Montag, 19. Mai 2008

Une veuve de papier von John Irving


Wie "Until I find you" ist dieser Roman von John Irving einer der neueren und auch erkennbar anders als ältere Werke, wenn auch die bekannten und lieb gewordenen typischen John Irving Themen auch hier ihren Platz finden.

So spielt die Geschichte im ersten Teil des Buches zunächst in Neu England, Sommer 1958, diesmal aber nicht in New Hampshire, sondern in Long Island, genauer, Sagaponack, wo auch John Irving teilweise lebt.
Und auch die Liebe zu älteren Frauen und starke Frauen- und unkonventionelle Mutterrollen an sich stehen hier, wie in anderen Romanen von Irving auch, stark im Vordergrund.

Und auch einer der Hauptcharaktere ist Schriftsteller, es ist der Verfasser und Illustrator zu Klassikern gewordenen Kinderschauergeschichten Ted Cole. Er und seine Frau, mit der seit dem Tod ihrer ersten beiden Kinder, zweier Söhne im Teenageralter, keine glückliche Ehe mehr führt leben in Trennung, einem fast schon harmonischen Arrangement um das Leben der vierjährigen Ruth nicht durcheinander zu bringen.

Und so schläft jede Nacht einer von beiden etwas ausserhalb in der Anliegerwohnung über einer Garage und Ruth hat jede Nacht einen Teil ihrer Eltern bei sich. Tagsüber wird sie von Nannys betreut, spielt am Strand oder malt.

Ruth ist ein aufgewecktes Kind, und auch wenn sie nach dem tragischen Tod ihrer Brüder quasi als Trostfüller und Hoffnung auf neues Glück zur WEt kam, kennt sie ihre Brüder und deren Geschichten doch genau, überall im Haus und um sie herum hängen Fotos der beiden.

Doch während Ted Cole, der leider schon immer eine Schwäche für aussereheliche Affären und ganz besonders für junge Mütter hegte und jetzt nach der beinahe verzogenen Trennung von Marion auslebt, seine kleine Tochter über alles liebt und sie mit Hingabe umsorgt, kann und will Marion keine tiefe Bindung zu ihr aufbauen. Sie hat Angst jemals wieder ihr Herz so zerrissen zu bekommen wie nach dem Tod ihrer nun fast mit Manie verehrten Söhne.
Sie ist distanziert, nicht nur zu Ted sondern auch zu Ruth.

Ted, der eigentlich ein guter Kerl ist, möchte Marion nicht länger unglücklich und einsam sehen, während er und Ruth glücklich zusammen sind und er auch in sexueller Beziehung sein Auskommen findet.

Er engagiert den jungen, sechszehnjährigen Eddie O`Hare für einen Sommerjob als sein Assistent und Chauffeur.
Doch Ted weiß um die Ähnlichkeit von Eddie zu seinen Söhnen und er ahnt, dass Marion dieser Ähnlichkeit verfallen und ihr nachgeben wird. Und dass er somit, sollte es zu einem Sorgerechtsstreit um Ruth kommen, gut für ihn aussehen würde wenn seine Frau eine Affäre zu einem derart jüngeren Mann hätte. Und vermutlich weiß er, dass Marion dabei nicht so diskret vorgehen würde wie er.


Und das tut sie nicht. Sie und Eddie, der sich vom ersten Moment sofort unsterblich in die wunderschöne Marion verliebt hat, nähern sich an und schon bald spielt sich zwischen ihnen eine leidenschaftliche Beziehung ab, geprägt von mütterlichen Anleitungsversuchen und ausschweifendem Sex.

Eddie, der als unscheinbarer, leise Schüler zu den Coles kam, wächst an dieser Beziehung und auch an dem was er bei den Coles und zwischen ihnen beobachtet.
Ted, der dem Alkohol sehr zugetan ist und von den jungen Müttern, die er portraitiert und nach der schnellen Trennung in die Verzweiflung führt, der Schmerz von Marion und ihr Unwille Ruth oder jemand anderem ihr Herz zu öffnen (ausser auf einer gewissen Weise Eddie, doch diese Öffnung kann die kontrollieren und so ist von Anfang an klar, dass Eddies Liebe nicht adäquat erwidert wird), die kleine kluge Ruth die zwischen den Fotos ihrer toten Brüder und verschiedenen Nannys und den Bildern und Geschichten ihres Vaters aufwächst.

