Mittwoch, 12. September 2007

In America von Susan Sontag


Dies ist die einzige Arbeit die ich von Susan Sontag gelesen habe, einer der bekanntesten und mit vielen Preisen ausgezeichneten Publizistinnen in Amerika.
Und darum werde ich auch ganz unvoreingenommen schreiben, wie mir DIESES Buch gefallen hat, dass durch Zufall in meine Hände gelangt ist.

Es hat mir gut gefallen. Manche Stellen sogar sehr gut. Aber da andere Passagen etwas langatmig für mich und meine Interessen waren und ich nicht so eine Theater Affinität besitze (ich kenne mich zu meiner Schande gar nicht aus und gehe auch nie..), kann ich das Buch für MICH nur als gut bewerten, aber ich bin mir SICHER, dass Theatergeher und Liebhaber von Shakespeares Stücken das Buch LIEBEN werden.

Denn Hauptfigur des Romans ist die polnische Theaterschauspielerin Maryna Zalezowska, die 1876 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in Polen beschliesst, gemeinsam mit 14-köpfiger Entourage, darunter ihren Ehemann Bogdan, ihr kleiner Sohn Piotr und sehr gute Freunden, nach Amerika auszuwandern um in Californien eine Utopie von selbstbestimmtem Leben und ländlicher Autarkie zu leben. Dieses Leben haben sie ansatzweise schon in den Sommermonaten in einem abgelegenen polnischen Bergdorf gespürt und nun sollen diese Ferien zum Leben werden.

Alles Bitten und Betteln in Polen, Maryna zum Bleiben zu bewegen scheitern an ihrer Entschlossenheit, ja, sie ist ein Nationalsymbol für das seit langem okkupierte Polen, aber sie ist auch eine selbstbewusste Frau mit einem Traum.
Und so wird zuerst eine Vorhut aus zwei Freunden vorgeschickt um die Lage zu erkunden und der Leser erfährt amüsiert, wie die zwei gebildeten Europäer die Amerikaner und ihre ersten Begegnung mit New York erleben.

Maryna und die anderen kommen etwas später nach und beziehen ihr neues Heim in der Nähe von der deutschen Siedlung Anaheim in Californien. Da alles erst sehr kärglich und rustikal ist, braucht es einige Zeit bis die neuen Farmer sich zumindest ein bisschen einleben, Weinbau will gelernt sein und das Melken ebenso. Doch Maryna versucht allen in Disziplin und Tatendrang ein Vorbild zu sein und kann sich beim Anblick der Morgensonne kaum vorstellen, je wieder in ihr altes Leben auf der Bühne und ins Rampenlicht zurück zukehren.

Doch die Utopie vom Landleben bleibt eine, nach und nach geben ihre frustrierten Freunde auf, reisen zurück nach Polen oder in urbane Städte wie Sand Francisco oder New York.

Und nachdem das Geld knapp wird beschliesst auch Maryna, dass sie mit Schauspielerei wohl besser den Unterhalt für ihre kleine Familie bestreiten kann.
Und so beginnt nach anfänglichen Bedenken, Sprachtraining und viel Vorbereitung Marynas zweite, noch viel größere Karriere in Amerika.
Von der ersten Aufführung an ist sie ein Star, von den Amerikanern verehrt und geliebt.
Und um den Amerikanern gerecht zu werden, muss Maryna mit dem Phänomen der Theater Touren anfreunden, in einem Zug reis sie von Stadt zu Stadt, gemeinsam mit Ensemble und Entourage.

