
Da konnte ich also nicht widerstehen und hab mir seit langem mal wieder ein Buch gekauft, das NICHT auf Französisch ist. Und zwar Marisha Pessles "Special Topics in Calamity Physics ". An dem Buch scheint man ja gar nicht vorbei zu kommen: in jeder von mir in der letzten Zeit gelesenen Zeitschrift wurde es angepriesen und auf jedem Bestseller Tischchen schien es auf Käufer zu warten. Und als ich es dann im Fremdsprachen Regal am Flughafen als Taschenbuch entdeckte, konnte auch ich nicht widerstehen: ob es an dem wunderschön mädchenhaften Cover lag oder an meiner Neugier nach so einem offensichtlich gehypten Buch der Mediennutten, i don´t know.
Jedenfalls hab ich es gekauft. Und es gelesen. Über 600 Seiten. Wobei ich direkt sagen muss, dass sich die ersten 340 oder Seiten etwas gezogen haben.
Ob das daran lag dass ich mich erst mal wieder ins Englische eingewöhnen musste und der doch schon sehr elaborierte Sprachstil Marisha Pessls daher etwas einarbeitung bedurfte oder ihr ungewöhnlicher Stil in dem Buch an sich, ihre Hauptperson Blue Van Meer alles mit eingeklammerten Zitaten, sei es aus Filmen oder ehr aus Büchern, belegen zu lassen.
Oder vielleicht lag es daran, dass der erste Teil des Buches vor allem handlungslos abläuft und primär aus der abschweifenden Schilderungen Blues über ihr bisheriges Leben besteht, was ja nicht uninteressant ist, aber man muss schon aufmerksam jedes Wort verfolgen um den Faden nicht zu verlieren.
Blue Van Meer ist 16 Jahre alt und Halbweise, ihre Mutter starb vor vielen Jahren bei einem Autofall( sie schlief am Steuer ein, weil sie ihre Nächte mit dem Fangen und archivieren von Schmetterlingen verbrachte) und nun zieht sie mit ihrem Vater, einem hochintelligenten und eloquenten Politik-Professor durch die Vereinigten Staaten, wo er an verschiedenen Universitäten lehrt.
Blue fällt es daher schwer, irgendwelche Kontakte zu Mitschülern aufzubauen und so verbringt sie ihr ganzes Leben mit dem Lesen von Büchern und dem anschliessenden Debattieren über diese mit ihrem Vater. So wird aus Blue eine sehr belesene und messerscharf beobachtende junge Frau der es aber an jeglicher Übung im Umgang mit anderen Menschen mangelt.
Und so beginnt eine aufregende Zeit für sie nachdem sie in einer neuen Stadt an einer neuen Schule in den Bannkreis der charismatischen Lehrerin Hannah Schneider und ihrer Hand voll ausgewählter Lieblingsschüler gerät.
Hannah Schneider und ihre Art wird von Blue obsessiv beschrieben und mit grüblerischen Gedanken bedacht und auch ihre Beobachtungen der "Bluebloods", ihrer elitären Mitschüler die wie sie die Sonntag Nachmittage bei Hannah verbringen, werden mit Wortwitz und Sprachfeinheit charakterisiert.
Nach dem langen, viele viele Seiten langen Darlegen ihres bisherigen Lebens mit ihrem Vater, dem Tod ihrer Mutter und dem Umherreisen beginnt nun ein Teil der etwas mehr Abwechslung bietet und an einen College-Roman erinnert, mit Teenager-Emotionen, Eifersüchteleien, Intrigen und verstörtem Verhalten.
Blue wird nicht warm mit den Bluebloods und trotzdem scheint Hannah Schneider darauf zu bestehen dass diese Blue in ihren Kreis mit aufnehmen. Warum? Und auch das Verhalten und das Leben Hannah offenbart immer mehr Geheimnisse und Rätsel und Blue wird immer mehr in ihren Bann gezogen.
Bei einem Campingtrip in die Berge ereignen sich geheimnisvolle Dinge, die Stimmung ist bis aufs Zerreissen gespannt und Hannah verhält sich geheimnisvoller als je zuvor.
Und dann verschwindet sie und wird von Blue gefunden, erhängt.
Und jetzt beginnt der spannende letzte Teil, der einem Psychothriller gleicht der in Blues Kopf stattfindet.
Wie ein Meisterdetektiv geht sie all ihre bisherigen Gedanken und Erlebnisse durch, um die Lösung zu dem Geheimnis Hannah Schneider zu finden.
Blue ist ist gefangen in ihren eigenen Gedanken die rasend schnell immer mehr Hinweise entdecken.
