Mittwoch, 30. April 2008

La Quatrieme Main von John Irving


Patrick Wallingford ist Fernseh-Journalist, gutaussehend aber nicht besonders hervorstechend. Er ist ein netter, angenehmer Mann, von dem sich Frauen angezogen fühlen und denen er leider nicht immer widerstehen kann. Oder besser so gut wie nie widerstehen kann. Und so steht es mit seiner Ehe nicht zum besten (wobei seine Frau ihm in der Beziehung um nichts nachsteht), der Vaterschafts-Test einer Affäre steht gerade aus,

Kein Problem, er ist nicht einsam, eine deutsche Tontechnikerin steht auf ihn und so hat man ein paar schöne Stunden bevor die Reportage am nächsten Morgen über den Trapez-Unfall in einem indischen Zirkus anfangen soll.
Mitten im schönsten Moment ruft Wallingfords Frau an und so sieht sich der kaum zu erschütternde Wallingford mit seiner Scheidung konfrontiert.

Eigentlich würde Wallingford, der wie man schnell merkt trotz seiner nicht gefestigten Loyalität zu seiner Frau ein richtig netter Kerl ist, viel lieber über das generelle Problem mit den Kinder-Artisten wieder Willen, die Ausbeutung von Minderjährigen und die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in indischen Zirkussen berichten, aber sein Auftraggeber steht nicht auf derartiges. In seinem Sender stehen Reportagen über Katastrophen und bizarre Unfälle ganz oben auf der Liste der Nachrichte, denn Nachrichten müssen in erster LInie unterhalten, nicht informieren.
Und Patrick Wallingford, der Dank seines attraktiven Äußeren und seines angenehmen Auftretens ein guter Fernsehreporter ist, liefert den bizarrsten aller Unfälle gleich live:
er gerät zu nah an einen Löwenkäfig und die ganze Welt kann nun in unzählig wiederholten Endlos-Schleifen zusehen, wie Patrick Wallingford die linke Hand abgebissen wird.

Die Tontechnikern landet vor Schock ohnmächtig in einer Schubkarre voller Fleisch und auch vor den Bildschirmen kommt es zu verstörten Szenen, eine ehemalige Professorin und Liebhaberin von Wallingford wird so wieder auf ihren Liebhaber von eins aufmerksam und auch viele andere bewegt das Schicksal des Reporters.

Wallingford bekommt vom behandelnden Arzt neben den regulären Schmerzmiteln vier ominöse Pillen, gegen die Schmerzen und mit allerhöchster Vorsicht zu geniessen: niemals, aber auch niemals zwei und immer mit einem Abstand von mindestens 12 Stunden.
Und dank dieser Pillen hat Wallingford gleich viermal hintereinander den gleichen Traum, einen sehr sinnlichen Traum, den schönsten Traum seines Lebens.

Zurück in Amerika muss Wallingford durch den Verlust seiner Hand einen schleichenden aber steten beruflichen Abstieg erleben, er wird zum Mann der abwegigsten Katastrophen, aber nicht mehr im Prime-Time Nachrichtenprogramm sondern weit hinten, da wo nur noch die Gier nach Sensationen den Zuschauer bannt. Eine für Wallingford unerträgliche Haltung.

Sein Unwillen wird auch vor der Kamera immer deutlicher, doch feuern mag man den ja im Dienst verunglückten Wallingford nicht und so wird er in schöner Mobbing Manier zu immer unbedeutenderen Auslandsreportagen verdonnert und zu noch schlimmeren Unfällen und Wallingford wird immer unzufriedener mit allem, ist er doch für Hinz und Kunst auf der Strasse entweder der Mann mit den Löwen oder der Mann der Katastrophen.

Der sonst so ruhige Wallingford leidet, und nun nicht mehr nur unter seiner fehlenden Hand, sondern auch an sinkender beruflichen Erfüllung und Bedeutung.

Und so muss Wallingford erst einmal nach Japan, um über einen Weltfrauentag zu berichten. Ausgerechnet er, von den meisten Frauen deshalb so verabscheut, weil er sie unweigerlich anzieht. So wie das Pech wie es oft scheint.

Denn natürlich kommt alles wieder schlimmer als man befürchtet hat und der Verlust des Gepäcks ist für Wallingford nur der Auftakt einer Serie von Missgeschicken und ungünsigen Begegnungen mit all den erfolgreichen und scharfzüngigen und meist äußerst feministischen Frauen während des Kongresses.

So auch eine Amerikanerin mit dem Namen Evelyn Arbuthnot (das Hotel New Hampshire lässt grüßen), die äusserlich eigentlich nicht besonders attraktiv ist, aber mit ihrer schroffen, selbstbewußten und zu anfang auf Wallingford einprügelnden Art eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn ausübt.

Sein erster Tag beginnt für ihn typisch: Die Massage vom Vorabend lässt ihn mit einem steifen Nacken aufwachen, die Hotelwäscherei hat seine Kleidung vom Vorabend verloren und das Aufgetauchte Gepäck ist auf den Phillipinen von Drogenhunden vollgepinkelt worden.
Ein super Tag und natürlich geht es so weiter.

Zumindest Evelyn erweist sich als attraktive und anregende Frau, die ihm obendrein auch noch einen guten Rat mit auf den Weg gibt: nicht eine neue Hand wird sein Leben ändern, nur seine Eimnstellung zu diesem. Vermutlich meint sie einfach dass Patrick Wallingford endlich erwachsen werden und Entscheidungen treffen soll.

Denn das charakterisiert Patrick Wallingford wohl am besten: er ist ein großes Kind. Der vielleicht auch deshalb anziehend auf Frauen wirkt, ältere Frauen sehr oft.

Er beschliesst, den Rat von Evelyn anzunehmen und sich und sein leben zu ändern, wie genau weiß er selbst noch nicht, aber zum Besseren soll es sein.
Und als erstes wird ihm eine neue Hand helfen, damit er nicht mehr nur auf seinen tragischen Unfall reduziert und mit mitleidigen Blicken überhäuft wird.

Die Operation wird ihm von Dr. Nicholas M. Zajac angekündigt, Koryphäe auf dem Gebiet der Handchirurgie und Wallingford wird sein Meisterstück, erst die zweite Handtransplantation nach länger zurück liegendem Unfall (bei Wallingford sind es fünf Jahre!) und die erste bei der es auch gelingen soll.

Dr. Zajac, kauzig-liebenswerter, asketischer Marathonläufer und Erfinder eines pragmatischen Sports: dem Aufsammeln von den ihn so verhassten Hundehaufen und das Katapultieren derselben in den angrenzenden Fluss, mit Vorliebe auf die vorbei rudernden Sportstudenten.

Auch er ist geschieden und seine Frau hasst ihn, und um ihn zu quälen hetzt sie den kleinen Rudy, den sechsjährigen gemeinsamen Sohn unentwegt gegen seinen Vater auf indem sie diesem attestiert, den Kleinen nicht zu lieben.
Dieser, der den Kleinen nur alle drei Wochen über das Wochenende bekommt, tut aber alles für den kleinen mageren Kerl, denkt sich Spiele aus (neben dem Hundehaufen-LaCrosse auch das Eieruhr-Spiel), liest aus den Büchern von E.B. White vor und schliesst sogar die Exkremente fressende Hündin Meddea in sein Herz, die seine Frau aus Bosheit für Rudy gekauft und bei Zajac untergebracht hat.

Seine Liebe und Fürsorge ist so groß, dass er damit sogar das Herz seiner schüchternen jungen Haushaltshilfe erreicht, die ihm zu Liebe mit Laufen anfängt, ihre Ernährung der von Rohkost dominierten Zajacs angleicht und sich für alle merklich zur attraktiven Sexbombe transformiert. Allen ausser Zajac, der ausser Rudy und seinem Job zuerst gar nichts wahrzunehmen scheint.

Und dieser Job wird es sein, Patrick Wallingford zu einer neuen Hand zu verhelfen-
Diese Hand wird bereitwillig von einer Spenderin, Doris Clausen versprochen, es ist die Hand ihres geliebten Mannes Otto. Doch der ist zum Zeitpunkt des tragischen Unfalls von Wallingford noch nicht einmal tot.

Warum also diese Spendenbereitschaft? Die wunderhübsche Mr Clausen erklärt es in ihrer alle Männer um den Verstand bringenden Tonlage ihrem Mann so: weil sie ihn, Otto, über alles liebt und alles an ihm. Und sollte er sterben, würde seine Hand gerettet.

Seit dieser Unterhaltung plagen den armen Otto schreckliche Alpträume: seine Frau bring nach zahllosen gescheiterten Versuchen, schwanger zu werden, ein gesundes Baby zu Welt, der Vater ist Patrick Wallingford, gesegnet mit zwei Hände, während er, Otto, einhändig und untätig daneben steht.

Nach einem erfolglosen Baseballspiel der Green Bay Packers (Club dem auch Doris Claussen mit ihrem ganzen Herzen anhängt) wartet er betrunken in seinem Wagen auf ein Taxi und es kommt zu einem tragischen Unfall. Nachdem sich Doris Clausen versichert hat dass er tatsächlich tot ist und es seiner Hand gut geht, klingelt noch in der selben Nacht das Telefon bei Dr. Zajac.

Und so fliegt die auf Eis gelegte Hand schon bald nach Boston, begleitet von Doris Clausen, deren Bedingung es ist, Wallingford vor der Operation zu treffen und darüber hinaus ein Besuchsrecht bei der Hand zu haben.

Und so ist Wallingford gezwungen, Doris Clausen zu treffen und relativ schnell kommt die hübsche und bestimmte Frau auf den Grund ihres Treffens: sie hat Otto mehr geliebt als alles andere und es gibt nichts was sie sich je mehr gewünscht hat als ein Baby von ihm. Und nichts was sie sich jetzt immer noch mehr wünscht als dieses. Ein Baby von Otto. Und als wüsste sie von den Träumen die Otto und Wallingford seit einiger Zeit plagen, beginnt sie sofort sich zu entkleiden und bevor Wallingford überhaupt realisieren kann wie ihm geschieht, arbeiten de beiden im Untersuchungsraum von Dr.Zajac an der Schwangerschaft von Doris Clausen.

Und genau wie in dem von der mysteriösen Pille ausgelösten Traum erlebt Patrick Wallingford den besten Sex seines Lebens und später wird er erkennen dass der Traum kein Gespinst war, sondern ein Blick in die Zukunft.
Eine Zukunft mit Doris Clausen.
Für Wallingford beginnt nun eine Zeit des Hoffens: jede Minute die ihm Doris Clausen, oder besser seiner Hand, oder noch besser: Ottos Hand gewährt ist ihm kostbar, und er hofft, dass auch sie irgendwann ihn, ihn Patrick Wallingford lieben wird.
Es ist eine Liebe ohne jeglichen Egoismus, die Wallingford für Doris empfindet, und er ist genügsam und geduldig, auch wenn Doris von Anfang an freundlich aber bestimmt deutlich macht, dass es Ottos ist, den sie liebt, und Ottos Hand.
Und so wartet Walingford. Und auch als dann der kleine Otto geboren wird und Wallingford sofort seine Liebe zu dem kleinen Wesen spürt, stellt er keine Ansprüche. Er geniesst jede Minute die ihm Doris mit sich oder dem Kleinen gewährt, umso mehr nachdem ein Jahr nach der Operation, nach Ottos Geburt, die Hand doch noch von Wallingfords Körper abgestossen wird. So als hätte Ottos Hand nun endlich das Baby, die Hand, die oft ein Eigenleben zu führen schien und Dinge empfand die sie eigentlich nicht hätte spüren können, braucht Wallingford nicht mehr. Aber er braucht Doris und ist froh, dass sie ihm verspricht, sie besuchen zu dürfen, ab und zu, und auch den kleinen Otto. Und so grüßt er die beiden jeden Abend zum Abschluss seiner Sendung, denn zumindest beruflich geht es mit ihm bergauf, seit dem zweiten Verlust seiner Hand und durch die emotionale und charakterliche Transformation die er durch die Liebe zu Doris erfahren hat strahlt er nun mehr Empathie aus und er kann über die unsäglichen Katastrophen berichten ohne Abscheu sondern Mitgefühl bei den Zuschauern zu erwecken.

Und auch ein anderer findet endlich die Liebe seines Lebens: Dr. Zajac entdeckt beim Joggen am Morgen vor der großen Operation völlig entkräftigt und dehydriert, wie sehr er die inzwischen sportfanatische Irma begehrt und gar liebt und hier kommt wieder das große Talent John Irvings zu Tragen, auf kurzem Raum eine wundervolle Liebesgeschichte zu erzählen, ohne Pathos und Kitsch, mit viel Witz und hinreissender Aufmerksamkeit.
Dr. Zajac wird, wie Wallingford, ebenfalls grundlegend verändert. Aus dem verschrobenen, dürren und lebensunfrohen Karrierechirurg wird ein absoluter Familienmensch, von Sex mit seiner wunderbaren Frau verwöhnt, locker und sich auf die gemeinsamen Zwillinge und mehr Zeit mit Rudy freuend.