Das Buch ist, bis auf das erste und das letzte Kapitel, wirklich schön und mit Freude zu lesen. Susan Sontag schafft eine wundervolle Maryna, deren Figur auf der wahren Helena Modrzejewska beruht. Ihre Liebe zu ihrem Beruf, zu ihrem Mann, zu ihrem Liebhaber und Kind wirkt so wahrhaftig und frisch, dass sie wirklich lebendig erscheint.
Ihre Gedanken sind manchmal so leicht geschrieben und doch so tiefgründig, dass ich sie mehrmals lesen musste weil ich sie so toll fand.
Auch die anderen Hauptcharaktere, die ebenfalls reale Vorbilder haben, sind schön ausgearbeitet und man erfährt durch unterschiedliche Kapitel, ihre Sicht zu dem Unternehmen, zu ihrem Leben, zu ihrer Liebe zu Maryna.
Und darüber hinaus ist das Buch ein Fest für Theater Liebhaber da mit viel Wissen Hintergründe, zum Theater und dem Schauspielleben und zu einzelnen Stücken, en passant in die Handlung und Gedanken eingepflegt werden.

Product Details

* Paperback: 400 pages
* Publisher: Picador (May 2001)
* Language: English
* ISBN-10: 0312273207

Freitag, 7. September 2007

Mes amies Mes amours von Marc Levy


Ah. AH. War das wieder schön. Eigentlich bin ich keine begeisterte Leserin von Liebesgeschichten aber Marc Levy Bücher sind für mich mit das Größte, wenn es darum geht, ein oder zwei Tage mal nur Schönes und Gutes zu lesen, zu schmunzeln und sich mit anderen und für sie zu freuen. Zu lesen, dass es DIE Liebe gibt aber dass es immer Umwege sind, die zu ihr führen.
Weil sie immer wunderbare Menschen mit Ecken und Kanten aber großen Herzen als Protagonisten haben, weil die Dialoge wunderbar sind: keineswegs kitschig oder platt, witzig und originell, die Sprache eine sehr schöne, schlichte aber gewählte ist und weil man, auch wenn man ahnt dass es am Ende zu einem Happy End kommt, nie weiß was als nächstes passiert und wie dieses erreicht wird.

Leider ist Mes Amies, Mes Amours das vorletzte Buch von Marc Levy das ich noch nicht gelesen habe. Aber was solls, les ich sie bald noch mal, auch wenn dann ein Element seine Wirkung nicht mehr voll entfalten wird: die Überraschung die Marc Levy immer wieder genau dann hinbekommt, wenn alles so vorhersehbar schien (auch wenn einiges dennoch vorhersehbar ist, was aber auch positiv sein kann!).

Die Hauptfiguren des Romans sind die allein erziehenden Väter Antoine und Matthias.
Antoine lebt mit seinem Sohn Louis in London, seine Ex Frau Katie reist als Entwicklungshelferin durch Afrika.
Matthias lebt in Paris, vermisst seine Tochter Emily, die beste Freundin von Louis, seinen besten Freund Antoine und aber auch seine Frau Valentine schrecklich.

Als Antoine ihm vorschlägt, seinen Job als Buchhändler in Paris aufzugeben und einen kleinen Buchladen eines in den Ruhestand gehenden Freundes gegenüber seinem Architekthenbüros zu übernehmen, zögert Matthias nicht zu lange.

Denn nicht nur seine geliebte Tochter Emily und sein bester Freund mit Louis wohnen in London, auch die guten, französischstämmigen Freunde Yvonne mit ihrem Restaurant und die Floristin Sophie haben ihre Läden in der Strasse des Buchladens.
Nicht zu vergessen, seine Frau...

Doch kaum ist Matthias mit Sack und Pack in London angereist, eröffnet Valentine ihm dass sie eine Stelle in Paris annimmt und er von nun an die Hauptsorge für Emily trägt.

Zuerst ist Matthias erschüttert aber dann machen er und Antoine aus der Not eine Tugend und reissen die Wand die zwischen ihren Wohnungen liegt ein und wohnen nun zusammen mit den zwei Kindern unter einem Dach.

Doch wie lange können so Regeln wie "Keine Babysitter!" oder "Keine Frauen im Haus" aufrecht gehalten werden?
Denn Matthias lernt schon bald die Journalistin Audrey kennen und kommt immer mehr in Schwierigkeiten, diese vor Antoine zu verheimlichen.

