
Dieses Buch von Paulo Coelho mag ich besonders gern, weil es so einfühlsam und ruhig zu definieren versucht, was es bedeutet, "verrückt" zu sein.
Oder besser, er macht deutlich, dass eine solche Definition nicht allgemein gültig ist und wir das als verrückt erklären, was nicht der von der Mehrheit gesetzten Norm entsprecht. Oder besser wer.
Menschen, die ihre eigenen Wege gehen wollen meist.
Er erzählt das anhand von der Geschichte Veronikas, und der Leser erfährt nicht, wie viel davon Fiktion ist. Sehr viel ist zweifelsohne wahr (oder das was wir dafür halten..), blickt Coelho, wie er auch hier erzählt, doch auf eine eigene Krankengeschchte zurück die sich in vielen Klinkaufenthalten abspielte.
Drei mal wurde Coelho aufgrund seines rebellischen Verahltens, seiner frühen Suche nach spiritueller Erfüllung, Erfahrungen mit Drogen und anderen Abenteuern von seinen Eltern eingewiesen und erlebte so am eigenen Körper und mit dem Kopf, was er hier beschreibt und vermutlich die Charaktere des Romans stellvertretend erleben lässt.
Er selbst veröffentlichte diese Geschichte auf Rücksicht auf seine Eltern erst nach derern Tod.
Protagonistin des Romans ist die 24jährige Veronika.
Veronika beschliesst, zu sterben.
Es ist nicht so, dass etwas tragisches in ihrem jungen Leben geschehen werde, nein, ehr das Gegenteil. Veronika leidet unter der Monotonie, unter der sich fortwährenden Wiederholung aller Dinge. Jeder Tag ähnelt sich, alles ist Routine und ihr ganzes Leben erscheint ihr vorhersehbar. Und da darüber hinaus die ganze Welt ohnehin vor die Hunde geht, überlegt sich Veronika nicht mehr ob, sondern nur noch wie sie ihrem Leben am besten jetzt gleich ein Ende setzen kann.
Ihre Wahl fällt auf Schlaftabletten. Und während diese langsam ihre Wirkung entfalten, denkt Veronika noch mal kurz über alles nach, ist aber von der Richtigkeit ihres Entschlusses überzeugt. Was soll schon passieren? Sie glaubt zwar nicht an Gott, aber selbst wenn es diesen gäbe, dann hätte er sie doch mit genau dieser Möglichkeit, sich für den Tod zu entscheiden ausgestattet, also kann es auch nicht so verwerflich sein.
Doch Veronika stirbt nicht.
Sie wacht allmählich und dann nach drei Wochen vollständig in Villete auf, einer Klinik für Geisteskrankheiten in der slowenischen Hauptstadt Ljubiljana.
Sie ist betrübt, enttäuscht und wütend über ihre Niederlage.
Aber was soll sie tun? Sterben möchte sie immer noch, aber erst einmal wartet sie ab.
Und dann teilt man ihr eine erschütternde Diagnose mit: durch die ganzen Schlaftabletten ist ihr Herz so sehr angegriffen worden, dass es langsam immer schwächer wird und sie deshalb wohl nur noch eine Woche zu leben hat.
Trotz ihres Willens, sich das Leben zu nehmen ist Veronika geschockt. Nun soll sie warten auf den Tod? Und kann ihn nicht mehr selbst bestimmen?
Veronika bekommt Angst. Vor der Ungewissheit vermutlich.
Sie lernt nach und nach andere Bewohner von Villete kennen. Zu allererst Zedka, die ihr die Frage stellt, was ein Verrückter überhaupt ist. Sie erzählt ihr die Geschichte vom Königreich in dem ein Brunnen vergiftet war, jeder der davon trank wurde verrückt. Alle tranken, nur der König und die Königin nicht. Und waren so bald die einzigen die nicht verrückt waren. Was sie in den Augen der Bevölkerung verrückt machte, die ja die Mehrheit stellte. Und so tranken auch König und Königin und der Friede im Königreich war wieder hergestellt.
Zedka, die aufgrund einer schweren Depression nach Villete kam und dort wie ein Flüchtling lebt, ist ein wacher, aufmerksamer Mensch. Durch die ihr verordnete Insulin-Schock-Therapie kam sie zufällig hinter das Geheimnis der Astral-Wanderungen und seitdem fühlt sie sich frei.
