Donnerstag, 5. Juni 2008

A Son of the Circus von John Irving


Dieses John Irving Buch ist eines seiner weder frühen noch letzten Werke und eines der lustigsten.
Ein Buch dass mit seinem John Irving typischen hohen Seitenumfang sehr viele lustige Lesemomente beschert, hervorgerufen durch perfekte Dialoge und wahnwitzig originelle Szenen die teilweise slapstickartige Qualität aufweisen.

Die Geschichte spielt in Indien und auch wenn John Irving im Vorwort mehrfach und vehement darauf hinweist, dass er kein Kenner Indiens ist und dieser Roman keinesfalls einer über Indien ist sondern nur dort spielt, erfährt der Leser doch einiges über dieses ferne Land mit seinen uns oft fremden kulturellen Eigenarten.

Ich selbst hab mich beim Lesen oft an andere Romane über/angesiedelt in Indien erinnert und behaupte daher, dass John Irving auch für diesen Roman sehr sorgfältig recherchiert hat.

Der Roman erzählt wie in anderen Irving Romanen nicht nur eine Geschichte, sondern mehrere die sich wunderbar in den roten Hauptfaden der Erzählung einfügen.
Der Roman wirkt durch die liebevoll vorgestellten Characktere und die Rückblicke auf ihre persönlichen Geschichten und Schicksale fast wie eine Saga, ist aber im Gegensatz zu diesen leichtfüßig und voller warmen Humor.
Er unterscheidet sich hier ein wenig von anderen Romanen Irvings: das tragische Element ist trotz vieler ernster und wunderbar aufmerksam behandelter Themen( die Entwurzelung die Immigranten oft ihr Leben lang und überall empfinden, der latente Rassismus, das indische Kastenwesen und Kinderarbeit und Prostitution) nicht sehr ausgeprägt und auch wenn einige der Personen schwere Schläge erleiden mussten und der Roman sogar einen blutrünstigen Serienmörder involviert, so ist der Ton des Buches ein äusserst amüsanter, situationskomischer.

Hauptperson des Buches ist Dr. Farrokh Daruwalla, ein aus Indien stammender aber entwurzelter Orthopäde.
Verheiratet mit einer liebreizenden Österreicherin und fast das ganze Jahr in Toronto lebend, besucht er Bombay nur sporadisch und arbeitet dann in einem Krankenhaus für verkrüppelte Kinder und widmet sich zwei Passionen:
zum einem dem Sammeln vom Blut von Kleinwüchsigen um mithilfe eines kanadischen Kollegen für Genetik die Ursache des Kleinwuchses zu ergründen.
Und zum anderen ist er der geheime Verfasser der Drehbücher für die in Indien berühmt-berüchtigten Inspektor Dhar Filme.

Inspektor Dhar ist Daruwallas Erfindung, ein herablassender unbestechlicher Polizist, der in seinen Filmen regelmäßig alle in Indien zu finden Gruppierungen und Minderheiten eklatant vor den Kopf stösst und zu Hass gegen ihn aufstachelt.
Inspektor Dhar wird gespielt von John D., dem Sprössling einer gewissenlosen amerikanischen Schauspielerin die vor vielen Jahren mit den Daruwallas bekannt war.

Denn schon der Vater von Farrokh, ebenfalls Arzt für Orthopädie, war ein begeisterter Cineast und spielte mit dem Gedanken, Drehbuchautor zu werden.
Doch vom großen Hollywoodkino blieb in Bombay nur der kleine John D. bei der Familie Daruwalla zurück, Teil eines Zwillingspärchens dass die berechnende Mutter aus Gründen der Bequemlichkeit nach der Geburt getrennt hatte.
So wuchs John D. behütet bei den Daruwallas, die inzwischen viel Zeit im Ausland, vor allem der Schweiz und Kanada, verbrachten auf während sein unwissender Zwilling das unstete Leben einer von Alkohol und Seitensprüngen geprägten Kindheit erdulden musste.

So wurde aus John D. der in Indien berühmte und gehasste aber äusserst erfolgreiche Inspector Dhar, der in der Schweiz aber als ein angesehener Theaterschauspieler agiert und dort ein Leben abseits jeglichen Medienrummels führt.

Sein Zwilling (der Einzige der von der Existenz eines Bruders nichts weiß) Martin Mills hingegen kommt nach Bombay um dort als Priesteranwärter in einem Jesuitenorden zu unterrichten und treibt Farrokh Daruwalla mit seiner optimistischen, vom Glauben an das Gute und an die Verbesserungsfähigkeit von allem fast in den Wahnsinn.