Und so tritt er auch beruflich immer mehr zurück, protegiert seinen besten Studenten an der Uni und entwickelt zuhause am Küchentisch Arm und Handprothesen die Wallingford geduldig testet und werbefördernd in seinen Abendsendungen trägt.

Während er auf Einladungen nach Wisconsin zu Doris wartet gibt Wallingford, der ein zu guter Kerl ist um Frauen ihre noch so vereinnahmenden Wünsche abzuschlagen, den oft aggressiven Forderungen seiner Redaktions-Kollegin Mary nach, ihr ein Kind zu machen und überlegt während des Aktes und im Anschluss laut, ob es nicht das beste wäre, sich tatsächlich feuern zu lassen und Doris Clausen einen Heiratsantrag zu machen.

Denn beruflich wagt sich Wallingford mit seiner neuen moralischen Stärke immer mehr aus dem Fenster, sein Abscheu den pervers nach Leid und Unglück gierenden Medien wird nun auch vor der Kamera oft deutlich und auch wenn die Zuschauer dies begrüßen, seine Vorgesetzten fühlen sich mehr und mehr ans Bein gepinkelt.

Und die ambitionierte Mary plant nicht nur ihr Baby mit Hilfe von Wallingford, die baut auch ihre zukünftige Karriere auf Wallingfords Unwillen auf, noch lange den Job als Fernsehreporter zur besten Sendezeit zu machen. Und darüber hinaus gefällt ihr auch sein geräumiges Appartement, wie geschaffen für eine Frau mit Kind. Und Wallingford, der nicht im geringsten dumm ist und sie und ihre Pläne sofort durchschaut, sieht keinen Grund ihr Steine in den Weg zu legen oder eigene Pläne zu forcieren. Das einzige was er sucht, ist sein Glück mit Doris und dem kleinen Otto, bescheiden aber zufrieden in Wisconsin.
Also spielt Wallingford die Rolle die er oft spielt, vielleicht aus Bequemlichkeit: den naiven, gutmütigen Frauenschwarm. Er lässt sich bereitwillig auf Mary und ihre Intrigen (die ohnehin die Politik in der Redaktin beherrschen) ein und Mary bekommt was sie will und er hat seine Ruhe.

Und dann wird der "neue" Wallingford ein klein wenig rückfällig, er gibt seinem Verlangen nach der jungen und erfrischend ehrlichen Stylistin Angie nach, unsicher über den Ausgang dieses Abenteuers und sich des Risikos, was dies für seinen Weg nach Wisconsin bedeuten könnte immerhin bewusst.

Als er dann aber kurze Zeit später mit Doris und den kleinen Otto das Wochenende im Bootshaus der Familie verbringt, muss er feststellen, dass seine Erklärungen warum er Mary den Wunsch eines Babys erfüllt und mit der Stylistin geschlafen hat, bei Doris nicht so gut ankommen. Auch nicht in Kombination mit seiner Liebeserklärung und seinem Heiratsantrag,
Aber Wallingford verzagt nicht, er ist so von Liebe zu Doris erfüllt, dass er alle Geduld und Hoffnung auf ein Zeichen ihrer Zuneigung aufbringt. Er liest den beiden aus Stuart Little (hier merkt man dass Irving ein Faible für E.B. White hat) vor und macht sich mich viel Aufmerksamkeit und Liebe seinen Aufgaben als Vater vertraut, reizende Szenen in denen der kleine Otto Wallingfords Bananen-Cerealien-Mischung genüsslich über seinem Hemdchen verteilt.
Wallingford überlegt, so wie Doris auch das Buch "der englische Patient" zu lesen, wie sie seine Lieblingspassagen zu markieren um sich diese dann später vorzulesen, vielleicht mit dem Film zu vergleichen, sich so anzunähren. Hier merkt man besonders, was für ein guter Mann Wallingford trotz seiner Bettgeschichten eigentlich ist, er hat in Doris Clausen die Liebe gefunden, auch die Liebe zu sich selber und er weiß dass sie und ein Leben mit ihr alles ist was er sich wünscht.

Und er hat Glück. Nachdem Doris so ziemlich alles von ihm weiß, kommt es zu einer gemeinsamen Nacht miteinander, nicht mehr nur nebeneinander und Wallingford verspricht, von nun an ein monogames Leben zu führen.

Und dann erklärt Doris Clausen Patrick wallingford, dass die fehlende Hand von nun an ihr gehört, seine "vierte Hand": er ist mit zweien auf die Welt gekommen, hat eine verloren und dann auch noch die ihm von Otto gespendete dritte. Was bleibt ist die vierte Hand, die es tatsächlich vermag, Doris zu spüren.

Zurück in New York bereitet Wallingford dann seinen Abschied vom Katastrophensender vor. Er schreibt Bewerbungen und Vorschläge für Nachrichtenmagazine (richtige Nachrichten, keine Sensationen) an Sender und sogar Universitäten mit dem Vorschlag um ein paar zu gebende Seminare. Alles nicht weit von Wisconsin und Green Bay entfernt.

Und dann, bevor er einer weiteren Einladung von Doris nach Green Bay folgt, zu DEM wichtigen Footballspiel der Saison!), kommt auch die für ihn doch irgendwie gute Nachricht, dass Mary doch nicht schwanger ist. Der kleine Otto bleibt erst mal sein einziges Kind dem er seine ganze Vaterliebe schenken kann.
Und als er dann ausgerechnet am Tag des großen Spiels eine Unglücksreportage machen soll, ist Wallingford überglücklich, gefeuert zu werden.

Sein Glück wird aber, einmal im Stadion, noch mehr gesteigert, die gesamte Familie von Doris, oder besser die große Familie ihres verstorbenen Mannes, ist in voller Fan-Montur im Stadion versammelt und freut sich für Wallingford. Und für Doris, denn natürlich hat sich diese für ihn entschieden.

Was hier vielleicht schnulzig oder trivial klingt, ist alles andere als das. Es ist eine ungewöhnliche, originelle Liebesgeschichte, eben ohne jeglichen Kitsch, wie von John Irving auch nicht anders zu erwarten.
Es gibt anrührende Gefühle (vor allem in Wallingfords Gedanken und Überlegungen) aber kein verfloskeltes Süßholzgeraspel.
Es ist nicht vorhersehbar, nie und darum so besonders.
Die Details erzählen Bilder, die Art wie die Charaktere miteinannder umgehen macht diese Geschichte so besonders.

Was aber dieses Buch ganz besonders macht, ist nicht die abenteuerliche Liebesgeschichte, es sind, wie bei allen John irving Büchern die Charaktere.
Ich finde dass es kaum einer so gut vermag wie er, Romanfiguren zum Leben zu erwecken und zu spleenigen, aber echten Menschen über die erzählt wird zu machen.
Es gibt keine Nebenfigur die nicht liebevoll ausgearbeitet und vorgestellt wird, ausgestattet mit ganz eigenen charakteristischen Merkmalen und Eigenheiten.

Es macht unglaublichen Spaß und Freude, die jeweiligen Geschichten der einzelnen Charaktere zu lesen, Lebensgeschichten die zusammen kommen um gemeinsam DIE Geschichte des Romans zu erleben, es macht Spaß mehr zu erfahren über die Figuren, über ihre Vergangenheit und ihre Eigenschaften.
Man gewinnt den eigenbrötlerischen Dr.Zajac sofort lieb, man bewundert die Liebesgeschichte von Doris zu ihrem Mann Otto, voller Mitgefühl für die ausbleibende Schwangerschaft der beiden, man staunt angesichts des Charakters von Doris, so bestimmt und voller Liebe, man kann nicht anders als Sympathie für Patrick Wallingford zu empfinden, den lieben, unbeholfenen Charmeur ohne böse Absichten.
John Irving macht jede Figur die er einführt lebendig und somit kostbar und jede Seite atmet genau das aus: Leben. Und mit diesem die Komplikationen und Verbindungen die sich daraus erben, absurde Situationen und tragisch-komische Momente. Gefühlvolle Gesten und gekonnte Dialoge.

Und dann die kleine en passant eingestreuten Ereignisse (wie z.B. kurz erwähnt wird warum Wallingford mit den Prothesen nicht zurecht kommt: eine wurde beim Verlassen eines Taxis in der Tür eingeklemmt und mehrere Blocks weit mitgeschleift) die auf jeder Seite einen Schmunzler oder gar Lacher lauern lassen.
Um den Leser dann plötzlich auf etwas abruptes, tragisches stoßen zu lassen, das Lachen bleibt im Hals stecken, macht betroffen.
Und lässt diese Betroffenheit dann wieder sanft von etwas komischen ablösen, ohne harte Brüche: es ist nie ein schnulziges Drama zu erwarten aber auch keine triviale Leichtigkeit.
Es ist ein verdammt komisches Buch, Komik die nie platt ist, es ist ein Buch voller skurriler Ereignisse die unglaublich erscheinen aber so möglich sein können dass es nie in absurdes Buch ist.

Es ist ein Buch in dem viele John Irving Elemente auftachen, das sich aber deutlich von den alten Werken, wie Owen Meany, Garp, dem Hotel New Hampshire oder anderen älteren Romanen abhebt.

Eine ganz großer Unterschied zu den älteren Werken ist hier wohl dass ein sonst so wichtiger Aspekt der John Irving Romane fehlt: das oder die tragischen, plötzlich geschehenden Ereignisse, unvorhersehbare Katastrophen die das Innere der Menschen erschüttern, Löcher in Familien reissen die erst mühsam und zeitaufwendig geflickt werden müssen.
Ich mag die Kombination von Tragik und Freude, Glück und Verlust bei John Irving aber ich fand es auch sehr schön, ein Buch von ihm zu lesen wo es mir an keiner Stelle das Herz vor Mitgefühl zerrissen hat.

Eine Liebesgeschichte mit Happy End und ohne Einschränkung darum, aber eine ganz und gar untypische und originelle. eine Liebesgeschichte die bestimmt auch Männer sehr, sehr mögen werden!
;o)

Détails sur le produit

* Poche: 400 pages
* Editeur : Seuil (14 mai 2003)
* Collection : Points
* Langue : Français
* ISBN-10: 2020604175
* ISBN-13: 978-2020604178

Un ami de la terre von T.C. Boyle


T.C. Boyle ist schon ein komischer Kauz, das merkt man nicht nur wenn man Fotos von ihm betrachtet oder seine sympathischen Interviews liest, sondern in erster Linie bei der Lektüre seiner Bücher.
Dort begegnet einem das Leben in seiner fast absurden Form, nicht unmöglich aber doch auch unmöglich Schicksalsgeplagt und oft unfreiwillig komisch. Seine meist liebenswerten Charaktere stolpern von einem Missgeschick in ein nächstes, hängen meist guten Glaubens Ideologien und Überzeugungen an die ihnen das Leben schwer machen.

Ich mag T.C. Boyle weil er ernste Themen mit viel Witz näher bringt und trotzdem ihre Relevanz und Ernsthaftigkeit im Auge behält.
Ein Freund der Erde ist kein Buch das missionarisch für den Umweltschutz predigt, auch wenn es ein Buch ist, dass es wunderbar versteht uns unsere selbstverschuldete Zukunft vor Augen zu führen.
Tyrone O'Shaughnessy Tierwater (zum Glück für den Leser im Buch und in seinem Leben nur Ty genannt) ist ein guter Mensch, der allerdings gegen Windmühlen zu kämpfen scheint und mit seiner radikalen Ansicht fast alleine da steht.

Er sieht schon früh worauf wir alle mit unserem Verhalten hinsteuern und muss sich, viele Jahre später als alter Mann, damit zufrieden geben dass er nichts ausrichten konnte.
Er ist frustriert und zynisch, auch aufgrund der persönlichen Schicksalsschläge die er hat erleben müssen, dem Tod seiner ersten Frau und seiner Tochter und trotzdem ist er ein Freund der Erde und der Tiere geblieben. Und auch wenn er es selbst nicht zugeben will: er war nie ein Feind der Menschen (was man seiner Ansicht nach sein müsste um ein wahrer Freund der Erde zu sein).

Er ist der verschrobene aber liebenswerte Loser, eine typischen T.C.Boyle Figur, er erweckt sofort die Sympathie des Lesers und nimmt diesen für ihn ein.

Ty erzählt uns 2025 als 75jähriger die Geschichte seines Lebens, seines Lebens als vom Pech verfolgter Ökoaktivist mit Frau und Kind in den 90er Jahren und seines Lebens "jetzt" in einem von Umweltkatastrophen zerstörten, überschwemmten und verwilderten Amerika ohne frische Nahrung und kaum Auswahl. Eine Endzeit-Welt in der alles permanent feucht und ungemütlich ist, in der die Hälfte aller Gerichte mit gezüchtetem Katzenfisch (Wels) zubereitet wird und Nacktschnecken an den feuten Wänden herumkriechen.

Da ich gerade etwas Zeit und Lust habe, versuche ich mich mal in einer Zusammenfassung, was vielleicht etwas wirbelig wird, da die Erzählstränge in verschiedenen Zeiten spielen und sich manchmal überschneiden.