Sie ist Mitglied der Bruderschaft, einer Gruppe von Patienten die eigentlich sehr gesund sind, die es aber vorziehen, innerhalb der schützenden Mauern von Villete zu leben, zumal sie dort alle Freiheiten der Welt geniessen, sagen und tun können was ihnen beliebt. Und da Villete ein ökonomisch geplanter Ort ist, gewährt man zahlungskräftigen Kunden gerne Obdach.
Darüber hinaus glaubt der behandelnde Arzt, Dr. Igor, fest an die positive Wirkung, die die "Gesunden" auf die Kranken haben.
Dr. Igor ist ein guter Arzt, der dem Leser in Form der Unterhaltungen mit Veronika und anderen sehr verständlich viele grundlegende Dinge über die mentale Verfassung verrät.
Die Ursache von Depressionen, von Schizophrenie, die Willkür der Definition von Verrücktheit an sich.
Depressionen und auch teilweise Schizophrenie finden ihre Ursache in der Unterdrückung von wünschen, der Bezwingung des eigenen Willens, dem schmerzhaften Anpassen an gesellschaftliche Konventionen.
Dazu dann immer weniger Tageslicht und die Entwurzelung durch Scheidungen, Wegzug von Familien und Bezugspersonen und der Geist findet keinen Halt mehr.
Man passt sich an und bezwingt seinen Geist, bis dieser krank wird.
Darüber hinaus sind wir nicht mehr mit den wesentlichen Dingen ausgelastet, je mehr wir im Luxus leben und uns um andere Dinge kümmern müssen als unsere Grundbedürfnisse, um so ehr neigen wir unter Depression.
Eine Beobachtung die Dr Igor im Nachkriegsjugoslawien machen konnte: während es Krieges bleibt anscheinend keine Zeit für Depressionen und diese sind, wie viele andere Krankheiten des Geistes auch, vorwiegend in wohlhabenderen Schichten zu finden.
Dr Igor versucht nun, ein wirksames Mittel zu finden gegen den Auslöser der meisten dieser Krankheiten, ein Gift das er Vitrol nennt, oder auch die Bitterkeit. Ein Gift dass sich in den Seelen der Menschen festsetzt, ihre Köpfe dominiert und sie krank macht. Dr Igor möchte ein Mittel dagegen finden, und er hat bereits eine Idee.
Und um seine These zu beweisen, kommt ihm Veronika gerade recht. Denn diese ist mitnichten todkrank. Aber sie ist von Sehnsucht nach dem Tod, oder besser von einer Müdigkeit am Leben befallen und wenn Dr Igors These stimmt, er ein probates Mittel gegen das Vitrol gefunden hat, dann kann er sie retten und ihr ihren Lebenswillen zurück geben.
Und um Veronika ihren Lebenswillen wieder zu geben, muss er ihr ihren Tod bewusst machen.
Und es funktioniert.
Nach und nach wird sich Veronika ihrer selbst bewusst, erkennt wie ihr Leben bisher verlaufen ist und was sie unglücklich gemacht hat.
Die ständig gleichen Abläufe, ihr so vorhersehbar und daher schon von Beginn aus langweilig scheinendes Leben, ihr Bedürfnis, es ihren Eltern immer Recht zu machen und deshalb sogar auf ihren Traum, Klavierspielerin zu werden, zu verzichten.
Sie hat zu viel Energie ihres Lebens darauf verschwendet, angepasst und doch nach aussen stark zu sein, ein Leben wie unter Betäubungsmitteln geführt zu haben, mit der Mutter als Rollenbild der perfekten, genügsamen Ehefrau und Hausfrau.
Veronika empfindet nun Wut, auf sich und auf ihre Mutter, sie mit ihrer Liebe in diese Position gedrängt zu haben.
Aber die Wut gibt ihr auch Kraft und plötzlich will Veronika die wenige Zeit, die ihr noch leibt ausnutzen, will all das was sie plötzlich um sich herum verstärkt wahr nimmt auskosten: den Anblick des Mondes, der Berge, der Sterne.
Und sie erkennt im Verlaufe ihre Aufenthaltes in Villete das Wesentliche: sie selbst ist verantwortlich für ihr Leben und die Art wie sie es bisher geführt hat. Sie selbst kann es ändert und darum macht es keinen Sinn, andere dafür anzuklagen.
