all den bisher noch nicht aufgeklärten Geheimnissen aus unserem Inneren, all den Fragen nach dem Warum auf die bisher noch keine ausreichenden Antworten gefunden werden konnten.

Darüber hinaus bringt Francois Lelord auf wunderbar unvoreingenommene und sogar selbstkritische Art und Weise den Beruf und die tägliche Arbeit der Psychologen und Psychiater dem Leser näher, mit all den schweren Entscheidungen die man dort manchmal zu treffen hat.
Die Vorteile diverser Medikamente, die bei manchen biologisch-chemisch bedingten Krankheiten unerlässlich sind, die verschiedenen Formen der Analyse und der Verhaltenstherapie.
All das so kurzweilig und einfach erklärt, mit so viel Seele und Gefühl hinter den Worten dass man sich wünscht, bei Bedarf an so einen Arzt wie Francois Lelord (der meines Wissens leider im Moment in Hanoi praktiziert...) zu geraten.

Behandelt werden die Geschichten der an Agoraphobie leidenden Viloine-Lehrerin, die aus Angst vor Panikattacken alleine das Haus nicht mehr verlassen mag und der mit Hilfe einer einfühlsamen Verhaltenstherapie geholfen werden konnte.

Dann ist da der manisch-depressive Finanzjongleur, der mit seinen Höhenflügen nicht nur die Börse sondern auch sich selbst in Gefahr brachte und der nach einem Krankenhausaufenthalt und einer gut eingestellten Medikation wieder ein gefahrenfreies Leben führen kann.

Ein kleiner Junge mit dem fragilen Äusseren des kleinen Prinzen. Wie dieser lebt er in seiner eigenen Welt, er ist Autist und hat die schreckliche Angewohnheit, kaum zu essen und wenn er es tut, sich bis zum Bluten zu verletzten. Behutsam gelingt es, einen Zugang zu seiner Welt zu finden und ihm zu ermöglichen, ein wenig besser mit der unseren, in der ja auch seine Eltern leben und sich um ihn sorgen, zu kommunizieren.

Dann ist da der an einer schweren Depression leidende Familienvater und ein an AIDS erkrankter Sohn der nur mit Hilfe eines als Mediator tätigen Psychologen seinen Eltern die schwere Diagnose beibringen kann und eine Frau die unter ihren Zwangshandlungen leidet, panische Angst hat, sich durch Berührungen mit Krebs anzustecken und daher kaum noch in Kontakt mit Dingen und Menschen treten mag.

Ein anderer junger Mann hört Stimmen und hat das Gefühl, von fremden Gedanken gesteuert und manipuliert zu werden. Er leidet unter seiner Schizophrenie, so wie die Eltern, die verzweifelt mit ansehen müssen, wir ihr sonst so lieber Sohn sich verändert und sich ihnen schmerzhaft entfremdet.

Ein ehemaliger Boxer muss nacheinander mehrere ihm zu Beginn gar nicht so verstörend vorkommende Schicksalsschläge erleiden und findet sich plötzlich und für ihn erst unerklärlich mit schlimmen Panikattacken konfrontiert und ein leitender Angestellter leidet zunehmend unter beruflich bedingtem Stress, den er nicht nur an seine Mitarbeiter, sondern auch an seine Familie weitergibt und der mit Hilfe der Psychologen lernt, wie sein geändertes Verhalten auch das Verhalten anderer zu ihm ändern und er mit einer anderen Haltung seinen Stress deutlich reduzieren kann.

Mehrere Beispiele wie sie alltäglich für die Arbeit der Psychologen, Psychiater und anderem psychologisch geschultem Personal sind. Nichts wovon man nicht schon einmal gehört hätte, aber hier wird es so aufmerksam und eingänglich behandelt, dass man plötzlich versteht.

All diese Einzelschicksale stehen für sehr viele Formen und Ausprägungen der einzelnen Krankenbilder, sie werden behutsam vorgestellt und anschliessend wissenschaftlich besprochen. Aber in einer Sprache, die jedem verständlich sein dürfte und jedem einen Zugang zu diesen uns oft so mysteriösen Geistes- und Seelen-Zuständen bietet. Man kann erkennen, das Hilfe immer möglich ist, wenn auch manchmal keine völlige Abhilfe, so denn doch Linderung.

