Freitag, 23. November 2007

L' Evangile selon Pilate von Eric-Emmanuel Schmitt


Wer hätte gedacht, dass ein Buch mit diesem Titel und diesen Hauptpersonen ein so spannendes und irgendwie bereicherndes Lesevergnügen parat halten würde!
Ich hab es gekauft weil ich einfach etwas von Eric-Emmanuel Schmitt lesen wollte und ich bin so positiv überrascht, dass ich mich schon sehr auf weitere Bücher von ihm freue, vor allem nachdem ich erfahren habe, dass einige von ihnen die verschiedenen Weltreligionen behandeln.

Hier also das Christentum, genauer: seine Geburtsstunde. Die Erweckung des Christentums durch die Erweckung von Jesus von Nazareth, der im Roman, genau wie andere Berühmtheiten des Evangeliums, einen anderen Namen trägt.
Denn es ist ein Roman. Aber er ist auch mehr.
Denn der philosophische Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt hat sehr gut recherchiert, hat viel nachgedacht über das was in der heiligen Schrift steht und über das was er selbst nach seinem Initiationserlebnis in der Sahara erlebt, was seine Wandlung von Atheisten zum Christen bewirkt hat.

Die Geschichte wirkt auf mich also sehr, sehr real und somit ergreifend und überzeugend.
Es ist ein Buch für jeden, nicht nur für bereits überzeugte Christen. Auch Menschen die glauben, mit dem Glauben so gar nichts am Hut zu haben, können viel spannendes entdecken.
Denn zum einen ist es aufregend, Jesus selbst erzählen zu hören, ihm bei seiner kurzen Rekapitulation seines Lebens zuzuhören, und zum anderen einem Krimi gleich, wie der Stadthalter Pontius Pilatus das Rätsel um den verschwundenen Leichnam nach der Kreuzigung aufzuklären versucht.

Ein Buch in zwei Teilen also:
Im ersten Teil erzählt Jesus knapp von seiner Kindheit, der Zeit wo man noch glaubte unsterblich zu sein um dann schmerzvoll durch den Tod des geliebten Vaters zu erfahren wie endlich alles ist und wie kostbar die in und mit Liebe gelebte Zeit.
Ehr schlecht als Recht übernimmt er die Schreinerei seines Vaters, doch die Menschen kommen zu ihm eigentlich nur, um sich von ihm trösten zu lassen, denn sein Talent, zuzuhören und Trost zu spenden wird schnell deutlich. Aber damit kann man kein Geld verdienen, rufen seine Geschwister.
Nach an ihn gerichteten Prophezeiungen, er sei der Messias, der Führer in ein neues Königreich, flüchtet sich der zweifelnde Jesus in die >Wüste wo nun auch er, in sich gekehrt, Gottes Stimme vernimmt. Und den Weg den er zu gehen hat gezeigt bekommt.
Und nun hört Jesus nicht mehr nur zu, er beginnt zu reden.
Und seine Botschaft, dass der einzige Weg zu Gott und in sein wunderbares Reich der der Liebe ist, und dass die Erlösung nicht in einem Wandel der äusseren Umstände sondern in sich selbst zu finden ist, spricht viele an die ihm nun folgen.

Und hier möchte ich einwerfen dass auch ich es so schön fand zu lesen, wie einfach man den Kern unserer Religionen, unsere Beziehung zu unsrem Gott der viele Namen trägt, benennen kann: Liebe. Ohne den Schnickschnack drumherum, ohne all die von Menschen gemachten Gesetze, Dogmen, Ideologien. Wenn jeder jeden liebt, so die Aussage Jesu, dann ist SEIN Königreich da, dann sind wir angekommen.

Was dann passiert ist bekannt, Jesus wird angeklagt weil er für die Priester Jerusalems eine Gefahr darstellt, er wird verraten, gekreuzigt, ersteht von den Toten.