Und hier wird wieder das besondere Talent Levys deutlich, lustig und amüsant das Schlindern von einem Fettnäpfchen zum nächsten und die witzigen, schlagfertigen Dialoge unter besten Freunden wieder zu geben.

Und darüber hinaus gleich mehrere persönliche Geschichten und Schicksale zu erzählen und zu einer großen zu verweben. So erfährt man viel über die Restaurantbesitzerin Yvonne und von ihrer heimlichen Liebe zu dem Gentlemen-Buchhändler im Ruhestand, von Sophie und ihrer kuriosen Briefbeziehung zu Antoine die er vollkommen falsch einschätzt, von der Immigrantin Enya und sogar, dass Lauren und Arthur, die der Marc Levy Leser ja aus den bezaubernd grandiosen Romanen "Et si c´etait vrai..." und "Vous revoir" kennt, ein Baby erwarten, denn Antoine lernt die beiden in einem Restaurant in Schottland kennen, so dass Levy hier seinen prominentesten Charakteren eine kleine Gastrolle verschafft.

Jedenfalls lernt der Leser hier wieder einen Haufen wunderbarer Menschen kennen, die jeder ihr Schicksal tragen und unterschiedlich damit umgehen. Und am Ende ausnahmslos glücklich sind, so dass man wieder an das Sprichwort denken muss, dass in einem feinen Roman über die Liebe und die Freundschaft ein jeder Topf seinen Deckel finden sollte. Einfach weil er es verdient hat. Und weil das Leben schön ist wenn man Mut beweist und Risiken eingeht, sich anderen öffnet.

Ein wunderbar flüssiger, mit Freude und Schmunzeln und Glücksgefühlen zu lesender Roman über Freundschaft und Liebe, ohne trivialen Kitsch und schwammige Dialoge.

Ein Buch, das fabelhaft erfrischend nach jungem Frankreich klingt auch wenn der Roman in London spielt (dass es dort ein französisches Viertel gibt wußte ich bisher nicht und was all diese liebenswerten Franzosen in London machen wurde mir allerdings auch nicht ganz klar...).

Ein wunderschönes Buch für ein wunderschönes Wochenende.

Produktinformation

* Verlag: Knv Import; Presses Pocket, P.
* 2007
* Ausstattung/Bilder: 2007.
* Französisch
* Abmessung: 18 cm

* Gewicht: 190g
* ISBN-13: 9782266168984
* ISBN-10: 2266168983
* Best.Nr.: 22812865

Dienstag, 4. September 2007

Der Schrecksenmeister von Walter Moers


Ah, ENDLICH. Nach gefühlten Jahren des Wartens und unzähligen Verschiebungenn des Erscheinungstermins ist es nun endlich in meine Hände gelangt, der neue Roman von Walter Moers, meiner Ansicht nach einem verkannten Genie der Phantasie und elaborierten Skurrilitäten.

Der Schrecksenmeister ist auch diesmal ein Märchen für Erwachsene, geographisch angesiedelt auf dem Kontinent Zamonien, der dem glücklichen Kenner schon durch die "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" lustig und durchaus spannend näher gebracht wurde. Und der ebenfalls Ort des Geschehens bei den fantastischen Rumo Romanen, den gruseligen Erlebnissen von Ensel und Kretel und dem genialem Roman "Die Stadt der träumenden Bücher" ist.

Gleich vorneweg: ich habe den Schrecksenmeistern an einem Wochenende verschlungen, er hat mich aber nicht ganz so extrem begeistert wie die bereits erwähnten anderen Zamonien Romane.
Aber egal. Wer mit Käpt´n Blaubeer angefangen und später Rumo und Hildestgunst von Mythenmetzt kennen und schätzen gelernt hat, wird auch Echo, das Krätzchen ins Herz schliessen.