Man erkennt dass das Wissen um derartige Krankheiten, um unsere inneren Zustände immer mehr zunimmt, und die Möglichkeiten der Behandlung sich dadurch und auch durch die immer besser werdende Vernetzung der Ärzte untereinander verbessern.
Das Buch macht aufmerksam auf Krankheiten die uns vielleicht fremd sind oder von denen wir, oder Angehörige betroffen sind, es schafft Verständnis für Betroffene und gibt Hoffnung ohne zu viel zu versprechen.

Vor allem zeigt es, das man Vertrauen haben sollte. Das Vertrauen, Hilfe zu suchen wenn man merkt, dass einem allein alles zu schwer wird und man nicht mehr weiter weiss.

Das Buch ist kein Fachbuch was einem die vorgestellten Krankheitsbilder tiefgründig erläutert und einen somit zu einem angehenden Experten in dem Feld macht. Das ist nicht der Anspruch von Francois Lelord. Was er möchte, ist auf folgendes Aufmerksam zu machen:

Psychologen, Psychiater und das in dem Bereich geschulte Personal sind Menschen, die Fehler machen können und aber auch aus diesen lernen können. Menschen die helfen können, auch wenn sie zum heutigen Zeitpunkt noch nicht alles wissen was, als Ursache der Erkrankungen dienen könnte und auch nicht immer sofort, welche Behandlung die beste sein könnte.
Denn die Patienten unterscheiden sich in ihren Krankheitsbildern so wie Menschen sich untereinander differenzieren: es gibt viele Gemeinsamkeiten und genau soviel was individuell und speziell ist.

Eine medikamentöse Behandlung ist oft unerlässlich, auch manchmal begleitend mit einer Verhaltenstherapie und sollte nicht als einfaches Mittel der Ruhigstellung betrachtet werden. Denn das ist auch den Patienten die mit Hilfe einer auf sie abgestimmten, auf das Minimum optimierten Medikation ein besseres, unbeschwerteres Leben führen können nicht fair.

Und psychisch Kranke sind Menschen, denen geholfen werden muss und auch kann.
Man sollte geduldiger und toleranter sein, wenn uns im Alltag Menschen begegnen, dich sich für uns und nach unseren Kriterien sonderbar benehmen. Denn das hilft nicht nur ihnen, sondern auch uns.

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* Broché: 344 pages
* Editeur : Odile Jacob (21 octobre 2000)
* Collection : Poches O. J.
* Langue : Français
* ISBN-10: 2738109128
* ISBN-13: 978-2738109125

La sorcière de Portobello von Paulo Coelho


Ein neuer Roman von Paulo Coelho und ein ganz toller, erfrischend anderer.
Denn auch wenn das beherrschende Thema wieder ein spirituelles ist, oder DAS Thema Coelhos, nämlich unbeirrt durch äußere Einflüsse der inneren Stimme zu folgen, den eigenen Weg zu finden und trotz Hindernisse zu gehen, so ist die Form, wie er uns dieses Thema nahe bringt, anders als bei seinen vorherigen wunderschönen Romanen.

"Dieses Thema" ist das wichtigste der Menschen vielleicht, das Thema was uns vereint und zu Menschen macht.

Es geht nicht und bei Coelho nie um die EINE Religion, es ist immer ein Weg, der alles und alle verbindet und auch hier der wichtigste ist.
Es ist wird deutlich dass keiner der großen Kirchen falsch liegt, aber auch, dass keine ein Monopol auf Wahrheit und Richtigkeit hat.
Gott, oder das was viele von uns so nennen und das in diesem Buch durch die "Mutter" zum Wort wird, ist in uns drin und was wir tun müssen ist nicht, Traditionen und alten Ritualen zu folgen die uns innen drin nicht mehr berühren, sondern unseren eigenen, persönlichen Weg zu ihm und somit zu uns zu finden.

So wie es in dem Alchimisten und in den anderen Büchern von Paulo Coelho auch immer um diesen Weg geht, der in keinem Buch der gleiche ist, da auch wir Menschen uns niemals so sehr gleichen um auf dem selben Wege zu uns zu finden.