Und wer das Buch gerne lesen möchte, sollte vielleicht hier aufhören zu lesen und sich dann von den Handlungen und Ereignissen im Buch überraschen lassen.
Aber für mich kommt hier der Versuch einer Zusammenfassung.
(Ich vergesse leider oft irgendwann viel über den tollen Inhalt von mir gerne gelesener Bücher, und versuche, auf BOUQUINSTE immer mehr, das alles aus meinem Kopf auszulagern, ich glaube manchmal, meine eigene interne Festplatte ist nicht so zuverlässig...)


Also, los geht´s:


Ty ist der Hüter allerlei vom Aussterben bedrohter unpopulärer Wildtiere, die ihr kümmerliches Überleben im Privatzoo eines reichen, exzentrischen Rockstars fristen und alle die Namen von Blumen haben. Ty passt sich wie immer den Umständen an (seine Philosophie ist die des Aushaltens und sich Abhärtens), kommt klar und versucht die immer hungriger und launischer werdenden Kreaturen bestmöglich in Zaum zu halten.
Sein Leben ist einsam aber ok, bis seine Ex-Frau Andrea auftaucht und Ty an ihre gemeinsame Vergangenheit erinnert wird.

Durch all die sukzessiven Rückblenden erfährt der Leser immer mehr über Tys Vergangenheit, so dass sich seine Persönlichkeit immer mehr erschliesst. Der etwas unbeholfene Zyniker mit gutem Herzen wuchs als Kind einer stark religiösen Mutter und eines atheistischen, nur an Fortschritt und Unternehmertum glaubenden Vaters auf, von dem er, nach dem Unfalltod seiner Eltern, als junger Erwachsener ein beträchtliches Vermögen und ein paar Einkaufszentren geerbt hat.

Ein Leben als konsumfreudiger Hedonist wurde durch eine ehr aus Zufall besuchte Ökoaktivisten Veranstaltung grundlegend verändert, denn bei diesem Treffen sah Ty Andrea Cotton, die wunderschöne Kämpferin für eine zu schützende Erde, zum ersten Mal und nach dem tragischen Tod seiner ersten Frau (sie starb durch einen Wespenstich bei einer romantischen Campingausflug) spürte er zum ersten mal wieder Schmetterlinge in seinem Herzen.

Die Heirat erfolgte relativ schnell und auch die Überzeugungsarbeit, die nötig war um Ty all seinen Besitz verkaufen und der Gruppe der Freunde der Erde zukommen zu lassen war gering. Ty ist eben ein guter Kerl...

Von der Zeit mit den Freunden der Erde, Andrea und seinem Leben in den 90er Jahren erfährt der Leser zuerst durch die Episode mit der Einbetonierung.
Ty, Andrea, Ty´s Tochter aus erster Ehe, Sierra und Ty´s verhasster Ökokollege Teo, betonieren sich Nachts in einem Loch auf einer Zufahrtsstrasse zu den gigantischen Douglas Tannen ein, vorsorglich in Windeln gekleidet und mit Sandwiches und Kreuzworträtseln als Proviant.
Doch dann läuft es wie so ziemlich alles in Ty´s Leben nicht so wie geplant und nach einer Nacht voller Strapazen rückt nicht ein einziger Reporter an und alle Müh war für die Katz.

Und nicht nur das: es wird immer schlimmer. Zuerst werden die Einbetonierten in praller Sonne von den Bauarbeitern schikaniert, so lange, bis Ty, der seine erschöpfte und mit den Nerven fertige 13 jährige Tochter (gegen deren Teilnahme bei der Aktion er zuvor vergeblich gekämpft hat) zu schützen versucht übel verprügelt wird und im Krankenhaus aufwacht. Dort erfährt er von einem schmierigen Hilfssheriff, dass seine Tochter jetzt in einer Einrichtung für minderjährige Straftäter sitzt und er wohl erst mal auf ein Wiedersehen warten kann. Völlig verzweifelt und nur mit einem dünnen Papierhemdchen bekleide flüchtet Ty in einem unbeobachteten Moment, versteckt sich vor dem Krankenhaus in den Büschen und wird allerdings schon kurze Zeit später von Polizeihunden aufgestöbert.

Den Anwälten von "La Terre pour Toujours" gelingt es zwar, Ty für eine enorme Kaution erst einmal frei zu bekommen, seine Tochter wird er allerdings erst einmal nicht wieder sehen, sie ist bei Pflegeeltern untergekommen, so lange, bis Ty nach mehrjährigem vollkommen fehlerfreiem Leben und einigen Erziehungskursen seine Tauglichkeit als Erziehungsberechtigter bewiesen hat.

Ty ist vollkommen fertig, ist Sierra doch das einzige was ihm wirklich unentbehrlich scheint.
In einer traurigen Rückblende erfährt der Leser auch was Ty zum Zyniker gemacht hat: ein wundervoller romantischer Campingausflug mit seiner ersten Frau Jane, Sierras Mutter, endet tragisch (eine Stelle im Buch bei der ich wirklich fast weinen musste...): sie wird von einer Wespe gestochen und stirbt innerhalb von Minuten an dem einen allergischen Schock auslösenden Stich und Ty, gefangen in seiner Hilflosigkeit inmitten der wilden Natur, kann sie nicht retten.

Fortan zieht er Sierra alleine groß, so gut er kann versucht er ihr die Mutter zu ersetzen und der bestmögliche Vater zu sein.
Das dies nun von herablassenden, selbstgerechten Bürokraten angezweifelt wird und man ihm sein Kind wegnimmt versetzt ihn erst in Lethargie, dann in eine fatale Bestimmtheit: er muss Sierra suchen! Denn einem fast einem Hilferuf gleichenden auf eine Serviette gekritzelten Brief nach ist sie auf irgendeiner religiösen Farm in Los Angeles untergekommen und leidet.

Alle Versuche von Andrea und Teo und den Anwälten von La Terre pour Toujours, Ty davon zu überzeugen dass er sich nur etwas gedulden müsse um das Gerichtsverfahren zu seinen Gunsten zu entscheiden sind erfolglos, Ty hat es satt dass andere immer über ihn und sein Schicksal entscheiden, von seinem Geld leben aber sich nicht um seine Ansichten scheren und so machen sich Ty und Andrea mit einem geborgten Wagen auf den Weg.

Die Farm entpuppt sich als eigentlich nettes Haus mit netten Pflegeeltern, doch Sierra wurde gezwungen, ihren Nasenring abzunehmen und vor dem Essen zu beten und bei diesem gerade zu sitzen, was für den Teenager einer Folter gleich kam. Aber nun ist es eh zu spät, Ty wollte Sierra zwar zuerst nur sehen, diese sprang aber gleich in den geparkten Wagen, worauf Ty sich gegen einen ihn nieder wrestelnden Pflegebruder zur Wehr setzen und anschliessend flüchten musste.

Und weil er sich den Ausmaßen seiner impulsiven Unvernunft durchaus bewusst ist, und den Konsequenzen die eine Trennung von Sierra bis zu deren Volljährigkeit bedeuten würden, bleibt dem Trio nichts anderes übrig, als ihre Flucht auf unbestimmte Zeit fortzusetzen.
Und so landen sie unter falschen Namen in einer komfortablen Waldhüte des ehemaligen Grosswildjägers Philipp Ratchiss, versorgt durch Teo mit Ty´s Geld und Neuigkeiten aus der Zivilisation.
Und Ty, der das Leben mit seinen zwei Lieben am liebsten unbehelligt und idyllisch inmitten der Wälder weiterführen würde, muss ein weiteres Mal gegen böse Forstarbeiter und ihre kommerzielle Zerstörung der Wälder vorgehen und sich so immer weiter ins Schlammassel hinein treiben lassen.

Denn anders als Andrea und Teo ist Ty kein kühl berechnender Öko-Krieger, so unbekümmert wie seine Haltung gegenüber Mutter Natur vor seinem Leben mit Andrea war, so aufrichtig und ehrlich ist nun seine unerbittliche Wut über deren Zerstörung. Und so lässt er sich zu einer spontanen, fatalen Aktion hinreissen, die, mal wieder, total aus dem Ruder gerät und einen ganzen großen Wald in Flammen aufgehen lässt...

Und dann taucht auch noch ein Detektiv auf, angestellt von der Versicherung die für den von Ty verursachten Millionenschaden aufkommen muss und Ty, der eigentlich Gutes wollte und nun alle, inklusive der über all die zerstörten Bäume und die üble Presse erbosten Freunde der Erde, gegen sich aufgebracht hat, lebt in permanenter Anspannung sein kleines abgeschiednes Stück Glück und Idyll gegen Gefängnis und Trennung von Andrea und Sierra tauschen zu müssen.
Und dieser Detektiv ist ein hartnäckiger Typ und darüber hinaus ein Jäger...
Und leider hat er zwei Jahre bei den Eskimos verbracht, genau den Eskimos, über die Ty in seiner zweiten Identität als Tom Drinkwater, dem Schriftsteller, angeblich ein Buch schreiben will.

Als die Situation für Andrea dann zu brenzlig wird und ihr Anwalt einen guten Deal aushandeln kann (Andrea bekommt Bewährung und Ty geht für maximal sechs Monate in den Knast..) lenkt Ty schweren Herzens ein und ist bereit, für eine Zukunft mit seiner Tochter und seiner Frau sein ihm so lieb gewordenes Leben im Schoße der Natur aufzugeben.

Aber Andrea will noch mehr: aus seiner freiwilligen Auslieferung soll ein Statement gemacht werden und so überredet sie den gutmütigen Ty, der inzwischen schon ein überzeugterer Freund der Erde geworden ist als die berechnende Andrea oder der Marketingexperte Teo je sein werden, vollkommen nackt in die Zivilisation zurück zu kehren.

Und so ziehen die beiden los um 30 Tage vollkommen nackt und ohne jegliche Hilfsmittel in der wilden Natur zu überleben, begleitet nur von einem Journalisten der sich mitsamt seiner Campingausrüstung und seinen Lebensmitteln entfernt im Hintergrund aufhält.
Und schon bald muss das zu Anfang von der Wildheit begeisterte und sich wild begehrende Paar feststellen, dass es die beim Sex benötigte Energie besser spart, denn Nahrung ist nur äusserst schwer aufzutreiben und alles, aber auch alles ist mehr als anstrengend und unbequem.
Aber trotz aller Schmerzen und Entbehrungen hat Ty immer wieder Momente der Einsicht und der Ausgeglichenheit mit sich selber, er liebt die Natur und er liebt seinen Platz darin, und einmal mehr noch überzeugt er den Leser, ein wahrer Freund der Erde zu sein.

Und trotzdem ist er mehr als froh, als die 30 Tage um sind und er und Andrea abgemagert und von Insektenstichen malträtiert zu den wartenden Journalisten und Polizisten zurück kehren.
Und die ersten Tage Gefängnis sind wie ein Sommercamp für ihn, köstliches Essen, ohne jegliche Anstrengung dreimal am Tag kredenzt, ein weiches Bett und Wärme. Aber das gute Gefühl hält nur fünf Tage an und Ty fühlt sich nun um so eingesperrter, wie ein Tier das die Weite kannte.

Aber er lässt sich nicht unterkriegen, besucht Kurse um seine Aussichten um Verkürzung zu verbessern (was leider nicht klappt, ein volles Jahr muss er einsitzen) und träumt von seinem Leben danach, einem Leben mit Andrea und Sierra, ruhig und bescheiden, ermöglicht von all dem Geld dass Andrea durch den Verkauf seiner Einkaufszentren und Immobilien erhalten soll.

Und dann ist es soweit, er verlässt das Gefängnis und ist ein freier Mann, wenn auch unter sehr strengen Auflagen. Sein Bewährungshelfer ist an seiner Seite, er darf Los Angeles nicht verlassen und natürlich: keinerlei, aber auch keinerlei Übertretung des Gesetztes. Was vielleicht nicht allzu schwer wäre, wenn den mit Wut gefüllten Ty nicht Gedanken der Rache plagen würde. Rache an denen, die seine Familie auseinander zu reissen versucht haben, seine Tochter verstört und ihm ein kostbares Jahr seines Lebens genommen haben, denen die Natur egal ist und deren Raubbau fördern.
Rache an dem zuständigen Richter und dem Sheriff.

Ty macht sich also eines Nachts heimlich auf um in ihm ja schongewohnter Manier teure Fahrzeuge zu zerstören in dem er böse Materialmischungen in deren Tanks füllt und Reifen von Polizeiwagen aufschlitzt.

Doch diesmal hat Ty noch Glück, seine Wut über seine rücksichtslosen und ignoranten Mitmenschen konnte durch die Tat aber nicht gedämpft werden. Und auch das Anpflanzen von heimischen Gewächsen und seine Weltverbesserungsmaßnahmen können sein ihn vollkommen vereinnahmendes Umweltbewusstsein nicht befriedigen.

