
Diesmal ein Buch welches nicht auf der wunderbaren Kraft der Fiktion aufgebaut ist. Ein Sachbuch? Vielleicht. Ich hab es in der Fachbuch-Abteilung für Psychologie vom Pariser FNAC gefunden und da gehört es wohl auch hin, selbst wenn Francois Lelord auch ein bei uns beliebter Bestseller-Autor ist.
Aber anders als bei den Abenteuern vom Psychiater Hector oder dem Inuit Ulik geht es hier nicht um auf grundlegende und kostbare Wahrheiten aufgebaute aber erdachte Geschichten.
In diesem ganz tollen Buch erzählt Francois Lelord wahre Geschichten. Geschichten die er oder seine Kollegen im Laufe ihrer Arbeit als Psychologen oder Psychiater erlebt haben und die Lelord nun in kurzweiligen aber nicht oberflächig abgehandelten Kapiteln dem Leser vermittelt.
Und das wunderschöne ist, dass man kein großes Fachwissen braucht um sich sehr gut unterhalten und gleichzeitig aufregend informiert zu wissen, man braucht nur etwas Einfühlungsvermögen und eben Interesse an psychologischen Themen.
Und dann merkt man schnell, was für ein großartiges Buch man in den Händen hält. Denn Lelord schreibt dieses Fachbuch wie er seine wundervollen, grandiosen Romane schreibt: mit einer ruhigen und gut gewählten aber nicht erhöhten Sprache, einfach zu verstehen aber nicht platt, mit Respekt vor anderen und einer Freundlichkeit die überspringt.
Und so versteht man auch die theoretischen Abschnitte, die den einzelnen Geschichten folgen und so das wissenschaftliche Fundament zu den menschlichen Schicksalen bilden.
Man versteht mehr über die (nie ganz bewiesenen, immer noch erforschten) Ursachen oder möglichen Ursachen der einzelnen psychischen Krankheiten, über die Geschichte ihrer Erforschung und die diversen Theraphie-Möglichkeiten die es nach dem heutigen Stand der Wissenschaft gibt.
Es werden die Schwierigkeiten erläutert, mit denen sich Ärzte und Wissenschaftler konfrontiert sehen, all den bisher noch nicht aufgeklärten Geheimnissen aus unserem Inneren, all den Fragen nach dem Warum auf die bisher noch keine ausreichenden Antworten gefunden werden konnten.
Darüber hinaus bringt Francois Lelord auf wunderbar unvoreingenommene und sogar selbstkritische Art und Weise den Beruf und die tägliche Arbeit der Psychologen und Psychiater dem Leser näher, mit all den schweren Entscheidungen die man dort manchmal zu treffen hat.
Die Vorteile diverser Medikamente, die bei manchen biologisch-chemisch bedingten Krankheiten unerlässlich sind, die verschiedenen Formen der Analyse und der Verhaltenstherapie.
All das so kurzweilig und einfach erklärt, mit so viel Seele und Gefühl hinter den Worten dass man sich wünscht, bei Bedarf an so einen Arzt wie Francois Lelord (der meines Wissens leider im Moment in Hanoi praktiziert...) zu geraten.
Behandelt werden die Geschichten der an Agoraphobie leidenden Viloine-Lehrerin, die aus Angst vor Panikattacken alleine das Haus nicht mehr verlassen mag und der mit Hilfe einer einfühlsamen Verhaltenstherapie geholfen werden konnte.
Dann ist da der manisch-depressive Finanzjongleur, der mit seinen Höhenflügen nicht nur die Börse sondern auch sich selbst in Gefahr brachte und der nach einem Krankenhausaufenthalt und einer gut eingestellten Medikation wieder ein gefahrenfreies Leben führen kann.
Ein kleiner Junge mit dem fragilen Äusseren des kleinen Prinzen. Wie dieser lebt er in seiner eigenen Welt, er ist Autist und hat die schreckliche Angewohnheit, kaum zu essen und wenn er es tut, sich bis zum Bluten zu verletzten. Behutsam gelingt es, einen Zugang zu seiner Welt zu finden und ihm zu ermöglichen, ein wenig besser mit der unseren, in der ja auch seine Eltern leben und sich um ihn sorgen, zu kommunizieren.
Dann ist da der an einer schweren Depression leidende Familienvater und ein an AIDS erkrankter Sohn der nur mit Hilfe eines als Mediator tätigen Psychologen seinen Eltern die schwere Diagnose beibringen kann und eine Frau die unter ihren Zwangshandlungen leidet, panische Angst hat, sich durch Berührungen mit Krebs anzustecken und daher kaum noch in Kontakt mit Dingen und Menschen treten mag.