Aber was ist "zu uns"?
Auch das möchte Coelho behutsam erklären, in jedem Buch etwas mehr aber in keinem dogmatisch oder auf den Anflug von Vollständigkeit oder für jeden passend zugemünzt.
Jedes Buch besitzt die unglaubliche, unschätzbare Qualität den Leser zum Nachdenken über sich selbst und sein eigenes Gemüt zu bewegen.
Nachdenken über das was uns WIRKLICH wichtig ist, was wir glauben, was uns antreibt und herausfordert.

Und in diesem Buch ist der Weg ganz besonders deutlich zu erkennen, vielleicht dadurch, das Coelho nicht aus der Sicht einer Person spricht, sondern andere berichten lässt. Das Ganze bekommt etwas ungemein authentisches, Pathos befreites und erfrischend aufregend zu lesendes.

Die Erzählform ist originell, der Leser bekommt durch zahlreiche Zeitzeugenaussagen die Geschichte von Athena, oder Sherine Khalil, der "Hexe von Portobello" erzählt.
Doch was ist eine Hexe? Nach dem Lesen dieses wundervollen Romans wohl nicht das was sich viele darunter vorstellen.
Und auch mich schüttelt es jedes mal wenn ich hier "Hexe" schreibe und vielleicht ist es auch gar nicht das Wort das man in der Deutschen Übersetzung genommen hat? Ich hoffe es, aber sorcière ist wohl das was wir Hexe nennen und was man unmenschlich in der Vergangenheit verfolgt, gefoltert und verbrannt hat.
Weil sie, wie es in dem Roman thematisiert wird, sich nicht an die oft willkürlichen, auf ökonomischen und politischen Vorteil bedachten Regeln der Kirche hielten. Weil sie ihren eigen Weg zu unserem Schöpfer/unserer Schöpferin finden wollten.
Man hat sie Hexen genannt, auch wenn keinerlei Zauberei involviert war, und auch die Hexe von Portobello kann nicht zaubern. Aber das Leben von Menschen umkrempeln und ihnen ihren eigen Weg zu sich selbst und der Kraft zeigen, die hinter allem steckt. Und darum ist sie es vielleicht doch. Eine Hexe.

Athena, die als Baby in Rumänien von einer Zigeunerin zur Adoption freigegeben und dann von liebenden Eltern aus Beirut adoptiert wurde und durch den Krieg dort im Libanon in London landet, ist früh etwas anders als andere Kinder.

Nicht das sie zaubern könnte. Nein, das macht eine Hexe nicht aus.
Sie ist aufmerksamer, sieht Dinge die andere nicht sehen und ist schon früh nach einem Verlangen erfüllt, spirituelle Erfüllung und ihre Wurzeln zu finden.
Doch die Kirche, in der sie sich so wohl und nahe bei Jesus gefühlt hat, verweigert ihr nach ihrer Scheidung die bedingungslose Aufnahme und Athena wendet sich voller Groll ab.
Sie hat früh geheiratet, einen Sohn bekommen und damit erst einmal alles was sie wollte, ein Kind das vielleicht die Lücke in ihrem Leben schliessen würde, die das Unwissen über ihre leibliche Mutter und ihre Herkunft gelassen hat.
Ihr Mann erzählt von dieser Lebensphase, etwas verbittert und vermutlich immer noch verliebt in die Mutter seines Kindes.
So wie viele sie lieben oder zumindest in unerklärlicher Anziehungskraft zu ihr aufsehen.
Denn die Geschichte wird aus ihren Augen erzählt,
aus der Sicht ihres damaligen Mannes, ihrer Mutter, ihrer Meisterin, ihrer Schülerin, des Journalisten Heron und anderer Menschen, die Athena in London oder wo anders auf der Welt begegnet sind.

Denn Athena ist weit gekommen, nicht nur auf ihrem persönlichen Weg, auch in der Welt.
Ehr durch Zufall hat sie durch ihren Vermieter die extatischen Wirkungen eines alten Tanzes aus der Steppe Russlands erfahren, und die Anleitung, den "Gipfel" zu erreichen um besser sehen, die Welt verstehen zu können.
Sie lernt wie positiv es auf andere wirkt, selbst positiv zu denken und zu wirken und sie erkennt, dass man mit der eigenen Einstellung und Stärke andere verändern, "verzaubern", zum glücklicher sein verändern kann.