Auch nicht ihre Mutter.
Sie beginnt, auf dem im Aufenthaltsrau, stehenden Piano zu spielen und zieht damit den 28 jährigen Eduard an, einem abgekapselten jungen Mann der wegen seiner Schizophrenie nach Villete gekommen ist.
Eduard wuchs als behüteter Sohn eines Diplomaten auf, besuchte eine gute Schule und hatte eine nette Freundin.
Doch dann erleidet er eines Tages einen schweren Unfall mit seinem Rad und während er im Krankenhaus liegt, fällt ihm ein Buch in die Hände. In diesem werden die Geschichten von vormals ganz gewöhnlichen Menschen geschildert, die durch spirituelle Erfahrungen zu Gott fanden, Visionen hatten.
Eduard ist wie infiziert. Auch er will beitragen, er, der keine Visionen hat, möchte die Visionen anderer zeichnen die sie vom Paradies haben und so sichtbare machen was er und anderen nicht vergönnt war zu sehen.
er verändert sich, in den Augen seiner Eltern zum Schlechten. Sie erkennen ihren Sohn nicht wieder, der auf einmal merkwürdige, bizarr aussehende Freunde mit nach Hause bringt, laut fremde Musik hört und malt und malt und sonst nichts tut. Der abmagert und sich abkapselt.
Seine Eltern vergehen vor Sorge: um seine Gesundheit, um seine Zukunft und auch um ihr Ansehen.
Und nach viel Verständnis und Geduld wird Eduard dann eines Tages von seinem Vater mit der Lieber seiner Eltern konfrontiert:
Wenn er sie wirklich liebt, dann besinnt er sich, gibt diese esoterische Malerei auf und wird vernünftig.
Eduard zerreisst es innerlich. Sein persönlicher Weg, sein Traum, auf der einen Seite, die Liebe seiner Eltern auf der anderen. Er zerreisst seine Bilder und fällt in einen katatonischen Zustand, redet nicht mehr und starrt nur noch vor sich hin.
Seine besorgten Eltern bringen in nach Villete und dort lebt er nun, geschützt in seiner Welt und redet nur noch wenn es ihm danach ist und auch dann nicht mir jedem.
Und durch Veronika Klavierspiel öffnet sie seine Welt und auch er öffnet eine Tür in ihr die sie bisher nicht kannte: Liebe und Verlangen.
Behutsam nähern sich die beiden an, erkennen die Macht der Liebe und die Wichtigkeit, seinen eigen Weg zu finden und dann auch zu verfolgen.
Eines Nachts verlassen sie heimlich Villete, da Veronika ihre letzte Nacht unter freiem Himmel verbringen möchte.
aber am nächsten Morgen ist sie nicht tot.
Und auch am Tag darauf nicht.
Dr Igor hat ein Mittel gegen das Vitriol gefunden.
Veronika, sich ihres nahen Endes bewusst erkennt plötzlich den Wert des Lebens, verspürt Lust und Neugier.
Veronika beschließt zu leben.
Ein ganz ganz tolles Buch, welches Paulo Coelho dem Leser da schenkt. Und eine ganz ausgezeichnete Art, ihm uns selbst näher zu bringen und das was uns und andere verstört und krank macht.
Es ist wieder einmal ein Buch dass einem hilft, sich zu erkennen, zu betrachten und zu verstehen und positive Rückschlüsse zu ziehen.
Denn neben Veronika und Eduard und Zedka wird auch die unter Panikattacken leidende Maria vorgestellt, eine ehemals so erfolgreiche Anwältin die an der Last ihrer Anforderungen ihren Weg und ihren Traum aus den Augen verloren hat.
Es ist ein Buch dass uns die Willkür von Definitionen und Schubladensystemen vor Augen führt, nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern behutsam und in eine wunderschöne Geschichte verpackt.
Ist es nicht gesund, ein wenig verrückt zu sein? Ist es nicht krank, jegliche Verrücktheit um jeden Preis zu vermeiden?
Produktinformation
* Verlag: Import F; Librairie Generale Francaise, P.; Carriere
* 2002
* Ausstattung/Bilder: 2002. 287 S.
* Seitenzahl: 287
* Le livre de poche Nr.15227
* Französisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 161g
* ISBN-13: 9782253152279
* ISBN-10: 2253152277
* Best.Nr.: 10364878