Mittwoch, 23. Juli 2008

Vous descendez? von Nick Hornby


Und wieder einmal ein sehr unterhaltsamer Nick Hornby Roman und wieder einmal stosse ich auf eine amüsante und aufheiternde, Lebensbejahende Herangehensweise an das pikante Thema Selbstmord.
Hier allerdings nicht so sinnbeladen und positiv lehrreich wie Paulo Coelhos "Veronika beschliesst zu sterben" sondern ehr etwas aber natürlich nicht ganz so brilliant wie "Petits suicides entre amis" von Arto Paasilinna.
(Beide Bucherinnerungen weiter unten)

In "Vous descendez?" erzählen die vier Protagonisten aus ihrer Perspektive von den Dingen, die sich seit der aussergewöhnlichen Sylvester-Nacht auf einem Hochhaus zugetragen haben.
Denn dort musste jeder überrascht feststellen, dass er mit seinem Plan, sich an ausgerechnet diesem letzten Tag des Jahres auf diesem für Selbstmorde berüchtigten Hochhauses in Mitten Londons umzubringen, nicht alleine ist.

Und kann man sich umbringen wenn man dabei nicht ungestört ist? Sich quasi eine Schlange bildet? Wohl kaum. Und so wird nach einiger den Leser amüsierender Diskussion das Vorhaben vertagt, was jedem insgeheim Recht ist und die vier Lebensmüden beschliessen zum Teil widerwillig, ein wenig abzuwarten und die Zeit des Aufschubs zeitweilig gemeinsam zu verbringen.

Und so unterschiedlich sie auch sind: es klappt irgendwie, auch wenn es oft zu Streit kommt und hitzige Wortgefechte ihren Lauf nehmen.

Ganz besonders Martin, der ehemalige TV-Moderatorenstern, der leider nach einem ausserehelichen sexuellen Abenteuer feststellen musste dass besagte Dame erst 15 war und so durch den englischen Medienschlamm bis ins Gefängnis gezogen wurde und nun der Arsch der Nation ist, und dessen Leben wirklich ein Haufen Scheiße ohne Besuchsrecht für seine Töchter ist, kommt nicht mit der aufsässigen Jess klar.

Jess ist eine junge, aufmümpfige Frau aus bestem Hause aber mit einem schmerzhaftem Drang zur Gossen-Sprache und Provokation. Von ihrem Freund verlassen (der aber wie sich später heraus stellt ehr vor ihren Wutanfällen geflüchtet ist), sieht sie keinen Sinn mehr im Leben, aber vermutlich ist auch dieser Entschluss zum Selbstmord nur ein weiterer ungelenker Ausdruck ihrer Hilflosigkeit mit sich selbst. Jess ist oft unglücklich, am meisten mit sich selbst und ihrer Art und hat den Glauben, sich zu einem organisierteren und angenehmeren Menschen zu wandeln aufgeben, vielleicht aus Bequemlichkeit.

Sie lässt keine Gelegenheit aus, Martin und die anderen zu provozieren und besonders Martin reisst dabei oft beinahe der Geduldsfaden und die Lust, zu viert, als Bund der gescheiterten Selbstmörder gemeinsam Bücher von sich das Leben genommenen Schriftstellern zu lesen oder sich später einfach nur so zum Quatschen bei Starbucks oder wo auch immer zu treffen schwindet.

Maureen und JJ hingegen finden schnell Gefallen an der zufälligen Verbindung unterschiedlichster Charaktere, gerade Maureen blüht allmählich auf.

Sie ist die Älteste, hat einmal in ihrem Leben Sex gehabt und das Resultat davon hängt ihr nun wie ein Klotz am Bein: sie wurde schwanger, bekam einen schwer behinderten Sohn der nun als Erwachsener zu keiner Regung fähig ist und Maureens ganze Zeit beansprucht ohne ihr aber mitteilen zu können, ob er das wahrnimmt oder nicht. Maureen ist müde, körperlich wie auch seelisch.

Das sehen die anderen und gemeinsam wird eine Reise unternommen, die erste in Maurreens Leben überhaupt. Und langsam erkennt sie, was das Leben ausmacht.

Auch JJ beginnt zu begreifen. Nach der Trennung seiner Band brach das wichtigste aus seinem Leben und seiner Seele: die Musik und die Chance, ein großer gefeierter Rockstar zu werden. JJ lebt schmerzvoll in der Vergangenheit, erinnert sich an die Erfolge seiner Band und vermisst die Freundin die er zu der Zeit hatte.

Die vier erleben Höhen und Tiefen zusammen und der Leser erfährt aus ihren Worten immer mehr über ihre Schicksale, die für jeden von ihnen schwer wiegen, von aussen betrachtet aber oft nicht so aussichtslos oder gravierend sind.
Und so lernen sie allmählich, ihr eigenes, so bitter erscheinendes Los durch die Erfahrungen anderer und ihre Art damit umzugehen zu revidieren, abzumildern und das Leben bekommt schleichend immer mehr Farbe.

Die vier Fremden die bis auf ihre Müdigkeit am Leben nichts gemeinsam zu haben scheinen werden zu einer Gruppe, vielleicht keinen Freunden aber doch zu Kameraden die aufeinander Acht geben.
Das Wohlergehen der Anderen wird wichtig und das Leben bekommt durch diese neunen Verbindungen plötzlich wieder Sinn und Ziel.

Und so ist das Buch weder düster noch trivial-heiter, es ist ein irgendwie realistischer Blick auf das Thema.
Denn wenn man selber glaubt, am eigenen Leben zu ersticken, ist es dann nicht vermessen, von aussen heraus zu urteilen ob es wirklich schlimm ist? Darf man in diesem Fall immer mit anderen Schicksalen vergleichen?
Hat nicht jeder sein eigenes Maß an Empfinden was erträglich ist und was zu viel?

Aber darüber hinaus zeigt es auch, dass es oft nur wenig braucht, um ein vormals trostloses Leben wieder Lebenswert zu machen:
Menschen die aufrichtig zuhören und Anteil nehmen. Die sich sorgen aber nicht anklagen. Die einem mögliche Lösungen anbieten und Perspektiven aufscheinen lassen.

Ein schönes Buch mit Hornby typischen Dialogen und viel Situationskomik. Und einer gut dosierten Portion Moral von der Geschicht´: man kann jederzeit jemanden Treffen der das Leben verändert und die eigene Sicht darauf. Man muss es nur zulassen. Und dass wenn man den Beschluss sich das Leben zu nehmen noch einmal heraus schient und überdenkt, er vielleicht als Ausweg gar nicht mehr in Frage kommt.
;)


Détails sur le produit

* Poche: 333 pages
* Editeur : 10 (10 mai 2006)
* Collection : Domaine étranger
* Langue : Français
* ISBN-10: 2264043911
* ISBN-13: 978-2264043917