Und so ändert sich zunächst das Betriebsklima in ihrer Bank merklich, ihre Kollegen werden nach Gesprächen mit ihr zufriedener und entusiastischer, was sich merklich auf den ökonomischen Erfolg der Bank auswirkt.
Athenas Methode wird von ihrem Vorgesetzten erkannt und er erfüllt ihr den Wunsch, sie ihn den Mittleren Osten zu versetzen.
Denn Athena, die nach ihren ersten Versuchen mit der Derwisch-Gruppe ihres Vermieters glaubte, so die weissen Stellen in ihrer Seele füllen zu können, merkt dass sie zwar durch das tanzen in Bereiche in ihr vorstösst, die sie bisher nicht kannte, aber sie kommt nicht weiter, denn sie merkt dass sich da noch mehr verbirgt.
Athena reist so mit ihrem kleinen Sohn nach Dubai um für die dortige Filiale tätig zu sein.
In der Wüste lernt sie ihren neuen Lehrer kennen, der ihr mittels der alten Kunst der Kalligraphie den Weg zu ihr selbst, der sich durch Geduld und Muße von den Hürden des Alltags befreien lässt, näher bringt.
Viel Zeit verbringt Athena bei ihm und lernt, verändert sch weiter, findet stärker zu ihr selbst.

Und stösst aber auch hier an ihre Grenzen. So findet sie eine neue Lehrerin, eine Schottin, die vielleicht das ist, was dem Begriff der von Coelho thematisierten Hexe am nächsten kommt. Sie lebt in völligem Einklang mit sich und ihrer Umwelt, ihren Mitmenschen und der Kraft die uns geschaffen hat. Von ihr wird diese Mutter genannt.
Sie zeigt Athena den Weg zu dieser Kraft und eröffnet ihr die Möglichkeit, direkt mir ihr zu sprechen oder diese durch sie sprechen zu lassen.

Und so verändert Athena nicht nur das Leben des Journalisten Heron, der sich auf den ersten Blick in sie verliebt hat, auch das von dessen Freundin Andrea, einer Schauspielerin und vielen, vielen anderen Menschen.
Athena zeigt ihnen wie man den Weg zu der Kraft findet nach der wir alle streben, nach dem was wir als ausgeglichene Zufriedenheit empfinden, als Zustand bei dem das Streben und Hetzen zur Ruhe kommt.

Doch je mehr Menschen es werden, um so größer wird auch der Widerstand der Kirche, die Ketzerei in den Taten Athenas wittert, in ihrer Macht, den Menschen das zu geben was die Kirche oft nicht mehr leisten kann und das alles ohne Zwänge, oder feste Regeln und einengende Rituale.

Und es scheint sich zu wiederholen was auch damlas geschah mit denen die sich nicht dem Diktat der Kirche beugten und trotzdem einen festen glauben besaßen. Die Geschichte von Jesus Christus vielleicht sogar.

Aber das schönste für Leser wie mich war das Ende, voller Liebe, Hoffnung und Happy End, was für andere aber bestimmt auch überraschend oder gar unpassend erscheinen kann. Kitschig? Unglaubwürdig im Sinne von sehr schwer erklärbar? Vielleicht. Aber ist Liebe und die Kraft die sie besitzt nicht genau das? Dinge zu verzaubern, zu verändern und selbst nicht erklärbar zu sein?




Kern dieses Buches ist wohl, neben dem "Thema", der Wandel in dem wir und befinden. Der Wandel der Kirchen und unserer Haltung zu ihnen und zur Religion allgemein. Eine Rückbesinnung auf das Wesentliche, Individuelle aber doch Einende, auf den Weg den wir gehen müssen um zu "ihm", zu "ihr" oder auch zu "uns" zu finden, zu dem was viele Gott nennen aber noch viel mehr anders aber was im Kern das EINE ist, das was uns Menschen zu Menschen macht uns uns eine Bestimmung gibt.

Ein aktuelles Buch daher, ein Buch dass wie alle Coelho Bücher gegen die Kämpfe unter den Kirchen und Konfessionen angeht und uns behutsam und leise sagen möchte dass das alles vergeudete und negative Energie ist, die wir da verschwenden.