Echo ist eine Kratze, die im Unterschied zu Katzen die Sprachen aller Lebewesen Zamoniens beherrschen.
Und Echo ist am verhungern nachdem sein armes altes Frauchen in der von Krankheiten und Bakterien geplagten Stadt Sledwaya gestoben ist.
So schlimm steht es um ihn, dass er einen Pakt mit dem von allen gefürchteten Schrecksenmeister Succubius Eißpin eingeht:
im Gegenzug zu einem Monat voller kulinarisch nicht zu überbietender Speisen und Pflege erlaubt Echo dem Schrecksenmeister, in beim nächsten Vollmond, dem Schrecksenmond, sanft zu töten und zu alchimistischen Zwechen sein kostbares Körperfett auszukochen.
Denn Echo ist einer der letzten Kratzen.

Geniesst Echo zu Beginn noch die aussergewöhnlichen Speisen die Eißpin ihm kredenzt und seine Einführung in die Geheimnisse der Alchimie, so zweifelt er doch schon bald an der Richtigkeit seines Handelns und möchte nicht mehr sterben.

Und so gibt der Roman nicht nur Echos spannende und verblüffende Entdeckungen in den unergründlichen Weiten des Schlosses des Schrecksenmeisters wieder, seine erhellenden Dialoge mit diesem und weitere Informationen über Zamonien, das Buch ist auch oder in erster Linie die spannende Suche Echos nach einem Ausweg aus dem tödlichen Vertrag.
Der Leser erfährt einiges über Schrecksen und warum der Schrecksenmeister sie so hasst, hört von herzzerreissenden Liebesgeschichten und warum Ledermäuse unvorhersehbar sind.
Mal liest es sich wie ein phantasievolles Märchen um dann im nächsten Moment wieder blutrünstig zu überraschen.

Mehr will ich gar nicht schreiben, denn das Buch ist so spannend und immer wieder verblüffend in seinen Moers typischen Wendungen, dass ich nichts vorweg nehmen möchte.

Der Schrecksenmeister ist ein tolles Buch, auch wenn ich zugeben muss, dass mir die anderen Romane besser gefallen haben, und sogar Ensel und Kretel mit seiner gruseligen Blutrünstigkeit fesselnder.



Produktinformation

* Verlag: (Piper)
* 2007
* Ausstattung/Bilder: 384 S.
* Deutsch
* Abmessung: 25 cm

* Gewicht: 866g
* ISBN-13: 9783492049375
* ISBN-10: 3492049370
* Best.Nr.: 20846408

Montag, 3. September 2007

A Spot of Bother von Mark Haddon


Nach "The Curious Incident of the Dog in the Night-Time" das ich weiter unten/ früher unter "Le Bizarre Incident du chien pendant la nuit" beschrieben und in den höchsten Tönen gelobt habe, hier nun das neue Buch von Mark Haddon, sein zweiter Roman.
Und auch dieser hier ist absolutes, amüsantes Lesevergnügen, wenn auch nicht so umwerfend originell und aussergewöhnlich wie der Vorgänger-Roman. was aber wohl der Tatsache geschuldet ist, dass hier nicht kommentarlos die Gefühlswelt und die Gedanken eines jungen Autisten aufs amüsanteste und mitreissenste wiedergegeben werden, sondern das Leben einer "fast" normalen britischen Mittelstandsfamilie.
Aber was ist schon normal?

Georg ist inzwischen 57 und frisch pensioniert. Gemeinsam mit seiner Frau Jean lebt er in seinem gemütlichen Londoner Vorstadt Haus und verbringt seine freie Zeit damit, sich im Garten eigenhändig ein kleines Studio zu bauen und sich gemeinsam mit Jean über Katies Pläne zu einer zweiten Hochzeit aufzuregen.

Denn Katies neuer Freund Ryan stösst der gesamten Familie etwas auf, wirkt er doch etwas einfach und im Vergleich zu Katie ungebildet. Doch er versteht sich grandios mit Katies kleinem Sohn Jacob und hilft Katie bei allem, auch finanziell sicher er sie ab.
Aber reicht das für eine Hochzeit? Ist nicht Liebe der man sich sicher ist die absolute Voraussetzung für einen derartigen Schritt?