Ty hat Andrea längst im Gutmenschentum überflügelt und im Gegensatz zu ihr ist er nicht pragmatisch geworden: ihm ist es zuwider, wie die einst so radikal anmutende Umweltorganisation nun aus Vernunftgründen zum Establishment gehört, um positive Öffentlichkeit und Spendengelder buhlt und es dabei nicht vermag, eine einzige bedrohte Tierart zu retten.

Und so zieht er eines Nachts wieder los, bewaffnet mit Schweißgerät und Camourflage-Montur, diesmal ist sein Ziel eine Baustelle für ein neues Kraftwerk und diesmal hat er nicht nicht nur kein Glück, diesmal kommt es für Tyrone O'Shaughnessy Tierwater knüppeldick:
alle Welt, sogar sein Anwalt, distanzieren sich von seinen anarchistischen Taten, er wird zum Öko-Terroristen Nummer eins abgestempelt, zu einer horrenden, alles aufzehrenden Geldstrafe verurteilt und wandert für viereinhalb Jahre in den Knast.
Und damit all sein Vermögen nicht von General Electric für den angerichteten Schaden konfisziert werden kann, überschreibt er noch schnell all das durch den Verkauf der Einkaufszentren erlange Geld Andrea und der Freunden der Erde.
Und unterschreibt die Scheidungspapiere.

Nach der Haft, die ihn noch mehr abgehärtet hat, lebt Ty zurückgezogen und kärglich. Er ist verbittert und enttäuscht von seinen Mitmenschen, die Zerstörung der Natur und die sukzessive Ausrottung aller Tiere tut ihm weh, abgestumpft ist er nie.
Durch eine glückliche Fügung kommt er mit Mac Pulchis, dem Exzentrischen Rockstar und Multimilliardär und ernannten Retter der Tiere ins Gespräch und wird so über 10 Jahre hinweg zu dessen Tierpfleger Numer eins.

Die Szenen der Gegenwart, in der Ty jetzt als alter, eigentlich agiler aber von diversen körperlichen Alterungserscheinungen geplagter Tierpfleger agiert, spitzen sich dramatisch zu. Die Unwetter werden immer schlimmer und es regnet und stürmt eigentlich unaufhörlich.
Das gesamte Land um Macs Riesenanwesen versinkt langsam im Schlamm und in den Fluten und die Raubtiere müssen mit großer Vorsicht und viel Phantasie aus ihren Gehegen evakuiert und in die trockenen Räume der Luxusvilla gebracht werden. Dort können sie zumindest im Trockenen an Seidentapeten und edlen Teppichen herum nagen und mitsamt den menschlichen Bewohnern entweder auf bessere Zeiten oder auf den Untergang der Welt warten. Zum Glück verfügt der exzentrische aber voraus schauende Mac über eine Kühlhalle voller inzwischen zu extrem seltenen und daher Millionen Dollar aufwiegendem Fleisch, mit welches die Raubtiere großzügig am Leben erhalten werden können.

In der Zwischenzeit wird Ty immer stärker in die Vorhaben von Andrea und der Öko-Mitstreiterin und Journalistin April Wind in deren Vorhaben hinein gezogen, es geht darum Geld klar zu machen, viel Geld, von Mac und durch die Veröffentlichung eines Buches über Sierra.

Denn diese ist tot, gestorben nachdem sie von einem Baum gefallen ist. Einem Baum auf dem sie vier Jahre ihres Lebens verbracht hat, einem Baum, hunderte Jahre alt aber für die Forstbehörde nichts als Geld. Sierra hält diesen Baum besetzt und wandelt sich immer mehr zum esoterischen Wesen, durch ein Handy mit der Aussenwelt verbunden und von Unterstützern mit Nahrung versorgt.
Ty besucht sie regelmäßig, sitzt am Fuße ihres riesigen Baums und spricht über das Telefon mit ihr. Bis eines Nachts nicht nur ihr Telefon abrutscht und zu Boden fällt.

Das Leben mit den Raubtieren in der Luxusvilla ist fast gemütlich, wenn auch ab und zu ausbrechende Tiere eingefangen werden müssen, aber es mangelt an nichts, für viel Geld kann man in einer Welt der Entbehrungen immer noch alles bekommen.

Leider brechen eines besonderen schönen Morgens (es gibt frische Eier!) die Löwen aus und das harmonische Frühstück endet in einem Blutbad.
Ty und Andrea überleben, aber ein Leben auf dem Anwesen mit all den Tieren ist ohne den zerfetzten Gönner Mac ist nicht mehr möglich.

Ty und Andrea entschliessen sich zu dem kleinen Exil von damals, ihrem Idyll im Wald zurück zu kehren und darüber hinaus Petunia, die Patagonische Füchsin und einzige Überlebende der Tiere mitzunehmen.

Und so endet das Buch mit einem hoffnungsvollen Ende. Die Wälder von einst sind zerstört, das Haus auch, aber Andrea und Ty haben wieder zueinander und zu ihren alten Träumen von einem Leben in der Natur gefunden. Denn diese ist nicht so tot wie Ty immer glaubte: unter der Asche und dem Abfall bahnen sich kleine grüne Sprösslinge ihren Weg nach oben und auch die Menschen sind nicht alle so garstig.

Die beiden richten das Haus wieder her und sich gut in diesem und in ihrem Leben ein, Kontakte mit Nachbarn werden geknüpft und am taucht sogar ein junges Mädchen auf und Ty versöhnt sich mit der Welt.







Détails sur le produit

* Poche: 475 pages
* Editeur : Le Livre De Poche (19 février 2003)
* Collection : Le livre de poche
* Langue : Français
* ISBN-10: 2253154296
* ISBN-13: 978-2253154297

Freitag, 18. April 2008

The Hotel New Hampshire von John Irving



Ja, ich hab inzwischen so Lust auf John Irving, dass ich ein Buch nach dem anderen wieder aus dem Regal lese und mit sehr viel Freude ein weiteres mal lese.
Diesmal einen Klassiker der amerikanischen Gegenwartsliteratur: Das Hotel New Hampshire.

Ein wundervolles Buch, welches wohl auch verfilmt worden ist (wie viele John Irving Bücher, manche allerdings unter anderen Titeln und ehr schlecht als Recht und auch die guten Adaptionen reichen meines Erachtens nie an die Buchvorlagen heran).
Wie in ich glaube allen John Irving Büchern tauchen hier wieder eine Vielzahl seiner Lieblingsthemen und ihm typischen Muster auf, so heisst der Ich-Erzähler ebenfalls John mit Vornamen (und man erfährt auch hier wie seine ersten Schritte aus der Jungfräulichkeit hinaus verlaufen..mit 14 und in einer langen Affäre mit der Hotelkellnerin die beachtlich älter ist- und für den Beischlaf Trinkgeld nimmt), die Lieblingsschwester Franny ist ein äußerst toughes und sexuell nicht gerade unaufgeschlossenes Mädchen, Handlungsorte sind wieder einmal Neuengland und auch wenig Wien, es geht sehr sportlich zu und der Vater von Win Berry ist allein erziehender Coach an einer Jungenschule, dessen Job seinem Sohn einen Platz unter den Schülern sichert.

So viele Gemeinsamkeiten mit anderen Büchern werden gleich zu Anfang bekannt und vermitteln aber nicht das Gefühl der Wiederholung, der Einfallslosigkeit oder der Abgelutschtheit eines Themas. Nein, man fühlt sich einfach wieder wie zu Hause in einem neuen, spannenden John Irving Buch, von dem man weiß, dass es trotz der sich manchmal ähnelnden Vorbedingungen voller Überraschungen, absurder und tragisch-komischer Einfälle sein wird.
Und das ist auch das Hotel New Hampshire, ein tolles John Irving Buch, das überrascht und nicht langweilt, dass einen sehr oft zum Lächeln und Schmunzeln bringt und zuweilen traurig ist.

Das dieser Roman ganz besonders viele kuriose Einfälle und Figuren bereit halten muss wird schon nach den ersten Seiten klar:
Ein Buch in dem eine sympathische Großfamilie: Winslow (der Luftschlossbauer) und Mary Berry mit ihren Kindern Frank (der Uniformen liebende schwule Eigenbrötler), Franny (frühreif und rauflustig), JOHN (der sportliche stille Beobachter, Ich-Erzähler und vermutlich John Irvings Alter-Ego), Lilly (klein, unglaublich klein und doch sehr erwachsen) und Egg (er war ein Ei und er blieb eins: das süße Nesthäkchen), hier dem Alter nach aufgezählt und dem starken Großvater Coach Iowa Bob Berry (bis ins hohe Alter Gewichte stemmende gute Seele) und ein Bär namens State 0´Maine (nicht ohne das Motorrad zu haben) vorkommen, muss aufregend werden.
Aber diese Familie ist wie Franny es sagt, "nur" eine Familie, nett und normal wie der Geruch von Brot:
"we are not eccentric, we are not bizarre-to each other"

Die Geschichte mit State O´Maine, dem zahmen aber eigenwilligen Bären endet leider schon nach einem Kapitel, den Bär, ehemals im Besitz des gewitzten Emigranten Freud (sein Name war zu kompliziert und da er ein Jude aus Wien war, passte Freund einfach besser...), segnet durch unglückliche Umstände das zeitliche.
Nachdem Win Berry Freud den Bären mitsamt dem Motorrad das bei dem Bär bleiben MUSS (sonst ist mit ihm nicht zu spaßen..) abgekauft hat, um mit ihm bei Auftritten in den Hotels der Umgebung Geld für das Harvard Studium zu verdienen, ist State O´Maine Mitglied der schnell wachsenden Berry Familie.
Nach dem Kennen lernen bei einem Sommerjob im Hotel merken Win und Merry schnell dass sie füreinander bestimmt sind und nach einer schnellen Hochzeit folgen auch genauso schnell die ersten Kinder und das gemeinsame Leben kann beginnen, wenn auch am Anfang immer wieder unterbrochen durch die langen Abwesenheiten von Win und State O´Maine, die ja mitsamt dem Motorrad und ihren Kunststückchen Geld verdienen müssen.

Doch irgendwann ist auch das vorbei und der fertig studierte Win Berry kann einen Lehrerjob an der Jungenschule von Dairy annehmen, wo bereits die gesamte Familie im Elternhaus von Mary lebt.
Doch Win Berry liebt Luftschlösser und genauso wie er seinen Plan, mit einem Bären und einem alten Motorrad Geld zu verdienen, in die Tat umsetzte, genauso möchte er nun mit einem Hotel Geld verdienen, dem einzigen Hotel in einer kleinen Stadt in der nichts los ist.
Das Hotel ist die alte Mädchenschule und so müssen sich die zukünftigen Gäste wundern, dass die Stühle fest im Boden verschraubt sind und in manchen Etagen die Toiletten und Waschbecken Kindergröße haben.

Später erreicht die Familie ein Brief des zum Glück nicht im Krieg in Europa umgekommenen Freuds, er hat ein neues Hotel und einen neuen Bär (Eine Bären-Frau: Susie) und hätte gerne die geliebt Familie Berry die es in nicht allzu ferner Zukunft übernehmen. Und natürlich kann Win Berry einem neuen Traum nicht widerstehen. Auch wenn das Hotel und das neue Leben in Wien angesiedelt ist.
Natürlich stösst das nicht auf unmittelbare Begeisterung, aber Mary Berry beruhigt alle:
"The main part of your lifes will be your family-just like now".
Vielleicht auch eine gute Quintessenz zu John Irvings Büchern. Der Kern von allem liegt im engen Familien und Freundeskreis.
Und so wird mit dem Deutsch lernen angefangen und die Geschichte Wiens und Österreichs studiert. Und vielleicht in die Reise in ein neues Leben für alle hilfreich und gesund, um alte Wunden heilen und hinter sich zu lassen und, wie John bemerkt: um zu wachsen.

Die Übersiedlung nach Wien wird in zwei Flüge aufgeteilt, im ersten Flugzeug fliegen Win, Franny, Frank, John und Lilly und im zweiten, einen Tag später, sollen Mary und Egg (mit Sorrow) folgen.
Doch jeder Leser der John Irving kennt, ahnt, dass hier etwas Schlimmes, etwas ganz schlimmes passieren MUSS. Es gab zu lange gute Zeiten und das Leben, das echte, besteht eben nicht nur aus eben diesen. Ohne Unglück kann man sein Glück nicht erkennen.
Und so stürzt das zweite Flugzeug ab. Und der einzige "Überlebende" an der Wasseroberfläche ist Sorrow.

In Wien angekommen müssen die Berrys erst einmal den Weg durch graue Nachkriegsstraßen zum düstern Hotel finden, dem Gasthaus Freud, in dem durch einen Brand geschmolzener Zucker den Lobbyboden bedeckt und der Bär sich als studierte Amerikanerin heraus stellt.
Eine freundliche, aber harte Amerikanerin, an der das gleiche Verbrechen begangen wurde wie an Franny, die aber, anders als diese, sehr aggressiv und laut damit umgeht. Und glaubt, dass ihre Art mit so einer Abscheulichkeit umzugehen, die einzig richtige ist. Aber auch Susie lernt, ihre Wut wird geringer und letzten Endes wird sie als eine ungemein qualifizierte Expertin in Sachen Vergewaltigung werden und ihre Hilfe anderen zukommen lassen.