Viele Menschen wenden sich von den großen Kirchen ab, erkennen an dass viele der traditionellen Rituale von ihnen nur noch aus Gewohnheit ausgeführt werden aber der wahre Sinn dahinter, nämlich uns einen Weg und eine Möglichkeit diesen zu gehen zu Gott zu finden verschwunden sind.

Für viele mag dieser Weg noch ein effizienter sein, aber für sehr viele auch ist er verwischt oder gar verschwunden.
Und diese Menschen müssen erkennen, dass in ihnen drin noch unzähliche Türen sind, die auf den eigenen Weg führen, man muss diese nur erkennen und den Mut aufbringen, sie bewußt zu durchschreiten.

Und auch wenn in dem Buch die katholische Kirche den Kampf gegen die "Hexe" aufnimmt mit ihrer die Liebe predigenden "Religion", so macht Coelho doch deutlich, dass der Weg, den Athena aufzuzeigen versucht, bereits für uns alle als Beispiel gegangen worden ist: von Jesus Christus.

Denn war nicht der Kern seiner Aussage der, dass man durch die Liebe das Königreich des Himmels erreichen konnte? Mit der eigenen Liebe die Menschen um einen herum verwandeln und so die Welt in der wir LEBEN bereits zu eben jenem Paradies machen könnten?
Und machte Jesus Unterschiede unter den Menschen? Bestand er auf Rituale oder die Einhaltung überholter Regeln?
Hat er sich nicht auch, wie Athena am Ende des Buches und wie all die als "Abtrünnige" von der Kirche zum Tode verurteilten trotz aller Gefahren und Anfeindungen nicht von seinem Weg abbringen lassen? Hat er nicht auch selbstlos für den Weg der Liebe zueinander eingestanden?
Und wurde nicht auch er für seine Revolution der Einfachheit und der Liebe für jeden zum Tode verurteilt? Und zwar von der damals vorherrschenden "Kirche"?
Es ist nicht neu was Athena und die, de ihrer "Lehre" Folgen oder sie unterrichten sagen, es ist nicht neu und es ist nicht okkult.
Es ist die einfache Rückbesinnung auf das Wesentliche, die Wiederentdeckung der Freude am Leben, an der Welt, an dem was uns umgibt und an den Menschen die wir treffen. Es ist der Ausdruck der iebe die wir empfinden und der Mut, den eigenen Weg zu gehen, sich nicht von Ritualen und Traditionen die uns einengen blenden zu lassen.
Athena ist keine Hexe und sie ist nicht der Antichrist für die sie viele der ideologisch verblendeten Kirchendogmatiker in dem Buch halten.
Athena ist ein Mensch der maximales Bewusstsein für das Leben sucht und an die unübertreffbare Macht der Liebe glaubt.

Ein Mensch der weißt was ein Mensch ist und wozu er fähig ist. Sie hat ihren Weg gefunden und dieser Weg hat ihr gezeigt, über welch vergessenen Kräfte wir Menschen verfügen. Welche unsterbliche Kraft unsere Seelen haben, denn vielleicht sind sie es, die vom Funken dessen beseelt sind, den viele "Gott" nennen. Oder dem sie einen anderen Namen geben.

Es ist alles das Eine, das in uns allen drin. Wir müssen nur anfangen aufmerksam zu sein, aufmerksam für das was uns um herum passiert und auf das was wir in uns drin fühlen.

Détails sur le produit

* Broché: 280 pages
* Editeur : J'ai Lu (28 février 2008)
* Collection : J'ai lu roman
* Langue : Français
* ISBN-10: 229000734X
* ISBN-13: 978-2290007341

Donnerstag, 5. Juni 2008

A Son of the Circus von John Irving


Dieses John Irving Buch ist eines seiner weder frühen noch letzten Werke und eines der lustigsten.
Ein Buch dass mit seinem John Irving typischen hohen Seitenumfang sehr viele lustige Lesemomente beschert, hervorgerufen durch perfekte Dialoge und wahnwitzig originelle Szenen die teilweise slapstickartige Qualität aufweisen.

Die Geschichte spielt in Indien und auch wenn John Irving im Vorwort mehrfach und vehement darauf hinweist, dass er kein Kenner Indiens ist und dieser Roman keinesfalls einer über Indien ist sondern nur dort spielt, erfährt der Leser doch einiges über dieses ferne Land mit seinen uns oft fremden kulturellen Eigenarten.