Hier findet man eine schöne Parallele zu GARP UND WIE ER DIE WELT SAH, auch in diesem Buch werden die vom Schriftsteller verfassten Geschichten in das Buch integriert und der Leser kommt in den Genuss von Geschichten in der Geschichte.
Und wie der Vater aus dem "Hotel New Hampshire" wird auch Ted Cole immer gerne im Stanhope seinen Drink zu sich nehmen wenn er in New York ist und einer von Ruth Coles Lieblingsautoren wird Graham Greene sein.

Und auch die filmreifen Beschreibungen sich abspielender Szenen werden hier von Irving wieder meisterhaft beherrscht, so wie die Flucht von Ted Cole vor einer zur Furie durchdrehender verlassenen Mutter oder die Schilderung des tragischen Unfalls von Thomas und Timothy Cole.

Marion, die nie über diesen Einschnitt in ihr Leben hinweg gekommen ist, beschliesst ihre Familie und ihr altes Leben zu verlassen und nimmt alle Bilder ihrer Söhne mit, inklusive der Negative und lässt Ruth bereitwillig bei ihrem Vater zurück.

Eddie wird nie über Marion hinweg kommen, sie wird seine große Liebe bleiben und ihn für immer nur deutlich älteren Frauen zuwenden lassen.
Und seit seinem Abenteuer mit Marion, ist er wie transformiert, seine ehemals so unschuldig und unscheinbare Ausstrahlung ist einer ruhigen Autorität und Bestimmung gewichen und er wirkt auf ältere Frauen nunmehr ungemein anziehend.

Und so hat ihm sein Sommerjob mehr beigebracht als sein Wissen, Schriftsteller zu werden. Er ist ein besonderer Liebhaber geworden, und wohl auch sehr reif und emphatisch für sein Alter.

Seine Romane behandeln auch immer wieder das eine um ihm so gut bekannte Thema: einseitige Liebe, Abweisung und sexuelle Hingabe an eine ältere Frau, gestörte Familien und Ehebeziehungen.

Richtig erfolgreich oder begabt ist er aber nicht, Eddie O´Hares Schwäche wird es immer sein, Dinge und Charaktere zu erfinden, er ist zu sehr in seinen eigenen Erlebnissen des Sommers 1958 verhaftet um sich von diesen Bildern zu lösen.

Und so wird Eddie O´Hare ein mäßiger Schriftsteller sein, aber daran nicht verzweifeln, er wird nebenbei unterrichten und nie vor Neid vergehen, angesichts des Erfolges seines ehemaligen, ihm immer irgendwie unsympathisch bleibenden Arbeitgebers, Ted Cole oder Marions Tochter Ruth.
Und er wird sich noch viele, viele Jahre fragen was Marion Cole wohl macht und wo sie ist.

Der zweite Teil des Romas spielt im Herbst 1990, Eddie O `Hare ist 48 Jahre alt, lebt von den mäßigen Tantiemen seiner vier mäßigen Romane, von dem Geld was in in den Sommermonaten durch die Vermietung seines Hauses (nicht weit von dem Ted´s entfernt, aber Eddie vermeidet es mit viel Aufmerksamkeit, diesem jemals zu begegnen) in den bei New Yorkern so beliebten Hamptons einnimmt und ein paar Kursen die er an Universiäten gibt.

Seiner Aussage die er damals Marion gegenüber gemacht hat, dass er niemals eine Frau in seinem Alter lieben könnte, ist er treu geblieben.