Aber erst einmal verkleidet sie sich als Susie der Bär, eine Verkleidung die ihr hilft sich zu verstecken. Denn Susie sagt von sich selbst dass sie eine der Personen sei, die toll ankommen so lange sie eine Tüte über dem Kopf haben und warnt die hübsche Familie Berry: Es gibt keine Diskriminierung die so hart ist wie die, als Hässliche diskriminiert zu werden.
Und das Bärenkostümen bietet nicht nur ihr Schutz, auch der im KZ erblindete (grausam geblendete), alte Freud verweist auf den Bären wenn Gäste Ärger machen.

Oder wenn die ständigen Gäste der Nacht auf ihrer Etage(die ständigen Gäste tagsüber bewohnen eine eigene Etage voller Schreibmaschinen, es sind administrative Polit-Aktivisten), die vier Prostituierten, Probleme mit "ihren" Gästen haben, auch dann ist ein Bär von Vorteil.

Und auch wenn sich die Berry Kinder wie immer mit neuen Situationen bestmöglich zu arrangieren versuchen, und Franny sogar eine Art Affäre mit dem Bär Susie anfängt, (um vielleicht eine alte, ungesunde Liebe abzuschütteln) so überwiegen Schmerz und Verlust über Mary und Egg und die neue Heimat, das neue Leben erscheint somit fremd und düster.
Aber Win Berry besteht darauf, so lange zu bleiben bis das Hotel läuft.
Und so werden die Freundschaften sowohl zu manchen der Prostituierten, als auch zu manchen der "Radikalen" enger und jeder wächst an den Lebensphilosophien und Ansicht der anderen. die manchmal den eigenen sehr ähnlich sind: "Change with the Times. Roll with the punches, come up smiling."
Die optimistische Berry Philosophie, hier vertreten von dem alten Ideologen Old Billig.

Und so wird das Gasthaus Freud offiziell in das "Hotel New Hampshire" umbenannt, auch um verstärkt amerikanische Gäste anzulocken.
Oder japanische Gruppen, die fröhlich singen und die Dienste der netten Prostituierten in Anspruch nehmen, und zum Dank einen ganzen Haufen Familienfotos zurück lassen, mit lauter Berrys und Freunden und fremden Japanern drauf.

Und während so das Leben im Hotel New Hampshire weiter geht, man immer mehr über die Geschichte und die Eigenarten Wiens lernt, basteln einige der Schreibmaschinenideologen an nicht ganz so trockener Materie, an einem Auto zum Beispiel, das kaum gefahren aber immer bearbeitet wird...

Einer Bombe. Und an einem wahnwitzigen, fundamentalen Plan, der auch die Familie Berry involviert.

Und so spitzt sich alles zu, der Roman, das Leben gewinnt an Dramatik und an Spannung, und die geht nicht nur von den Terroristen aus, auch das was ein Leben lang zwischen John und seiner zwei Jahre älteren Schwester Franny gebrodelt hat, kommt an die Oberfläche, verboten, wie Pläne der Extremisten.

Und so kommt es, dass Menschen, von denen man s nicht mehr erwartet hätte zu Helden werden, und sich das Leben für die Familie Berry ein weiteres mal grundlegend ändert. Lilly, die inzwischen einen Weg gefunden hat um zu "wachsen", nämlich das Schreiben, hat einen autobiographischen Roman verfasst der mehr als gut bei Verlegern in New York angekommen ist. Dazu der Heldenruhm den die Familie in Europa erlangt hat und Franks Talent als knallharter Agent bescheren den Berrys genug Geld um in New York einen weiteren Lebensabschnitt zu beginnen.

Und in New York passiert dann auch grundlegendes zwischen Franny und John und mit den beiden, Frannys Vergewaltiger aus Schulzeiten taucht wieder auf und die Familie beschliesst mitsamt Susie dem Thema einen würdigen Abschluss zu bereiten.
Ein Bär wird Rache üben. Ein Bär und ein paar verdammt überzeugende, gruselige Schauspieler...

Und am Ende geht Win Berrys lebenslanger Wunsch, einmal das Hotel in dem in einem Sommer alles begonnen hat, das Artbuthnot by the Sea zu besitzen in Erfüllung. Geld genug ist Dank Lilly vorhanden. Genug Geld um das Hotel zu kaufen, zu restaurieren und dem bei der Explosion erblindeten Win Berry einen gut laufenden Hotelbetrieb vorzuspielen.

Und dann wird der erste Teil des Berry Lebens, des Lebens im ersten Hotel New Hampshire, nach dem Erfolg von Lillys Roman verfilmt, mit Franny als Franny und Schauspielern als Rest. Schauspieler, deren Charakterzüge witzigerweise ein klein wenig mehr ihren realen Vorbildern entsprechen als diese sich eingestehen wollen.

Dann folgt noch der Epilog, der den Lesern erzählt was im Anschluss noch passiert ist, teilweise dramatisches.
Die lieb gewonnenen Charaktere werden in ihre vom Roman unabhängige Zukunft verabschiedet und John Irving lässt sie noch zu einigen bedeutenden Erkenntnissen kommen und den Leser daran teilhaben.

Und dann werden auch zum Abschluss ein paar Dinge passieren, die den John Irving Leser an andere Romane erinnern, wie das zum Krisenzentrum für Vergewaltigungsopfer umfunktionierte Hotel New Hampshire, der Hauptcharakter der vollkommen in der Rolle des Vaters und Kümmerers aufgeht und keines "richtigen" Jobs bedarf und die Tatsache, dass es DOCH Happy Endings geben kann. Zwar welche mit Schmerzen und von Verlusten getrübt, aber doch irgendwie gut, beruhigend gut.

Dies ist die grobe Rahmenhandlung, das wahre Leben findet natürlich dazwischen statt und das ist John Irving typisch äußerst bunt und .. anders. Der Leser kann den Figuren wörtlich beim wachsen zusehen, die Kinder werden älter, machen ihre teilweise abenteuerlichen Erfahrungen, spielen einander und anderen Streiche (wobei schon mal ein Polizist an Herzversagen sterben muss...), entwickeln ihre Marotten und Persönlichkeiten und werden immer lebendiger, bis sie dem Leser so lieb und teuer sind wie gute Bekannte. Ein Talent John Irvings. Und seine wie ich finde fabelhafte Angewohnheit, Charaktere nicht einfach "verschwinden" zu lassen. Auch wenn sie für die Haupthandlung nicht mehr von Bedeutung sind, so zollt er ihnen doch Respekt und erzählt dem Leser wie es ihnen im Anschluss ergangen ist, welches Schicksal sie ereilt hat und wie ihr Leben endete. Vielleicht macht sie das so lebendig, sie werden mir Respekt behandelt und sind da auch wenn sie aus dem Leben der Protagonisten verschwunden sind.

Und auch die Figuren die nicht im Vordergrund stehen wirken niemals beliebig, seien es die Angestellten oder die großartige Figur des Großvaters, dem Gewichte stemmenden Coach oder sogar dem alten Labrador Sorrow, der im Alter aufgrund seiner erbärmlich stinkenden Fürze eingeschläfert werden muss und dann von Frank lebensecht präpariert wird um Franny ein feines Weihnachtsgeschenk zu machen. So lebensecht das Großvater Iowa Bob ebenfalls zu schlagen aufhört nachdem er seinen Enkelsohn vor einer vermeindlichen Attacke seines geliebten untoten Hunde gerettet hat. Und so endet der arme Sorrow letzten Endes unprätentiös im Mülleimer (um von dort vom kleinen Egg heimlich befreit zu werden).

Der kleine Egg ist ohnehin so süß: das halbtaube Nesthäkchen liebt es, überall im Hotel seine Spielzeuge zu verstecken, natürlich auch in den Zimmern der Gäste und er liebt Verkleidungen und hat praktischer Weise schon unterm Pyjama die Klamotten für den nächsten Tag an. Und er kann sich nicht von dem toten Sorrow trennen und versucht auf unglückliche Art und Weise, das unansehliche, ausgestopfte Lumpenbündel wieder herzurichten.

Und mache Figuren sind so lieb und so gut, dass man sich freut ein Mensch zu sein: so der schwarze Koloss von Footballspieler, der die vergewaltigte Franny zur Krankenstation trägt und tröstet, dass ihr niemals jemand ihre Unschuld nehmen kann wenn sie es nicht selbst will, niemals jemand "SIE" berühren kann wenn es ohne ihren Willen geschieht, nur ihren Körper, nicht das was in ihr drin ist.

Und dann sind da all die tollen Szenen und Episoden, Wendepunkte und Schicksalsschläge die das Buch nie, aber auch nie langweilig werden lassen (auch wenn mich persönlich die etwas sportlastigen Abschnitte nicht so ansprechen...).

Das legendäre erste Thanksgiving Dinner 1956, bei dem Lilliy von einem finnischen Doktor erfahren muss, dass sie nicht aufgrund ihrer spatzenhaften Ernährung so klein ist, sondern tatsächlich ein "Zwerg", was bei ihren Eltern Bestürzung auslöst, sie aber kalt lässt: "What if? I am a good Kid."

Oder Sylvester im gleichen Jahr, wo John nicht nur das meisterhafte Küssen lehrt sondern Sorrow mit einem unvergesslichen zweitem Post-mortem Auftritt eine Ohnmacht auslöst.

Das Buch ist auch voll mit wunderbaren Sätzen voller schlichter Wahrheit:
John frühe Erkenntnis wie Familien sein sollen, nämlich wie die seine:
"gore one minute-forgiveness the next".
Oder nachdem Franny mal wieder zu ehrlich war und ihr Vater verletzt ist rät ihr Ronda Ray (Johns mütterliche Verführerin): "Grown Up´s dont bouce back as fast as kids".

Und das Lebensmotto der von Schicksalsschlägen und Glücksmomenten gleichermaß geprägten Familie Berry lautet wie folgt:
"An unhappy ending does not undermine a rich an energetic life. Because there are no happy endings."

Es ist ein schönes John Irving Buch, ein wirklich schönes Buch zu lesen. Aber wenn ich es mit Own Meany oder Garp oder den neueren Werken vergleichen MÜSSTE, was ich nicht gerne tue, dann steht es etwas zurück. Aber eigentlich sollte man die Bücher wirklich nicht zu sehr vergleichen, auch wenn die Themen sich wiederholen und überschneiden: jedes Buch hat seine eigene Seele, ist voll von lebendigen Charakteren, voll von Menschen, die zwischen den Seiten atmen. Und darum ist jeglicher urteilende Vergleich fast respektlos.


Produktinformation

* Taschenbuch: 520 Seiten
* Verlag: Black Swan; Auflage: New Ed (1. Januar 1999)
* Sprache: Englisch
* ISBN-10: 0552992097
* ISBN-13: 978-0552992091
* Größe und/oder Gewicht: 19,2 x 12,4 x 3,4 cm

Montag, 14. April 2008

Le complexe de Di von Dai Sijie


Das zweite Buch das ich nun von Dai Sijie lese, nach Balzac und der kleinen Schneiderin welches auch weiter unten vorgestellt wurde.
Und wieder zieht mich der Autor sofort in seinen Bann, versetzt mich unverzüglich nach China und konfrontiert mich mit einer anderen Kultur und einer Poesie in den Beschreibungen, die ihn wahrhaft auszeichnen.

Es st wunderschön, die Gerüche und Farben des Erzählten fast tatsächlich zu erspüren und wahr zu nehmen, so gut und mit liebevoller Sorgfalt sind sie beschrieben, so bildlich wird alles skizziert und zuweilen auch ausgeschmückt.
Gerüche, Geräusche, Farben und Gesichtsausdrücke werden mit einer solchen Liebe zum Detail beschrieben, dass man die Augen schliessen kann und in China ist, man sieht was die Menschen im Roman sehen, man hört wie das Wasser gluckert und die Luft schwirrt, man riecht die Geranien und man mag sich am liebsten die Nase zuhalten wenn üble Gerüche von Abfall die Szenerie einnebeln.