Ich selbst hab mich beim Lesen oft an andere Romane über/angesiedelt in Indien erinnert und behaupte daher, dass John Irving auch für diesen Roman sehr sorgfältig recherchiert hat.

Der Roman erzählt wie in anderen Irving Romanen nicht nur eine Geschichte, sondern mehrere die sich wunderbar in den roten Hauptfaden der Erzählung einfügen.
Der Roman wirkt durch die liebevoll vorgestellten Characktere und die Rückblicke auf ihre persönlichen Geschichten und Schicksale fast wie eine Saga, ist aber im Gegensatz zu diesen leichtfüßig und voller warmen Humor.
Er unterscheidet sich hier ein wenig von anderen Romanen Irvings: das tragische Element ist trotz vieler ernster und wunderbar aufmerksam behandelter Themen( die Entwurzelung die Immigranten oft ihr Leben lang und überall empfinden, der latente Rassismus, das indische Kastenwesen und Kinderarbeit und Prostitution) nicht sehr ausgeprägt und auch wenn einige der Personen schwere Schläge erleiden mussten und der Roman sogar einen blutrünstigen Serienmörder involviert, so ist der Ton des Buches ein äusserst amüsanter, situationskomischer.

Hauptperson des Buches ist Dr. Farrokh Daruwalla, ein aus Indien stammender aber entwurzelter Orthopäde.
Verheiratet mit einer liebreizenden Österreicherin und fast das ganze Jahr in Toronto lebend, besucht er Bombay nur sporadisch und arbeitet dann in einem Krankenhaus für verkrüppelte Kinder und widmet sich zwei Passionen:
zum einem dem Sammeln vom Blut von Kleinwüchsigen um mithilfe eines kanadischen Kollegen für Genetik die Ursache des Kleinwuchses zu ergründen.
Und zum anderen ist er der geheime Verfasser der Drehbücher für die in Indien berühmt-berüchtigten Inspektor Dhar Filme.

Inspektor Dhar ist Daruwallas Erfindung, ein herablassender unbestechlicher Polizist, der in seinen Filmen regelmäßig alle in Indien zu finden Gruppierungen und Minderheiten eklatant vor den Kopf stösst und zu Hass gegen ihn aufstachelt.
Inspektor Dhar wird gespielt von John D., dem Sprössling einer gewissenlosen amerikanischen Schauspielerin die vor vielen Jahren mit den Daruwallas bekannt war.

Denn schon der Vater von Farrokh, ebenfalls Arzt für Orthopädie, war ein begeisterter Cineast und spielte mit dem Gedanken, Drehbuchautor zu werden.
Doch vom großen Hollywoodkino blieb in Bombay nur der kleine John D. bei der Familie Daruwalla zurück, Teil eines Zwillingspärchens dass die berechnende Mutter aus Gründen der Bequemlichkeit nach der Geburt getrennt hatte.
So wuchs John D. behütet bei den Daruwallas, die inzwischen viel Zeit im Ausland, vor allem der Schweiz und Kanada, verbrachten auf während sein unwissender Zwilling das unstete Leben einer von Alkohol und Seitensprüngen geprägten Kindheit erdulden musste.

So wurde aus John D. der in Indien berühmte und gehasste aber äusserst erfolgreiche Inspector Dhar, der in der Schweiz aber als ein angesehener Theaterschauspieler agiert und dort ein Leben abseits jeglichen Medienrummels führt.

Sein Zwilling (der Einzige der von der Existenz eines Bruders nichts weiß) Martin Mills hingegen kommt nach Bombay um dort als Priesteranwärter in einem Jesuitenorden zu unterrichten und treibt Farrokh Daruwalla mit seiner optimistischen, vom Glauben an das Gute und an die Verbesserungsfähigkeit von allem fast in den Wahnsinn.