Der zweite Teil beginnt mit seinem Auftrag, eine Einführung vor einer Versammlung von Interessierten über das Werk der inzwischen 36 jährigen Schriftstellerin Ruth Cole zu halten, eine Aufgabe die ihn in verunsichert. Er hat Ruth seit damals als sie 4 Jahre alt war nicht gesehen, weiß um ihren Erfolg aber nicht um ihre Stellung zu ihm.
Und darüber hinaus glaubt Eddie, eine Spur von Marion gefunden zu haben und ist sich nicht sicher, ob er Ruth, die er ja quasi gar nicht kennt, davon erzählen soll.

Und so wird der Leser gleich zu Beginn des zweiten Teiles Zeuge einer Verkettung von Missgeschicken die der arme Eddie erleben muss um dann irgendwann in nicht ganz vorteilhaftem Licht vor der Tochter Marions zu stehen.

Eine Serie voller Missgeschicke die so typisch John Irving ist und an den armen Patrick Wallingford erinnert, der in "La quatrieme main" nicht nur seine Hand verlor, sondern dessen Gepäck auch von Drogensuchhunden auf den Philippinen vollgepinkelt wurde.

Ruth Cole ist zu einer starken und unabhängigen Persönlichkeit herangewachsen, nie verheiratet und niemals mit einem festen Partner zusammen wohnend, ist ihr die Treue und Loyalität ihrer Partner und Freunde kostbarstes Gut. Sie ist hübsch, aber auch ihre Art: trotz oder vielleicht auch wegen ihres präsenten Busens kleidet sie sich ehr schlicht, dunkle Töne, nicht besonders weiblich.

Ihre wichtigsten Bezugspersonen sind neben ihrem Vater ihre beste Freundin Hannah Grant, mit der sie (wie John und Owen in dem Irving Buch "A Prayer for Owen Meany") seit der Schulzeit zusammen ist und um des Zusammenbleiben Willens auf eine bessere Universität verzichtetet.

Und auch ihr Debütroman weist für den John Irving Kenner Parallelen zu "Gottes Werk und Teufels Beitrag" auf und auch ein paar Ideen aus "Garp" finden Verwendung.

Das Treffen mit Eddie O`Hare bringt ihr Gefühlsleben durcheinander, zum ersten Mal nach langer, langer Zeit bekommt ihre Mutter auch ein anderes Gesicht als das welches ihr Vater ihr gegeben hat. Und das ihres Vater bekommt ebenfalls neue, nicht gerade positive Facetten.

Und dazu kommt ihre innere Unsicherheit gegenüber ihrem neuen, festen Freund, Allan Albright, ihrem Verleger.
Allan ist deutlich älter als sie, aber unsterblich verliebt und so hat der ehemalige Frauenheld seinen Abenteuern abgeschworen und ist bereit, Ruth zu heiraten, sollte sie einwilligen. Und das, obwohl die beiden noch nicht einmal miteinander geschlafen haben! Aber Ruth, der der Gedanke einer Ehe und einer Familie mir Allan gefällt, zögert noch, sie hat Angst enttäuscht zu werden und wartet erst auf das Urteil von Hannah.

Hannah ist Ruths passendes Gegenstück, im Gegensatz zu ihr groß und dünn, von der Natur nur mit einer kleinen oberweite gesegnet kleidet sie sich auffallend feminin und ist auch sonst was ihr Äusseres und ihr Auftreten betritt sehr forsch und bestimmt.
Im Gegensatz zu Ruth scheint sie kein Liebesabenteuer auszulassen, redet mehr als gerne darüber und lässt sich auch vom Charme Ted Coles gegen ein wenig gefangen nehmen.

Dieser Aspekt von Ted ist Ruth zuwider, las Vater war er toll aber als alles angrabender Mann ist er ihr manchmal zuwider, muss sich doch zahlreiche Affären mit Frauen die jünger sind als sie miterleben.

Er selbst hat mit seinen 77 Jahren kaum Falten, ist Dank seines meisterhaften Squash-Spiels und seines gesegneten Schlafes in bewundernswerter Form und auch Stress und Ängste jeglicher Art scheinen ihm fern zu sein, was Ruth zuweilen stark auf die Palme bringt, wirkt er doch ab und an wie ein Mann ohne Gewissen.

