Montag, 4. Juni 2007

L´immortalité von Milan Kundera



Milan Kundera hab ich sehr sehr gerne, vermutlich, weil er, wie zum Beispiel Paulo Coelho eine so schöne, fliessende Sprache verwendet, die weder überkandidelt noch zu leichtfertig ist. Und so kann man jedes Buch von ihm sehr gut und gerne lesen, sei es also auch der Form wegen.

Und die Form, also die Sprache Kunderas, MUSS man in diesem Fall mögen, denn mit L´immortalité liefert Kundera ein etwas..
anderes Buch.
Es folgt nicht einem strikten, konventionellen Erzählmuster eines Romans, es lässt den Zuschauer beim Entstehen zusehen, es erlaubt Kundera selbst als Handelnder im Roman aufzutauchen, seine Charaktere zu beobachten, sich von ihnen inspirieren zu lassen und sie weiter zu entwickeln. der Inhalt ist also hier ein nicht ganz so eingänglicher, die art des Erzählens fordert den Leser aber ich finde, dass sich diese kleine Mühe durchaus lohnt.

Kundera möchte mit diesem Roman explizit, er erläutert es als Handelnder selbst, NICHT dem Erzählmuster eines Romans folgen, er möchte hier nichts schreiben dass nacherzählt oder gar verfilmt werden kann. Er möchte den Zwang zum plausiblen Verbinden der Ereignisse nicht all die schönen Beobachtungen und Gedanken, das losgelöste Sinnieren zerstören lassen.
Und das gelingt ihm hier wunderbar, wenn auch dadurch einige Passagen etwas langatmig werden und man aufmerksam sein muss um der Geschichte zu folgen, die losen Fäden zusammen zu bringen und die Abschweifungen auf sich wirken zu lassen.

Aber das ist schön an dem Buch und es spiegelt die im Roman vorkommende Metapher des Weges im Unterschied zur Strasse wieder:
während letztere mehr oder weniger gerade von einem Punkt zum anderen Führt, von einem Ereignis zum nächsten, so meandert der Weg vor sich hin, unterbrochen von Wurzeln und Abzweigungen, lädt zum Innehalten und Betrachten der Umwelt und der Umgebung ein, erlaubt, in sich hinein zu hören und selbst abzuschweifen. Der Weg erlaubt den Genuss der Weite.

So ergründet er mit uns gemeinsam, und seinem Freund Professor Avenarius, wie er ein in die Handlung integrierter Aussenstehender (wenn man dass denn dann noch so nennen kann), die Beweggründer der verschiedenen Charaktere, ihre Motive.

Es gibt fünf Hauptpersonen, Agnés, Paul, Laura, Bernard und Rubens, dazu ein Mädchen dass in der Welt nicht mehr wahrgenommen wird und die historischen Geschichtspersönlichkeiten, wie Goethe, Hemingway und Bettina von Arnim. Keine dieser Figuren ist die Hauptperson, eine solche gibt es nicht und die Wichtigkeit ihrer einzelnen Handlungen wird nicht evaluiert.
Auch hier greift Kundera wieder die Metapher des Weges auf: viele leine Wege verbinden sich, teilen sich später wieder und jede Handlung könnte später Wiederhall auf einem anderen Weg finden.

All diese werden uns in verschiedenen, durch Zufälle (oder Schicksal?) verwobenen Episoden vertraut gemacht, man erfährt wen sie lieben, wie sie lieben und warum. Jede dieser Personen ist von den anderen grundverschieden, aber alle eint, dass sie jeder für sich über ihre Möglichkeiten der Unsterblichkeit nachdenken, also das Vermögen, durch das Leben und die Liebe zu den Mitmenschen für immer in deren Gedanken eingebunden zu sein.
Wir können vermuten wie Gothe und Hemmingway heute mit ihrer Unsterblichkeit umgehen, wie sehr sie darunter leiden würden oder auch nicht.

Wir erkennen, wie scheinbar belanglose und zusammenhanglose Ereignisse oder Handlungen einen Rattenschwanz an Reaktionen auslösen können, wie diese dazu beitragen, unser Bild für die Aussenwelt in den Köpfen anderer zu formen und zu zementieren.

Und Kundera nährt sich wie in anderen Romanen auch, dem Wesentlichen des wesentlichen an: dem Sinn des Lebens und der Liebe.
Wie lieben wir und warum? Und wenn wir jemanden lieben, dann der Liebe wegen oder dem Anderen wegen? So wie Laura, die nach Bernard verrückt ist, aber um so mehr sie ihn liebt, um so weniger interessiert sie sich für ihn selbst, nur das Bild von ihm in ihr und in ihrer Liebe zählt.
Oder Agnés, die sich nach der Einsamkeit sehnt, weit weg von all den hässlichen, lauten Menschen, die die Ruhe der Schweizer Alpen braucht, sich fragend ob es überhaupt ein Leben losgelöst von allem und Jedem gibt.
Rubens, der das wahre Leben in der Liebe zu leben glaubt um am Ende zu erkennen dass er wohl nie geliebt hat.
Paul, der Agnés liebt aber all seine Entscheidungen lieber auf die Ratschläge seiner Tochter Brigitte stützt die meist das genaue Gegenteil ihrer Mutter will.
Bernard, dessen Welt zusammen bricht als ihn ein Unbekannter offiziell zum vollkommenen Esel ernennt.
Dem Mädchen ohne Namen, die erst dann brutal von der Welt bemerkt wird als sie sich von dieser still verabschieden will und damit zum ersten mal Reaktionen in der lauten Welt auslöst, von der sie bisher konsequent überhört und übersehen worden ist.

Der Roman ist ein Spaziergang.
Keiner der einer geraden Strasse folgt, sondern ein Schlendern und Spazieren, ein Rennen und Hasten und dann wieder Schleichen auf verschlungenen Wegen, die sich kreuzen und Trennen und so en passant Themen behandeln, die in uns brennen. Ein Spaziergang bei dem wir dazu Gelegenheit bekommen, Fragen für uns selbst zu beantworten, mit der Hilfe Kunderas, der uns mit seinen eigenen Überlegungen immer wieder anstupst.


Détails sur le produit

* Broché: 533 pages
* Editeur : Gallimard (2 février 1993)
* Collection : Folio
* Langue : Français
* ISBN-10: 2070385884
* ISBN-13: 978-2070385881