Denn Farrokh, die überaus sympathische Hauptperson des Buches, hat viel um die Ohren und sein Leben gleicht zum Zeitpunkt der Erzählung einem chaotischen aber für den Leser äusserst amüsanten Bienenkorb:
Auf der einen Seite ist da der letzte Inspektor Dhar Film, der wie zu erwarten erneut unglaublichen Hass in der Bevölkerung Indiens entfacht hat und nun sogar tatsächlich von wahren, den Filmmotiven ähnlichen Morden angeregt zu haben scheint.
Und dann sind da die Morddrohungen, die dem Mord an einem Mitglied des berühmten Duckworthclubs, dem Zentrum des Lebens von Bombays besserer Gesellschaft und dem Mittelpunkt von Daruwallas und John D.s Leben folgen.
Plötzlich werden Schatten aus der Vergangenheit der beiden lebendig und äusserst bedrohlich.

Und Farrokh Daruwalla versucht in all dem Chaos nicht nur, endlich ein RICHTIGES Drehbuch für einen wahrhaft anspruchsvollen Film zu schreiben, DER Geschichte über das harte aber romantische Leben in dem ihm so lieben Zirkus, er muss auch noch dem Zwerg Vinod und seiner Frau dabei helfen, einen verkrüppelten Jungen und eine junge Kinderprostituierte aus ihrem tristen und traurigem Leben zu retten um sie im Zirkus unterzubringen.
Und dann natürlich noch Martin Mills beaufsichtigen, der seinem ihm unbekannten Zwilling nicht begegnen darf und überall in Bombay aber mit diesem verwechselt und mit dem Tode bedroht wird. Was dieser gutmütige und von besonderer Einfältigkeit beseelte Jesuit aber nie als Bedrohung empfindet.
Und dem richtigen Inspektor Patel helfen, endlich den seit Jahren wütenden Sexualmörder zu fassen, der eine besondere Beziehung zu Doktor Daruwalla und seiner Familie und haben scheint.

Und und und.
Ich möchte hier gar nicht versuchen, den Inhalt des Buches chronologisch und ordentlich wieder zu geben, denn dazu sind die Abschweifungen und Geschichten in der Geschichte zu schön und jede einzelne zu kostbar um Gefahr zu laufen, auch nur eine davon zu vergessen.
A Son of the Circus ist ein ganz ganz großer Roman von John Irving, vielleicht der lustigste.
Lustig aber nicht albern, nicht tragisch aber auch nicht seicht und zu leicht, ernste Themen ohne moralischen Zeigefinger, ein Roman der ein Bild von Indien zeichnet aber nicht vorgibt ein Buch über Indien zu sein. Ein Buch das einen schmunzelnden Blick auf diesen fernen Kontinent mit seinen oft fremden kulturellen Eigenarten wirft, ein Buch dass ein Epos sein könnte, wäre er doch nicht so kurzweilig.

Denn es ist in diesem Roman wunderschön gelungen, eine große Anzahl an Charakteren mit liebevollen Einblicken in ihre Geschichten und Schrullen vorzustellen und auf John Irving typische Art und Weise lebendig werden zu lassen. Es sind kauzige und skurile Charaktereigenschaften darunter, die die Personen aber doch nie unglaubwürdig oder grotesk wirken lassen und es schaffen, dem ganzen Buch einen wundervollen Humor und eine erfrischende Buntheit zu verleihen.

So gesehen ist der Titel des Buches, der einen großen Teil der Seele von Doktor Farrokh Daruwalla beschreibt und auch tragende Rollen übernimmt, auch Programm für das Buch selber:
Der Leser wird unterhalten und immer wieder überrascht, eine Mischung aus Theater und Kuriositätenkabinett bietet das Spektrum von tragisch bis hin zu albern, ohne aber in der Gesamtheit eines von beidem zu sein.

Auch wenn der Roman deutlich die Handschrift John Irvings und seines Talentes trägt, so unterscheidet er sich meines Empfindens nach aber deutlich von seinen anderen Romanen.
Zum einen sind die tragischen Momente nicht sehr ausgeprägt und schmerzhaft, zum anderen ist der Humor vordergründiger und das Buch so ein deutlich heitereres.
Auch vom Thema her ist A Son of the Circus anders und die paar auftauchenden bekannten "Irving Elemente" (der Protagonist als Schriftsteller, hier allerdings als Drehbuchautor, Prostitution, hier aber als ernstes Thema des Kindesmissbrauchs, ein Wohnsitz in Toronto) wirken so beiläufig, dass kaum Parallelen zu anderen Romanen auffallen.
Abgesehen von dem famosen Talent des Erzählens, des Lebendig Machens natürlich.