Bücher schreiben tut er nicht mehr, braucht er nicht. Seine Kinderbücher sind zu Klassikern geworden und er ist an Universitäten und in Buchhandlungen ein gern gesehener Gast. Sein Zeichnen betreibt er in erster Linie aus Freude daran und so ist das Leben von Ted Cole ein durchaus angenehmes, in dem immer noch recht oft amouröse Abenteuer, vor allem zu jungen Müttern, ihren großen Platz haben.

Aber nicht nur Mütter.
Nachdem Ruth vor ihrer Europareise unerwartet einen Tag früher nach Sagaponack kommt, muss sie mit Entsetzen ihre beste Freundin in den armen ihres Vaters entdecken. Verletzt und wütend treibt sie die beiden aus dem Haus.
Sie ruft den im Pendelbus von New York kennen getroffenen Squashpartner ihres Vaters an, ein attraktiver Anwalt der in Scheidung lebt und verabredet ein Spiel und ein anschliessendes Abendessen.

Dieses Squashspiel wird hart werden, Ruth Cole hat ungemein viel Wut in sich die es auszutreiben gilt und dazu die sie quälenden Fragen über eine Hochzeit oder eine gemeinsame Zukunft mit Allan.
Wird ein Abend mit einem attraktiven Mann ihr neue Erkenntnisse bringen?

Ihre Aggressivität beim Spiel, sie will Scott Saunders vernichtend schlagen, vermutlich stellvertretend für ihren Vater der bisher immer unbesiegt blieb, und ihre Hoffnung, beim Liebesakt von diesem überrascht zu werden zeigt, wie wütend sie ist.

Und unvorsichtig. Denn Scott glaubt nach den ersten Liebesspielen, eine verdammt harte und toughe Frau bei sich im Bett zu haben und nimmt sich was er braucht.

Aber Ruth schlägt zurück, nachdem Scott sie brutal niedergeschlagen und ihr ein blaues Auge verpasst hat, verprügelt sie ihn mit seinem Squash-Schläger, mit der gleichen Kraft und Wut wie sie ihn am Tag zuvor beim Spiel geschlagen hat, tut sie ihm nun körperliche Gewalt an und jagt ihn aus dem Haus.

Als ihr Vater sie am Tag darauf zum Flughafen fährt, erzählt sie ihm mit der gleichen schmerzlichen Detail-Genauigkeit wie er sie damals bei der Schilderung des Todes von Thomas und Timothy zum Zwecke ihrer Fahrausbildung genutzt hat, was sie mit Scott und er mir ihr gemacht hat. Und wie sehr sie ihren Vater damit verletzten wollte. Und ihm zeigen, wie sehr er sie mit seiner Affäre mit Hannah verletzt hat.

Ted Cole versteht und Ruth wird später bereuen, dass ihr letztes Gespräch mit ihm so ein hartes voller Tränen war. Denn natürlich weiß sie, auch nach den Gesprächen mit Eddie über ihre Mutter, wie sehr ihr Vater sie liebt. Und sie ihn. Auch wenn er eine Menge Eigenschaften na sich hat und eine Menge verwerflicher Dinge getan hat die sie immer noch wütend machen.

Ruth fliegt nach Europa, hält Lesungen in Deutschland, signiert und besucht die Frankfurter Buchmesse.

Sie muss immer öfter an Allan denken und wie unwahrscheinlich gern sie ihn doch hat. Und dann ist da auch noch der Brief einer aufgebrachten Witwe, die sich von einem von Ruths Romanenverhöhnt wird und die Ruth wünscht, zu heiraten und ebenfalls ihren Mann zu verlieren. Um dann zu erkken dass man halt nicht, wie ihre Romanfigur, nur Witwe für ein Jahr sein kann, sondern es, wenn man geliebt hat, sein ganzes Leben lang bleibt.