Denn Farrokh, die überaus sympathische Hauptperson des Buches, hat viel um die Ohren und sein Leben gleicht zum Zeitpunkt der Erzählung einem chaotischen aber für den Leser äusserst amüsanten Bienenkorb:
Auf der einen Seite ist da der letzte Inspektor Dhar Film, der wie zu erwarten erneut unglaublichen Hass in der Bevölkerung Indiens entfacht hat und nun sogar tatsächlich von wahren, den Filmmotiven ähnlichen Morden angeregt zu haben scheint.
Und dann sind da die Morddrohungen, die dem Mord an einem Mitglied des berühmten Duckworthclubs, dem Zentrum des Lebens von Bombays besserer Gesellschaft und dem Mittelpunkt von Daruwallas und John D.s Leben folgen.
Plötzlich werden Schatten aus der Vergangenheit der beiden lebendig und äusserst bedrohlich.

Und Farrokh Daruwalla versucht in all dem Chaos nicht nur, endlich ein RICHTIGES Drehbuch für einen wahrhaft anspruchsvollen Film zu schreiben, DER Geschichte über das harte aber romantische Leben in dem ihm so lieben Zirkus, er muss auch noch dem Zwerg Vinod und seiner Frau dabei helfen, einen verkrüppelten Jungen und eine junge Kinderprostituierte aus ihrem tristen und traurigem Leben zu retten um sie im Zirkus unterzubringen.
Und dann natürlich noch Martin Mills beaufsichtigen, der seinem ihm unbekannten Zwilling nicht begegnen darf und überall in Bombay aber mit diesem verwechselt und mit dem Tode bedroht wird. Was dieser gutmütige und von besonderer Einfältigkeit beseelte Jesuit aber nie als Bedrohung empfindet.
Und dem richtigen Inspektor Patel helfen, endlich den seit Jahren wütenden Sexualmörder zu fassen, der eine besondere Beziehung zu Doktor Daruwalla und seiner Familie und haben scheint.

Und und und.
Ich möchte hier gar nicht versuchen, den Inhalt des Buches chronologisch und ordentlich wieder zu geben, denn dazu sind die Abschweifungen und Geschichten in der Geschichte zu schön und jede einzelne zu kostbar um Gefahr zu laufen, auch nur eine davon zu vergessen.
A Son of the Circus ist ein ganz ganz großer Roman von John Irving, vielleicht der lustigste.
Lustig aber nicht albern, nicht tragisch aber auch nicht seicht und zu leicht, ernste Themen ohne moralischen Zeigefinger, ein Roman der ein Bild von Indien zeichnet aber nicht vorgibt ein Buch über Indien zu sein. Ein Buch das einen schmunzelnden Blick auf diesen fernen Kontinent mit seinen oft fremden kulturellen Eigenarten wirft, ein Buch dass ein Epos sein könnte, wäre er doch nicht so kurzweilig.

Denn es ist in diesem Roman wunderschön gelungen, eine große Anzahl an Charakteren mit liebevollen Einblicken in ihre Geschichten und Schrullen vorzustellen und auf John Irving typische Art und Weise lebendig werden zu lassen. Es sind kauzige und skurile Charaktereigenschaften darunter, die die Personen aber doch nie unglaubwürdig oder grotesk wirken lassen und es schaffen, dem ganzen Buch einen wundervollen Humor und eine erfrischende Buntheit zu verleihen.

So gesehen ist der Titel des Buches, der einen großen Teil der Seele von Doktor Farrokh Daruwalla beschreibt und auch tragende Rollen übernimmt, auch Programm für das Buch selber:
Der Leser wird unterhalten und immer wieder überrascht, eine Mischung aus Theater und Kuriositätenkabinett bietet das Spektrum von tragisch bis hin zu albern, ohne aber in der Gesamtheit eines von beidem zu sein.

Auch wenn der Roman deutlich die Handschrift John Irvings und seines Talentes trägt, so unterscheidet er sich meines Empfindens nach aber deutlich von seinen anderen Romanen.
Zum einen sind die tragischen Momente nicht sehr ausgeprägt und schmerzhaft, zum anderen ist der Humor vordergründiger und das Buch so ein deutlich heitereres.
Auch vom Thema her ist A Son of the Circus anders und die paar auftauchenden bekannten "Irving Elemente" (der Protagonist als Schriftsteller, hier allerdings als Drehbuchautor, Prostitution, hier aber als ernstes Thema des Kindesmissbrauchs, ein Wohnsitz in Toronto) wirken so beiläufig, dass kaum Parallelen zu anderen Romanen auffallen.
Abgesehen von dem famosen Talent des Erzählens, des Lebendig Machens natürlich.

Der Roman ist ein grandioses Lesevergnügen und auch wenn er schnell die buntesten Bilder im Kopf projeziert, so könnte eine Leinwandadaption dem Roman nicht gerecht werden, zu wichtig sind all die inneren Monologe und Gedankengänge die Dr. Daruwalla zu einem so ausserordentlich sympathischen und echten Zeitgenossen machen.

Ein grandioses Buch, beste Bollywood-Hollywood-Literatur!!!

Produktinformation

* Taschenbuch: 672 Seiten
* Verlag: Ballantine Books; Auflage: Reprint (Juni 1997)
* Sprache: Englisch
* ISBN-10: 0345417992
* ISBN-13: 978-0345417992
* Größe und/oder Gewicht: 21 x 14,1 x 3,1 cm