Dienstag, 15. Januar 2008

Je vais bien ne t'en fais pas von Olivier Adam


Claire arbeitet als Kassiererin in Paris. Anders als für ihre Kollegin, für die es nur ihr Studentenjob ist, IST Claire Kassiererin. Sie ist nicht sonderlich ambitioniert und ihr Leben lebt sie weil sie es muss, nicht weil sie gerne lebt.
Denn seit dem Verschwinden ihres über alles geliebten, zwei Jahre jüngeren Bruders vor ein paar Jahren fehlt Claire jeglicher Antrieb.

Und so begleitet der Leser sie durch ihre Tage, arbeiten als Kassiererin tagsüber, Abends ins Kino oder Schlafen, manchmal mitgenommen zu Partys, wo Claire sich meist nicht wohl fühlt, lassen sie die anderen doch zu oft ihre intellektuelle Überlegenheit über sie, das Provinz-Mädchen mit dem Kassierer-Beruf, spüren.
Und auch bei ihren Eltern geht es wortkarg zu, der rauer um den verschwundenen Sohn, von dem nichts zu hören ist, schmerzt, so sehr wie die Lebensunlust der erwachsenen Tochter.

Nur ab und zu liegen bei ihren Eltern Postkarten ihres Bruders an sie, von verschiedenen Orten, immer mit dem Schlussgruss: Je vais bien ne t'en fais pas.
Aber Claire macht sich Sorgen. Und sie will wieder vollständig werden! Sie macht sich auf die Suche nach ihrem Bruder. Und während der Reise an den entfernten französischen Badeort kann der Leser auch eine Reise in Claires Vergangenheit unternehmen: er sieht Bilder aus Claires Kindheit, Ferien bei ihrer Großmutter, ihre innige Beziehung zu Loic, sein Verschwinden und ihr nervlicher Zusammenbruch danach.

Während ihrer Suche findet Claire zwar nicht Loic, aber doch ein Stück weit zu sich selbst. Sie lernt einen jungen Mann kennen und entdeckt, dass nicht Loic der Absender all der Karten an sie ist, sondern ihr Vater. Claire ist gerührt angesichts dieses mühevollen Liebesbeweises ihres Vaters, der, wie sein Vater vor ihm, sich äußerst schwer tut, emotional Zuneigung zu zeigen.

Claire reist zurück nach Paris, wo sich ihre vermeintliche Liebe als Arschloch entpuppt, der sie, wie so viele andere, ihre mangelnde Kenntnis des aktuell angesagten Intellektuellen-Geschwafes vorhält.

Kurz fällt Claire in ein Loch, aber sie hat auf ihrer Suche gelernt zu schwimmen, an der Oberfläche zu bleiben und die Zähne zusammen zu beissen und so ist sie offen als Julien, schon seit längerem heimlich in sie vernarrt, endlich aus dem Schatten tritt. Er, ein zerbrechlicher und sich meist unter anderen fremd fühlender Kultur-Journalist ist das männliche Pendant zu Claire und so beginnt rasch eine ruhige Beziehung.
Die, so kann der Leser mit Claires Eltern hoffen, auch dann ihre Tochter am Leben halten wird, wenn sie hinter das Geheimnis von Loics Verschwinden kommt, welches Julien bei einem Besuch ihrer Eltern entdeckt hat...

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, angesichts seines ruhigen, unprätentiösen Tons, den originellen Eifällen bezüglich der Szenen im Supermarkt, den unvorhersehbaren Handlungen der Charaktere. Ich mag Claire, weil ich ihre Trauer angesichts des Verlustes ihrer großen Liebe, ihrer Seelenverwandtschaft zu ihrem Bruder, verstehen kann. Ihr Gefühl, sich inmitten vieler einsam zu fühlen weil einfach keine gemeinsamen, inneren Interessen zu finden sind. Ich mag sie weil sie trotzdem nicht aufhört zu schwimmen und oben zu bleiben, und es zu lässt, andere an ihrem Inneren teilhaben zu lassen um sich zu erklären. Es ist ein schönes kleines Buch, das nicht sehr lustig ist, aber doch sehr spannend, angesichts des rätselhaften Verschwinden Loics. Und es ist ein Buch das mitfühlen lässt.


Produktinformation

* Fremdsprachentexte, Reclam Universal-Bibliothek (19723)
* Verlag: Reclam, Ditzingen
* 2007
* Ausstattung/Bilder: 2007. 189 S.
* Seitenzahl: 189
* Reclam Universal-Bibliothek Nr.19723
* Best.Nr. des Verlages: 19723

* Französisch
* Abmessung: 15 cm
* Gewicht: 95g
* ISBN-13: 9783150197233
* ISBN-10: 3150197236
* Best.Nr.: 22492330