
Ich war mir nicht ganz sicher ob Frederic Beigbeders Werk 99 Francs hier in meine Liste der empfehlenswerten Bücher gehört. Aber da ich das Buch nun bereits dreimal gelesen habe, muss ja etwas dran sein, auch wenn es mir teilweise doch zu grob vulgär ist und der Unterton wie in allen von mir bereits gelesenen Büchern von Frederic Beigbeder und auch seinem Freund Michel Houellebecq nach meinem Geschmack zu sehr ins trostlos-depressive, menschlich-einsame abdriftet.
Bücher die sehr viele wahre Sätze enthalten, scharfe Beobachtungen der menschlichen Natur (zumindest was deren düstere, egomanische Seite betrifft) aber auch einen bitteren, unzufriedenen Nachgeschmack hinterlassen. Denn trotz vieler Schmunzler durch coole und schlagfertige Statements und sarkastische Beobachtungen fehlt mir irgendwie das positive, das Gute, das Optimistische. Mann fühlt sich nachher wie beim Gucken einer Reportage über den harten Alltag von gesellschaftlichen Randgruppen und dem irgendwie leer erscheinenden Leben der Superreichen. Kalt irgendwie.
Aber zum Buch, welches mich deshalb zuerst ansprach weil sein Thema die Welt der Werbung ist und sich der Protagonist sehr, sehr kritisch mit dieser durch und durch durchökonomisierten Seifenblasenwelt der sich tummelnden Selbstdarsteller und Wichtignehmer befasst. Ah, ich Nestbeschmutzer aber bei seinen Beobachtungen muss ich so sehr so oft zustimmen dass ich vermutlich deshalb das Buch trotz seiner etwas deprimierenden Grobheit und mich ehr abschreckenden vulgären Phantasien mag. Irgendwie.
Ich-Erzähler ist der 33jährige Octave, erfolgreicher Kreative in einer DER Agenturen weltweit. Der Name ist fiktiv (auch wenn die Person wohl sehr stark an Beigbeder selbst angelehnt ist...), die Agentur ist es nicht, genauso wenig wie einer DER Kunden: Madone, der unter anderem Joghurt herstellt...
Octave hasst seinen Job, er hasst die Werbung und was sie mit den Menschen anstellt. Er sieht wie sie alles und jeden korrumpiert, mit Bedürfnissen ausstattet die nie gestillt sein werden, wie sie den Planeten mit Slogans und Anzeigen voll kleistert.
Und doch macht Octave seinen Job und er macht ihn gut, wird fürstlich bezahlt und doch erträgt er sein Leben ehr schlecht als recht und versucht seine steigende Wut über seinen Job, sein Leben und seine emotionale Instabilität mit koksen zu betäuben während sein Kollege Charlie sich zur Ablenkung die schlimmstmöglichen Pornos aus dem Internet zusammen sucht.
Der Kunde nervt obendrein mit seiner ängstlichen Status Quo Haltung und seinem Widerwillen gegen Originalität und Wagnis.
Darüber hinaus fällt Octave auf die Verkündung er werde Vater, nichts besseres ein als seine Freundin zu verlassen, was ihn noch mehr in die Einsamkeit treibt.
Und so ist der Roman in einem sehr wütenden, sarkastischen, teilweise lethargischen und teilweise aufrührerischen Ton von Octave erzählt, er wettert gegen die Globalisierung der Marken und Märkte, gegen die Herrschaft der Wirtschaft über die Welt, die sich selbst als Elite der Menschheit betrachtenden Werbekönige und die Verkommenheit der meisten Menschen. Und dann wieder passieren Dinge die dem Buch eine willkommene Spannung vermitteln und Dinge, die den Leser fragen lassen, ob diese fast schon surrealen Begebenheiten nun Octaves verkokster Phantasie entspringen oder sich doch tatsächlich so zutragen.
Sind die Menschen so?
Ist die Werbung so?
Octave mag mit vielem Recht haben, aber man darf auch nicht verkennen dass sein Naturell das eines desillusionierten, unzufriedenen Koksers ist und auf dessen Meinung zur Welt sollte man glaub ich nicht all zu viel geben.
Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen dass man schon merkt, dass der Autor jahrelanger Texter in einer großen Agentur war. Vieles stimmt doch zu schmerzhaft.
Produktinformation
* Verlag: Import; Gallimard
* 2004
* Ausstattung/Bilder: 2004. 298 S.
* Seitenzahl: 298
* Collection Folio Bd.4062
* Französisch
* Abmessung: 18 cm
* Gewicht: 159g
* ISBN-13: 9782070315734
* ISBN-10: 2070315738
* Best.Nr.: 12753470