Doch wann ist man sich der Liebe sicher?
Auch Sohn Jamie, der als Immobilienmakler in London lebt erkennt zu spät dass er mehr für seinen Freund Tony empfindet als er sich lange einredete. Denn als er merkt dass er bereit wäre, die Beziehung zu Tony auf feste, offizielle und fundierte Füße zu stellen, verlässt Tony ihn mit dem Vorwurf, Jamie wäre noch nicht reif für etwas festes und bindendes.

Und auch Georges Frau Jean ist sich nicht sicher, wie sie in Zukunft zwischen ihrer vertrauten, heimeligen aber nicht besonders Aufregenden Ehe zu George und ihrer sie glücklich machenden Affäre zu Georges altem Arbeitskollegen David navigieren soll.

Jeder lebt irgendwie für sich, verbunden durch die Familie aber vollkommen unterschiedlich im Lebensstil.
Bis die geplante Hochzeit alle auch räumlich zusammen bringt und eine ganze Reihe komische oder tragische Implikationen auslöst und jeden der Charaktere am Ende zum Besseren verändert, weiser und sich näher stehender zurück lässt.

Am amüsantesten und aber gleichzeitig auch tragischsten ist für den Leser vor allem die sich immer schlimmer verstärkende Verwirrung mit zu beobachten, der der gute George ausgesetzt ist.
Alles fängt mit dem Unbehagen über die bevorstehende Hochzeit und seine Rolle als Redner an und verschlimmert sich dann eklatant mit der Entdeckung eines komisches Fleckes auf seiner Hüfte.
Entgegen den Versicherungen seines Arztes, dass es sich lediglich um ein Ekzem handelt, glaubt George immer mehr, dass er Krebs hat und bald sterben muss.
Diese Ängste steigern sich zu einer George immer stärker beherrschenden Paranoia die ihn wörtlich in den Wahnsinn treibt.

Versucht er anfangs noch angestrengt, sein mentales Abgleiten vor anderen zu verbergen, was ihn in den Leser äusserst erheiternde Situationen bringt, so wird sein Veränderung seiner Familie spätestens dann deutlich, als er heimlich versucht, sich das Ekzem mit einer Schere abzuschneiden und bei seinem Versuch die Blutung zu stoppen, das ganze Haus färbt.

Je näher die Hochzeit rückt, desto mehr Dinge passieren den vier Familienmitgliedern die sie verändert zurück lassen und die Form in der Mark Haddon von den amüsanten Episoden berichtet ist sehr angenehm, jedes der kurzen Kapitel erzählt von einem anderen Mitglied der Familie Hall und man lernt jeden einzelnen so immer besser kennen und mögen.

Denn jeder von ihnen erlebt und denkt Dinge, in denen sich der Leser wieder findet und ein Schmunzeln begleitet fast jedes der Kapitel, auch wenn die Kapitel, die die Gedanken Georges wieder geben und behandeln auch zum Nachdenken anregen und Mitgefühl für George auslösen.

Denn so absurd und amüsant seine von Angst getriebenen Handlungen auch sind, so sehr sie einen im ersten Moment zum Lachen bringen, so sehr bemitleidet man den armen guten George auch, denn für ihn ist das alles gar nicht komisch, er hat Angst, Angst vorm Sterben, Angst verrückt zu werden, Angst andere damit zu enttäuschen.
Und so ist Mark Haddons zweites Buch ebenfalls einem wenn auch amüsant eingeführtem ernsten Thema geschuldet: die mentalen Veränderungen und Störungen die schleichend mit dem Älter werden und dem Umbruch in der Lebenssituation einhergehen.

Georges schleichende Verwirrung und seine an beginnende Altersdemenz ähnelnden zunehmenden abstrus wirkenden Ängste werden von Haddon sehr einfühlsam und geschickt in den Vordergrund gerückt: ohne tief schürfende Tragik, ohne dramatisierende Schwarzfärbung lässt er George für sich sprechen und den Leser immer mehr für diesen zu empfinden, mit ihm zu fühlen und gleichzeitig über ihn zu schmunzeln.
George und seine Probleme werden nicht lächerlich gemacht, man lacht ihn nicht aus und auch die Mitglieder der Familie Hall entwickeln immer mehr Verständnis für George je mehr seine Hilflosigkeit eklatant wird.