Hier wird eine weitere Parallele zu einem anderen Irving Buch deutlich sichtbar: GARP. Auch in diesem Buch wird deutlich thematisiert, wie angegriffen sich viele Leser von den fiktiven Geschichten fühlen und wie

Anschliessend reist sie weiter nach Amsterdam. Wo ihr der Gedanke für einen neuen Roman kommt, eine Geschichte in der die Hauptperson eine Schriftstellern ist und deren zentraler Kern sich um ein Erlebnis im Rotlicht-Millieu dreht, ein Erlebnis dass eine voyeuristische Tat und eine erniedrigende Handlung eines miesen Freundes involviert.

Zu Recherche-Zwecken taucht auch Ruth immer tiefer in die schummerige aber aufregende Welt der Prostituierten ein und entdeckt eine Parallelwelt voller eigener Regeln aber auch voller Wärme und Überlebensinstinkten.

Hier wird dann auch eines der wichtigsten Themen und vielleicht auch Aussagen John Irvings in diesem Buch deutlich: die Art wie ein Roman aufgebaut werden kann oder sollte. Größtenteils aus wahren Begebenheiten, Erinnerungen und Reflexionen tatsächlicher Personen? Oder vielmehr aus Elementen diesen, aber reichhaltig aufgefüllt mit Fiktion und Phantasie?
Und dann ist da natürlich noch das Thema Rotlichtmillieu, das auch in Irvings jüngerem Roman "Until i find you" eine zentrale Rolle spielt.

Ruth weiß es selbst nicht genau, war sie dich bei ihren bisherigen Romanen im Gegensatz zu Hannah zum Beispiel immer der Meinung NICHT autobiographisch zu schreiben, so ist sie sich doch bei ihrem neuen Projekt nicht mehr sicher.

Sie trifft den jungen Wim, dessen Wunsch es ist, Schriftsteller zu werden, so wie sie, der aber daran verzweifelt, keine Phantasie für Fiktion zu besitzen. Ruth verbringt eine Nacht mit ihm, sie schläft nicht mit ihm, lässt aber zu, dass sich der unsterblich in sie Verliebte selbst befriedigt. Sie mag Wim und in keimt Verständnis für ihre Mutter und für Eddie O´Hare auf.

Mit ihm zusammen beginnt sie ihre Recherche, gemeinsam suchen sie Prostituierte, die Ruth mehr darüber erzählen können, ob und unter welchen Umständen Paare "einfach nur zugucken" wollen.

Doch das erweist sich als schwierig und so sucht Ruth an einem anderen Tag alleine die Prostituierte Rooie auf, mit der sie ein paar Abende zuvor schon einmal über die Idee zu ihrer neuen Geschichte gesprochen hat.
Als plötzlich ein Kunde auftaucht, schiebt Rooie Ruth einfach in einen Kleiderschrank von dem aus Ruth selber beobachten soll, wie es ist Voyeur beim Liebesakt zu sein.
Doch der Kunde hat nicht Liebe im Sinn, Ruth, die seit ihrer Kindheit und wohl ausgelöst durch die gruseligen Kindergeschichten ihres Vaters panische Angst vor geschlossenen Kleiderschränken hat, muss alles mit an sehen und versucht dabei, wie die Ruth in der Geschichte, keinen Laut zu machen.

Der Mörder entkommt mitsamt dem Foto dass er von der toten Rooie geschossen hat und Ruth bleibt halbtot vor Angst und Scham über ihre Unfähigkeit Rooie zu helfen zurück.

Zuerst überlegt sie, direkt zur Polizei zu gehen, verwirft diesen Gedanken aber aufgrund von Befürchtungen über den dann über sie hereinbrechenden Presserummel.
Und so nutzt sie ein weiteres mal Wims Hilfe, sie lässt sich von ihm all die Sätze auf Holländisch niederschreiben, die sie für ihre Zeugenaussage braucht. Gemeinsam mit dem Fläschchen Entwickler-Flüssigkeit, dass der Mörder, der "Maulwurf", in Rooies Zimmer verloren hat, sendet sie ihren Brief an den Polizisten Harry Hoekstra, dessen Namen sie aus der Zeitung kennt und der ihr schon bei ihren Recherchen im Rotlicht-Bezirkt aufgefallen ist: Harry Hoekstra ist Polizist für das Viertel und für die Prostituierten, er passt auf und ist Ansprechperson.