Und dann all die grandiosen Beschreibungen der Figuren an sich: die Beschaffenheit ihrer Haut, ihrer Haare, ihrer ganzen Physiognomie, ihrer Gerüche und ihrer Mimik.
Dazu kommen die Eigenarten der Charakter, ob sie durch typische chinesische Marotten oder doch ehr von verschrobene Angewohnheiten beseelt sind, vermag ich nicht zu sagen, auf jeden Fall muss ich oft, sehr oft schmunzeln, gerade in diesem Roman von Dai Sijie, der noch tragisch-komischer ist als die kleine chinesische Schneiderin. So stelle ich mir China vor, das vergangene und das heutige, fremd und exotisch und doch auch so wie wir alle sind. Mit ganz viel Mah-Jong, Opium und Tee, etwas gruseligen Essgewohnheiten (lebende Mäusebabys!!), der alles bestimmenden Partei, jovial-vulgären Parteifunktionären und bestechlichen Bürokraten und dann wieder voller Wärme die in Familien und unter Freunden herrscht. Aber trotz all der Liebe mit der er Landschaft und Geschmäcke beschreibt, so merkt man doch an vielen Stellen, dass Dai Sijie es schwer gehabt haben muss in China, denn immer wieder zeigt sich mit unverhohlenem Spott oder entlarvender Komik die Kehrseite dieses Landes, seine politischen Vergehen in Vergangenheit und seine korrumpierte Haltung in der Gegenwart und die immer währende Unterdrückung jeglicher Kritik

Hauptfigur dieses Romans ist der 40 jährige Muo, vielleicht erster Psychoanalytiker Chinas, der 1980 nach Paris ging um dort 12 Jahre zu verbringen, hauptsächlich mit dem Lesen von Freud und der Niederschrift seiner eigenen Träume. Ausgestattet mit einem bescheidenen Stipendium lernte er so erst die französische Sprache und dann, durch unzählige Konsultationen bei einem richtigen Psychoanalytiker, die Kunst der Traumdeutung. Er ist alles andere als hübsch, kurzsichtig, hat aber ein gutes Herz und ist, vielleicht berufsbedingt, ein permanenter Beobachter und Hinterfrager, was ihn dem Leser äusserst sympathisch macht in seiner oft hilflosen Art.

Erzählt werden abwechselnd seine Erlebnisse in der heutigen Zeit, es ist das Jahr 2000 und dann seine Erinnerungen an sein früheres Leben als Heranwachsender in China.
Muos Geschichte ist die einer Suche, die Suche nach einer Jungfrau wie schon schnell klar wird und warum er eben diese sucht, erschliesst sich dem Leser auch anhand von Rückblicken. Rückblicken die manchmal melancholisch erscheinen, denn das China aus Muos Kindheit und Jugend ist ein poetischeres als das der heutigen Zeit, wo Geld und Lust die Antriebsfedern im Alltag zu sein scheinen und die Muße und Sorgfalt in Muos Worten und Beschreibungen mit der schnelllebigen Realität kollidiert. So ist eine liebevoll beschriebene Teestube an einem Tag eine antiquierte Oase der Ruhe und des kostbaren Genusses und beim nächsten Besuch, eine Woche später, eine lärmende Billiard-Bar mit amerikanischem Wild-West Anstrich.

Doch Muo lässt sich nicht beirren, er, der so lange im Westen gelebt und diesen lieben gelernt hat, sucht sein Glück in seinem Heimatland, das ih oft entfremdet vorkommt, sein Glück, das wird schnell klar, ist ein Mädchen aus seiner Studienzeit, mit dem zauberhaften Namen "Volcan de la Veillie Lune", Vulkan des alten Mondes.
Diese sitzt im Gefängnis weil sie versucht hat, Fotografien von durch Polizisten begangenen Folterverbrechen an die westliche Presse zu schmuggeln und sie, zu der er in Gedanken spricht und die er mit Verklärung ersehnt, zu Befreien, das ist die selbstauferlegte Mission Muos.

Diese Mission gleicht schon bald einer abenteuerlichen und beschwerlichen Odyssee, gilt es doch, den verantwortlichen Richter Di zu besänftigen, und der Preis den dieser, ein kalter, korrupter ehemaliger Scharfschütze und begeisterter Vollstrecker von Todesurteilen, verlangt ist hoch.
Denn der Richter Di, der Geld und Macht genug hat, will als Preis für die Gefangene eine Jungfrau. Denn Sex gilt für chinesische Männer als stärkend und die Defloration einer Jungfrau als Quelle der Lebenskraft.
Doch das Auffinden einer eben solchen ist für Muo, der sexuell noch gar keine Erfahrungen gemacht hat und deshalb und wegen seiner mangelnden Selbstsicherheit auch oft an seiner Eignung als Psychoanlaytiker zweifelt, nicht gerade einfach.
Muo macht sich trotzdem auf und erlebt die wildesten, tragisch-komischsten Maleure und Abenteuer, die den Leser lachen und mit ihm mitfühlen lassen.

So wird er gleich zu Beginn von einem geflüchteten Geistesgestörten überfallen und bewusstlos geschlagen um dann natürlich von den nahenden Wächtern für eben diesen gehalten und zurück in die Psychiatrie gebracht zu werden. Und dort wird er erst mal zum begehrten Studienobjekt, kann der vermeintliche Irre sich doch plötzlich in Französisch ausdrücken und ist in der Lage, ganze Passagen von Freud zu rezitieren, welch ein wundersamer Fall von Schizophrenie! Oder Seelenwandlung?
Jedenfalls scheint sich der gewandelte in der Psychiatrie, "der besten Universität der Welt!", wohl zu fühlen und sein freundlicher Charme nimmt alle für ihn ein. Und so glaubt auch die herbeigerufene Frau des wahren Irren dass dieser sich nur körperlich stark verändert habe, sie möchte ihn gerne mit heim nehmen. Aber da flüchtet Muo, schliesslich hat er eine Mission.

Seine Idee ist ergreifend: als ambulanter Psychoanalytiker und Traumdeuter zieht er nun durch Land um auf diesem Wege herauszufinden, hinter welchen unschuldigen Mädchenphantasien eine wahre Jungrau findet.

Und es stellt sich heraus, dass Muo nicht nur hartnäckig, sondern auch tatsächlich sehr begabt ist, wie ein Detektiv die tieferen Bedeutungen hinter den Träumen seiner Patienten zu finden.
Doch eine Jungfrau findet sich so schnell nicht. Und als er sie dann gefunden hat, nämlich in seiner Nachbarin von damals, der gleichaltrigen Einbalsamiererin, beginnt ein Unglücksserie ohne gleichen, voll tragischer Komik, einer rasanten Komödie voller Mitleid für Muo gleich, welche ich hier nur ÄUSSERST verknappt wieder gebe und jedem der das Buch liest verspreche, dass alles wunderbar zusammen passt, Sinn ergibt und voller lauter Komik steckt:
Der Richter stirbt vermeintlich nach einer Tage- und Nächtelangen Partie Mah-Jong vor dem Eintreffen der ihm als Jungfrau angebotenen Einbalsamiererin, erwacht vor ihr und Muo aber im Leichenschauhaus zu neuem Leben, Muo und die Einbalsamiererin verlieren ihre Unschuld in Folge dessen miteinander, die Einbalsamiererin wird verhaftet und Muo hat nun zwei Frauen die er nach anfänglichem Zögern und Gedanken der Flucht befreien will, diesmal mit Hilfe einer auf seiner ambulanten Traumdeuterreise kennen gelernten jungen Verkäuferin, der er im Gegensatz zu ihrer ersten Nacht mit dem Richter verspricht, sie mit nach Frankreich zu nehmen. Doch leider werden die beiden Opfer eines wahnwitzigen Überfalls und dem Mädchen bricht das Bein, welches nun mithilfe eines skurillen alten Mannes, eines Experten für Panda-Exremente, auf wundersame Art und Weise in kürzester Zeit geheilt werden muss um den Richter doch noch zu besänftigen. Muo, der nun schon so tief selbst in sprichwörtlichen Exkrementen sitzt, verspricht dem Alten im Gegenzug seine Tochter zu heiraten, womit Muo, der ewige unberührte Junggesell, nun quasi das Leben von vier Frauen am Bein hat...und dann auch noch die moralische Schuld die er auf sich laden würde, mit dem "Verkauf" der dem Mädchen doch kostbaren Jungfräulichkeit an den Richter..kann er den Handel eingehen?

Das Buch birgt eine wunderbar ausgewogene Mischung an tragischem und ernstem und dann witzigem und äußerst amüsanten.
So muss man unweigerlich schmunzeln angesichts der Szene, in der die Einbalsamiererin (von Leichen, doch zum Zeitpunkt ihrer Verlobung war sie noch Frisörin für eben diese und lernte so ihren Verlobten Jiang am toten Körper seiner Mutter kennen...) und ihr frisch Angetrauter die erste des Waschmaschine des Dorfes diesem stolz präsentieren wollen und das Resultat ein Haufen Stofffetzen ist.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, scheint auch die als Ersatz bestimmte Maschine nicht zu funktionieren, sie wäscht und schleudert so lange,bis alle herbeigeeilten und versammelten Nachbarn entnervt von dannen ziehen um dann wieder einmal nur Lumpen preiszugeben...

Und als wäre DAS noch nicht schlimm genug, springt Jian in der Hochzeitsnacht aus dem Fenster (vermutlich war er homosexuell) und lässt seine Frau als Jungfrau und Witwe zurück, was sie jetzt, mit 40 Jahren, immer noch ist.

Oder Muo, selbsternannter Sherlock Holmes Chinas, der beim Schwimmen einen Frauenschrei hört und ein Verbrechen aufklären will um dann verschämt festzustellen, dass es sich einfach um lustvoll lauten Beischlaf auf offener See handelt.

Ganz grandios als er die Einbalsamierin, die ja im selben Haus wie seine Eltern und er lebt, Nachts besuchen will und bei all den gleichen Wohnblöcken mit all den Etagen und Wohnungstüren das falsche Haus für das seine hält und verwirrt umher irrt und dabei seine eigene Zurechnungsfähigkeit permanent damit überprüft, ob er noch der französischen Sprache mächtig ist.

Dai Sijie ist ein grandioser Schriftsteller, der das vielleicht typisch chinesische mit einem manchmal gemeinen, manchmal liebevollen Augenzwinkern näher bringt und dabei doch immer seine Liebe zum Westen, zur westlichen Kultur, Sprache und Literatur, gerade der französischen, mitschwingen lässt.
Und aufgrund der Biographie von Sijie sind seine Charaktere wunderbar authentisch und lebendig, speisen sich doch viele Wesenszüge und Erfahrungen aus seinen eigenen.
Es ist ein wundervoller Roman voller Leichtigkeit und tiefen Bedeutungen, nie platt aber oft komisch, tragisch-traurig und wundervoll optimistisch zugleich.

Und dieser Roman ist meines Erachtens noch besser als sein Debütroman "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin", denn hier wird China noch lebendiger: aus Worten bilden sich förmlich Gerüche die einem in die Nase und Geschmacksempfindungen in den Mund steigen lassen und Farben erstrahlen plötzlich und lassen eine Landschaft erblühen wie es sonst nur ein Film vermag. Ein Buch wie eine Reise: in ein anderes Land und in die Seele eines anderen Menschen. So soll ein Buch sein.

Détails sur le produit

* Broché: 399 pages
* Editeur : Editions Gallimard (9 juin 2005)
* Collection : Folio
* Langue : Français
* ISBN-10: 2070309215
* ISBN-13: 978-2070309214

Le Proces von Franz Kafka


Franz Kafkas Bücher in diese Liste der mir lieben Lesestücke aufzunehmen habe ich mich bisher immer gescheut, vielleicht weil ich dann unbewusst immer zurück an die Schule denken muss...

Den Zwang das Gelesene schon bei Lesen einzuteilen und so vorzubereiten für eine ordnungsgemäße Rezension, Analyse, was auch immer. Analysieren beim Lesen an Stelle von einfach auf sich einwirken lassen, goutieren zum Plaisir, in den Gedanken abzuschweifen und sich keine Notizen machen zu müssen...

Dabei habe ICH in der Schule nie Franz Kafka gelesen...Leider.
Denn ich finde ihn atemberaubend gut. Und verstörend.
Das Lesen von Kafkas Büchern löst bei mir immer so ein Schauern aus, so eine bedrückte Stimmung die aber nicht zu depressiv ist, ist das Gelesene doch zumindest von der Sprache her immer sehr ausgefeilt und gut durchdacht. Aber gruselig ist es schon. Weil die Welt die Kafka für den Leser erschafft eine schmerzhaft surreale ist: man fühlt sich wie in einem beklemmenden Traum, vieles ist so bekannt, so real, aber manches ist auch so verstörend befremdlich, das man Angst bekommt von dem was kommen mag. Zu dieser latenten Bedrohung des Ungewissen kommt die schreckliche Einsamkeit hinzu die überall zu finden ist:
Die Personen reden und kommunizieren "wie wir" miteinander aber Empathie scheint kaum einer von ihnen empfinden zu können. Wie menschliche Zombies wirken viele, ausgehöhlte Menschen, die zwar Schmerz und Emotionen empfinden, sich aber nicht in andere hineinversetzen können. Eine autistische Welt irgendwie.

Und so ist auch der Protagonist von "Le Process" das ganze Buch über unter Menschen und dennoch allein: keiner scheint ihn zu verstehen. Und er selbst versteht auch die Welt nicht mehr, die sich von einem auf den anderen Tag verändert zu haben scheint.