Der Roman ist ein grandioses Lesevergnügen und auch wenn er schnell die buntesten Bilder im Kopf projeziert, so könnte eine Leinwandadaption dem Roman nicht gerecht werden, zu wichtig sind all die inneren Monologe und Gedankengänge die Dr. Daruwalla zu einem so ausserordentlich sympathischen und echten Zeitgenossen machen.

Ein grandioses Buch, beste Bollywood-Hollywood-Literatur!!!

Produktinformation

* Taschenbuch: 672 Seiten
* Verlag: Ballantine Books; Auflage: Reprint (Juni 1997)
* Sprache: Englisch
* ISBN-10: 0345417992
* ISBN-13: 978-0345417992
* Größe und/oder Gewicht: 21 x 14,1 x 3,1 cm

Die Feuerzangbowle von Heinrich Spoerl


Da habe ich im Regal meiner Eltern einen alten Schatz entdeckt:
Heinrich Spoerls Feuerzangbowle.
Und weil Heinrich Spoerl aus Düsseldorf kommt und es bei den Cafés von Herrn Spoerl in ebendieser unserer wunderschönen Stadt grandiosen Milchkaffee gibt und ich darüber hinaus diesen Film mit Heiz Rühmann als Kind immer ungemein lustig fand, hab ich das kleines Büchlein eingesteckt und umgehend mit viel Freude gelesen.

Und muss sagen: wieder einmal ein buch dass trotz guter Filmumsetzung als original ungeschlagen bleibt!
Heinrich Spoerl benutzt so eine wundervolle Sprache, die immer zwischen schalkhaft-oroginell und gehoben pendelt, dass der Film daneben blass erscheinen muss.
Die Sprache des immerhin bereits in den 30er Jahren verfassten Romans ist so erfrischend frech und gleichzeitig ausgewählt, dass man die Lausbubengeschichten des Hans Pfeiffers verschlingt und diesen schalkhaften Protagonisten umgehend lieb gewinnt.

Denn Hans Pfeiffer (mit drei f, eins vor dem ei und zwei hinter dem ei), ein junger erfolgreicher Schriftsteller der aufgrund von Privatlehrern nie in den Genuss der von Streichen und anderen Oberstufenerlebnissen gekommen ist von dem ihm seine gebildeten Bekannten vorschwärmen, lässt sich überreden, auch einmal die Schulbank zu drücken um eben dieses Versäumnis nachzuholen.

Und so verkleidet sich der begüterte und sonst nicht anspruchslose 24 jährige als Jungspund, zieht in die Pension der mütterlichen Frau Windscheid und wird Schüler einer von Rabauken dominierten Gymnasialklasse.
Und natürlich wird Hans Pfeiffer schnell zum Oberrabauken, aber zu einem mit Herz und Gewissen und so schleicht er sich mit seiner eloquenten Rat und seinem originellen Schabernack schnell in die Herzen seiner Mitschüler und auch des Lesers.

Doch leider kann man nicht gänzlich von seinem alten Leben Urlaub nehmen, so wie Pfeiffer es gern hätte: seine Verlobte kommt aus der großen Stadt Berlin in sein Jungspund-Junggesellenleben in Babenberg hineingeplatzt und droht dem munteren Treiben mit den Pflichten des würdevollen Berufslebens ein Ende zu setzen.
Doch Pfeiffer mit drei f hat sich nicht nur in das ungestüme Pennälerleben verliebt...

Es ist ein wundervolles Bild von der harten aber gutmütigen streng-lustigen Schule aus vergangenen Zeiten, das Heinrich Spoerl hier zeichnet. Streiche voller Biss aber ungefährlich, Lehrer mit Autorität und Herz, die einen zum Lachen, die anderen zum gern haben.
Ein wundervoller, kurzweiliger kurzer Roman in einer grandiosen Sprache aus einer etwas fernen Zeit.

Vielleicht zu geniessen an einem langen Nachmittag mit zwei, drei großen Milchkaffee-Schälchen im wunderschönen Café Herr Spoerl in der Tußmannstraße in Düsseldorf...

:O)

Produktinformation

* Taschenbuch: 170 Seiten
* Verlag: Heyne (1990)
* Sprache: Deutsch
* ISBN-10: 3453042476
* ISBN-13: 978-3453042476