
Das ist jetzt mein viertes oder fünftes Buch von Arto Paasilinna und meine Vermutung die sich in mir schon beim ersten Buch entwickelte, dass dieser Autor einen ganz, ganz festen Platz in meinem Herzen und in meinem Bücherregal bekommen würde, hat sich, natürlich, wieder einmal bestätigt.
Ich habe zwei ganz wundervolle Tage in Finnland Dank ihm verbracht und dabei wieder einmal gemerkt, dass es im Leben nicht viel braucht um so richtig glücklich zu sein.
Denn auch in diesem Buch dass in der finnischen Einöde spielt und mit kauzigen Finnen bevölkert ist, wird deutlich dass all unsere in hedonistischer Hoffnung auf Zufriedenheit und gekauftes Glück angehäuften Konsumgüter, Luxusartikel und Schnickschnack nichts taugen, genauso wenig wie ein volles Adressbuch mit so genannten Freunden um uns wahrhaft glücklich zu fühlen.
Nein, dazu bedarf es viel weniger, oder besser viel mehr:
ein paar liebe Menschen, die vielleicht nicht viele Worte verlieren aber auch nicht viele Fragen stellen, die erzählen lassen und zuhören und sich wahrhaft um den anderen Sorgen und Kümmern und dabei nicht einmal auf den Gedanken kommen, dass dies unbequem sein könnte. Zumindest plagt sie dieser Gedanke nicht lange.
So einer ist Seppo Sorjonen, Taxifahrer und in einer glücklichen Beziehung zu einer süßen, humpelnden Finnin mit verkürztem Bein.
Sein beschauliches Leben ändert sich, als er fast den betagten Taavetti Rytkönen über den Haufen fährt, der deutlich verwirrt vor einer Bank auf der Strasse steht und vergeblich versucht, sich einen Krawattenknoten zu binden.
Er Steigt in Seppo Sorjonens Taxi und bittet diesen, einfach los zu fahren, egal wo hin, nur einfach weg.
Denn Taavetti Rytkönen kann sich gar nicht erinnern wer er ist, was er hier tut, und warum all das Geld in seinen Taschen steckt. Nein, kein Banküberfall. Er hat das Geld abgehoben. Seinen ganzen in einem langen Leben voller gut dotierter Arbeit angesammelten Reichtum auf einmal. Und es sofort vergessen.
Denn schnell wird nicht nur Sorjonen klar, dass der Alte an Demenz leidet.
Dinge in der Vergangenheit sind oft bis ins Detail präsent, aber was gestern war muss von Sorjonen immer wieder neu erklärt werden. Zum Glück hat der Alte schnell Vertrauen zu dem freundlichen Taxifahrer gefasst und so stellt das alles kein Problem dar.
So wie für Seppo Sorjonen kaum etwas ein Problem zu sein scheint. Geduldig fährt er den Alten durch Südfinnland, übernachtet mit ihm in Hotels, besucht Restaurants und lässt sich spannende Geschichten aus dem Krieg erzählen, Geschichten voller Panzer und guter Kameradschaft.
Seppo Sorjonen übernimmt schnell und gerne die Verantwortung für den alten Kauz, er lässt sich bereitwillig kündigen und von seinen Aufgaben als Taxifahrer entbinden, leiht ein Auto und begleitet den alten Mann auf den Spuren seiner Vergangenheit, die sich Dank Sorjonen immer mehr erhellen.
Taavetti Rytkönen hat genug Geld um alle Ausgaben mit Freude zu tragen und für die beiden beginnt ein Paasilinna typischer Roadtrip.
So kommen sie über Umwege zu dem alten Kriegkameraden, der ernüchtert und von der harten Feld- und Forstarbeit auf seinem Stück Sumpfland in der Einöde zermürbt einen bizarren Entschluss gefasst hat. Gemeinsam mit seiner Frau, und nun auch mit Taavetti Rytkönens Hilfe, will er dem finnischen Staat ein Schnippchen schlagen und das ganze Terrain in Schutt und Asche legen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Und während der Aufpasser Seppo Sorjonen einen Kurztrip nach Hause nach Helsinki macht um schnell und mit viel Liebe seine Freundin um ihre Hand zu bitten und mit ihr schon einmal Verlobung zu feiern, verwandeln die Alten Käuze mit sehr viel Spaß und noch mehr Dynamit das ganze Anwesen von Heikki Mäkitalo in ein Schlachtfeld voller Überflutungen, verbrannter Erde und umgestürzter Erde. Ein Heidenspaß der eine ganze Woche in Anspruch nimmt.
Leider gibt es am Ende, bei der Rettung einer Katze von einem Strommast einen kleinen Unfall, Heikki Mäkitalo bricht sich das Bein und ist erst mal an das Krankenbett gefesselt.
Seppo Sorjonen und Taavetti Rytkönen steigen im Hotel ab und lernen dort zwei Albaner kennen die in Finnland Hotels untersuchen um später in der Heimat ähnliche Etablissements zu bauen. Schnell freundet man sich an, nimmt begierig an den Erfahrungen des alten Landvermessers Taavetti Rytkönen teil und verbringt mit viel Wodka lustige Abende.
Und als der immer noch ans Bett gefesselte Heikki Mäkitalo seinen alten Kameraden bittet, für ihn die zehn Stiere abzuschiessen, die er vor der Verwüstung temporär in die Freiheit entlassen aber mit Peilsendern ausgestattet hat, damit diese nicht im Winter jämmerlich erfrieren müssen, sagen die vier begeistert zu. Und so startet eine lustige Expedition von vier gut gelaunten Männern, schlägt ihr Lager in der Einöde auf und macht sich auf die Suche nach den glücklich durch die Pampa streunenden Stieren (aus deren Sicht ganz wunderbar ein paar Seiten beschrieben werden!).