Sie fliegt zurück nach Amerika, mit der neuen Geschichte im Kopf und dem Gedanken an Allan und auch an die nun zum Waisenkind gewordene Tochter von Rooie.

Zur Ablenkung nimmt sie den Roman den Eddie ihr gegeben hat in die Hand, eine gute Fluglektüre wie er ihr gesagt hat und das mit einem Ernst in der Stimme der sie verwundert hat.
Schon nach dem ersten Kapitel (auch hier wieder ein Roman im Roman) versteht sie warum, die Hauptperson ist eine Polizistin die von den Fotos verschwundener Kinder wie besessen ist, besonders von den Kinderbildern die zwei Jungen zeigen. Die Beschreibungen der Jungen und der Fotos lassen keinen Zweifel daran, dass es sich bei der nach Kanada ausgewanderten Schriftstellerin Alice Somerset um Marion Cole handelt.
Also ist ach sie zu einer Schriftstellerin geworden und hat ihre Aussage an Eddie damals, dass sie nie über etwas anderes schreiben könnte als über den Verlust ihrer Söhne, wahr gemacht.

So hat Ruth, bzw. Eddie O´Hare also ihre Mutter gefunden, muss aber bei ihrer Ankunft in New York von Hannah und Allan erfahren dass sie ihren Vater verloren hat: Ted Cole hat sich das Leben genommen.

Ruth fühlt zunächst gar nichts, ausser ihrer nun tiefen Überzeugung dass Allan mit seiner Art genau der Mensch ist, mit dem sie für immer zusammen sein möchte. Sie nimmt seinen Heiratsantrag an und teilt ihm ihren Entschluss mit, nun schnellstmöglich mit ihm zu schlafen.
Die Reise nach Europa, das schreckliche Erlebniss und die Entdeckung der Identität ihrer Mutter haben se verändert und bei der Beerdigung ihres Vaters erkennt sie, was für ein guter Mensch er auch sein konnte.
Ruth Cole ist merklich ruhiger, angekommen und freut sich auf ein Leben gemeinsam mit Allan im Haus ihres Vaters, dem Mann, den sie fast so sehr liebt wie sie ihren Vater geliebt hat, mehr als jeden anderen auf der Welt also.
Mit Hannah hat sie sich versöhnt und sie geniesst ihre Freundschaft zu Eddie, mit dem sie gemeinsam bei jeder "feierlichen" Gelegenheit auf das Erscheinen ihrer Mutter wartet.

Doch so wenig wie diese bei der Beerdigung von Ted aufgetaucht ist, so unsichtbar bleibt sie auch bei der Hochzeit von Ruth und Allan.
Dafür taucht aber die rachsüchtige Witwe auf, die ihrer Hoffnung, Ruth ebenfalls bald als Witwe zu sehen Ausdruck verleiht.

Aber erst einmal werden die beiden eine glückliche kleine Familie bilden und den kleinen, süßen Graham bekommen und Ruth kann ihre Mutter zumindest ansatzweise verstehen: auch sie lebt nun in Angst, dem kostbarsten in ihrem Leben könnte etwas geschehen.
Hanna und Eddie, die nicht nur Trauzeugen bei der Hochzeit waren, werden auch Patentante und Patenonkel von Graham und Allan.

Doch immer wenn das Glück fast zu perfekt erscheint, eine Idylle sich einstellt und das Buch aber noch eine beträchtliche Anzahl an Seiten bereit hält, dann kann sich der John Irving Leser meist gewiss sein, dass Glück und Harmonie nicht selbstverständlich sind und das Leben, das echte Leben nie konstant eines des permanenten Glücks ist: eine Tragödie muss geschehen um allen die Vergänglichkeit des Glücks und ihre Kostbarkeit zu Augen zu führen.