Denn eines Morgens, an seinem 30. Geburtstag, wacht Josef K. auf und muss erfahren, dass er mehr oder weniger verhaftet ist, oder besser, dass ihm der Prozess gemacht werden soll.
Warum und weshalb erfährt er nicht und er wird es auch den ganzen Roman über nicht erfahren. Zu Anfang ist er erbost, möchte diesen offensichtlichen Justizirrtum aufklären, schliesslich ist er, der angesehene Prokurist sich keiner Schuld bewusst.
Doch die Justiz, diese im Roman phantomhaft agierende, nicht greifbare Behörde lässt Josef K. nicht mehr los und je so stärker er versucht, seine Unschuld zu beweisen oder zumindest den Grund seiner Anklage zu erfahren, um so tiefer rutscht er in die bürokratischen Verstrickungen und landet in einem albtraumartigen Labyrinth der zwielichten Beamten und Vollstrecker.

Der in Aussicht gestellte, so gut wie nie von alleine tätig werdende Prozess verändert sein Leben, verändert Josef K., macht ihn paranoid und zerrt an seinen Nerven. Überall scheinen die Arme der Justiz nach ihm zu greifen, alle Menschen um ihn herum scheinen mehr zu wissen als er selbst und hinter jeder Ecke, bzw. jeder Seite lauert die Gefahr einer neuen bizarr-surrealen Bekanntschaft.

Und hier verbirgt sich meiner Ansicht nach das mich am meisten bedrückende an den Büchern von Kafka: dieses absolute Fehlen an Empathie. Es ist, als wäre jeder der Menschen komplett für sich, selbst in einer Versammlung, bei der Arbeit unter Kollegen, mit vielen Mitbewohnern in einer für Kafka typischen Pension, ist es, als könnte sich keiner der Menschen in einen anderen hineinversetzen, ihn verstehen und sich so um ihn sorgen und kümmern.
Alles ist distanziert und Nähe ist immer mit fast vulgärerem Berühren verbunden, jeder Mensch ist für sich. Und anders als Georg Samsa aus der Verwandlung ist Josef K. auch nicht sonderlich sympathisch, er wirkt nicht als Opfer, denn zwar wird nie klar WARUM er angeklagt ist, aber ob er wirklich unschuldig ist wird auch nicht explizit gesagt. Aber welcher Mensch ist das schon? Unschuldig? Josef K. macht vermutlich den Fehler, sich aufzuregen, ankämpfen zu wollen gegen den Lauf der Dinge, gegen eine bürokratische Macht die größer ist als er und der mit Vernunft und Argumenten nicht beizukommen ist, einfach weil sie nicht unbedingt rational handelt. Oder ist sie zu rational und nicht anfällig für Empathie? Mh.
Das Ende des Romanes ist düster, aber so hat er ja auch begonnen.

Ich selbst lese ab und zu sehr, sehr gerne etwas von Franz Kafka und frage mich, warum so viele die ich kenne immer mit dem Kopf schütteln und an die Schule und quälendes Auseinanderklamüsern von tieferen Bedeutungen denken. ich gehe zum Glück nicht mehr in die Schule und Leser so ziemlich alles was mir begegnet zum reinen Vergnügen. Darum kann ich auch einfach lesen und auf mich einwirken lassen, ohne gleich an die im Verborgenen liegenden Bedeutungen zu denken. Welch ein Luxus.

Aber trotzdem drängt sich ja manchmal auf was HINTER dem Wort steht. Und auch dieses Unbehagen was Kafka so wahnsinnig gut vermittelt, dieser subtile Horror im Alltag resultiert nicht aus einem absurden Hirngespinnst, es wurzelt im bürokratischen Leben das wir uns immer mehr schaffen, es fußt auf Regeln und Gesetzen die wie uns geben und es basiert auf der für ihn immer kälter werdenden menschlichen Kommunikation, der Hetze der Zeit, der Wichtigkeit des beruflichen Erfolges, dem guten Anschein den wir glauben allzeit erwecken zu müssen. Denke ich zumindest. Denn, wie erwähnt, ich habe Kafka nie in der Schule gelesen und konsultiere auch keine Sekundärliteratur nach oder vor dem Lesen. Ich lese einfach und dann macht auch mir Kafka Spaß.
So wie man manchmal einen gruseligen Film sehen möchte, dessen düstere Visionen einem noch Tage und Wochen im Anschluss durch den Kopf spuken.

Ach ja, dieses Buch sollte man vielleicht im Original lesen, ich habe es aber durch Zufall in einem französischen Secondhand-Buchladen entdeckt und darum nicht auf Deutsch gelesen. Zum Glück war die Übersetzung eine gute und die Wirkung wie erwartet: kafkaesk.
:O)

Détails sur le produit

* Poche: 384 pages
* Editeur : Gallimard (25 mai 1987)
* Collection : Folio classique
* Langue : Français
* ISBN-10: 2070378403
* ISBN-13: 978-2070378401

Mittwoch, 9. April 2008

A Prayer for Owen Meany von John Irving

Das tolle an John Irving Büchern ist, dass es der PERFEKTE Lesegenuss ist. Gerade die frühen Werke strotzen nur so vor Unterhaltung, aber eben keiner billigen, trivialen Unterhaltung wie sie einem die Bücher auf den Grabbeltischen versprechen, sondern Unterhaltung die aus witzigen, smarten Dialogen und gut gemachter Situationskomik besteht.
Szenen, die so bildhaft mit Worten geschaffen werden dass man glaubt, einen Film zu sehen. Und dann Sätze, die in knappen, gut gewählten Worten ohne Pathos Wahrheiten und Weisheiten verkünden, die einen den Satz noch einmal lesen lassen, einfach weil er so schön, so wahr ist.

Und dann ist da diese brilliante Beherrschung des tragisch-komischen, man muss schmunzeln auch wenn der eigentliche Anlass dazu ein tragischer, schrecklicher Tod sein kann. Aber dieser tritt meist auf so absurde oder triviale Weise ein und wird so kühl und irgendwie unemotional geschildert, dass man sich ehr amüsiert als betroffen zu sein.
So zum Beispiel ein Mitschüler des Protagonisten, der sich dem Vietnam Krieg dadurch entziehen will, indem er vor der Untersuchung wochenlang Unmengen an Alkohol und den verschiedensten Drogen konsumiert, mit dem Ergebnis dass er zwar als untauglich ausgemustert wird, aber nun einen Gefallen an all den Drogen gefunden und und kurz darauf sein Leben durch einen stark alkoholisierten Autounfall verliert.

Manches ist so unendlich traurig, wie die Szenen die der Beerdigung von Johns Mutter folgen, dieses tiefe Loch dass der Verlust eines so tollen Menschen in das Leben der sie Liebenden gerissen hat. Diese tiefe Traurigkeit die nicht durch Worte, sondern durch Gesichter und Bewegungen ausgedrückt wird, das allein sein mit seiner Trauer.
Und dann so wahre Erkenntnisse, wie das man, wenn jemand plötzlich und unerwartet stirbt, ihn nicht sofort verliert, auf einmal, in einem Stück, sondern dass es ein langer, oft qualvoller Prozess der Erkenntnis ist.
Und dass Weihnachten die Zeit ist in der uns auffällt was uns fehlt, wer nicht zu Hause ist.

Und dann gibt es wieder Momente wo man lachen muss und dankbar ist, dass der Autor ein so grandioses Talent hat, komische Einfälle in die Tat umzusetzen und die sich daraus ergebenden Folgen und Verstrickungen slapstickartig aneinander zu reihen. So die Idee Owen Meanys, den "seinen" Parkplatz belegenden VW Beetle heimlich vom Basketballteam auf die Bühne der Aula tragen zu lassen, von wo ihn der Schulleiter mithilfe des untrainierten Lehrerpersonals genauso unbesehen entfernen lassen will um nicht Owen Meany triumphieren zu lassen. Natürlich endet die Aktion in einem schrottreifen Automobil, das zu allem Überfluss auch noch (unverletzt) eine Lehrkraft unter sich vergraben und die Aula mit Motorenöl besudelt hat, anschliessend vom furiösen Direktor gefahren, den Marmorboden umpflügt und am Ende, mit dem Direktor fluchend und vor Schmerzen schreiend seinem Namen alle Ehre acht und wie ein Käfer auf dem Rücken zum Stehen kommt. Das Elend zieht sich über mehrere Seiten hin und weil der Direktor äusserst gekonnt zum Unsymphat aufgebaut wurde, kostet man jeder der trockenen Sätze mit Vergnügen aus.


Das ist es vielleicht auch was Irving Bücher ausmacht: Tragik und Komik gehen Hand in Hand und fliessen ineinander über, das Lesen ist ein Fluss, es ist wie Film der einen überrascht und alles bietet was man sich von einem guten Film wünschen kann. Nur sind seine Bücher besser als Filme es je sein können, bisher ist noch keines seiner Bücher adäquat verfilmt worden.

Vielleicht auch weil der Autor all die Charaktere mit so viel amüsanten Anekdoten über ihre Vergangenheit ausstattet und so jede Figur auf ihre spezielle Art liebenswert macht. So etwas ist kaum umzusetzen in "konventionellen" Filmen, obwohl zum Beispiel die fabelhafte Welt der Amélie gezeigt hat, dass es möglich ist.

Aber jetzt versuch ich mal von all den Abschweifungen und den allgemeinen Lobpreisungen von John Irving zurück zum Thema zu kommen, zu dem Buch "A Prayer for Owen Meany".

"Owen Meany ist der Grund warum ich an Gott glaube".
So beginnt der Erzähler, John Weelwright seine und die Geschichte Owen Meanys, eine wundervolle Geschichte voller Freundschaft und Witz, Glauben und Wundern, Rätsel und Erklärungen. Eine Geschichte die unglaublich aber nie albern ist, eine Geschichte die oft zum Lachen bringt und oft betroffen macht, eine Geschichte die bewegt.

Erzählt wird die Geschichte, seine Geschichte und die Owens, von John Weelwright, der nicht nur den Vornamen mit John Irving gemein hat: beide wachsen alleine Anfang der 50er Jahre mit einer starken Mutter auf, werden später vom Stiefvater adoptiert und leiden in der Schulzeit unter Legasthenie. Beide wachsen in New Hampshire auf und enden als Kritiker der amerikanischen Außenpolitik in Kanada.

Aber jetzt wirklich genug mit John Irving, zurück zu Owen Meany!
Owen Meany ist klein, sehr klein und seine Stimme ist so bizarr dass sie einem Gänsehaut verursacht. Dies wird wunderbar dadurch immer wieder in Gedächtnis zurück gerufen, indem alle Reden Owens in Großbuchstaben gesetzt sind.
John und Owen freunden sich schon früh in der Sonntagsschule an und bleiben bis zum Tod Owens die besten Freunde.

Und das ist manchmal nicht leicht, ist Owen doch auch abgesehen von seinem Körperwuchs und seiner Stimme ein aussergewöhnlicher Mensch: seitdem er Johns von den beiden über alle Maße geliebte Mutter versehentlich mit einem Baseball tötet, hält er sich für ein Instrument Gottes, glaubt stärker als jeder andere und streitet aber auch vehementer als jeder andere mit den Geistlichen die seinen Weg kreuzen über Glauben und Politik.
Es gibt wohl niemanden der fester im Glauben ist als Owen Meany und er bewegt wie ein Puppenspieler schon von Kindheit an die Figuren in seinem Leben, kommandiert seine Eltern herum und inszeniert nicht nur das weihnachtliche Krippenspiel auf eine ganz neue Art und Weise...

Owen Meany ist besonders und trotz seiner geringen Größe lacht schon bald niemand mehr über ihn, geht doch von ihm eine ganz seltsame, ungemein gefestigte Ausstrahlung aus, Owen Meany hat seine Prinzipien und was er sagt das hat Hand und Fuß. Und jeder seine Pläne wird in die Tat umgesetzt.
Der Roman erzählt von John und Owen und von Johns wilden Cousins: Simon und Noah, von seiner attraktiven, aber etwas forschen Cousine Hester, von Johns Großmutter und ihren Marotten, von dem fabelhaften Stiefvater Dan und von vielen anderen liebenswerten oder schrulligen Charakteren die John und Owen im Verlauf ihres Erwachsen werdens treffen.
Und dann ist da ja auch noch das Rätsel um Johns Vater..

Der erste Teil des Romans, also über die Hälfte ist ausgesprochen amüsant, trotz der harten Schicksalsschläge die eintreten und der Vorahnungen die John bezüglich Owens Glauben immer wieder äussert. Schliesslich erzählt er die Geschichte Owens rückblickend, er weiß was passieren wird und dem Leser ist schnell klar, dass etwas großes passieren wird, ist doch Owen Meany der Grund, warum der Erzähler an Gott glaubt.