Zur gleichen Zeit campieren nicht unweit zehn französische Vegetarierinnen (für die Froschschenkel aber nicht als Fleisch zählen...). Die jungen Damen mit Vorliebe für fremde Religionen testen jedes Jahr eine andere Destination und sich selber in ihrem Überlebensgeschick, je abweisender die Landschaft, desto besser.
Aber das es so schwer werden wird, sich von der finnischen Flora zu ernähren hätten sie nicht gedacht und so kommt es nach einigen für den Leser lustigen aber für die Damen unangenehmen Erfahrungen wie es kommen muss:
vom Duft der äusserst produktiven und aussergewöhnlich deliziösen Wurstfabrikation im Camp der vier fröhlich Stiere jagenden Männer angelockt, konvertieren die ausgemergelten Französinnen zum Fleischkonsum über und schon bald haben sich die zwei Lager zusammen getan und es wird gelacht, nackt gebadet und verdammt viel Wurst und bosnischer Eintopf gegessen.
Und natürlich nimmt auch Seppo Sorjonens Liebe zu seiner Verlobten ein Happy End, die Operation ihres verkürzten Beines verläuft tadellos, die Hochzeit wird fein und auch für den alten Heikki Mäkitalo und seine Frau geht die Demontage ihres eigenen Anwesens gut aus und ein ruhiger Lebensabschnitt ohne Farmarbeit und Entbehrungen kann im Schoße der Zivilisation erfolgen.
Das Buch ist einfach nur wunderbar. Voller grandios komischer Situationen, wie der als der alte Taavetti Rytkönen nach einem nächtlichen Fußballturnier nackt morgens im Dorfbrunnen steht, mit wie viel infantiler Freunde und erfahrenen Präzision die drei Alten eine ganze Landschaft in die Luft jagen, wie die Peilsignale der durch die Natur irrenden Stiere die Frequenzen des Kirchenradios und einer satanischen Rockband stört, mit welcher Bewunderung die vom Staat zur Begutachtung der Schäden abgeordneten Experten das Werk Heikki Mäkitalos betrachten und ihm, weil er dem Staat Finnland nicht nur Folgekosten erspart sondern auch eine unbezahlbare Ausgangslage für eine vorbildliche Renaturierung geboten hat. Wie eine der Vegetarierinnen heimlich ihre körperlichen Dienste gegen Zuchttomaten tauscht und und und.
Und dazu das so behutsam angegangene Thema der Altersdemenz, dieser respektvolle Umgang damit. Man wünscht sich, selbst so in ähnlichen Situationen zu reagieren wie Seppo Sorjonen es tut.
Und natürlich das gelungene Hineinversetzen in den alten Taavetti Rytkönen. Auch wenn es vielleicht verharmlost wie schlimm es für Betroffene meist selbst ist, zu erkennen das das Gedächtnis und das eigene Leben zu etwas fremden wird.
Dieser Roman möchte aber unterhalten, eine fröhliche Stimmung hervorrufen. Zum besseren Hineinversetzen würde ich Jonathan Franzens "Korrekturen" oder "A Spot of Bother" empfehlen, letzteres glaub ich unten vorgestellt und auch sehr lustig.
Das alles wird so wunderbar in einem Fluss erzählt, in einer für Arto Paasilinna so unnachahmlich tollen Sprache: ruhig, schlicht aber nicht einfach, ausgefeilt und ungekünstelt. Das Buch liest sich so, wie man einen guten Film anschaut nachdem man am Ende glücklich einschläft. Weil alles so schön sein kann wenn es einfach ist.
Wenn das Leben um Stress, Großstadtprobleme, Hektik und Schnickschnack reduziert wird. Wenn Freundschaft und ein wenig Alkohol in der einsamen aber wunderschönen Natur Finnlands genügen um sich vollkommen glücklich und frei zu fühlen.
Wenn nicht ständig alles hinterfragt wird, wenn man die Dinge und Menschen nimmt wie sie kommen, wenn man kauzige Eigenarten als Bereicherung hinnimmt und wenn Regeln nur dann eingehalten werden müssen, wenn sie einen Sinn ergeben.
Ich liebe Arto Paasilinna, weil mich seine Bücher jedes mal zum Lachen bringen und glücklich machen, weil sie mich gut unterhalten und mir in ihrer Einfachheit zeigen dass das Wesentliche aus nicht viel besteht.
Ich liebe seine Sprache und die sprudelnde Phantasie, mit der er seine liebenswerten Charaktere erschafft und die komischen Situationen in die diese hinein geraten.
Und ich liebe es, dass nie etwas böses geschieht. Etwas wirklich, wirklich schlimmes, was Menschen innerlich wie äusserlich zerstört.
Unfälle und Malheure werden mit Gleichmut ertragen, man macht immer das beste aus seiner Situation und, was ich besonders schön finde, man beklagt sich nicht. Man schimpft wie ein Rohrspatz, aber jammerndes Selbstmitleid scheint ihm fremd zu sein.
Das tut so gut.
Gut, dass ich noch zwei weitere ungelesene Bücher von ihm auf meinem Nachtschrank habe! Und bald wieder nach Finnland reisen kann, mit seinen kauzigen Finnen mit lustigen finnischen Namen und finnischen Eigenarten.
:o)
Détails sur le produit
* Poche: 267 pages
* Editeur : Gallimard (15 juin 2000)
* Collection : Folio
* Langue : Français
* ISBN-10: 2070414256
* ISBN-13: 978-2070414253