Und so wachen Ruth und Graham eines Morgens neben dem toten Körper von Allan auf, ein Herzanfall, ein glücklicher Tod fast, aber Ruth fällt in ein Loch. Nun ist sie die Witwe und spürt den Trauer und das Loch in ihrem Leben.
Und das Leben behält auch Ironie bereit, die verbitterte Witwe mit ihren Verwünschungen taucht bei der Beerdigung auf, nun doch glücklich mit einer neuen Liebe verbunden und bittet Ruth um Verzeihung für ihre harten Worte. Aber Ruth kann stur sein.

Zur gleichen Zeit bereitet sich in Amsterdam ein Polizist auf seine frühzeitige Rente vor: Harry Hoekstra freut sich auf mehr Freizeit zum Lesen und vielleicht Reisen.
Seine Geschichte und seine Freundschaft zu der ermordeten Prostituierten Rooie wird geschildert und Hary ist dem Leser gleich sympathisch.
Er ist ungefähr im Alter von Ruth und genauso fit und sportlich und er ist ein begeisterter Leser, vor allem Bücher von Ruth Cole, und Reiseberichte.
Zu Rooie verband ihn eine besondere Freundschaft, mit Hoffnungen aber ohne das Mehr was eine Beziehung ausgemacht hätte und durch Harry erfährt der Leer auch mehr über die Geschichte Rooies.

Das sind wundervolle Seiten, denn Harry Hoekstra ist einer der John Irvng Charaktere, die man sofort in sein Herz schliesst, ein Polizist mit Ecken und einem großen Herz und durch Harry Hoekstra und seine spezielle Vorstellung von guter Literatur erfährt der Leser auch einiges von der Meinung John Irvings, der nun nicht nur Ruth, Eddie und Marion als Schriftsteller das ausdrücken lässt was er selbst über den Gegensatz von Fiktion und wahrhaften Ereignissen in der Literatur empfindet. Ich fand das toll, weil es eben nicht diametrale Gegensätze oder Bedingungen sind die schöne Romane und Erzählungen ausmachen, was man ja bei John Irving immer wunderbar oder gar exemplarisch sieht:
So viel aus seiner eigenen Biographie und seinem Leben fliesst in jedes seiner Bücher mit ein und gemeinsam mit seinen Recherchen und seiner Phantasie entstehen Geschichten mit einer guten Portion John Irving darin aber noch sehr viel mehr Neuem, Aufregendem und Originellem.

Harry Hoekstra jedenfalls liebt das Lesen und er erwartet nicht, dass davon die Welt besser wird, vielleicht aber er selbst. Und durch seine Liebe zu Ruth Cole Büchern kommt er auch endlich dem Zeugen näher, den er seit dem Mord an Rooie sucht.
Denn aufgrund Ruth´Zeugenaussage und den Fingerabdrücken auf der Flasche mit Entwicklerflüssigkeit konnte der Mörder, ein Serienkiller sogar der Prostituierte in halb Europa auf dem Gewissen hat, gefasst werden, rechtzeitig noch vor seinem Tod.
Und Harry ist seitdem auf der Suche nach dem Zeugen, zum Einen um diesen zu danken und zum Anderen weil er eine besondere Verbindung zu ihm hat: ihm ist klar dass der Zeuge die Frau sein muss die er ein paar Tage vor Rooies Tod beim Herumspazieren durch das Rotlichtviertel beobachtet hat. Eine Frau deren Gesicht er nicht erkennen konnte die aber durch ihre Erscheinung eine gewisse Anziehungskraft auf ihn ausübte.

Und dann erscheint der vierte Roman von Ruth Cole, der in dem eine Schriftstellerin eine Prostituierte bei ihrer Arbeit an einem Kunden beobachtet und Harry Hoekstra ist sich plötzlich sicher wer sein Zeuge ist.