Und dies ist das zweite, wichtige Thema: die Familie und wie deren einzelne Mitglieder zueinander stehen und welche Rollen sie übernehmen nachdem die Kinder groß und erwachsen, auf gewisse Arten selbstständig geworden sind (und auf anderen immer noch der Sicherheit der Eltern im Rücken bedürfen) und die Eltern auf der anderen Seite die Hilfe ihrer Kinder bedürfen.

Dazu werden die unterschiedlichen Lebensentwürfe und ihre Vereinbarkeit thematisiert, die Positionen zum großen Wort Liebe:

Jean liebt George (so wie man sich nach einem ganzen Leben der Ehe und der Routine in ihren Augen noch liebt) und gleichzeitig auch ihre Affäre zu David.

George liebt Jean (so wie man sich nach einem ganzen Leben der Ehe und der Routine in seinen Augen noch liebt) und gleichzeitig seine Ruhe.

Katie liebt ihren Sohn Jacob und wie Ray mit ihr umgeht, aber liebt sie ihn genug um ehrlich seine Frage ob sie ihn liebt mit Ja zu beantworten?

Jamie liebt sein geordnetes Leben und seine Unabhängigkeit aber liebt er es genug um dafür auf eine feste und Kompromisse erfordernde Beziehung zu Tony zu verzichten?

Ray und Tony scheinen die einzigen zu sein, die sich ihrer Liebe von Anfang an sicher sind und die sich auch, den Befürchtungen dass der provinziell wirkende Ray ein homophober Schläger sein könnte sehr gut verstehen.

Hier wird ein weiteres Thema tangiert, dass der Vorurteile und Klischees im Kopf der Einzelnen, vorgefertigte Bilder die sie daran behindert, den Wert anderer von Anfang an zu erkennen und zu schätzen.
Denn Ray, der von allem zu Beginn als simpel, grobschlächtig und ignorant angesehen wird, entpuppt sich durch seine Taten und sein grenzenloses Mitgefühl und seine bedingungslose Hilfsbereitschaft als eine Seele von Mensch der jedem der einzelnen Charaktere als Stütze dient.
Und so lernt am Ende des Buches und der Hochzeit jedes der einzelnen Hall Mitglieder seine Lektion für das restliche Leben:

Dass man keine Angst haben muss und darf, seinen Nächsten zu vertrauen.
Dass man Anderen um seines eigenen Glück Willen aufgeschlossen gegenüber treten sollte.
Dass jedem geholfen ist wenn man Andere und ihre einem fremd erscheinende Lebensentwürfe mit Aufgeschlossenheit und vielleicht sogar Interesse begegnet.
Dass Anderen helfen sich selbst helfen bedeutet.
Dass der Zusammenhalt den eine Familie bieten kann jedes Schicksal erträglich macht.

Ein wunderbar heiteres aber durch die subtil und heiter angerissenen Themen nicht triviales Buch. Ein Buch für ein verregnetes Wochenende.
Ein Buch, dass meiner Überzeugung nach schon bald GENAU SO verfilmt wird, denn dazu eignet es sich aufgrund der an Szenen erinnernden kurzweiligen Kapitel optimal. Ein Buch das gleichermaßen zum Lachen und zum Nachdenken bringt, nicht ganz so brilliant wie Mark Haddons erstes Buch aber doch jeden einzelnen Cent und jede Leseminute wert!




Produktinformation

* Vintage
* Verlag: (Knv Import; Vintage, London)
* 2007
* Ausstattung/Bilder: 2007. 503 p.
* Englisch

* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 265g
* ISBN-13: 9780099507437
* ISBN-10: 0099507439
* Best.Nr.: 21477424