Freitag, 16. Januar 2009

Le Pingouin von Andreï Kourkov


Was für ein grandioser Glücksfall, dieses Buch in meinem Pariser Lieblings Secondhand-Buchladen gefunden zu haben!
Eine kuriose Mischung aus Paul Auster und Arto Paasilinna hab ich gedacht, aber vermutlich ist das ungerecht, denn Andrei Kourkov hat mit dem Pinguin etwas wunderbar originelles geschaffen.

Die Geschichte von Viktor, der sich, weil die Frauen doch immer wieder sang- und klanglos aus seinem Leben verschwinden einen Pinguin in die Wohnung holt den der Zoo aus Geldmangel hergeben muss ist schon toll.

Wie Viktor dem deprimierten Pinguin Micha Abends und Morgens eingefrorenen Fisch in seinen Napf legt und ihm eine Wanne mit kaltem Wasser einlässt um sich daran zu erfreuen dass Micha zumindest manchmal zumindest halbwegs erfreut ist und wie er, eben einem Charakter aus dem finnischen Arto Paasilinna Universum gleich, sachlich und ruhig Kontakte zu Aussenwelt pflegt ohne kalt oder abgestumpft zu erscheinen, machen diesen Charakter liebenswert.

Und irgendwie...osteuropäisch, zumindest finde ich in der Art wie er und die anderen Bewohner Kievs und der Umgebung miteinander umgehen, sehr anders, man ist aufrichtig und ehrlich, man duzt sich schnell, trinkt gerne Kaffee (und Wodka) miteinander, es gibt keine Intrigen, dafür manchmal die schonungslose harte Wahrheit, Menschen sterben und nehmen das selbst in Kauf. Das Leben ist nicht dafür da um vor dem Tod Angst zu haben und zu lamentieren. Leben leben und den Tod sterben, irgendwie.

Mit dem Tod hat auch Victors neuer Job zu tun, der als Schriftsteller auf keinen grünen Zweig kommt: er verfasst Nachrufe auf Vorrat. Er bekommt von seinem Chefredakteur über Mittelsmänner Dossiers über Prominente oder andere wichtige Persönlichkeiten, verfasst aus diesen kurzen Biografischen Anhaltspunkten stimmungsvolle Nachrufe und wird dafür gut bezahlt. Merkwürdiger Weise sterben die ausgewählten Personen sehr schnell und ihre Nachrufe erscheinen in der Zeitung...und mit der Zeit kommt entdeckt Victor, dass auch die Todeszeitpunkte schon vorher festgelegt werden...
Und es sterben immer mehr Menschen und auch die mitten in der Nacht auf seinem Küchentisch auftauchenden Nachrichten beunruhigen ih, ist die Tür doch immer von innen verschlossen..

Und was haben die Andeutungen seines Redakteurs zu bedeuten? Wer sind die Männer die ihn beobachten, warum verdient Micha der Pinguin plötzlich mehr Geld als er wenn er auf Beerdigungen "auftritt" um diesen "Klasse" zu verleihen?
Warum soll ein Pinguin auf einer Beerdigung erscheinen?
Fragen die Victor nicht in den Wahnsinn treiben aber auf deren Antworten er so gespannt ist wie der Leser.

Ohne Zweifel ein Krimi, der n seiner nüchternen und zuweilen surealer Abfindung mit dem Unmöglichen schon sehr an Paul Auster und die New York Trilogie denken lässt.
Aber dann sind da die menschlichen Aspekte, die Bekannten die Victor trifft, Freunde die einem nach einem gemeinsamen Kaffee und einem Abend voller gutem Essen bis in den Tod treu zur Seite stehen.

Wie bei Arto Passilinna, wo auch die Bösen Menschen nie auf Schmerzen oder grausames Blutvergiessen aus sind, sondern einfach ihren Job machen.
Und auch dass man sich umeinander kümmert, dass man Bitten äussert und dass diese Gefallen auch erfüllt werden, egal was kommt und egal was es auch sei.

So nimmt Victor früh die kleine Sonia bei sich auf und es ist keine Frage, dass sie nach dem Tod ihres Vaters bei ihm bleibt.
Und als Micha krank wird und der Pinguin ein Spender-Herz braucht, ist auch hier keine Überlegung notwendig, was zu tun ist.

Natürlich lässt die wunderbare stumme Beziehung die Victor zu Micha dem Pinguin pflegt an die von Vatanen und der Hase bei Arto Paasilinna denken.

Das Ende dann wieder Paul Auster: ein spannendes Final und eine Pointe, die im letzten Satz den Leser noch einmal den Atem anhalten lässt.
Ein PERFEKTES Lesevergnügen, zwei lange Abende lang.

Die Geschichte ist flott und spannend geschrieben, die Sprache manchmal nüchtern und ruhig, aber nie trocken, einfach oder trostlos. Es geht eine Melancholie voller Hoffnung und Lebenswillen von ihr aus, eine fehlendende Furcht vor dem Tod der doch viele der Charaktere umgibt. Man geniesst das Leben mit den Mitteln die man hat, man lebt ehrlich. Versprechen werden eingehalten und nicht gebrochen, allerdings auch nicht diejenigen, die etwas Unheilvolles verkünden.

Ein Buch dass einen irgendwie in die Ukraine versetzt, vor dem Fall der Sovietrepublik, viele Informationen über das Land und die Gepflogenheiten werden en passant vom Übersetzer als Fußnoten eingestreut. Dazu diese Geisteshaltung, die dem lauten, breit grinsenden und irgendwie sacherinsüßen Optimismus der Amerikaner entgegensteht aber auch dem Gejammer in unseren privilegierten Breitengraden.
Es zeigt die wunderbare raue aber herzliche Seelen derer die nicht viel haben aber auch das noch bereitwillig mit einer guten Bekanntschaft teilen wenn der Abend dadurch schön wird. Den Moment geniessen.

Ein tolles Buch. Ein Krimi, eine Komödie, ein Beispiel für eine bewundernswerte Geisteshaltung.
Verrückt aber nicht abgedreht. Sureal aber nicht gruselig.
Ein ganz tolles Buch!

Détails sur le produit

* Poche: 288 pages
* Editeur : Seuil (2 avril 2004)
* Collection : Points
* Langue : Français
* ISBN-10: 2020477815
* ISBN-13: 978-2020477819