Bei einem Aufenthalt in Amsterdam um ihr neues Buch zu promoten treffen die beiden aufeinander und hier entstehen die schönsten Momente des Buches wie ich finde, weil John Irving es einfach meisterhaft versteht, eine Romanze mit tollen Dialogen und ohne jeglichen Kitsch und Pathos aufzubauen und in rasanter Kürze zu einem tiefen Verständnis zwischen zwei Menschen kommen zu lassen, wie es sonst Jahre dauern kann. Aber man merkt eben, dass sich hier zwei gefunden haben, die füreinander bestimmt sind und sich auch ohne viel zu sagen kennen und verstehen.

Und da Harry sich auch wunderbar mit Graham versteht und diese den Polizisten ohne Revolver sofort in sein Herz geschlossen hat, ist e nicht verwunderlich, dass Ruth schon nach kürzester Zeit einen Heiratsantrag bekommt der sie glücklich macht. Denn für beide, Harry und Ruth, ist klar dass es so hat kommen müssen und dass es so richtig ist und nicht anders.

Eddie und Hannah hingegen sind erst ein,al entsetzt, wie kann Ruth nur jemanden heiraten den sie kaum kennt? Und dazu einen ehemaligen Polizisten??
Aber auch die beiden können dem natürlichen Charme und dem liebenswerten und klugen Charakter von Harry Hoekstra nicht widerstehen und so haben Ruth und ihre neues Glück ihren Segen.

Und Eddie O´Hare, der schon seit längerem gerne das zum Verkauf stehende Anwesen von Ted und Ruth Cole kaufen würde und in seiner kleinen Wohnung zunehmend unglücklicher wird und auch angesichts des Glückes das die Beziehung von Ruth und Harry ausstrahlt immer deprimierter und einsamer wird, findet plötzlich nicht nur jemandem, der ihm bei der Finanzierung des Kaufes hilft und ein perfekter Mitbewohner wird.
Eddie 0`Hare wird eines Nachts darin bestätigt, in seiner nie abgeschlossenen Liebe zu Marion Cole richtig gelegen zu haben.
Nach all den Jahren kehr sie zurück, auch um das Haus nicht einem Fremden zu überlassen und Eddie zu gestehen, dass auch sie nach ihm nie einen anderen hat lieben können.

So kommt es zu dem besten, geistreichsten und wundervollsten Abschlusssatzes aller John Irving Romane wie ich finde und das Buch, dass vielleicht nicht ganz so grandios gestartet ist wie andere Bücher meines Lieblingsautoren, endet mit einem grandiosen Abschluss, einem Happy End ohne Schmalz und märchenhafter Versprechungen, einem Ende in dem jeder sein spezielles Glück gefunden zu haben scheint, zumindest für den Moment.
Ein glaubwürdiges, wunderschönes Ende, zumindest ein Ende des Buches, denn wie es mit den lebendigen Charakteren weitergeht, verrät Irving nicht, dass bleibt dem Leser überlassen.

Und es ist ein wundervolles Gefühl, das Buch zu schliessen und zu wissen, dass es ein meisterhafter Roman ist, mit so viel Liebe zum Detail, so wunderbar ausgearbeiteten Charakteren und einem Spannungsbogen der seinesgleichen sucht. Ein Buch so bildhaft und ausdrucksstark wie ein sehr sehr guter Film, eine Geschichte mit Seele die ein Teil des eigenen Lebens wird und die Romancharaktere wie alte, ferne Bekannte im Kopf verankert.

Darum lasse man sich bitte von meiner kalten, knappen Inhaltsangabe nicht täuschen: dieses Buch ist ein wahrhafter John Irving mit unheimlich viel Leben und schönen Charakteren und einer wie immer gut gewählten brillianten Erzählsprache die meisterhaft die wunderbar gut konstruierten und spannenden Geschichten erzählen kann.




Détails sur le produit

* Broché: 649 pages
* Editeur : Threshold (10 juin 2000)
* Collection : Points
* Langue : Français
* ISBN-10: 2020416417
* ISBN-13: 978-2020416412