Ein anderer junger Mann hört Stimmen und hat das Gefühl, von fremden Gedanken gesteuert und manipuliert zu werden. Er leidet unter seiner Schizophrenie, so wie die Eltern, die verzweifelt mit ansehen müssen, wir ihr sonst so lieber Sohn sich verändert und sich ihnen schmerzhaft entfremdet.
Ein ehemaliger Boxer muss nacheinander mehrere ihm zu Beginn gar nicht so verstörend vorkommende Schicksalsschläge erleiden und findet sich plötzlich und für ihn erst unerklärlich mit schlimmen Panikattacken konfrontiert und ein leitender Angestellter leidet zunehmend unter beruflich bedingtem Stress, den er nicht nur an seine Mitarbeiter, sondern auch an seine Familie weitergibt und der mit Hilfe der Psychologen lernt, wie sein geändertes Verhalten auch das Verhalten anderer zu ihm ändern und er mit einer anderen Haltung seinen Stress deutlich reduzieren kann.
Mehrere Beispiele wie sie alltäglich für die Arbeit der Psychologen, Psychiater und anderem psychologisch geschultem Personal sind. Nichts wovon man nicht schon einmal gehört hätte, aber hier wird es so aufmerksam und eingänglich behandelt, dass man plötzlich versteht.
All diese Einzelschicksale stehen für sehr viele Formen und Ausprägungen der einzelnen Krankenbilder, sie werden behutsam vorgestellt und anschliessend wissenschaftlich besprochen. Aber in einer Sprache, die jedem verständlich sein dürfte und jedem einen Zugang zu diesen uns oft so mysteriösen Geistes- und Seelen-Zuständen bietet. Man kann erkennen, das Hilfe immer möglich ist, wenn auch manchmal keine völlige Abhilfe, so denn doch Linderung.
Man erkennt dass das Wissen um derartige Krankheiten, um unsere inneren Zustände immer mehr zunimmt, und die Möglichkeiten der Behandlung sich dadurch und auch durch die immer besser werdende Vernetzung der Ärzte untereinander verbessern.
Das Buch macht aufmerksam auf Krankheiten die uns vielleicht fremd sind oder von denen wir, oder Angehörige betroffen sind, es schafft Verständnis für Betroffene und gibt Hoffnung ohne zu viel zu versprechen.
Vor allem zeigt es, das man Vertrauen haben sollte. Das Vertrauen, Hilfe zu suchen wenn man merkt, dass einem allein alles zu schwer wird und man nicht mehr weiter weiss.
Das Buch ist kein Fachbuch was einem die vorgestellten Krankheitsbilder tiefgründig erläutert und einen somit zu einem angehenden Experten in dem Feld macht. Das ist nicht der Anspruch von Francois Lelord. Was er möchte, ist auf folgendes Aufmerksam zu machen:
Psychologen, Psychiater und das in dem Bereich geschulte Personal sind Menschen, die Fehler machen können und aber auch aus diesen lernen können. Menschen die helfen können, auch wenn sie zum heutigen Zeitpunkt noch nicht alles wissen was, als Ursache der Erkrankungen dienen könnte und auch nicht immer sofort, welche Behandlung die beste sein könnte.
Denn die Patienten unterscheiden sich in ihren Krankheitsbildern so wie Menschen sich untereinander differenzieren: es gibt viele Gemeinsamkeiten und genau soviel was individuell und speziell ist.
Eine medikamentöse Behandlung ist oft unerlässlich, auch manchmal begleitend mit einer Verhaltenstherapie und sollte nicht als einfaches Mittel der Ruhigstellung betrachtet werden. Denn das ist auch den Patienten die mit Hilfe einer auf sie abgestimmten, auf das Minimum optimierten Medikation ein besseres, unbeschwerteres Leben führen können nicht fair.
Und psychisch Kranke sind Menschen, denen geholfen werden muss und auch kann.
Man sollte geduldiger und toleranter sein, wenn uns im Alltag Menschen begegnen, dich sich für uns und nach unseren Kriterien sonderbar benehmen. Denn das hilft nicht nur ihnen, sondern auch uns.
Détails sur le produit
* Broché: 344 pages
* Editeur : Odile Jacob (21 octobre 2000)
* Collection : Poches O. J.
* Langue : Français
* ISBN-10: 2738109128
* ISBN-13: 978-2738109125