Gegen Ende des Romans wird der politische Anspruch immer höher, Owen, John und Hester erleben ihr Erwachsen werden und auch das Erwachen ihres politischen Bewusstseins in der Zeit von Vietnam.
Und Owen, den nachhaltig verstört hat dass sein Vorbild, der von ihm geglaubte Retter Amerikas, John F. Kennedy mit Marilyn Monroe rumgemacht und so seine Ideale verraten hat, entscheidet sich, nachdem er durch seine Maria Magdalena Tat von der Schule verwiesen wurde, für eine Militärlaufbahn.
Und trotz seiner Größer, trotz seiner eigentlichen Abneigung gegen die Außen und Kriegspolitik, will er nicht am Schreibtisch enden, er will seine Mission erfüllen die ihm in Träumen offenbart wurde, er will, er muss, als Held sterben.
John und Hester verzweifeln fast daran, beide lieben Owen und für sie kann es ein Leben ohne ihn nicht geben.
Der Ton der Geschichte ändert sich mit dem Erwachsen werden: die Zeit des Herumtobens mit Hester, Noah und Somon ist vorbei, die Erwachsenen die damals schrullig aber auch liebenswert galten sind nun nur noch schrullig, vieles hat seinen Glanz verloren, überschattet vom Krieg in der Ferne der so viel Unglück anrichtet daheim. John und Hester werden fast wahnsinnig angesichts Owens Bestimmtheit, nach Vietnam gehen zu MÜSSEN, seinem Traum Folge zu leisten..

Dieser politische Part des Buches ist nicht so amüsant und heiter, so voller tragisch-komischer Szenen, aber er ist ernsthaft und vermittelt einen recht guten Einblick in die zerrissene Seele der Amerikaner während des Vietnamkriegs die der heutigen wohl sehr stark gleicht: die Zahlen der im Irak gefallen Soldaten steigt und steigt und der Rückhalt in der Bevölkerung sinkt: warum dieser Krieg, fragt man sich damals wie heute.

Der Ich-Erzähler, John, erzählt alles rückwirkend und in zwei Zeitsträngen, einmal die Geschichte die er mit Owen erlebt hat, seine Jugend, und dann sein heutiges Leben, Ende der 80er als Lehrer für englische Literatur in Toronto, Kanada.
Er ist alleine, hat zwar einige gute Freunde, leidet aber unter seine ihn maßlos deprimierenden Sucht, amerikanische Zeitungen zu lesen und über das Gelesene zu verzweifeln. Die amerikanischer Aussenpolitik, die fatale Kriegsführung, das arrogante Machtstreben der USA. Vietnam und Nicaragua hat ihn verbittert. Er klingt alles andere als glücklich und auch sein Glauben an Gott, den er durch Owen Meany erlangt hat, bringt ihn immer wieder in Konflikte mit den Geistlichen seiner Gemeinden.

Aber in erster Linie ist es der Verlust Owens der ihn so verstört und geprägt hat, Owen der ihm zu Liebe so viel getan hat, ihn durch die Schule gebracht, bei der Überwindung seiner Leseschwäche geholfen, für ihn Entscheidungen getroffen und ihn vor der Einberufung gerettet hat. Owen der einfach besonders war und noch nach seinem Tod für John da war.
Er vermisst Owen und die Art WIE Owen starb versagt ihm, zu vergessen. Denn Owen hatte Recht, seine ganzes Leben lang hatte er Recht, sein Glaube wurde nicht enttäuscht: sowohl sein Kleinwuchs als auch seine Stimme hatten einen Grund so zu sein, all sein Handeln machte letzten Endes Sinn. weil er glaubte und dieser Glaube nicht enttäuscht wurde.
Und nun glaubt auch John Weelwright, doch sein Glaube kann ihm seinen Schmerz nicht nehmen.

Das Buch endet ergreifend und doch nicht deprimierend, es ist ein tolles, ein grandioses Buch dass Szenen so eindrucksvoll in Worte fast, dass sie wie Bilder im Kopf hängen bleiben. Ich hab nach John Irving Büchern oft, nein, eigentlich IMMER das Gefühl, einen Film gesehen zu haben. Alles ist so lebendig.
Und dieses Buch, die Geschichte von Owen Meany und seinem festen Glauben, hinterlässt ein gutes, ein optimistisches Gefühl. Das alles einen Sinn hat wenn wir nur den Mut haben zu glauben und danach zu handeln.



Produktinformation

* Taschenbuch: 619 Seiten
* Verlag: Corgi; Auflage: Reissue (1989)
* Sprache: Englisch
* ISBN-10: 0345361792
* ISBN-13: 978-0345361790
* Größe und/oder Gewicht: 17,3 x 10,4 x 3,3 cm

Mittwoch, 2. April 2008

Balzac Et la Petite Tailleuse Chinoise von Dai Sijie


So, jetzt habe ich dieses wunderbare Buch schon zum zweiten mal gelesen und dann erst gemerkt, dass es noch gar nicht hier in meiner Liste der wahrhaft lesenswerten Bücher aufgetaucht ist! So etwas! Und auch das andere Werk von Dai Sijie nicht, "Le complexe de Di", welches ebenso grandios ist, auf dass ich aber ein anderes mal näher eingehen werde.
Jetzt also zu "Balzac Et la Petite Tailleuse Chinoise", einer wunderbare Liebeserklärung an die befreiende Kraft der Literatur und ihre oft aphrodisierende Wirkung.

In das Buch lässt der Autor seine eigenen Erfahrungen mit einfliessen, war doch auch er wie der namenlos bleibende Protagonist des Buches Opfer von Maos Kulturrevolution und musste zwecks "kultureller Umerziehung" in ein Bergdorf gehen um dort zu arbeiten und zu leben und so die intellektuellen Flausen seiner Eltern ausgetrieben zu bekommen.

So landen die zwei jungen Männer, der 18 jährige Luo und der ein Jahr jüngere Ich Erzähler 1971 in der Abgeschiedenheit der kärglichen Häuseransammlung von "Phenix du Ciel", einem Gebirge in der Nähe Tibets, wo man die zwei Jungen aus der Stadt zuerst argwöhnisch beäugt.
Ihr Vergehen? Die Eltern waren angesehene Ärzte und der der Vater von Luo, ein bekannter Zahnarzt, beging den Fehler zu erzählen dass er Mao selbst behandelt hat, ein Unding, anzunehmen dass der große Führer fehlerhafte Zähne haben könnte... Und so werden die beiden nach nur drei Schuljahren aus ihren Familien und ihrem Leben gerissen und in ein neues voller Entbehrungen, Kargheit und Arbeit in Regen verfrachtet.

Die Jungs bewohnen einen alten, ausrangierten Pfahlbau unter dem ein dickes Schwein ebenfalls sein Zuhause gefunden hat. Und da die Chancen, dass die Umerziehung nicht lebenslang dauern könnte drei zu einer Millionen stehen, versuchen die beiden sich zu arrangieren, diskutieren, rauchen alte Zigarettenstummel und ab und zu spiel der Ich-Erzähler auf der Violine, natürlich nur Mao-glorifizierende Sonaten von Mozart...
Die kleine Pfahlhütte wird so schnell zu einem Treffpunkt für die Bewohner des Dorfes, verfügen die beiden doch über das unglaubliche Talent der Unterhaltung, die zumindest ein klein wenig von dem harten Arbeitsalltag zwischen Kohleabbau in alten, lebensgefährlichen Stollen, dem ekelerregenden Düngetransport auf dem Rücken oder der harten Feldarbeit ablenkt.

Und weil die beiden ihre Sache gut machen, werden sie von dem sonst so schikanösen Obervorsteher Laoban aale paar Monate in ein zwei Tagesreisen entferntes Dorf geschickt um sich die dort stattfindende Filmvorführung anzusehen um diesen dann, wortwörtlich und mit minutiöser Akribie dem gesamten Dorf wieder zu geben.

Und dort lernen die beiden auch die überaus reizende, bezaubernd schöne "kleine Schneiderin" kennen, in die sich wohl beide sofort verlieben, die sich aber für den etwas forscheren Luo entscheidet.
Und dieser hat bald noch einen Verführungs-Trumpf in der Hand: die betörenden Werke von Balzac!

Denn ein ebenfalls von der Umerziehung betroffener Student aus einem Nachbardorf verfügt über einen unerhörten, peinlichst gehüteten und verborgenen Schatz: Literatur, verbotene westliche Literatur!!!!!!
Der sonst so gute Freund weigert sich aber strickt, seinen Schatz, der ja einen zumindest mentalen Flucht ermöglicht, mit seinen zwei Leidensgenossen zu teilen und erst nach langem Zögern und im Tausch zu besonders mühseliger Arbeit leiht er ihnen eines der Bücher und das ist nun ein Werk von Balzac.

Von den beiden in jeweils einer Nacht verschlungen verändert das Buch ihr bisher so auswegloses Leben! Plötzlich haben die freien Gedanken ein Ziel, können wandern, können eintauchen in die so fremde und so bereichernd empfundene Welt von Paris, einer Welt voller Eleganz, Licht und Liebe.

Während der Ich-Erzähler noch mühsam die ihm liebsten Passagen feinsäuberlich auf die Innenseite seiner Schafsfelljacke schreibt, ist Luo schon bei der chinesischen Schneidern um auch sie teilhaben zu lassen an der neuentdeckten Welt.

Und diese wird umso größer nachdem man den missgünstigen Egoisten aus dem Nachbardorf seines Schatzes beraubt hat und nun selbst Besitzer einer Kiste voller Türen ist, Türen zu anderen Welten, geschaffen von den großen Schriftstellern der Weltliteratur: Victor Hugo, Dumas, Flaubert, Dickens, Dostojevski, Kipling und einiger anderer.

Und nicht nur die kleine Schneiderin lässt sich verzaubern, auch ihr Vater, der große, umherziehende Schneider, lauscht nächtelang den Abenteuern des Grafen von Monte Christo und verwandelt so peu a peu auch das äussere Erscheinungsbild der von ihm eingekleideten Menschen in Richtung französisch-chinesischem Stil.


Das Leben könnte schön sein, wäre da nicht der stets alles überwachende, alles auf Parteilinie überprüfende Dorfvorsteher und die Erkenntnis, dass eine reale Flucht aus dem einfachen, entbehrlichen Feldarbeiterleben sehr, sehr unwahrscheinlich ist.
Und als Luo für ein paar Wochen zum Krankenbett seiner Mutter reisen darf, ist der Erzähler mit der ihr vertrauensvoll übertragenen Aufgabe betraut, über diese zu wachen und findet sich plötzlich wie selbstverständlich in der Rolle eines anderen Menschen wieder und wie eine Figur aus einem der Romane gestaltet er sie unterschiedlich, mal ist er der Polizist der kleinen Schneiderin, mal ihre häusliche Hilfe. Und später sogar ihr und Luos Retter als es um eine wahre Notlage geht.

Für die kleine Schneiderin ist die ihr von Luo geöffnete Welt aber Ansporn genug, die ihre sukzessive zu verlassen: zuerst lässt sich das vormals so einfache Landmädchen von Luo die Feinheiten des Schwimmens beibringen, dann werden auch ihre Kleider immer mehr westlich und stadttauglich und letztendlich nutzt auch sie den Weg der den beiden Jungen verwehrt ist...

Die kleine Schneiderin flieht und lässt die Initiatoren ihrer Emanzipation, ihrer geistigen Erweckung zurück.
Denn Balzac hat sie gelehrt dass die Schönheit einer Frau ihr unermesslicher Schatz ist und diese möchte sie wohl nun in der großen, ihr mehr bietenden Welt zu Markte tragen.
Die Zurückgelassenen und in ihrem Leben eingesperrten handeln plötzlich wie der große Bruder Mao, verbrennen die vermeintlichen Ursachen für die Gedankenbefreiung.

Dai Sijie, der diese zauberhafte, mit manchmal fast poetischer Wortwahl geschaffene Liebeserklärung ohne Pathos an die Liebe, die Freiheit und Schönheit geschaffen hat, lässt wie oben angedeutet auch eigene Erfahrungen mit einfliessen.

Denn im Alter von 12 Jahren wurden seine Eltern verhaftet und er mit 17 für drei Jahre in ein Umerziehungslager geschickt. 1984 floh er nach Frankreich und konnte so, anders als seine zwei Romanfiguren seinen Gedanken und seiner Fabulierkunst freien Lauf lassen und neben Büchern auch Filme erschaffen.

Dai Sijie ist ein wie ich finde aussergewöhnlicher Schriftsteller, der es vermag, einen mit genau den richtigen Worten in eine andere Welt zu führen in der man sich aber nicht fremd fühlt, Man kann jederzeit alles so gut nachvollziehen, es fast selbst erfühlen was die Romancharaktere fühlen. Mann muss angesichts des oft ironischen und respektlosen Tons oft schmunzeln und auch hin und wieder betroffen innehalten angesichts des Unrechts das manchen Menschen von anderen zugefügt wird.

Dieses Buch ist ein grandioses kleiner Schatz, eine feine, unschätzbare Liebeserklärung an die Kraft der Gedanken und der Erzählungen, ohne Pathos und mit viel Witz und Respekt.


Produktinformation

* Verlag: Import F; Gallimard
* 2001
* Ausstattung/Bilder: 2001. 228 S.
* Seitenzahl: 228
* Collection Folio Nr.3565
* Best.Nr. des Verlages: 3565

* Französisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 145g
* ISBN-13: 9782070416806
* ISBN-10: 2070416801
* Best.Nr.: 09372808