Und mit ihr der Leser. Im letzten Drittel des Buches ist er, wenn er bis dahin teilweise tapfer, durchgehalten hat, gefangen. Gefesselt von einem spannenden Kriminalroman, einer Geschichte und einer Entwicklung, die alle bisher gelesenen Seiten in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Und das Buch so quasi im Nachhinein, bzw am Ende KOMPLETT großartig sein lässt. Plötzlich machen alle Gedanken und Beobachtungen Blues Sinn und all die vorher so loser erschienenen Gedankenfaden verbinden sich zu einem Knäul. Am Ende legt man das Buch atemlos aus der Hand, und ich musste auch in den Tagen danach noch oft an Blue denken.
Und ich bin gespannt, was Marisha Pessl als nächstes schreibt und ob es auch so originell vom Stil und den Formideen sein kann wie Special Topice in Calamity Physics. Denn die Idee mit all den Zitaten, mit der Wahl von Film oder Buchtiteln für die einzelnen Kapitel und dem an die Geschichte anschliessenden Abschlußtest über das Leben Blue Van Meers waren schon eine feine Idee.
Ich kann das Buch empfehlen. Allerdings sollte man den Willen aufbringen, auch die vielen nicht so rasend und spannenden Stellen des Buches aufmerksam zu lesen.
Produktinformation
* Broschiert: 668 Seiten
* Verlag: Penguin (Mai 2007)
* ISBN-10: 014102917X
* ISBN-13: 978-0141029177
* Produktmaße: 17,6 x 11,2 x 4,4 cm
Nachtrag vom 08.05.2008, nach dem zweiten Lesen:
So, jetzt habe ich da Buch ein zweites Mal gelesen und MUSS einfach erneut darüber schreiben. Denn erst jetzt ist mir bewusst, was für einen Schatz der wahrhaft guten und anspruchsvollen Lektüre Marisha Pessle mit ihrem Debütroman geschaffen hat und ich bezweifle einfach mal, dass sie das mal eben so einfach übertreffen kann.
Erst jetzt, wo ich das Buch einmal gelesen habe und das Ende noch wage im Kopf habe (leider echt nur wage, denn das was in meinem Kopf vorgeht ist oft zu wirr und turbulent um mich nach über einem Jahr noch an das große Ganze zu erinnern. Aber ich arbeite daran..), erkenne ich immer wieder den roten Faden, die subtile Schnur der Hinweise auf des Rätsels Lösung durchschimmern und kann nun mit jeder gelesenen Seite etwas anfangen.
Was mich nun noch mehr beeindruckt hat, ist die elaborierte, aber auch witzig und originell eingesetzte Sprache, auch wenn die akribischen Beschreibungen alles gesehenen mit vielen teilweise phantastischen Adjektiven oft zu langen Sätzen führt. Mich hat dies beim ersten Lesen etwas gestört, beim zweiten mal habe ich es genossen, vermutlich weil ich beim zweiten Lesen eines Buches viel ruhiger bin als beim ersten mal.
Und auch Blues ungewöhnliche Angewohnheit, so viel wie möglich des Gesehenen mit in Klammern genannten Buchtiteln, berühmten Zitaten und Persönlichkeiten, Filmen oder Gemälden zu vergleichen war dies mal mehr ok als beim ersten Lesen.
Blue Van Meer ist als Ich-Erzählerin nicht nur ein perfekter, meist stumm im Hintergrund alles genau beobachtende und evaluierender Teenager, sie entpuppt sich auch als Meisterdetektiv, als genau untersuchender, mit unzähligen Quellen und Zitaten belegender Forscher und damit Zeitreisender: Blue schafft es, sich an viel Vergangenes und damals scheinbar belangloses zu erinnern um es mit ihrem Wissen von Heute in einen neuen Zusammenhang zu setzen.
Dies hat für mich die zweite Lektüre des Buches noch sehr viel spannender und aufregender gemacht, weil nun auch ich alles Gelesene sehr viel bewusster wahr nahm, immer auf der Hut nach Hinweisen und Andeutungen die später das Geheimnis, das Puzzle vervollständigen.
Also: ein doch sehr gutes Buch, umso erstaunlicher, dass es das Erstlingswerk der noch jungen Autorin ist. Ein zu Recht mit viel wohlwollender Medienpräsenz protegiertes Buch, nicht immer einfach und flüssig zu lesen, aber manchmal muss man sich für besoneren Genuss ein bisschen Mühe machen und Zeit auf sich nehmen. Und dann ist es im Nachhinein wirklich so, als hätte man einen guten amerikanischen Highschool-Film gesehen, mit viel mädchenhaftem Erwachsen-Werden und einem Thriller der am Ende noch viele im Bilder im Kopf herumgeistern lässt.