Aber Eric-Emmanuel Schmitt macht daraus etwas ungemein spannendes.
Denn erstens überlegt er, wieso Jesus ausgerechnet von seinem im nächsten Jünger verraten wird, Geld kann es nicht sein, er war der Schatzmeister.
Nein, Judas verrät Jesus auf dessen Wunsch. Denn Jesus WEISS dass er, um auch die letzten von seinem Wort zu überzeugen, sterben und dann wieder leben muss. Und er will nicht, dass alle seine Jünger am Kreuz enden. So muss einer als Sündenbock her, das ist der treue Judas, der sich nach dem vermeintlichen Verrat erhängt.

Nun beginnt der zweite Teil des Buches, nun nicht aus der Sicht Jesu geschrieben, sondern in Briefform an seinen Bruder Titus von Pilatus.

Dieser ist ein recht schaffender Römer, Statthalter in Rom, sehr glücklich verheiratet mit der emanzipierten Claudia und sehr darauf Bedacht, die für ihn entsetzliche Stadt Jerusalem für Rom unter Kontrolle zu halten.

Und darum passt es ihm gar nicht, welchen Aufruhr der Neuankömmling aus Nazareth plötzlich verursacht. Auch wenn er ihm sympathisch ist, auch wenn er auf noch unerklärte Weise seine geliebte Frau von ihrem körperlichen Leiden geheilt und sie auch mental fröhlicher gemacht hat.
Dieser Jesus eckt überall an bei den Priestern und Reichen, ist doch das was er verkündet eine unerhörte Blasphemie!
Und so kommt es wie es kommen muss, Pilatus, der noch mit Hilfe von Claudia und ihr zuliebe versucht, Jesus vor dem Kreuz zu bewahren, ist gezwungen, das Todesurteil zu vollstrecken.

Doch nun ist es kein Ende mit Schrecken für Pilatus, sondern ein Schrecken ohne Ende, denn zuerst verschwindet der Leichnam und dann tauchen auch später Gerüchte auf, Jesus von Nazareth sei von den Toten auferstanden.

Pilatus, gebildeter und überzeugter Rationalist versucht dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, einem Detektiv gleich verfolgt er Hinweise, stellt Theorien auf und versucht sie zu verifizieren, befragt und beobachtet und wird doch immer wieder enttäuscht wenn er glaubt, dem Geheimnis auf die Schliche gekommen zu sein.

Denn das Jesus tatsächlich lebt (noch? oder wieder? Pilatus versucht mit Hilfe seines Arztes zumindest eine Antwort auf DIESE Frage zu finden) ist bekannt.
Nur was bedeutet das nun? Für die Welt? Für ihn? Er, der immer alles hinterfragt, kann er seiner Frau folgen und glauben?

Ein wie ich finde grandioses Buch für jeden der gerne etwas lesen möchte, das aufrüttelt und nicht alltäglich ist, das in sachlicher Fiktion etwas so gewaltiges wie den Glauben und seinen Ursprung thematisiert.
Es ist ein spannendes Buch mit leicht zugänglichem Tiefgang.

Am Ende fügt der Autor noch eine Art Tagebuch zur Entstehung des Romans bei, umfangreich, auch nicht langweilig, Vermutlich hatte er angesichts des gewaltigen Themas doch etwas Bange. Aber er muss keine Angst haben. Ich finde, niemand kann ihm irgend etwas vorwerfen. Er hat sehr gut in den heiligen Schriften recherchiert und hat vor allem in sich selbst hineingehört. Und dort das gefunden, was er dem Leser näher bringen möchte: Glauben.
Denn zu Glauben heisst ja nicht zu wissen.
Es heisst offen zu sein, zuzuhören und zu beobachten. Selbst zu denken.
Und das, gemeinsam mit dem Wunsch nach sehr viel mehr Liebe zu uns selbst und zu anderen, finde ich einen wunderbaren Gedanken.
Ein tolles Buch also. Ohne Einschränkung.


Produktinformation

* Verlag: Import F; Librairie Generale Francaise, P.
* 2006
* Ausstattung/Bilder: 2006. 284 S.
* Seitenzahl: 284
* Le livre de poche Bd.30514
* Französisch

* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 161g
* ISBN-13: 9782253116042
* ISBN-10: 2253116041
* Best.Nr.: 20798190