
Martin Page ist neben Eric-Emannuel Schmitt, Francois Lelord und John Irving wohl einer der Autoren, über deren Bücher ich mich immer am meisten freue.
Und so war ich wieder überglücklich, nach "On s' habitue aux fins du monde" und "Comment je suis devenu stupide" ein neues, vom Seitenumfang her kleines Werk in Händen zu halten:
La libellule de ses huit ans.
Diesmal ist die Protagonistin eine bezaubernde junge Frau, von ihrem Wesen, ihrer Empfindsamkeit her etwas wie die fabelhafte Amelie und auch das Buch ist voll von bizarren Einfällen und Lebensmotiven, jedoch nicht zu bizarr um surreal zu sein.
Schon früh zur Waisen geworden, da ihre Eltern, zwei Bankräuber, kurz nach ihrer Hochzeit im Gefängnis verstarben, wohnt sie im Wohnwagen ihrer Großmutter der jedoch mitsamt dieser eines Nachts komplett abbrennt.
Filo, so heisst sie, wächst nun in Waisenhäusern auf und versucht, sich so gut es geht unsichtbar zu machen. Freunde hat sie zwar, aber die Bande zu ihnen sind so oberflächlich, dass Filo sich manchmal über die wechselnden Namen wundert: vermutlich sind es die Freunde, die kommen und gehen ohne ihr Bescheid zu sagen.
Doch eines Tages findet sie eine Wohnung bei der exzentrischen, misanthropischen Zynikerin Zora, die sie nicht nur in ihr großes Mietshaus, sondern auch in ihr Herz aufnimmt. Und so bewohnen die beiden alleine ein großes Haus: Filo ihre Wohnung und Zora die 23 übrigen, denn Nachbarn möchte sie mit Ausnahme von Filo nicht haben.
Gemeinsam verbringen sie ihre freie Zeit: auf dem Dach mit der Schneekanone, denn Schnee ist eines der wenigen Dinge die Filo wirklich liebt, mit toxischen Abenden an denen sie sich die Rübe mit allerhand Alkohol zuknallen und dabei Fernsehgucken, beim Crepe-Essen nebenan, mit der Demolierung zwecks Aggressionsabbau von Elektromöbeln und dem Schiessen mit einer Kanone auf Zoras Wände.
Und nebenbei muss Filo ja auch noch Geld verdienen, um ihre Wohnung und ihr Jura Studium zu finanzieren. Und so streicht sich durch die guten Gegenden von Paris, notiert sich Namen und Adressen von offensichtlich Gutbetuchten auf Metrotickets und schreibt anschliessend Erpressungsbriefe:
"Wir wissen was Sie getan haben."
Denn irgendetwas hat jeder wohl einmal getan und ist bereit, für die Wahrung dieses Geheimnisses zu zahlen. Und das in einer Tüte versteckt in einem Park. Dort sitzt dann Filo schon Stunden vorher und beobachtet das Terrain. Und noch einige Zeit danach um dann in aller Ruhe mit ihrer Beute heimzukehren. Um nicht aufzufallen hat sie als Tarnung eine Staffelei dabei und fängt an, ihre Umgebung zu malen, was ihr immer mehr Spaß macht.
Doch eines Tages läuft es anders, ein älterer gut-situierter Herr, vermutlich eines ihrer Opfer, steht lächelnd hinter ihr und bewundert ihre Idee. Er selbst habe nichts zu verbergen, kein schmutziges Geheimnis, sagt er, aber ist nicht gerade das das Schlimme? Unaufregende? Und so bezahlt auch er gerne Filos Schweigen und obendrein bietet er ihr einen Deal an: von nun an holt ein Wagen alle ihre Gemälde ab, gegen Bezahlung natürlich. Und dafür wird auch er sie nicht verraten.
Ein guter Deal für Filo, wenn auch ein etwas komischer. Aber was solls?
Doch eines Tages taucht ein junger Gentleman auf, eine Berühmtheit im internationalen Kunstbereich und ihr Bilderkäufer stellt sich als DER Hauptgalerist, Kunstkritiker und überhaupt Star des Kunstmarktes heraus, Ambrose Abercrombie.
Und der ist nun tot und hat als Vermächtnis der Kunstwelt DIE Entdeckung seines Lebens hinterlassen: eben Filo.
Und die kann nun stumm staunend erleben wie verrückt plötzlich ihr Leben als gefeierter Star ist, über den alle viel zu sagen haben, auch ohne sie zu kennen oder gar jemals gesprochen zu haben.
Filo wird wie eine Marionette im luxuriösen Leben der Berühmtheiten vorgeführt und bewundert, jeder liebt ihre Bilder, auch wenn bisher keines zu sehen war.
Und so muss der Leser mit Schmunzeln feststellen, was für eine verrückte, egozentrische und von allem abgehobene Welt, was für ein Zirkus der Eitelkeiten der Sphären der Berühmtheiten, Künstler und Leute die sich für solche halten oder es wollen, sein kann.
Und Filo, die ihr Leben lang möglichst für sich war und ihren eigenen Lebensstil pflegte, zieht sich so stumm und klaglos aus diesem Paralleluniversum zurück wie sie in es hinein getaumelt ist.
Das Buch ist wunderbar. Sehr anspruchsvoll teilweise mit den eingepflegten Gedankenmustern und Lebensphilosophien, aber doch sehr amüsant da diese überhaupt nicht oder zumindest nicht zu ernst genommen werden.
Und die Rückblicke und somit Einblicke in Filos Vergangenheit, in ihre Erlebnisse mit Zora sind so bizarr und lustig, dass man dieses Buch einfach angesichts seiner glaubhaften Verrücktheit gern haben muss.
Ich finde es jedenfalls ganz ganz toll, ein zauberhaftes Werk voller Phantasie und sarkastischem Scharfsinn.
Ich hoffe es gibt bald noch mehr von Martin Page!
Produktinformation
* Verlag: Import; Editions J'Ai Lu
* 2004
* Ausstattung/Bilder: 2004. 158 S.
* Seitenzahl: 158
* J'ai lu Nr.7300
* Französisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 102g
* ISBN-13: 9782290336007
* ISBN-10: 2290336009
* Best.Nr.: 12938927